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Gemeindeverfassungen u. s. f. gewährt. Es sind also wohl alle von den Regierungen denkbarer Weise zu gebenden Bürgschaften einer volksthümlichen Regierungspolitik geboten; durch die Alwrdnung so vieler Einrichtungen dieser Art ist aber auch die Fürsorge für die Verwirklichung der erlangten Zusagen ganz und gar in die Hände des Volkes und seiner Vertreter gegeben. Was sich verwirklichen wird, hängt nur davon ab, was wir thun wollen. Unter solchen Umständen erscheint daher weiteres Mißtrauen völlig unbegründet und jeder sein Vaterland aufrichtig liebende Bürger auf's Heiligste verpflichtet, sich in aller Weise zu bemühen, sich des schleichenden Giftes des Mißtrauens zu entledigen und das Vertrauen zu seinem Fürsten, seinen Landständen und Behörden zu fassen, daß diese redlichst und kräftigst zusammenwirken werden, das allgemeine Beste zu fördern.
Gelingt es uns aber nicht, mittelst Aufbietung aller in uns wohnenden sittlichen Kraft die genannten gefährlichsten aller bürgerlichen Untugenden zu bewältigen, so dürfen wir uns nicht verhehlen, daß der Bestand der Staatsgesellschaft wesentlich gefährdet erscheint.
Gehen wir nach diesen allgemeinen Erwägungen schließlich auf unsere nassauischen Verhältnisse über, so ist gewiß gerade bei uns aller Grund vorhanden, das alte Mißtrauen zu verbannen und Vertrauen zu den neuen Zuständen zu fassen, Wer könnte unserem Landesherrn vorwerfen, daß er sein Fürftenwort nicht jederzeit mit ritterlicher Treue gehalten? Hat er nicht in den letzten Tagen die entschiedensten und erfreulichsten Aeußerungen in diesem Sinne gethan? Geben nicht seine jüngsten Handlungen sämmtlich davon Kunde, wie es ihm mit Erfüllung seiner Zusagen heiliger Ernst ist? Sehen wir nicht Männer des allgemeinen Vertrauens an die Spitze der Regierung und der Landstände gestellt? Sollen nicht die Ständewahlen demnächst erneuert werden, um lediglich ächte Vertreter des Volkswillens in die Kammer zu bringen? Werden nicht die Gemeinden in Zukunft ihre Vorsteher und sonstigen Beamten in voller Freiheit selbst wählen? Wacht endlich nicht das Sicherheits- Comits fortdauernd über die Verwirklichung des Zugesagten?
Geliebte Mitbürger! Wir haben viel, sehr viel erreicht und können uns Glück wünschen! Darum reißt aber auch aus Eurer Brust das giftige Mißtrauen und faßt wieder Vertrauen zu Fürst, Landständen, Behörden und Euch selbst! Mißtrauen untergräbt, Vertrauen befestigt den Staatsverband. Habt Ihr dies über Euch vermocht, dann wird die Besserung unserer Zustände, welche wir hoffen und anstreben, welche in unsere Hände gegeben ist, bald in Wirklichkeit vorhanden sein!
Preußens und Oesterreichs 13. März.
Berlin und Wien.
Wiesbaden, 19. März.
Die schwarz-roth-goldene Fahne aus dem stolzen Königsschloß in Berlin, Deutschlands Reichsbanner auf der alten Kaiferburg in Wien! — Der große Tag des deutschen Volkes ist hereingebrochen, der Freiheitösonne Strahlen dringen allgewaltig durch die Nebel der Preußisch-Oesterreichisch-Metternich- schen Politik; — Deutschlands hehre Sache wird siegen! Doch erst nach blutigen Opfern werden unsere preußischen und österreichischen Brüder die Freiheit erringen. — Was daö Volk in Süd- und Westdeutschland in den großen Stunden von seinen Fürsten friedlich errang, ohne daß Bürgerblut vergossen wurde, — das mußte seit dem 13. dieses in Berlin mit dem Herzblut der Bürger bezahlt werden.
In Berlin und Wien ist an einem Tage der Sturm loögebrochen. Preußens König hat im Augenblicke, wo wir dieses schreiben, vielleicht — seine Krone schon verloren. Der Kampf hat sich am 14. und 15. wiederholt, und am 16. war der entscheidende Tag. Kanon ndonner und Kartätschenschüffe unter das Volk! — damit glaubte ein König, der einst sprach: „Ich und mein HauS wollen dem Herrn dienen!" — seine Pflichten gegen sein braves Volk zu erfüllen! — Noch fehlte unS die nähere -Bestätigung dessen, was Niemandem nach
solchen Vorgängen in Berlin unglaublich sein wird. Am 16. hat daS Militär den Gehorsam verweigert; eS wollte kein Bürgerblut mehr vergießen. Der König soll darauf entflohen sein; — nach Anderen — ist er todt.
