28
Zur Literatur und Censur.
Gtnesis der Juli-Revolution von Carovö.
(Fortsetzung.)
Indessen wurde Frankreich, in Folge der Centralisirung der Staatsgewalt, allmälig zum bloßen Werkzeug der Welt- eroberungS - Pläne seines SouverainS, während in Deutschland, in Folge seiner Zerspaltung, bald auch die nicht abgefallenen Fürsten sich in ihrer Existenz bedroht fanden. Wie nun dort die misbrauchte Nation sich nach innerer politischer Freiheit zn sehnen anfing, erwachte im deutschen Volke der Schmerz über den Verlust seiner Einheit und Selbstständigkeit, und während Napoleon fremde KriegSschaaren seinem Heere einverleibte, erkannten deutsche Fürsten, daß ihre wahrhafte Macht in der Wehrhaftigkeit und Vaterlandsliebe des Volkes beruhe. Zum erstenmale wieder hörte daö deutsche Volk sich bei seinem Namen nennen, und seine politische Wiedergeburt zur Nation begann (wie zwei Dezennien früher die des französischen Volkes durch Organisirung der Nationalgarde) durch Errichtung der Landwehr, welche bald zur Nationalbe- waffnnng erwuchs, als die deutschen Fürsten sich sämmtlich überzeugt hatten, daß weder die Theilnahme am Rheinbund, noch die Jsolirung gegen denselben, daß weder die alte, bloâ historische Landeshoheit, noch die gewaltsam erworbene neue Souverainität ihre Throne gegen den französischen Welteroberer zu schützen vermöge. Den Aufforderungen zum Kampfe gegen die fremde Gewaltherrschaft waren aber auch Verheißungen der Wiederherstellung der deutschen Freiheit und Verfassung in zeitgemäßer Gestaltung, „welche möglichst aus dem ureignen Geiste deö deutschen Volkes hervorgehen sollte /' gesellt, über deren Bedeutung damals unter den wahrhaften und wehrhaften Patrioten keinerlei Zweif l obwaltete. Selbst die deutschen Fürsten schienen damals durchgängig zur Einsicht gelangt zu sein, daß die Freiheit Deutschlands, als eines nationalen Ganzen, bedingt sei durch die Constituirung der staatsbürgerlichen Freiheit in dessen einzelnen Staaten, wie umgekehrt die Sicherstellung der letzteren durch Constituirung des deutschen Bundes.
Für diese Zwecke, — sür Befreiung der Fürsten und deö Vaterlandes vom fremden Joch, aber auch für die zeitgemäße Herstellung der uralten innern Freiheit, griff das deutsche Volk zu den Waffen, und erfocht sich im freien, gemeinsamen Kampfe gegen den äußern Feind die Nationalität, welche das französische Volk durch innere Kämpfe erworben hatte.
Frankreich aber, weil es den andern Völkern Gewalt angethan hatte, mußte nun auch von diesen Gewalt erleiden, und sich eine Dynastie wieder aufnöthigen lassen, welche selbst durch die ungeheuersten Erlebnisse nicht zum rechten Verständniß deö französischen StaatSlebenS gelangt war. Zwar mußte sie, vom provisorisch-regierenden Erhaltungssenat gedrängt, sich herbeilaffen, Frankreich eine Repräsentativverfassung zu ertheilen; die Folge zeigte jedoch, daß die alte Dynastie und ihr Anhang von ihren veralteten Prätensionen nichts vergessen, jedenfalls von den wesentlichsten Forderungen des ueuen Geistes nichts, oder doch zu wenig erkannt hatten. So begann denn sofort nach der zweimaligen gewaltsamen Restauration des alten Herrscherhauses jener merkwürdige Kamps zwischen den beiden Prinzipien des StaatSlebens, deren Gegensatz bereits eine so gewaltige Krise hervorgerufen hatte. Eben durch diese waren indeß alle Verhältnisse so von Grund aus verändert worden, daß sich immer offenbarer die Unmöglichkeit einer dauernden Vereinbarung beider Partheien hcrauöstellte. Die Unvermeidlichkeit einer nochmaligen Krise beim Beharren der Dynastie auf der Durchführung ihres Prinzips wurde zuletzt so offen und klar ausgesprochen, daß, als diese sich zuletzt zu einem verzweifelten Gewaltstreich verwog, durch gewaltsame Abwehr desselben ihr nur ihr Recht geschah, da eS an Warnungen und an Hinweisungen auf daö Recht der Nothwehr nicht gefehlt hatte.
Während auf diese Weise in dem centralisirten Frankreich die durch ein deutsch-englisch - russisches Heer zweimal wieder eingesetzte Dynastie mit ihrem altkirchlichen und altadâgen Anhang den Partheikampf entzündet und die Vertreter der StaatS- idee und des Nationalgeistes zur gewaltsamen Selbstbe- freiung genöthigt, mußte auch Deutschland es büßen, daß es seine nationale Freiheit nur mit Hülfe fremder Mächte wieder errungen hatte. Die Waffenmacht behauptete bei seiner Re- constitution vorherrschenden Einfluß, und statt der verheißenen „Wiederherstellung deutscher Freiheit und Verfassung" kam nur jener deutsche Bund zu Stande, welcher demnächst auf offizielle Weise nicht ganz unrichtig definirt wurde als „ein v ö lker- rechtlicher Verein der deutschen souverainen Fürsten und freien Städte. Zugleich begannen von oben herab die mannigfachsten Nestaurationöversuche, und wie in Frankreich eine legitimistisch- jesuitische Parthei der konstitutionellen Partei der Aufklärung, so trat in Deutschland eine sogenannte historische Schule der philosophischen, eine der Souverainität und Orthodoxie huldigende Partei der liberalen und rationalen gegenüber. (Forts, folgt.)
Druck und Verlag von Wilhelm Friedrich am Friedrichöplatz. — Verantwortlicher Redacteur: W. Friedrich.