Nr. 2.
Bârgerblatt für Unterhaltung ««» Literatur.
Wiesbaden, 14. März 1848.
Der alte Ziethen.
(Schluß.)
Wie versteinert standen Ziethen und Schwerin. Der Erstere war vom Sopha aufgesprungen und stand in ehrerbietiger militärischer Haltung neben Schwerin, der sich den Rock zuknöpfte und dessen Augen den Boden suchten.
„Ich war bei Ihm, Schwerin — suchte Ihn in Seinem Hause; aber da sagte man mir, daß Er bei Seinem Freunde Ziethen wäre. Habe jetzt viel zu thun, und mochte nicht bis morgen warten; wollte Ihm nur sagen, daß Sein Regiment morgen Marschordre bekömmt, und daß Er rasch nach Pasewalk macht, damit die Marschordre nicht früher in der Garnison ist, als der Chef."
„Ew. Majestät halten zu Gnaden, ich habe nicht mehr die Ehre, in Allerhöchst Dero Diensten zu stehen."
„Er kann sich auch wegen der Reisekosten bei meinem Militärintendanten melden. Kommt ein Bischen unverhofft, die Marschordre, Herr Generalmasor, nicht wahr? Aber kann nichts dafür. — Da sind Frauensleute daran schuld. Die Pompadour hat nicht geruht, bis sie die Veränderung im Ministerium durchgesetzt, und meine gute Cousine von' Oestreich will mich nun, mit Hülfe der Franzosen, zu einem Marquis von Brandenburg machen, aber so haben wir nicht gewettet. Wir wollen sie bürsten, nicht wahr, Ziethen?"
Mit fester und sehr ernster Stimme erwiederte Ziethen: „Zu Befehl, Ew. Masestät! Ich werde aber diesmal nicht mit dabei sein, denn meine Gesundheit ist durch die letzte Campagne zu sehr geschwächt, und da ich auch schwerlich im Stande sein werde, die nöthigen Dispositionen vorher zu entwerfen, so bitte ich unterthänigst um meine QuieScirung."
„Hör' Er 'mal, Ziethen, Er muckscht mit mir — sei Er stille—ich sage Ihm, Er muckscht! Er sollte sich waS schämen, weiß Er daS?! Seinen König um den Abschied zu bitten,
wenn die Oestreicher, Russen, Sachsen und Franzosen ihm auf den Pelz wollen."
„Ew. Majestät halten zu Gnaden —"
„Sei Er stille — wir reden nachher noch zusammen; jetzt will ich erst mit Schwerin da reden — der ist auch mucksch, und trägt mir eS wahrscheinlich nach, daß ich ihm den pour le mérite um den Hals gehängt habe."
„Ew. Majestät — ich mucksche nicht — aber ich kann nicht ferner die Ehre haben, Ew. Majestät zu dienen, weil ich kein besoffenes Regiment kommandiren will."
„Ist denn das so etwas Erschreckliches, besoffen zu sein? Sag' Er mal, ist Er noch nie besoffen gewesen, Schwerin?"
„Zu Befehl, Ew. Majestät, schon öfter, alö Fähnrich beim Regiment Schwendy."
„Na, sieht Er wohl! — Und nun ziere Er sich nicht länger."
„Aber, Ew. Majestät, ich habe mein Ehrenwort gegeben, meinen Degen ^nicht wieder vor der Front des Regiments zu ziehen, und ich bin Kavalier."
„Wer verlangt denn von Ihm, daß Er den Degen ziehen soll? Kommandire Er mit der Reitpeitsche! Wenn Er nur kommandirt, womit, ist mir sehr egal."
„Ja, wenn Ew. Majestät so meinen?"
Versteht sich, meine ich eö so. Wo ein Schwerin komman- dirt, da brauche ich weiter keine Sorge zu haben. Na, also geb' Er mir die Hand. Fege Er die Oestreicher mit der Reitpeitsche vor sich her, desto besser! — Sein Regiment wird sich recht freuen, Ihn wieder zu sehen. Ist doch ein schönes Regiment — grüß' Er es von mir. Wenn Er morgen auf der Parade die Parole: Hohenfriedberg, hört, so denke Er nur daran, daß der König von Preußen Ihm eine Aufmerksamkeit erweisen will."
Der König schwieg und setzte sich auf daS Sopha, indem er mit dem Krückstock Figuren auf den Boden zeichnete. Schwerin stand mit ganz verklärtem Gesicht da, denn er war mit