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matton hindurch sich vorbereitet, so haben noch biâ auf die Gegenwart hin secundaire und partielle Krisen sich an sie angereiht, wie denn der, erst in der zweiten Hälfte deS vorigen Jahrhunderts, errungene Sieg der individuellen Freiheit im Religiösen nur den logisch nothwendigen Schlußsatz bildet zur Jnsurrection der Reformatoren gegen jede, zur Herrschaft über Glauben und Gewissen, zur geistlichen Gesetzgebung und Gesetzdeutung, zur Bindung und Lösung angeblich von oben bevollmächtigte Behörde.
Auf ähnliche Weise erkrankte das weltliche Gemeinwesen des Mittelalters vor Allem durch Verhärtung der verschiedenen Stände neben- und über- und gegeneinander, in Folge welcher das eine allgemeine und Alles einigende Recht fast gänzlich in besondere, spröde Gerechtsame zerfiel, und das allerhöchste Gesetz des lebendigen Kreislaufs und der rythmischen Metamorphose ausgeschlossen wurde. Daö wahrhaft Allgemeine, in welchem erst jedes Besondere und Einzelne sein wahrhaftes Recht zu finden hat, wurde zu einem bloßen Schemen, und erst jenseits sollte die hier ein ganzes, langes Leben hindurch erduldete Zurücksetzung und Ungebühr dadurch vergolten werden, daß, ohne Rücksicht auf den zeitlichen Stand, einem Jeden nach seinem Verdienst, oder vielmehr nach göttlicher Vorbestimmung auf ewig sein dortiger Stand zugewiesen werde. Dies Jenseits war freilich eine Correction des unheiligen Diesseits ; aber eine Correction, welche durch die absolute Verewigung der dortigen Stände noch vernunftwidriger war, als das, was corrigirt werden sollte.
Die menschliche Gesellschaft ist aber auch darin dem natürlichen Organismus ähnlich, daß das Leiden eines Gliedes, Organes oder Systemes mehr oder weniger alle übrigen Glieder, Organe oder Systeme in Mitleidenschaft hereinzieht, daß überhaupt jede jn einem Theile vorgehende Veränderung analoge Veränderungen in dem Ganzen heischt und hervorruft. Findet eine Evolution oder eine Revolution in einem Systeme statt, so wird früher oder später das Ganze in diese Bewegung hineingezogen. Wie daher daS vegetative Leben im Menschen auf daö animalische, und beide auf daö höhere psychische und peumatische, so wirken auch umgekehrt die höheren Thätigkeiten auf die niederen Functionen ein. Ebenso übt in der menschlichen Gesellschaft die Entwicklung oder Hemmung der Industrie auf die höheren Sphären deS Rechtes, der Kunst, Religion und Wissenschaften, wie diese auf jene ein. Dieser immanenten Logik zu Folge ruft eine Evolution im religiösen Leben eine analoge im politischen hervor, und wer in dem Einen eine Restauration versucht, findet sich bald genöthigt, sie auch in dem Anderen zu unternehmen. Die gewaltsame Be
freiung deS Einen treibt unwiderstehlich zu gleicher Befreiung des Anderen. Fällt aber die Initiative zu solcher Veränderung einzelnen Individuen — und somit anscheinlich der Willkür anheim, so verschwindet dieser Anschein doch sofort, wenn man erwägt, wie der Einzelne nur dadurch mächtig wird, daß seiner Wirksamkeit eine entsprechende Disposition und Empfänglichkeit in den Massen entgegenkömmt. Wäre Deutschland nicht zum größten Theile für die Reformation reif gewesen, so würde Luther seine Riesenkraft nicht haben entwickeln können, und der westphälische Friede nicht von den katholischen Fürsten, trotz des päpstlichen Widerspruches, geschloffen worden sein. Wäre in Frankreich die Nothwendigkeit einer durchgreifenden Umgestaltung der bestehenden Einrichtungen und Gesetze nicht von der energischen Mehrheit lebhaft empfunden worden, so würde eine Nationalversammlung nicht zu Stande gekommen, und aus der Verschmelzung der früher so spröden Stoffe nicht der Silberblick des ewig denkwürdigen vierten August'S (89) und die Erklärung der allgemeinen Menschenrechte hervorgegangen sein.
Gerade dies aber ist der größte Fortschritt deS Geistes und, wenn man so will, die radicale Revolution im Gebiete deS Denkens, in der neuesten Zeit, daß die Forschung in Allem auf den wesentlichen, immanenten, lebendigen Zusammenhang der Dinge und der Gedanken, auf ihren Ursprung, ihre Entwicklung und ihre Endbestimmung zu dringen angefangen, und hierdurch eineStheils so gewaltig zur Umgestaltung deö ganzen Lebens mitgewirkt hat, anderseits zur Einsicht in deren Nothwendigkeit gelangt ist.
Von den hiermit gewonnenen Gesichtspunkten auö erscheint das Benehmen Derjenigen bald verächtlich, bald nur bemitlei- denswerth oder lächerlich, welche die französische Revolution mit ihren verhängnißschweren Folgen für eine baare Ausgeburt schlechter Leidenschaften und selbstischer Willkür auögebend oder wirklich haltend, auf gleiche Weise die Bewegungen, Veränderungen und Bestrebungen verkennen oder verbellten, welche in den letzten fünf Dezennien im übrigen Europa stattgefunden haben. (Forts, f.)
(Magdeburg, 11. März. — Magdeb. Z.) Am 8. begab sich eine Deputation der Stadtbehörden zu dem Oberpräsidenten, um ihn dringend zu bitten, zur allgemeinen Beruhigung eine günstige und baldige Entscheidung über die Gewährung einer Kirche für die christliche Gemeinde zu erwirken. Die heutige Zeitung enthält die Meldung, daß diese Gewährung erfolgt ist, indem Se. Maj. der König die Simultan - Gottesverehrung in der Kirche der wallonisch- reformirten Gemeinde genehmigt hat.
Druck und Verlag von Wilhelm Friedrich. — Verantwortlicher Redacteur: W. Friedrich.