In Wien begann am 13. ebenfalls der Kampf. Wir lassen die Berichte der A. a. Z. und der Schlesischen und Leipziger Blätter folgen:
Wien, 13. März. Heute sind bedenkliche Unruhen hier ausgebrochen. Auf einem der öffentlichen Plätze wurde geschossen, und zehn Personen sollen gefallen sein. Die Vorstadt ist von der Stadt abgesperrt. Die Kanonen der Burg geladen, zahlreiches Militär aufgeboten. Ein Handbillet des Kaisers, worin auf die heute durch die Studenten eingereichte Petition ausweichend geantwortet wurde, führte zu großer Aufregung unter der Jugend. Man sieht mit Besorgniß demAbend entgegen. Der Erzherzog kam selbst ins Gedränge. Im Ständehause kam es zu stürmischen Auftritten,
12 Uhr. Ich besuchte so eben den Schauplatz des Tumults (Herrengasse, Burg, Kohlmarkt, Graben, Burggla- cis rc.); daö war aber schwer, sich durch die Tausende und aber Tausende durchzuwinden, die ganze Burg auf dem Glacis, so wie auf der Stadtseite (Ballplatz, Herrengasse, Schauflergasse) mit Militär gepfropft voll, Bayonnet an Bayonnet, Alles hat scharf geladen. Die Studenten, welche im landständischen Hause noch keine Antwort erhalten haben, weil die Landstände noch beim Kaiser sind, sangen an, dort Alles zu demoliren; Tische, Stühle, Bücher, Alles fliegt zum Fenster heraus. Als ich dort war, kam Erzherzog Albrecht angesprengt und rief, nur eine halbe Stunde sollten sie noch warten, es werde Alles bewilligt; ihm wurde die Frist zugestanden und nach Ablauf derselben Revolution angesagt. Zwei Spitzeln (geheime Polizei), die einen der ersten Sprecher, der eine famose Rede von einem Baume, den er erklettert, herunter hielt, arretiren wollten, wurden unter allgemeinem Bravo halb erschlagen.
1 Uhr. Man läßt eben die Kaufläden schließen, der Kohlmarkt, Graben, Stephansplatz, Herrengasse, Schauflergaffe, Alles wird gesperrt und eben macht die Wallerstraße auch zu.
2 Uhr. Während man in letzter Straße sperrte, zog eiu Trupp von etwa 1000 jungen Leuten, meist Studirenden, unter Anführung eines jungen Mannes durch dieselbe. Der Anführer gab das Motto: „Es lebe die akademische Freiheit, es lebe der Fortschritt, fort mit der Censur" rc., welches der ganze Trupp immer mit Hurrah beantwortete. Den Fürsten v. Metternich sah ich am Fenster; er kam öfter ün^'sah heraus. Ein Student hielt vor seinen Fenstern eine Rede an das Volk.
2*/, Uhr. Ich komme eben vom landständischen Gebäude, wo Jemand Feuer auf das Volk, welches ruhig stand und ohne Waffen ist, kommandirte. In meiner Umgebung sielen wenigstens sieben Todte, Verwundete die Menge, wer kann das in der ersten Bestürzung übersehen! Alles stürmt jetzt nach dem Zeughaus, um sich Waffen zu holen.
Wien, den 13. März. Es können 30 bis 40000 Menschen auf den Füßen sein, die sich von dem Graben über den Kohlmarkt nach der Herrengasse (wo bekanntlich die schönsten Wiener Paläste stehen) drängen. Die Studenten werden von den Leuten herumgetragen, und so eben kommt die Nachricht, daß die Studenten im Verein mit sämmtlichen Landstäu- den in die Burg eindrangen, obgleich solche ganz mit Truppen besetzt und alle scharf geladen hatten. Man will Alles stürzen, was bisher dem Fortschritt hemmend entgegentrat, aber dem kaiserlichen Hofe ewige Treue geloben. So eben verbreitet sich das Gerücht, daß der Kaiser ein Handbillet erlassen, worin er Alles zu geben verspricht, auch eine Constitution, wenn das Volk es verlangt. Dem Fürsten Metternich sollen die Fenster eingeworfen worden sein. — Nachschrift. So eben reitet Erzherzog Albrecht durch die Stadt, und ihm werden donnernde Vivats gebracht. Alle Arbeiter in den 35 Vorstädten haben heut, als dem blauen Montage, frei. Die Studenten wollten im Stephans - Thurme läuten, wurden'aber glücklicherweise daran verhindert. Einer derselben saß auf der obersten Verzierung eines Ziehbrunnens und predigte. Man