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das ist vorbei, und ich wünsche nur, daß in den Tagen der Noth die Degen der Fremden, der windigen Franzosen und jener Emporkömmlinge — ich meine Dich nicht, Alexander Michailowitsch — eben so schnell aus der Scheide sein mögen, wie der meinige, als bessere Leute niedergemetzelt wurden."
Der Czar," sprach Menschikow, „hat nie vergessen, was Du in jener Zeit--"
„O, ich weiß, ich weiß!" — rief der Bojar mit bitterem Lachen — „der gnädige Czar hat mich zum ersten Stre- aptschi mit dem Schlüssel (Kammerherrn) gemacht: er war so gütig an diesem Tage, denn der Paliwoi, der ein sehr habiler Mann ist, im Stiefelputzen nämlich, denn er war in seiner Jugend Kammerdiener, wie du weißt, und der Engländer, der Milton oder Melton, der die hübschen Hunde mitbrachte, wurden auch Streaptschi'S."
„Du kannst dennoch nicht leugnen, Alexei Nikolajewitsch," — sprach Menschikow ruhig — „daß die Auswahl, die unser großer Herrscher in der Regel unter denen trifft, die er mit seiner Gnade überhäuft —"
„Die vortrefflichste ist!" — rief der Bojar mit bitterem Lachen. — „Ei freilich, ich will einen Eid daraus leisten! — DaS Schlimmste ist nur, daß der Herr immer so viele vortreffliche Leutchen herausfindet, und daß er seine Wahl in einem so weiten Kreise walten läßt, daß Andere, die in den Tagen der Noth auch nicht für ganz übel galten, nicht au die Reihe kommen können. Nun," — setzte er mit einem etwas hämischen Seitenblicke hinzu — „es mag wohl ein ganz eigenes Geschick dazu gehören, sich bei dem Herrn in Gunst zu erhalten, da, wie eö heißt, er Augenblicke hat, in denen er seine Lieblinge etwaö handgreiflich an ihre Herkunft erinnert, und dieses Geschick, ich gestehe es, würde mir abgehen."
„Du scheinst heute sehr übler Laune zu sein, Bojar!" — sagte Menschikow ruhig. — „Hat der Herr Dich ungnädig behandelt?"
„Du weißt eö nicht?" — versetzte Jener mit höhnischem Lächeln, indem er auf eine sonderbare Weise den Fürsten fixirte. — „Nun," — setzte er nach einer Weile hinzu — „wenn Du eö wirklich nicht weißt, so nimm an, es sei so."
„Und kann man vielleicht erfahren —"
„Warum denn nicht, Brüderchen?" — rief der alte Bojar wild lachend. — „Warum sollte ich einem so lieben Freunde nicht erzählen, waö er gewiß heute noch erfährt, wenn er es nicht schon weiß? — Du kennst," — sprach er mit einer angenommenen Ruhe, der aber seine Züge widersprachen — „Du kennst die Besitzung der Krone, die an meine Güter bei Tula gränzt?"
„Ich weiß wirklich nicht," — sprach der Fürst mit einiger Verlegenheit.
„Ja, ja, Du wirst sie schon kennen, Alexander Michailowitsch!" — rief der Bojar mit scharfer Betonung. — „Du mußt sie kennen!" — setzte er hinzu, — „sie trennen meine Besitzungen von den Deinigen."
„Ach Du meinst die Herrschaft —"
„Dieselbe," — unterbrach Bojar den Vorigen, ohne ihn auöreden zu lassen. — „Die Besitzung ist nicht groß, drei Dörfer, elende tausend Seelen; aber die Lage sagt mir zu. Mit einem Worte, ich wünschte sie längst schon zu besitzen."
„Du solltest sie kaufen!" — sprach Menschikow unbefangen. — „Der Czar würde Dir die Bitte gewiß nicht abschlagen und Dir das Besitzthum für ein Billiges überlassen. Ich selbst, ich gestehe eö, habe schon manchmal, in Bezug auf mich, daran gedacht."
„Ich glaub's, Seelenfreund, ich glaub's!" — rief Tscher- kaöky mit wildem Lachen — „Du wirst es mir also um so weniger verdenken können, wenn ich dieselbe Meinung hatte. Doch höre nur! Lange habe ich mich abgequält, ob ich dem Herrn die Bitte vortragen sollte — denn Du mußt wissen, mir wird daS Bitten verteufelt schwer, und ich kann mich nicht besinnen, daß ich seit dem Tage, wo ich auf dem Platze des Kremls den bluttriefenden Säbel in die Scheide stieß, den Czar um etwas gebeten hätte — also wie gesagt, lange hatte ich hin und her geschwankt, endlich treffe ich heute den Herrn bei ungewöhnlich guter Laune. Er schien wieder ganz der Alte, sprach von vergangenen Zeiten, nannte mich, wie er eö wohl früher im Scherz gethan, seinen Sultan der Tscherkessen; mit einem Worte, er war so freundlich, daß mir daö Herz aufging. Jetzt könntest du ihm deine Bitte vortragen! sagte ich zu mir selbst, und ich that eö, obwohl eine Menge Schranzen aller Art zugegen war."
„Er hörte Dich doch gütig an?" — fragte der Fürst.
„O sehr, sehr!" — erwiderte der Bojar. — „ES wollte mir anfangs sogar bedünken, alö ob ihm mein Verlangen ein ganz willkommenes sei, besonders als ich hinzufügte, daß, da nach meinem Tode der Sohn meines Bruders, um würdig unfern Stamm fortzuführen, den größten Theil meiner Besitzungen bekäme, ich meiner Marie für die Zukunft ein Besitzthum aus meinen Gütern bei Tula bereiten wolle. Mit einem Worte, ich glaubte, eine bejahende Antwort könne nicht fehlen."
„Und dennoch?"
„Dennoch!" — rief Tfcherkaöki. — „Ich hatte noch nicht auögeredet, als der Czar mit dem Kopfe schüttelte. Ich be- daure, sagte er dann trocken, ich bedaure, Deine Bitte nicht genehmigen zu können; über die Güter, die Du zu kaufen begehrest, habe ich eben zu Gunsten eines Andern verfügt. — Noch wollte ich sprechen, alö er sich zu jemand in der Nähe Stehenden wendete, und unser Gespräch war auö."