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Schöffen, und mit Sorgfalt überwachen sie die Ausrechthaltung der städtischen Freiheit, womit die ihrer eigenen Privilegien so innig zusammenhängt. Diesen „Geschlechtern" nun gegenüber sehen wir die aus Zunftgenoffen bestehende Gemeinde, in einem Selbstbewußsein, welches mit dem Wohlstand, dem Erfolg ihrer gewerblichen- und Handelöthätigkeit zugleich gewachsen und kräftig geworden ist, — sie stellt den ererbten Vorrechten der Geschlechter das rüstige Erwerben, dem ritterlichen Stolze keinen geringeren entgegen, und trachtet in dieser Eifersucht, die sie weder verhehlen kann noch will, nach Mit- Herrschast. Eine mächtige Gährung, die im Stillen fortwirkt, und nur des Anlasses bedarf, um zum Ausbruch zu kommen!
Seit alten Zeiten saßen zu Köln die „Hausgenossen," — ein Verein, welcher über die Münze der Stadt wachte; denn nach der kölnischen Mark wurde der Werth jeder fremden Münze ermittelt und festgesetzt; die kölnische aber ward stets unter demselben Stempel geprägt, und im Dom bewahrte man die Mustermünze. Wie die Stadt, so schlug auch der Erzbischof seine eigenen Münzen, aber die Stadt nahm sie nur dann an, wenn Stempel und Gehalt unverändert blieben; bloß dreimal durfte er Münzen von neuer Präge und verschiedenem Gehalt schlagen, nämlich: wenn ein neuer Erzbischof gewählt und bestätigt wurde, wenn er dem Kaiser auf der Romfahrt folgte, und wenn er sich von Rom das Pallium holte. Keiner von diesen 3 Fällen war vorhanden, als Konrad von Hochstaden im Jahre 1240 neue Münzen prägte. „Das alte Recht ist angctastet!" sprachen da die Hausgenossen zu den Bürgermeistern, „wohin soll dieß führen? An Euch ist's, die Freiheit zu bewahren! So thuts!" Getreu thaten sie's und mahnten den Erzbischof an das alte Recht. Aber erzürnt zog dieser auS Köln fort, und entbot der Stadt von Andernach auS durch einen Fehdebrief den Krieg. Rasch rüstete er, rief alle seine Lehnsmannen unter sein Banner und führte sie aus 9 Hcerschiffen nach Deutz, um Köln zu belagern. Vergebene Mühe! Um so heißer entbrennt der Zorn des streitbaren Herrn! Er läßt gewaltige Wurfmaschinen aufrichten, um Steine auf die trotzigen Zinnen zu schleudern. Aber wie gering ist.der Erfolg! Nichts weiter wird versehrt, alö — 5 Schiefer auf dem Dach des Hauses zum Rodenberg. Konrad gibt jedoch die Hoffnung nicht aus. Neichen Lohn bietet er dem, der der Stadt einen Schaden thun oder die reichbeladenen Schiffe zerstören kann, die so stolz und prächtig, mit wallenden Wimpeln, seiner Fähnlein zu Deutz spottend, gen Köln fahren. Ein Dienstmann unterwindet sich deö Werks und erhält dazu vom Erzbischof ein Schiff, das er mit griechischem Feuer zu einem Brander einrichtet. Glücklich bringt er eS dicht an die
Kaufmannsschiffe, und schnell wird jetzt das Feuer auf dem Brander entzündet. Doch siehe da: seltsamer Weise verzehrt die Flamme nur den Brander, ohne ein anderes Schiff zu berühren, und daâ griechische Feuer, daö im Wasser nicht erlischt, schwimmt aus den Wellen des Rheins fort, den Bürgern Kölns ein prachtvolles Schauspiel. Mit bitterem Unmuth sah es Konrad von Hochstaden in Deutz. Da trat ein edler Ritter zu ihm, Hermann von Wittinghoven, und redete ihm zur Sühne: „Seht, eö ist Fasten gekommen, die Zeit der Buße, und wir liegen hier noch immer im Krieg? Gedenkt der Treue, womit euch die Bürger von Köln in den Tagen der Gefahr mannhaft beigestanden, ein Volk, reich an Kunst, Muth und Ausdauer! Dort liegt die feste Stadt, umgürtet von ihren Mauern, und ein langwieriges, fast unmögliches Werk dünkt eö mich, sie zu überwältigen. „Lange besann sich Konrad von Hochstaden, den Rath zur Aussöhnung anzunehmen; doch endlich gab er nach, die Kölner gingen gern und ohne Säumen auf die Friedensvorschläge ein, und Konrad von Hochstaden zog nun wieder in die Stadt. (Forts, f.)
Die Verbannten.
Novelle von T. v. Wachsmuth.
An den flachen Ufern der Newa, da wo in unsern Tagen die pallastreichste Stadt Europa'S mit ihren achttausend Häusern, ihren Obelisken, ihrer Riesensäule sich erhebt, wo für die Ewigkeit gebaute Granitdämme die Richtung deö stolzen Stromes zügeln, lagen im ersten Jahrzehend des achtzehnten Jahrhunderts eine Anzahl zerstreuter, fast hüttenähnlicher Wohnungen, mehr oder minder entfernt von dem morastigen Flußufer. Obwohl die Härte des Winters bereits den Strom mit einer ellendicken Eisdecke überkleidet hatte, ein tiefer Schnee die Gegend weit und breit bedeckte: so wimmelte eö dennoch zwischen den zerstreuten Hütten deö jungen Petersburgs von Menschen jedes Alters — es war ein heller Wintertag — gruppenweise ein kleines hölzernes, am Newauser gelegenes Haus umstanden, oder in Schaaren über das Eis nach der Gegend der im Flusse auf einer Insel gelegenen Festung wanderten. Mit neugierigen Blicken musterte das Volk jeden der zahlreichen Schlitten, die in der Nähe deö vorerwähnten Häuschens sich versammelten; aber weit reger schien daö allgemeine Interesse zu werden, wenn, waS von Zeit zu Zeit geschah, irgend Jemand die kleine Wohnung verließ und wie mit rascher Botschaft entsendet bald darauf in einem von laugmähnigen Rossen gezogenen, pfeilschnell über daö Eis dahinschießenden Schlitten den Augen der Neugierigen entschwand. — Ebeu war