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überantwortet habe. Der Bürger Muth und Ausdauer ge­wannen den Preis, und durch Vermittlung des Grafen Wil­helm von Jülich kam endlich eine Sühne zu Stande; die Bür­gerschaft zahlte an Engelbert die Summe von 6000 Mark; er gelobte ihr, ihre Rechte und Freiheiten nicht anzutasten, ihr die Zölle zu Bonn und zu Neuß zu erlassen, und den ver­bannten Edlen die Heimkehr, sowie den Wiederbesitz der Schöffen­gerechtigkeit wie früher zu gestatten. Und wie beschlossen, so geschah's. Die Ruhe war wieder hergestellt. Doch Engelbert, der nur gezwungen nachgegeben, trug den alten Groll in der Brust; mancher Freund und Rath nährte denselben mit schlimmer Dienstbeflissenheit, und ungeduldig harrte Engelbert eines gün­stigen Augenblicks, um seine neuen Pläne zur Unterwerfung Kölns auszuführen. (Forts, f.)

Die Verbannten.

Novelle von C. v. Wachsmuth.

(Fortsetzung von Nr. 3.)

Eben wollte Andrei die Vertheidigung seiner Mutter über­nehmen, als die Menschenmenge, die den Platz belebte, in die gewaltigste Bewegung gerieth. Einer rannte gegen den An­dern. Schlitten auf Schlitten drängte. Die bärtigen Fuhr­leute schrieen, die Pferde wieherten.

Es wird gleich los gehen!" sprach einer der Umste­henden.Sie haben eben den zahmen Bären des Ezarö auf den Schlitten gebunden; der that einmal närrisch!"

Ja!" unterbrach ihn ein Anderer.Und der Leib­zwerg hatte bereits die Perriicke auf dem Kopfe und einen Degen an der Seite. Der kleine Iwan sah wie ein gespießter Affe aus."

Auch der gnädige Ezar selbst ist schon fix und fertig!,, sprach ein Dritter mit wichtiger Miene.Es hieß Anfangs, er wollte sich als römischer Papst verkleiden; als ich aber vorhin dem Eckenfenster gegenüberstand, sah ich ganz deutlich, daß er Pumphosen an und eine schwarze Pudelmütze auf dem Kopfe hatte, und der Timothji, der Schneider, meinte, es wäre die Tracht der Franzosen, da wo daS Franzosenland an die Türkei gränzt; und ich glaube eS auch, denn unchristlich genug sah der Herr in dem Anzuge aus."

Das muß ich in der Nähe betrachten!" rief der Erste unserer Bekannten.Komm Andrjuschka ! wir wollen den

Zug ankommen und die Herrschaften aus den Schlitten steigen sehen."

DaS ist ein gescheidter Gedanke, Väterchen!" riefen die Umstehenden aus Einem Munde.Fort über das Eis! ehe sie hier abfahren, sind wir an Ort und Stelle."

So war es auch. Mit beschleunigten Schritten eilten unsere Bekannten über das Eis, bogen um die Spitze der Insel, welche bis dahin die Aussicht flußabwärts versperrte, und standen endlich vor einem Gebäude, wie solches weder vor, noch nach jener Zeit jemals erbaut ward.

Das Haus, von dem die Rede ist, war auf der Eisdecke des Flusses aufgerichtet und bestand in allen seinen Theilen aus nichts als Eis. Die Wände, das Dach, die inne­ren Verbindungen des Hauses waren ans einer Elle dicken und sechs Ellen langen Eisblöcken, die man auö der Frostdecke der Newa ausgehauen hatte, aufgeführt. Von gleichem Ma­terial waren die Treppenstufen, die durch ein kleines Portal aufwärts führten; ja sogar zwei mächtige Kanonen, die man mit großer Sorgfalt gebohrt und toller Weise wirklich geladen hatte, waren lediglich auö Eis. Nicht anders war es im Innern des sonderbaren Gebäudes. Den weiten Saal, den dieses bildete, durchzog eine lange Tafel von mehr als sechzig Gedecken. Die Tafel selbst war ein Eisblock, aber auf ihr prangten, so viel es der Platz erlaubte, die auserlesensten Gerichte. Schüssel reihte sich an Schüssel, Flasche schloß sich an Flasche, dennoch hielten vor der Thür des Hauses mehrere Schlitten mit Weinflaschen beladen, und bewacht von Soldaten. Es war augenscheinlich, daß, hätten sich die Gäste nur erst mit der in der winterlichen Halle herrschenden Temperatur befreundet, sie in Beziehung auf die Befriedigung des Gau­mens nichts vermißt haben würden. Hier zur Seite der er­lesensten Confitüren prangte der Caviar, der Stör, der Sterlet der Wolga. Ihnen gegenüber erhoben sich die Berge von Austern auf mächtigen Silberschüffeln; Seefische der verschieden­sten Art, dem finnischen Meerbusen, dem schwarzen, dem kaS- pischen oder dem Eismeere entnommen, machten gewaltigen Hummern den Rang streitig. Neben Schinken von Bayonne ragten aufgerichtet und sonderbar ineinandergefaltet die Tatzen eines gewaltigen Bären aus der sie umgebenden, zierlich mit Citronenscheiben belegten Gallerte. Die Mitte der langen Tafel zierte ein Schau-Essen. Es war der zottige Kopf eines un­geheuern Auerstiers. Noch schien der Athem den weitgeöffneten Nüstern zu entströmen, daS gläserne Auge, die kurzen Hörner deö UnthierS noch im Tode zu drohen.

(Fortsetzung folgt.)

Truck und Verlag von Wilhelm Friedrich. Verantwortlicher Redacteur: W. Friedrich.