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Am andern Tage hielten die Edlen Gericht. Drei von den Verräthern, welche die Fremden herbeigerufen, worunter Wilhelm von der HundSgaß, vom Geschlecht der Weisen, wurden hingerichtet. Die Partheien reichten sich die Hände zur Versöhnung. „Weshalb ist so viel Blut geflossen?" fragten sie sich. „Um Engelberts Herrschsucht willen; durch Eifersucht getrennt waren wir zum Widerstand zu schwach. Laßt uns fortan einig sein und als freie Männer Fürsten zu Bundesgenossen nehmen, auf deren Hülfe wir bauen können, wenn auswärtige Feinde die Stadt bedrängen!" Also schloffen die Kölner im Jahre 1267 Bündniffe mit den Grasen von Geldern, von Jülich, von Berg, und von Katzenellenbogen und mit drei Freiherrn von Vreintze, Isenburg und Rode, welchen sie daS Bürgerrecht verliehen. Da sich nun Engelbert solcher verbundenen Macht nicht gewachsen fühlte, so wollte er sich an dem Grafe» von Jülich rächen, nahm ihm Sinzig und verheerte dessen Land. Aber bei Lechnich verlor er den Sieg und die Freiheit. Der Graf von Jülich brachte ihn auf die Burg Rideckcn und hielt ihn dort drei Jahre lang hart und schmählich gefangen; Köln, alö verbündet mit dem Grafen, theilte die Strafe, welche daö Oberhaupt der Kirche über den Letzteren verhängte; den Grafen traf der Bannstrahl, Köln daö Interdikt.
Vergeblich waren alle Sühnenvorschläge; trotzig wollte der erbitterte Graf seinen Gefangenen nicht freilassen, Engelbert dagegen lange nicht seine Forderung aufgeben. Endlich ließ er den weisen Mann, Albertus Magnus, Bischof von Regensburg, der zu Köln im Predigerkloster lebte, zu sich rufen, übertrug ihm die Sühne und gelobte, alles zu halten, wie Albertus sie einrichten werde. Sie geschah auf die Bedingungen, daß Engelbert die Stadt Split bei allen ihren Freiheiten belassen sollte, die sie von Kaisern und Königen seit uralten Zeiten habe, daß er Bann und Interdikt von ihr zu lösen bewirken, und weder den Tod 'feineé Bruders Dietrich noch sonst ein Ding an der Stadt und dem Grafen rächen solle. Diese Sühne ward ausgerichtet im Jahr 1270 und Engelbert kam wieder nach Köln. Und wie Albertus MagnuS einst dem König Wilhelm am Dreikönigtag plötzlich eine kurze reizende FrühliugSwelt mit Vogelschall und Blüthenduft hervorgezaubert, so hatte er denn jetzt einen anderen schöneren Frühling, den der Versöhnung zwischen Köln und Engelbert erwirkt. An diesem milden Frühling sonnte sich der greise Erzbischof nach allen jenen Stürmen seines wechselvollen Lebens bis zu seinem Tode.
Die Verbannten. Novelle von C. v. Wachrmuth.
(Fortsetzung.)
Eben bog ein mächtiger Schlittenzug um die Ecke der auf der Newainsel gelegenen Festungswerke. Sein Ansehen war daS sonderbarste, das man sich nur denken kann. Anstatt der Läufer, welche nach der Sitte jener Zeiten Festzüge solcher Art eröffneten, erschien ein Schlitten mit vier verschiedenfarigen Pferden in der Breite bespannt; in ihm saßen vier Männer in Lâuferanzug, weiß mit rothen Schärpen, bebänderte Stäbe in den Händen und Federmützen auf den Häuptern. Sonderbarer Weise war keiner der seltsamen Läufer jünger als 70 Jahre; zweien fehlte ein Bein, dem dritten ein Arm, der vierte war blind auf beiden Augen.
Hinter' dem ersten Schlitten folgten zwei andere, gefüllt von Musikanten, welche ihre verschiedenen Instrumente munter ertönen ließen. Die erste Abtheilung der Musiker schien gut geübt und ihre Leistungen würden sich nicht übel ausgenommen haben, wäre die zweite nicht jener auf dem Fuße gefolgt. Leider waren sämmtliche Mitglieder derselben stocktaub. Da sie lediglich nach dem Winke ihres Dirigenten sich richten mußten, dieser aber mit dem Rücken nach dem vorhergehenden Schlitten gerichtet saß und demgemäß die Musik, da er gleichfalls taub war, um einige Takte zu spät beginnen ließ, so lieferte die letztere, obwohl beide Chöre dieselben Stücke spielten, ein Ensemble, alö ob eine Anzahl höllischer Dämonen zur Qual der Ohren der Verdammten sich in einem Konzert hören ließen.
In einem dritten Schlitten befand sich ein alter Pope, ein Greis von mehr als 80 Jahren, mit grauem bis auf den Gürtel reichendem Barte. Das kirchliche Festgewand, daö fliegende schneeweiße Haar, die Diener der Kirche, die sich mit ihm auf demselben Schlitten befanden, deuteten an, daß der Alte so eben eine heilige Handlung verrichtet habe. Ma» hätte glauben sollen, daß das ehrwürdige Ansehen deö Alten ganz geeignet gewesen wäre, auf die Umstehenden einen feierlichen Eindruck hervorzubringen; dieß war jedoch nicht ganz der Fall, denn wenn bei dem Vorüberfahren des Priesters die Menge ehrerbietig die Mütze von den Häuptern nahm, auch wohl sich hier und dort gar Einer fromm bekreuzigte, so ließ sich doch auf manchem der bärtigen Gesichter ein gutmüthig schalkhaftes Lächeln blicken; denn Alle wußten, daß Vater Thimothje so entsetzlich stammelte, daß er nicht zehn Worte hintereinander ohne Unterbrechung herauszubringen im Staude war, und daß die heute von ihm gehaltene feierliche Rede gewiß jedes andere Gefühl als das der Erhebung hervorgerufen haben mußte; ein Umstand, wegen dessen der ehrwürdige Mann seit länger als 20 Jahren von jeder amtlichen Handlung, die heutige ausgenommen, entbunden war.