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rittern, sondern auch die Scholastik, welche die Selbst« befreiung des denkenden Geistes, und der Episcopalis- mus, der die Emancipation der Laien von der päpstlichen Hierarchie vorbereitete.
Von Frankreich ging die Steigerung der königlichen Macht aus, durch welche die erstarrte Feudal-Aristokratie gebrochen, die Nation zum Selbstbewußtsein erhoben und die Herrschaft des Gesetzes vorbereitet wurde. Dadurch endlich, daß das erstarkte Königthum alle Aufstrebenden in seiner Residenz um sich versammelte, konnte hier eine geistige und sociale Bildung reifen, welche, was man auch Uebles von ihr sagen mag und darf, — dennoch Unermeßliches zur Wiedergeburt Europa's beigetragen hat.
Zur Zeit, als das Streben, vor dem überall klaffenden Abgrunde ewiger Verdammniß durch Vermittlung der Priesterschaft in Sicherheit gebracht zu werden, den Klerus (die Ausgewählten) zum ersten Stand, und die Sprache der Hierarchie zur Weltsprache erhoben, war Rom, als dem Centrum der höchsten Autorität, gegenüber, Paris zum Centrum der theologischen und formell-rationellen Bildung erwachsen. Mehr als 30,000 Schüler aus allen katholischen Landen schaarten sich um den Doctor angelicus (Thomas v. Aquin), wie um den geistreichen, aber Heterodoren Abälard. — Als demnächst der Klerus sich verweltlicht, und selbst Rom der Politik verfallen, als die weltlichen Interessen zur Vorherrschaft gelangt waren und der Krummstab sich unter die königliche Machtvollkommenheit beugen mußte, da wurde zunächst Paris der Mittelpunkt sowohl der höchsten Gewalt, als der feinsten Bildung. Und abermals wurde es die Hochschule Europa's, und die französische Sprache nun die allgemeine Sprache des höchsten Standes. Der unsterbliche Leibnitz, der auf der Höhe jener Zeit stand und unstreitig damals der würdigste Repräsentant seines Volkes war, selbst Leibnitz, der, in der früheren Bildung wurzelnd, lateinisch, und der künftigen nationalen Entwickelung vorgreifend, auch deutsch schrieb, verfaßte doch seine bedeutendsten Werke in französischer Sprache. Die französische Literatur wurde, nächst der griechischen und römischen, eine Weltliteratur, und bereitete auf allen Höhen der europäischen Gesellschaft den Boden, aus welchem demnächst jene Com- munion der Geister erblühen sollte, als deren köstlichste Frucht uns der hoffentlich nicht mehr ferne heilige Bund der Nationen Europa's entgegenreift.
Aber Frankreich wirkte nicht nur durch seine feine literarische und gesellige Bildung auf Europa mächtig ein;
es hat auch gewaltige, ja die fürchterlichsten Kämpfe und Leiden für uns bestanden, und hierdurch es reichlich verdient, daß einst, wenn unsere verhängnißreiche Uebergangszeit unparteiisch gewürdigt werden kann, die französische Nation ebenso für die politische, wie die deutsche Nation für die religiöse Transfiguration unseres Welttheiles als Heros wird gefeiert werden.
Waren die Franzosen uns vorangeeilt zur Befteiung des heiligen Grabes aus den Händen der gewaltthätigen Ungläubigen, so schritten sie uns auch voran in Befreiung des bürgerlichen Lebens vom Faustrecht eines übermüthigen Adels durch Errichtung königlicher Gerichte und Bändigung der eigenmächtigen Großen des Reiches. Als das heilige Reich deutscher Nation kirchlich in zwei feindliche Hälften, politisch in mehr als tausend kleinere und größere Herrschaften zerfallen war, und fremde Mächte zur Zerfleischung unseres unglücklichen Vaterlandes herbeigerufen wurden, da war für Frankreich schon die nationale Einheit gewonnen und der Sieg des Königthums über die egoistische Aristokratie entschieden.
Zunächst war diesee Sieg freilich ein Sieg unbeschränkter Souverainität über die Autonomie der historisch erwachsenen Körperschaften, so daß Heinrich IV., als das Pariser Parlament ihm eine Remonstranz gegen sein Edikt von Nantes vorbrachte, — welches den Protestanten Cultusfreiheit gewährte, erwiedern konnte:
„J’ai fait l’édit, je veux qu’il s’observe. Ma volonté devait servir de raison; on ne la demande jamais an prince en un état obéissant. Je suis roi maintenant, je vous parle en roi: je veux étre obéi.“
Auch hatte Frankreich fast z:vei Jahrhunderte hindurch gar Manches von dieser Fürstensouverainität zu erleiden, besonders seit kraft derselben eben jenes von ihr durchgesetzte Edikt wieder aufgehoben wurde.
Dagegen verdankte es ihr eben wohl die Sammlung aller ihrer geistigen Kräfte nicht blos, wie die Könige meinten, zur Verherrlichung des Thrones, sondern auch zur Bekämpfung aller fesselnden Vorurtheile, aller nur historischen oder vielmehr nur thatsächlich, aber nicht in der Vernunft begründeten Privilegien. Hierdurch bildete sich dort über der ersterbenden weltlichen und klerikalischen Aristokratie zuerst jener Adel der Intelligenz, der späterhin im Vereine mit dem industriellen Stande zur Herrschaft und zur Umgestaltung aller gesellschaftlichen Verhältnisse sich berufen finden sollte. (Forts, f.)
Druck und Verlag von Wilhelm Friedrich. — Verantwortlicher Redacteur: W. Friedrich.