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mus getrieben baben. Um gegen den Constitutionalismus predigen zu können, haben sie behauptet, derselbe sei eins mit dem Regiment der Bourgeoisie und der Geldaristokratie, während auf der anderen Seite das Wohl der arbeitenden und besitzlosen Classe nur unter einer absoluten und „unantastbaren" Krone gewahrt werden könne.
Wir fordern diese Blätter: den Rheinischen Beobachter, die preußische allgemeine Zeitung, Hubers Janus und Consorten, auf, sich umzusehen, ob die Ereignisse der Gegenwart diesen Satz bestätigt haben. Wir fragen sie, ob in den Communisten-Bewegungen des Rheinlands und Westphalens, ob in dem Hungertode der Oberschlesier ein Argument für ihre Meinung enthalten sei. Wir fragen sie ferner, ob die Bewegungen in den kleineren Staaten Süd- und West- Deutschlands, ob die aus allen Ecken und Enden der preußischen Monarchie unwiderstehlich hervorbrechenden Begehren und Forderungen einer staatlichen Organisirung und Zulassung der Selbstregierung auf der Basis des Bourgeoisie- Regiments und der Geldaristokratie beruhen. Wenn wir annehmen dürfen, daß die von jenen officiellen Blättern vertretenen Ansichten der höchsten Kreise in Preußen auf einer wahren und inneren Ueberzeugung beruht haben, so müssen wir jetzt auch ebenso fest hoffen und fordern, daß diese Ueberzeugung durch die Macht der Ereignisse widerlegt werde; daß man offen und unumwunden gestehe: Wir waren im Irrthum, wir sind eines Besseren belehrt, wir wollen die alten vermoverten Ueberlieferungen des Feudalismus, des Absolutismus und des centralisirten Beamten - staats über Bord werfen und unter der Flagge des Fortschritts, eines freien, kräftigen, unbevormundeten Bürgerthums, dem Ziele zusteuern, von welchem allein Heil für Preußens und Deutschlands Zukunft zu hoffen ist.
Aber die Zeit drängt, das Volk gleicht der alten Sibylla Roms, welche bei des Tarquinius Zögern immer höhere Preiße forderte. Was man heute mit einer Concession erkaufen kann, kann man vielleicht morgen nicht mehr mit dem Throne selbst erkaufen. Wir wollen nicht hoffen, daß dies die Zukunft Preußens sein wird. Aber malen wir uns wenigstens diese Zukunft aus, welche unfehlbar eintreten wird und muß, wenn Preußen den Anschluß an die deutsche Bewegung beharrlich zurückweißt.
Die bedauerlichen Nachrichten aus Breslau und Berlin lassen uns errathen, welche Ströme von Bürgerblut in diesem Fall in dem Innern der Preußischen Monarchie fließen würden. Ob aber die Truppen überall bereit sein würden, sich in dieser Weise gebrauchen zu lassen; ob dieselben, wenn sie sich so gebrauchen lassen, überall siegreich sein würden; und ob endlich nicht die Landwehr, als ein entschiedenes Gegengewicht auf die andere Seite treten würde, ist mehr als zweifelhaft. Und glaube man ja nicht, sich auf die erdrückende Uebermacht des russischen Czarenreiches siützen zu können. Bei dem ersten Schritte dieser Art würde die Flamme der Völkerwuth Deutschland von dem einen Ende bis zu dem andern durchzucken, und die allgemeine Entrüstung würde dem Volke unbesiegbare Waffen in die Hand geben. Der erste russische Soldat, der den Osten Deutschlands beträte, würde französische Regimenter auf den Gränzen des Westen erscheinen lassen, und Preußen würde das traurige Schicksal haben, das Schlachtfeld zu sein, auf welchem die Würfel geworfen werden zwischen den Republikanern-Legio- nen des Westens und den Barbarenhorden des Ostens; so daß die Prophezeiung Napoleons auf St. Helena: Europa werde in 50 Jahren entweder republikanisch oder cosackisch sein, — auf Preußens und Deutschlands Kosten einer schrecklichen Erfüllung entgegengingen.
Dies würde die Zukunft Preußens sein, wenn es in unbegreiflichem Eigensinn befangen, es wagen sollte, dem unwiderstehlichen Strome der Zeit entgegenschwimmen zu wollen.
