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Der Schlitten, welcher unmittelbar hinter dem deö Prie­sters folgte, charakterisirte den ganzen Festzug als einen hoch­zeitlichen, denn eins der beiden Paare, die in ihm Platz ge­nommen, trugen Brautkronen, wie solche der Brauch der grie­chischen Kirche bei Neuvermählten vorschreibt, auf den Häup­tern. Das eben bezeichnete Paar, welches den Ehrenplatz ein­nahm, und dem, wie es schien, überhaupt die Feier deö heu­tigen Tages galt, war von dem sonderbarsten Ansehen. Der Bräutigam war ein alter grämlicher kaum fünfviertel Ellen hoher Zwerg, mit unmäßig dickem Kopfe, breitem Mund und Säbelbeinen. Er trug ein habit fran^ais, wie solches eben in Paris Mode war. Der Stoff desselben war Drap d'argent, der der Weste himmelblauer, der der Unterkleider aber karmoi- sinfarbener Sammt. Ein Spitzenhalstuch hing in zwei Flü­geln weit über die Brust, Manschetten ähnlicher Art über die dürren Finger herab. Die mächtige, zu beiden Seiten der Schultern herabwallende Allongenperrücke, auf der sich die Bräu- tigamskrone ungemein possirlich ausnahm, so wie der zierliche silberne Degen, trugen übrigens nicht wenig dazu bei, die Be­merkung unsers Bekannten, der den unglücklichen Bräutigam mit einem gespießten Affen verglich, als eine nicht unpassende den Zuschauern erscheinen zu lassen.

Die Braut glich ihrem Verlobten auf ein Haar. Auf dem dem wacklichen Lockenhaupte, welches das gute Drittheil der kleinen buckligen Figur ausmachen mochte, schwankte ein zur Ungebühr großer Brautkranz; das Kleid von Drap d'or war nach dem neuesten Pariser Schnitte. Uebrigenö nahm sich die Braut, da ihr Aeußeres noch fast häßlicher als das ihreö Er­wählten war, nicht weniger lächerlich als Jener aus, denn auf ihrem breiten Gesichte lagerte sich ein freundliches, selbstzufrie­denes Lächeln, während ihr Neuvermählter, von gewaltigem, innern Unmuth gepeinigt, das seinige zu den entsetzlichsten Gri­massen verzerrte.

Als Folie, und zwar augenscheinlich in der Absicht deö Festgebers, die Mißgestalt des Brautpaars noch auffälliger zu machen, diente ein engelschönes Pärchen, das den Rücksitz des Schlittens einnahm. Es bestand auö einem ungemein liebli­chen Mädchen von fünf, und einem Knaben von sechs bis acht Jahren. Beide waren in alt-russische Tracht gekleidet, und diese, an sich stattlich und von malerische» Formen, diente dazu die himmlische Sanftheit, die aus dem rosigen Gesichte deS Mädchens, und die geistvolle Munterkeit, die aus den großen dunklen Augen deS Knaben strahlte, noch mehr zu heben. Wie eS schien, verrichteten die lieblichen Kinder daö Amt der Braut­führer bei dem häßlichen Zwergenpaar, und gewiß, wenn Hy­men sich bei seinem schalkhaften Collegen zwei der niedlichsten

Liebesgötter zu diesem Behufe ausgebeten hätte, er hätte keine ihrem Zwecke entsprechenderen bekommen können. Auch war eS auffallend, welchen Eindruck die ausgezeichnete Schönheit des kleinen Pärchens, selbst auf die rohe Menge der Zuschau- euden, machte. Kaum hatte das tobende Gelächter, welches die Erscheinung des bräutlichen Zwergenpaars überall, wo eS vorbeikam, erregte, sich etwas gelegt, als die Augen Aller auf die allerliebsten Brautführer gerichtet waren, und ein: Sieh, sieh, wie schön! oder: Ach, die niedlichen Kinder! man­chem Munde entströmte.

Nach mannigfachen Erkundigungen ergab eS sich, daß das Mädchen die Tochter deS Bojaren TscherkaSki, der Knabe aber der kleine Fedor Menschikow, der einzige Sohn des Fürsten, des damals allmächtigen Günstlings deö Kaisers sei.

Schlitten folgten nun auf Schlitten. Sämmtliche Dariu- sitzende waren auf diese oder jene, die meisten auf die aben­teuerlichste Art maökirt. Zur Seite einer dicken Kirgisin saß ein Pariser Stutzer der neuesten Art, und ein chinesischer Man­darin fuhr dicht hinter ihm in einem reich vergoldeten Schlit­ten eine niedliche Tyrolerin. Fast alle Völker, die dem Scep­ter PeterS gehorchten, waren hier in einzelnen Exemplaren zu schauen; dennoch hatte eS dem Festgeber nicht hinreichend ge­schienen , die Trachten aller europäischen und asiatischen Na­tionen zu versammeln, sondern die Maökarade erstreckte sich selbst bis auf daS dem Zuge nöthige Gespann, und so waren einigen Schlittenpferden vergoldete Rennthier- oder Hirschge­weihe, ja zweien derselben mächtige Flügel, die sie dem Pe­gasus ähnlich machen sollten, angeschnallt. Drollig genug nahm sich am Ende deö Zuges ein einzelner, mit drei Pfer­den bespannter Schlitten aus. Nur eine Person saß in ihm, aber zwei stattliche zn beiden Seiten daher sprengende Reiter in türkischer Tracht deuteten darauf, daß der Darinsitzende ein Mann von Range sein mußte. Es war derselbe übrigens von nicht unangenehmem Aeußern, mittlerer, etwaö untersetzter Fi­gur, wohlwollender, munterer Miene, und augenscheinlich see­lenvergnügt über die Einrichtungen deö heutigen Festes, wie sich aus dem heiteren Lachen, mit dem er den Zuruf und die Begrüßungen der längs dem Wege stehenden Menge aufnahm, auf6 deutlichste kand gab. Die Tracht des Mannes war die eines friesländischen Bauern, und wer je einen solchen von der Pudelmütze bis zu den Klotzstiefeln herab in Augenschein genommen, würde bei einer Vergleichung sehr im Zweifel be­fangen gewesen sein, ob er hier ein Original oder eine MaSke vor sich habe.

(Fortsetzung folgt)

Druck und Verlag von Wilhelm Friedrich am Friedrichsplatz. Verantwortlicher Redacteur : W. Friedrich.