11
dieâ wieder der Fall. Ein von drei neben einander gespannten Rossen gezogener, mit schwarzem Bärenfell ausgeschlagener für die damalige Zeit sehr eleganter Schlitten fuhr vor der Thür des Häuschen auf. Jetzt öffuete sich die letztere, und ein alter Mann von hoher Gestalt, bekleidet mit einem blauen Zobelpelz, trat heraus und nahm in dem Schlitten Platz. — Ehrerbietig entblößten die Umstehenden die Häupter, doch der Alte schien eben nicht sehr auf die Huldigung zu achten, sondern warf erst unruhige, daun unwillige Blicke nach der Thür der Hütte. —
„Verzeihe, Theuerster 1" — rief hastig ein eben auö dem Hause stürzender und, wie eS schien, noch im mittlern Lebensalter stehender Mann, indem er sich neben den Vori- gen in den Schlitten setzte. — „Eö hat der gnädige Czar —"
„Laß gut sein, Fürst Menschikow!" unterbrach ihn der Alte beruhigt, doch mit rauhem, stolzem Tone. — " Wenn ich gleich deö Wartens eben nicht gewohnt bin, so weiß ich doch auch, daß der Czar allein in diesem Falle die Ursache Deines Zögerns sein konnte,"
„Es ist der Bojar Alexei Nikolajewisch TscherkaSki !" — zischelte einer der Umstehenden seinen Gefährten in'S Ohr.
„Lehre mich ihn nicht kennen, Nikita !" — entgegnete sein Nachtbar. Sein Großvater zog mit seinen wilden Tschet« schenzen noch .vor weniger als sechzig Jahren im Kaukasus herum, wie mir mein Vater oft erzählte. Er würde sich wundern, wenn er seinen Nachkommen als Streaptschi mit dem Schlüssel mitten im heiligen Rußland herumstolzieren sähe."
„Bist Du Deiner Ohren so überdrüssig, Andr/uschka, daß Du solche vermessene Reden führst?" — sagte der Erste erschraken, indem er den Freund ziemlich unsanft in die Rippen stieß und sich bedenklich umsah. — "Hat Jemand Dein unvernünftiges Geschwätz mit an^ehört und bringt es an die rechte Stelle so dürfte eS selbst nicht einmal bei ein paar abgeschnittenen Ohren bleiben. — Weißt Du noch, wie sie dem Fedor Gladow die Nasenflügel! aufrissen, als er gesagt hatte: er habe es mit seinen Augen gesehen, daß der gnädige Czar dem Menschikow mit seinem spanischen Rohre eine tüchtige Tracht Prügel zugemessen ? Und doch wollte der arme Narr die Wahrheit seiner Behauptung vor den Heiligenbildern beschwören."
Bei jedem Dinge ist immer ein Unterschied, Nikida!" — sagte der Vorige hartnäckig. — "Hätte der Czar (den Gott erhalte) sich mit dem Bojaren Ttcherkaski die Lust gemacht, so würden Manche den Kops geschüttelt und gesagt haben: der Herr hatte bedenken sollen, daß der Bojar fürstlichen Geblütes und so zu sagen halb und halb seines Gleichen sei, während der ganze Hof dem Menschikow die Prügel gönnte, nnd von Hundert immer Neunundneunzig versicherten, dem Moskauer
Pastetenbäcker sei recht geschehen. Du siehst also klar, daß der Fedor am unrechten Orte Augen gehabt, denn dem Bojaren würde sein Gerede nicht viel geschadet haben, wohl aber dem vornehm gewordenen Bauernsohne."
„Andrjuschka!" — rief Jener entsetzt, indem er ein Kreuz schlug — „entweder der böse Feind redet aus Dir oder Deine selige Mutter hat es Dir angethan; die Leute sagen immer, sie sei eine Hexe, und ich glaube es fast, denn sie war aus Kiew gebürtig, und die Hexen sind alle aus Kiew."
(Forts, folgt.)
Zur Literatur und Censur.
Genesis der Inli-Nevolntion von Carove. (Fortsetzung.)
Friedrich der Große, dessen glorreichem Vorbild Joseph der Menschenfreundliche und mehrere andere deutche Fürsten folgten, Friedrich der Große war es, der, — kraft seiner Machtvollkommenheit, — das Gesetz, die Selbstständigkeit der Gerichte, Gewissens-, Cultus und Preßfreiheit, und vor Allem die Wissenschaft inthronisiere. Er war es, der die Idee des Staates, als des wahrhaften, unsterblichen Souverains, anerkannte, indem er die ewig denkwürdigen Worte niederschrieb:
„Qu’on s’imprime bien que la Conservation des lois fut l’unique raison qui engageât les hommes â se donner des supérieurs, puisque c’est la vraie origine de la souverainété. Le magistrat était le premier servi- teur de l’état ... Le souverain n’est que le premier serviteur de l’état obligé d’agir avec probité, avec sagesse et avec un entier désintéressement, comme si â chaque moment il devait rendre compte de son administration â ses concitoyens.“
Friedrich der Große und Joseph II. waren es, welche, freimüthige Besprechung der öffentlichen Angelegenheiten gestattend, thatsächlich die Verantwortlichkeit der Regierungen gegen das Gemeinwesen anerkannten, welches demnächst an dessen gesetzlicher Vertretung das rechtmäßige Organ dafür gewinnen sollte. Als in Frankreich gerechter Tadel der Gewalthaber noch durch Lettres de cachet und die Bastille unterdrückt wurde, ließ Friedrich der Große ein in der Residenz etwas hoch angeschlagenes Pamphlet gegen seine Regierung niedriger befestigen, damit es leichter gelesen werden könne, und Joseph II. erklärte in einer Censurordnung (11. Juni 1781): „Critiken, wenn es nur keine