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Nr. 8.

Nassauische Zeitung.

Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!

Wiesbaden, 21 März 18â

DieNassauische Zeitung" mit ihrem BeiblatteDürgerblatt für Unterhaltung und Literatur" erscheint täglich. Der Preis eines Vierteljahres ist für Wiesbaden sl. 1. 45 kr. Die Monate März bis Iuni^ werben ebenfalls zu demselben Preis abgegeben. Man abonnirt in Wiesbaden in der Expedition am Friedrichsplatz. Für Auswärts nehmen alle Poftanstalten Abonnements an mit verhältnißmäßiger Preiserhöhung. Inserate werden mit 3 Kr. für die gespaltete Zeile berechnet.

Deutschland.

P Unsere Stellung.

I.

Wiesbaden, 20. März.

Ein neuer Zeitabschnitt in der Entwicklung unsres staat­lichen Lebens hat mit dem am 4. März d. I. vollendeten Umschwung unsrer öffentlichen Verhältnisse begonnen und das Nassau von heute ist nicht mehr das Nassau von ehe­mals. Der auf stumme Unterwürfigkeit gegründete Polizei- und Beamtenstaat mit seiner hochmüthigen Anmaßung und seiner unerträglichen Bevormundung des Volkes ist an jenem Tage, wie Schnee an den Strahlen einer warmen, Leben weckenden Frühlingssonne, zerronnen. Was den mächtigsten, geachtetsten und größten Völkern der Erde, was dem Britten und Nordamerikaner den stolzen Sinn der Freiheit unvertilg­bar in die Brust pflanzt, die Selbstbethätigung und Theilnahme a n d e m p o l i t i sch e n L e b e n des Ganzen und die Selbstverwaltung aller öffentlichen Angelegen­heiten, in so weit selbige am besten von der Gemeinde erledigt werden kann sie sind mit jenem Tage durch das Wort unsres Fürsten auch uns zum Eigenthum geworden, das uns Niemand wieder entreißen soll! Nassau' ist damit in die Reihe der freiesten Staaten eingetreten und auf eine Bahn der Entwickelung geleitet, die alle schlummernden Kräfte in ihm wecken, einen feurigen Wettstreit aller Talente, aller guten Bürger zur Beförderung der allgemeinen Wohlfahrt entzünde, und das, was an dem Volke eigentlich ist, seinen innersten Kern ans Licht kehren und offenbaren muß. Und schon drängen sich die Knospen eines frischen, reichen Lebens von assen Seiten ungestüm hervor, daß es an der Zeit ist, zu dieser bis in die tiefsten Schichten des Volkes durchgedrungenen Bewegung eine Stellung einzunehme», durch die es möglich werde, eines theils dieselbe richtig auf- zufassen und zu verstehen, andern theils denjenigen Einfluß auf sie auszuüben, zu dem ein jeder das Vaterland, seine Freiheit und seinen Ruhm liebender Bürger Aufforderung und Beruf genug in sich fühlen muß, denn ganz besonders für solche Zeiten, wie die unsrigen, gilt das Wort des weisen Solon, daß jeder Bürger verpflichtet sei, in den öffentlichen Angelegenheiten Parthei zu ergreifen und sich nicht unthätig von dem Kampfplatz fern halten dürfe. Und wie unendlich viel in allen Beziehungen hier zu thun sei, wem müßte das nicht auf den ersten Blick schon einleuchten? herrscht ja doch und dies nicht einzig in den Köpfen der großen Masse eine wüste Verworrenheit der Begriffe, eine politische Unwissenheit, die nur durch die lange Schlafsucht, in welche das Volk versunken war, und durch die abtödende Unthätig- keit und Abstumpfung des politischen Sinnes einigermaßen erklärlich wird; sind doch so manche, sonst in dieser wie in andern Hinsichten gebildete Gemüther durch die so urplötz­liche Wendung unsrer Zustände wie von einem Blitzstrahl getroffen und betäubt worden, daß sie sich nur mit Mühe wieder zurecht zu finden vermögen! Die Frage: wie stehn

wir zu dem durch die Ereignisse des 4. März hervvrgebrach- ten Umschwung in unsrer, politischen Lage, wird daher für einen jeden guten Bürger, der es mit seinem Vaterlande wohl meint, zur wichtigsten Lebensfrage und sie wird es ganz besonders für die Presse, welche dazu berufen ist, nicht nur der Widerhall der öffentlichen Meinung zu sein, sondern die auch die noch höhere Pflicht auf sich hat, für Hunderte und Tausende die Parole hinauszurufen und das Banner in den Kämpfen und Schlachten der öffentlichen Discussion vorauszutragen, um das «sich die Gleichgesinnten schaaren, damit ihr Wirken um so nachdrücklicher und erfolgreicher sei! Die Nassauische Zeitung fühlt daher nun, wo die erste gewaltige Aufregung und der Drang der Verhältnisse einigermaßen überwunden sind, die Verpflichtung auferlegt, sich mit aller Offenheit und Entschiedenheit über ihre Stellung zu der neuen Ordnung der Dinge auszusprechen und sie thut dies um so lieber, als sie die Hoffnung hegen darf, in ihren An­sichten dte unermeßliche Mehrheit der Nassauer für sich zu haben und nur in ihrem Namen zu reden. Die Nassauisch» Zeitung wird zuerst den unumwundensten, entschiedensten Fortschritt zur Verwirklichung alleruns gegebenen Zu­sagen zum Um- und Ausbau unsres Staatsgebäudes ver­langen und gegen männiglich mit allen ihr zu Gebot stehen­den rechtlichen Waffen vertheidigen. Keine Halbheiten! keine halbe Maßregeln! Nur der entschiedenste, offne und ehr­liche Fortschritt kann heut' zu Tage die öffentliche Meinung zufriedenstellen, und die geheimen Feinde unsrer constitutionell­monarchischen Staatsform, die Wühler mit Verdächtiger, unschädlich machen mit alle guten Bürger zu einer festen Phalanx vereinen! Kein Feilschen und Markten mit den Forderungen dès Volkes! Nun einmal das Schiff gewendet ist und einen andern Hafen - Cours hält dem Lande der Verheißung zusteuernd, nun setzt auch alle Segel auf, die es tragen kann, um den sicheren Hafen so bald als mög­lich zu erreichen! Nur wenn ihr mit der Strömung der Geschichte segelt, werdet Zhr auch das Mißtrauen in Eure Kraft oder in Euren guten Willen, als geschickte Steuerleute, besiegen, an welchem jetzt die bürgerliche Gesellschaft so all­gemein kranket und das wie ein fressendes Gift den Staats- organismus bedroht. Also die durch die Proelamation vom 5. März uns bewilligten Forderungen, aber diese ganz, unverkümmert, im liberalsten Geiste und mit allen ihren Fol­gerungen dies ist die Devise, welche die Nassauische Zeitung auf ihr Panier schreibt, und das den Rechts- boden, auf welchem wir stehen, die einzig gesetzliche Grund­lage unsres Staatsgebäudes vollständig bezeichnet. Wie aber die in jener Proelamation bewilligten Forderungen sich zum Ausbau eines auf Freiheit gegründeten, constitutionell- monarchischen Staaisgebäudes zusammenfügen, das wollen wir in einem folgenden Artikel in den allgemeinsten Umrissen bezeichnen.

Wiesbaden, 19. März. Auf Schloß Johannisberg ist jetzt bereits Beschlag gelegt. Das Land hat die ohne Zu­stimmung der Stände entäußerte 'Domaine wieder eingefor-