Wiesbaden, 17. März. Ein Schrei des Entsetzens durchhallt Deutschland! In Berlin ist Bürgerblut geflossen,
— unschuldiges! Frauen, Kinder und Männerzsind gefallen unter den scharfen Hieben der Dragoner des Königs! Wir lassen den Correspond.-Ber., des Frankfurter Journals folgen, welches uns diese entsetzende Kunde bringt. — Also so will Preußens König die gerechten Forderungen seines Volkes beantworten, — durch Säbel, Bajonette, — und Kanonen! — Einst sprach er die vermessenen Worte: Diese Krone habe ich von Gott, und wehe dem, der sie mir anrührt! O Thorheit verblendeter Fürsten! Mit dem ersten Griff des Volkes nach der Krone — wird sie im Staube zertreten! In Berlin gibt es 60,000 Proletarier! — und es muß und wird das unschuldig vergossene Bürgerblut alle preußischen Männer nunmehr zum entscheidendsten Handeln zwingen. — Berlin gibt jetzt den Impuls zur preußischen Bewegung für Preußen zum Anschluß an das große deutsche Vaterland. — Möge Gott es verhüten, daß noch mehr Bürgerblut fließen muß, bevor die preußischen Länder ihre constitutionelle Freiheit erringen! Die betrübenden Nachrichten lauten: (Berlin, 13. März 12 Uhr Nachts.) Welchen Namen soll ich dem Unerhörten geben, dessen Scene und Zeuge Berlin heute Abend geworden ist? Wie Ihnen das blutige Schauspiel einer Metzelei beschreiben, welche über Tausende von unschuldigen Spaziergängern und müßigen Neugierigen, die der erste schöne Frühlingstag länger wie bisher ins Freie geführt hatte, wie ein Blitz aus heiterem Himmel hereinbrach? Ein unseliger Mißgriff ist begangen worden, der nur zu viel Blut gekostet hat? Setzen Sie sich das Ereigniß aus den folgenden Daten selbst zusammen; eine Erklärung ist bis jetzt unmöglich zu geben. Mehrere Hunderte von Menschen hatten am Nachmittage sich unter den Zelten versammelt, an dem Orte, wo die bereits öfter erwähnte Adresse berathen worden war. Gegen Abend zogen diese Leute nach der Stadt zurück und blieben nnter den Linden, im Lustgarten und aus dem Schloßplatz in Gruppen vertheilt stehen, welche zwischen 8 und 9 Uhr durch die von der Arbeit kommenden Handwerker und Arbeiter vermehrt wurden, ohne jedoch irgend eine Demonstration, irgend eine Drohung oder einen Akt der Gewalt zu begehen. Hunderte von Spaziergängern der gebildeteren Klassen wandelten zwischen denselben durch die Straßen. Plötzlich erscheinen gewaltige Massen Militär, vas Schloß wird von mehreren Tausend Mann besetzt, als wenn ein Angriff auf dasselbe bevorstände. Die Truppen, welche sich zwischen der Menge hin und her bewegen, verdichten den Menschenknäul, welcher ihnen answeicht, bald aber sich nur mühsam fort bewegen kann. Kein politisches Geschrei ertönt, nur das Halloh der Gassenbuben, kein Stein aufgehoben, kein Schimpfwort gegen das vorhandene Militär gefallen. — Da bricht mit einem Male Cavallerie auf den Schloßplatz unter die Menge in gesprengtem Galopp ein, ohne baß eine warnende Aufforderung ertönte, und Haut mit blanken Klingen scharf unter die Menge. Klinge und Pferdehufe fordern ihre Opfer. Entsetzen, Verwirrung, Flucht, verzweifeltes Geschrei ergreift Alles. Denn unterschiedslos fallen als Opfer Männer, Frauen und Kinder. Wie groß das Unglück ist, kann erst der nächste Tag zeigen; ich selbst kann nur von 20 mehr oder minder schwer Verwundeten erzählen. Um 10 Uhr waren die Schreckensscenen im Centrum der Stadt vorüber; doch auch in andern Gegenden wurde scharf eingehauen, den Linden, der Jägerstraße, der Königstraße rc., wohin theils das Volk sich flüchtete, theils dichtere Schaaren von Spaziergängern sich befanden. Der Anblick der Fallenden erweckte eine unbeschreibliche Erbitterung — erst nach diesen Scenen vor dem königlichen Schloß wurde der Gedanke an Widerstand beim niedern Volk rege. Ich höre, daß man den Einbruch eines Waffenladens versuchte und durch Aufziehung einer Brücke eine Barricade errichtete, Widerstand fand jedoch nicht statt.— (Den 14. März, früh.) Heute früh ist die Stadt ruhig, die Truppen sind aus den Straßen verschwunden. — Was ich im Laufe des Tages über die Vorgänge von gestern Abend Näheres einsammeln kann, werde ich nach ruhiger Sichtung der Nachrichten Ihnen nachträglich melden.
* Wiesbaden, 17. März. Der erste Reformversuch in Hannover ist an der Hartnäckigkeit des Königs gescheitert,