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Nr. Ä.

Nassauische Leitung.

Freiheit, Wahrheit und Recht!

Materielles und geistiges Wohl des deutschen Volkes!

Wiesbaden, 17. März 1848.

DieNassauische Zeitung" mit ihrem BeiblatteAürgerblatt für Unterhaltung und Literatur" erscheint täglich. Der Preis eines Vierteljahres ist für Wiesbaden fL I 43 fr. Die Monate März bis Juni werden ebenfalls zu demselben Preis abgegeben. Man abonnirt in Wiesbaden in der Expedition am Friedrichsplatz. Für Auswärts nehmen alle Postanstalten Abonnements an mit verhältnißmäßiger Preiserhöhung.

Deutschland.

$ Die kleineren deutschen Staaten.

Zaust und Atzt.

Wiesbaden, 16. März 1848.

Wir haben in unserem ersten Artikel, zum Theil mit den Worten unseres verdienstvollen Historikers Schaumann, dar­gelegt, welche Stellung die kleineren deutschen Staaten zur Zeit des zweiten Pariser Friedens zu gewinnen streben müß­ten, wenn sie die damalige Constellation der europäischen Ver­hältnisse klar durchschaut hätten. Sie hätten sich unter ein­ander enge verbinden und einer centralen Gewalt unterord- nen müssen, so daß sie auf der einen Seite innerhalb des deutschen Bundes als vermittelndes und ausgleichendes Ele­ment zwischen den Dualismus von Oesterreich und Preußen getreten wären und auf der anderen Seite außerhalb des deutschen Bundes in europäischen Angelegenheiten durch ihre Conföderation im Stande gewesen wären, als europäische Großmacht zu erscheinen und so (im Gegensatz von Oester­reich und Preußen, welche Beide außerdcutsche Gebiete be­sitzen) die rein deutschen Interessen zu vertreten. Der Plan, eine solche Position zu fassen, wurde damals schon entworfen. So veröffentlichte z. B. der baierische Gesandte Graf Rech- berg im Jahre 1815 zu Paris ein Projekt, betitelt:Bâses dune ligue untre les étals du Sud de lAllemagne, worin er, freilich nur kurz und fragmentarisch, die Grundlinien zur Einnahme einer solchen Stellung darlegch. Allein die klei­neren deutschen Staaten erkannten damals die Sachlage nicht oder sie wollten sie wegen kleinlicher Rücksichten, wegen Ei­fersüchtelei unter einander und Anhänglichkeit an die größeren Mächte nicht erkennen. Sie bezahlten diese Verkennung mit Aufopferung ihrer Unabhängigkeit und Bevormundung durch die beiden deutschen Großmächte.

Dies also ist das Sonst. Das Jetzt ist anders. Seit den letzten Tagen des Februars hat die Welt und seit den ersten Tagen deS März Deutschland eine andere Physiogno­mie angenommen. Die Adern des öffentlichen Lebens sind nicht mehr unterbunden, und das Blut großer Ideen pulsirt frisch und rasch durch das europäische Völkerleben. Wir ha­ben eine überwundene Periode hinter uns und befinden uns in der Ucbergangostufc zu einer neuen Epoche. Und unsere Fürsten, d. h. die Regenten der westlichen und südlichen deut­schen Staaten stehen an der Spitze der Bewegung. Einzelne größere Staaten haben ihnen ziemlich unverblümt zu verste­hen gegeben, dieses Anschließen an die Bewegung der Gegen­wart sei eine Schwäche gewesen. Freilich geben wir zu, daß es den beiden deutschen Großmächten eine sehr mißliebige Erscheinung war, und daß sie ihm daher lieber ein niederes Motiv, als ein erhabenes unterzuschieben trachten. Aber grade deßhalb behaupten wir, daß es durchaus keine Schwäche, sondern der glücklichste und kühnste Zug gewesen ist, den un­sere Regenten, auch in ihrem selbsteigenen Interesse, auf dem Schachbrettc der Politik thun konnten. Sie werden nun auf­

hören, als jüngere und minderjährige Bruder von Oesterreich und Preußen zu gelten und unter deren Vormundschaft zu stehen. Es steht ihnen dermalen eine ungleich günstigere Möglichkeit offen, als in den Jahren 1814 und 1815. Da­mals würden sie sich, vielleicht auf Kosten der deutschen Ein­heit, neben Preußen und Oesterreich, als dritte deutsche Macht constituirt haben. Heute aber ist es ihnen möglich, ohne Ge­fährdung der deutschen Einheit und Gesammtmacht, sich von dem Uebergewicht der beiden großen deutschen Staaten da­durch zu emanzipiren, daß alle jene einzelnen deutschen Ter- ritorialinteressen verschlungen werden durch Ein gemein­sames deutsches Interesse, daßOesterreich und Preu­ßen aufhören, europäische Großmächte zu sein, um die Grund­pfeiler eines Einen Deutschlands zu werden, welches selbst die erste europäische Großmacht sein wird. Dies Ziel steht einfach zu erreichen durch Constituirnng eines deutschen Par­laments, welches nicht auf eine Partikular- Repräsentation der einzelnen deutschen Stnaten, sondern auf eine National- Repräsentation des deutschen Volks als solchem (etwa ge­gründet auf den schon vorgeschlagenen Maßstab von je 1 âuf 100,000 Seelen zu wählenden Vertreter) basirt ist, und zu dessen Wirkungskreis nicht bloß die bisher der deutschen Bun­desversammlung angehörigen Gegenstände, sondern auch eine Ueberwachung des Vollzugs der einzelnen Verfassungen, die gemeinsame Civil- und Criminalgesetzgebung, das Handels-, Zoll- und Schiffiahrtswesen und endlich vor Allem die Ver­tretung Deutschlands als solchem nach Außen gehören. Die Erstrebung dieses Ziels ist die erste und wesentlichste Aufgabe derjenigen deutschen Fürsten, welche sich der Bewegung "an- geschlossen haben. Ohne es würden die particularen Orga­nisationen und staatsrechtlichen Einrichtungen (wie die Er­fahrung uns schon so oft belehrt hat) weder Dauer noch Werth haben.

Es gilt also vor Allem, diesem Ziele zuzustreben. Es ist der Polarstern auf dem wilden, wogenden Meere der Zeit, auf welchem wir dermalen unser Fahrzeug lenken. Mögen hier unsere Fürsten das volle und ungetheilte Vertrauen rechtfertigen, das wir ihnen schenken. Sie handeln hier mehr als irgendwo übereinstimmend in ihrem eigenen wie in ihres Volkes Interesse. Aber es gilt ein beharrliches, entschlossenes und rasches Handeln. Es gilt, schnell die Grundlagen fest­zustellen, so daß das Fundament schon gelegt ist, ehe man abwartet, bis alle übrigen deutschen Staaten ihren Beitritt erklären, eine Erklärung, die wohl verzögert, aber nie und nimmer umgangen werden kann: Denn es ist un­möglich, dem rollenden Rad der Weltgeschichte in die Speichen zu greifen.

A Die Bauernunrnhen in Baden.

Wiesbaden, 16. März.

Im badischen Lande hat nach den dortigen Blättern seit langen Jahren ein furchtbarer Druck namenloser Abga­ben von Skite der Grund- und Standesherren auf den zum