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Leib und Seele Soldat. Oft genug hatte er seine Uebereilung schon bereut, und war innig froh, trotz seines gegebenen Ehrenworts, wieder an die Spitze seines Regiments treten zu können. Ziethen aber stand schweigend da, und wartete, bis der König sprechen würde. Peinlich war die Stille für alle Anwesenden.
Endlich sprang der König auf, ging rasch auf Ziethen zu, faßte ihn am Kollet, und knöpfte, während dem er sprach, einen Knopf nach dem andern zu.
„Weiß Er denn schon, Ziethen, daß ich den Kerl, den Radyschtzander, heut Abend zum Teufel gesagt habe? — hat eine miserabele Couduite hier geführt, der Filou — bin aber hinter seine Schliche gekommen! — Jetzt ist er fort, und läßt sich hoffentlich nie wieder in meinen Staaten sehen."
Ich gratulire, Ew. Masestät, daß Allerhöchstdieselben sich einen bösen Hofschranzen und Speichellecker vom Halse geschafft haben. Wenig ehrliche Kavaliere hätten mit dem schlechten Kerl fortdienen können, wenn er eö wirklich dahin gebracht hätte, ein Regiment zu erschleichen."
Aber mit Seiner Conduite bin ich auch nur sparsam kon- tentirt, Ziethen. Er ist ein Hitzkopf — Er kann Sein Maul nicht halten — man kann gar nicht gehörig mit Ihm einen Diökours führen — Er wird gleich grob. — Hätte Ihn gestern gern bei Tafel gehabt, wie die Rede auf die Affaire bei Moldau-Tein kam. — Da meinten die Andern — Ihr hättet viel Fortune dabei gehabt — ich meinte aber, Ihr hättet ein großes inérite dabei gehabt, und bin davon so penetriret, daß ich expreß komme, um Euch noch vor dem Ausbruche des neuen Krieges für die Siege des alten zu danken. Es ist freilich übel, wenn meine Husarenregimenter in der Campagne fragen: Wo ist denn unser Vater Ziethen? und ich ihnen antworte: Ziethen liegt zu Hause auf der faulen Haut, weil er seinem Freunde ein rascheü Wort übel genommen, und mault mit der ganzen Armee. Schlimm, schlimm! Ich hatte mir das so gedacht: Er avancirt zum Generallieutenant, ich gebe Ihm so ein 20 Schwadronen und 10 Bataillone zur Avantgarde, da würde eö denn schon gehen — die Oestreicher kennen Ihn, und meine Cousine soll, wie ich höre, einen besondern Haß auf Ihn geworfen haben. Na, waS meint Er? Wir kommen wieder in die Gegend von Moldau-Tein, da kann Er sa das Schlachtfeld wieder einmal besehen, wo er sich so distin- guirt hat."
Wie ganz anders war der Ausdruck in Ziethens Gesicht nach diesen, mit dem eigenthümlichen Ton Friedrichs II. gesprochenen Worten. Verwirrt und gerührt faßte der verdiente General deS Königs Hand und wollte sie küssen, indem Thränen in seinem Auge standen, aber der König zog ihn hierauf
zu sich, umarmte ihn herzlich, klopfte ihm dann die Backen und sagte:
„Schäme Er sich, Generaüieutenant von Ziethen, Er hat ja die Augen voll Wasser! Na, morgen kommt Er zu mir, und Er auch Schwerin! — Jetzt aber Kinder, bon soir, ich muß nach Hause, weil ich mir den Quanz noch bestellt habe. Wir wollen noch ein neues Flötenduett mit einander blasen, und es ist schon spät — bon soir — bon soir! “
So that eine edle deutsch? Fürstin.
Als der jetzt regierende Herzog Adolph von Nassau geboren worden war, wurde für ihn nach einer Säugamme im ganzen Herzogthume gesucht; — denn es sollte eine reine, ftb tige, junge Ehefrau sein, von blühender Gesundheit, unbescholtener Rechtlichkeit und sanfter Gemüthsart. Aus allen Aemtern des Herzogthums wurden geeignete Personen nach Weilburg gebracht, denn es hatten sich gar viele gemeldet, da es ein schönes Stellchen war; aber nur Eine fand Beifall, und bei ihr traf auch so ziemlich Alles zusammen, waS man forderte; ja, was noch mehr war, gerade ihr wollte die liebende Mutter ihren Erstgebornen an die ernährende Brust legen mit vollem und ganzem Vertrauen. DaS war viel; aber eö war auch viel für eine Mutter, ihr Kind einer andern zu geben und ein fremdes an ihre Brust zu nehmen, sich auf ein Jahr ganz loszusagen von ihrem Gatten und ihren Kindern und gar keinem Umgang mit ihnen zu haben. Die Erwählte war sehr arm; ihr Häuschen drohte einzustürzen und — mit ihrem Gehalte wollte sie es bauen.
So wurde sie denn des Erbprinzen Schcukamme, und das Prinzchen gedieh gar schön und gesund. Die allgemein geliebte Herzogin Luise, eine geborne Prinzeß von Hildburghausen, hatte die Schenkamme ungemein lieb, und beschenkte sie gar reichlich, und hielt sie recht in Ehren; aber das liebliche Weib blieb so wie sie gewesen, stille, freundlich, dienstbereit und demüthig. Gar oft sprach die Herzogin mit ihr über ihre Verhältnisse, und suchte ihr so ihren Kummer und ihre Wünsche herauSzulocken. Da kam sie denn dahinter, daß nur zwei Dinge das gute Herz beschwerten, nämlich eine Schuld von hundert Gulden und der baufällige Zustand ihres Hüttchens.
Je näher der Zeitpunkt der Rückkehr zu den Ihrigen kam, desto fröhlicher wurde sie. Eine andre wäre traurig geworden, wenn sie das gute Leben am Hofe hätte verlassen müssen; aber eö siel ihr auf, daß ihr Mann und ihre Kinder, die sie wohl alle paar Wochen Sonntags einmal sah, schon lange nicht mehr da gewesen, und doch war Mehrenberg nur eine Stunde von Weilburg entfernt. Das tröstete sie, daß