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langte, allein sie fand eine entschiedene Zurückweisung, da die Versammlung blos eine Berathung und gegenseitige Aufklärung zum Zweck habe, dagegen eine Abstimmung und Beschlußfassung ganz außerhalb ihrer Sphäre liege und den legalen Organen zu überlassen sei. Hiermit wurde die Diskussion geschlossen.
Wiesbaden, 12. März 1848. Wir halten es unter dem dermaligen Drange der übrigen politischen Ereignisse und der Masse des sich bietenden Stoffs für überflüssig, die bereits von Mund zu Mund, von Zeitung zu Zeitung getragene frohe Kunde von den hiesigen Ereignissen des 2., 3. und 4. März in ihren thatsächlichen Einzelheiten nochmals zu wiederholen und beschränken uns daher darauf, das Ergebniß jener Ereignisse, nämlich die Proclamation des Herzogs vom 5. März, auf Grund deren sich unsere neuen staatlichen Einrichtungen fortbauen werden, mitzutheilen: „Getreue Nassauer! Gestern Nachmittag von einer achttägi- ven Reise zurückgekehrt, habe ich die außerordentliche Lage des Landes erfahren. Ihr habt von mir gefordert: 1) Allgemeine Volksbewaffnung mit freier Wahl seiner Anführer, namentlich sofortige Abgabe von 2000 Flinten und Munition an die Stadtbehörde von Wiesbaden. 2) Unbedingte Preßfreiheit. 3) Sofortige Einberufung eines deutschen Parlaments. 4) Sofortige Vereidigung des Militärs auf die Verfassung. 5) Recht der freien Vereinigung. 6) Oeffmt- lichkeit, öffentliches mündliches Verfahren mit Schwurgerichten. 7) Erklärung der Domänen zum Staatseigenthum unter Controle der Verwaltung durch die Stände. 8) Sofortige Einberufung der zweiten Kammer lediglich zur Entwerfung eines neuen Wahlgesetzes, welches auf dem Hauptgrundsatz beruht, daß die Wählbarkeit nicht an einen gewissen Bermögensbesitz gebunden ist. 9) Beseitigung aller Beengungen der uns verfassungsmäßig zustehenden Religionsfreiheit. Diese Forderungen, deren Gewährung Euch mein Minister versprochen und meine Mutter und mein Bruder mit ihrem Namen verbürgt haben, genehmige ich und werde ich halten. Habt Vertrauen auf mich, wie ich Vertrauen habe auf Eure Treue und Muth, wenn das Vaterland bedroht ist und Eurer bedürfen sollte. Die erste dieser Forderungen, die Volksbewaffnung, hat sich bereits gestern bewährt durch die muthige und treue Haltung der Bürgergarde von Wiesbaden und ich rechne darauf, daß sie auch überall im Lande mit Ordnung in Ausführung gebracht wird. Getreue Nassauer! Jetzt gilt cs Ordnung und Ruhe aufrecht zu erhalten; dies ist um so nothwendiger in einer selbstständigen freien Gemeindeverfassung, die ich Euch gerne geben werde. Nassauer! wie ich mich auf Euch verlasse, so verlaßt Euch fest auf Euren Herzog. Wiesbaden, den 5. März 1848. Adolph."
Wiesbaden, 12. März. (Eröffnung derStändeversamm- lung.) In Folge des Landesherrlichen Edicts vom 16. Februar und der Ministerialverfügung vom 3. März wurde die diesjährige Stände- Versammlung am 6. März Mittags 12 Uhr von Seiner Hoheit dem Herzog im Thronsaale mit folgender Thronrede eröffnet: Meine Herren und lieben Stände! Ich bin gekommen, diese Versammlung selbst zu eröffnen, und gebe Ihnen den Beweis, daß ich mich offen und strenge an den Gang der Bestimmungen halte, welche gestern durch meine Proclamation dem Lande verkündet worden sind. Ihre gegenwärtigen Sitzungen haben nur das versprochene neue Wahlgesetz zum Gegenstand. Ich empfehle diese wichtige Angelegenheit Ihrer sorgfältigen Erwägung. Auf Ihre Einsicht und Treue muß ich mich in diesen schwierigen Zcitverhältnisseu mehr als je verlassen können; ich verlasse mich darauf. Ihre Sitzungen werden öffentlich sein. Meine Herren und lieben Stände! Ich hoffe und vertraue zu Gott,. daß die neuen Institutionen unserem Lande und dem ganzen deutschen Vater- lande Segen bringen werden.
In Gegenwart der Landesherrlichen Commiffarien: Domänenpräs. Vollpracht, Ministerialr. Bertram; und der Landesdeputirten: Präsid. Otto, Secret. Hergenhahn, Secret. Senfft, Baldus, Wilhelmi, Schütz, Höchst, Siebert, Cratz, Dienst, Belte, Ermen, Bertram, Ph. Müller, Fußinger, Heß, Eberhardt, Heeser, C. Müller, Dr. ZaiS und Haas eröffnete hierauf der vorigjährige Präsident Otto die Sitzung mit folgenden Worten: Meine Herren! Der Zeitpunkt, in welchem Wir zusammengetreten sind, ist ein hochernster und ungemein wichtiger. Nicht Worte sind es, sondern Thaten, welche er fordert. Darum sind es nur wenige Worte, mit denen ich, vorläufig noch mit der Geschäfts - leitung dieser Versammlung beauftragt, unsere Verhandlungen eröffne. Neue Ordnungen hat unser Volk zu seiner Wohlfahrt verlangt. Wlr haben in einer Stunde, deren Andenken nimmer erlöschen wird, mit
Tausenden unserer Mitbürger daö Wort des Herzogs vernommen, der diese Ordnungen seinen Nassauern zugesichert hat. Zum Theil find fie schon in's Leben getreten. Sie sollen alle zur Verwirklichung kommen. Aus dem Munde des Herzogs ist darum heute dieser Versammlung die Aufgabe geworden, ein neues Wahlgesetz zu berathen, welches auf dem Hauptgrundsatze beruht, daß die Wählbarkeit nicht an einen gewissen Vermögensbefitz gebunden ist. Meine Herren, wir fühlen das Gewicht dieser Aufgabe. Unsere Herzen find erfüllt von dem Verlangen, fie nach Kräften zu lösen; reichen wir uns die Hände zum Werke. Möge es uns gelingen, dasselbe nach den Anforderungen unserer Mitbürger, welche auch diejenigen unseres Fürsten sind, zu Stande zu bringen. Ein freies und durch Freiheit starkes und glückliches Nassau! das sei unser Wahlspruch. Und nun mit Gott an's Werk, das ein Segens- werk werden soll. Ich ersuche nunmehr die Herren Commiffarien um gefällige Uebergabe ihrer Vollmacht. /
Domänenpräsident Vollpracht: Ich habe die Ebre die Vollmacht zu überreiche», wonach der Hr. Regierungspräsident Möller, der Hr. Geh.-Rcgieruiigsrath Giesse, Hr. Ministenalrath Bertram und ich zu Landesherrlichen Commiffarien bei der diesjährigen Ständeversammlung ernannt worden sind.
Die Vollmacht lautet: Wir Adolph von Gottes Gnaden Herzog zu Nassau re. x. haben Uns gnädigst bewogen gefunden, bei der von Uns am 6. d. M. eröffneten Versammlung der Landstände zu Unseren Landesherrlichen Commiffarien bei beiden Abtheilungen zu ernennen und zu bestellen: Unseren Regierungspräsidenten Möller, Unseren Do- mänenpräsidcnten Vollpracht, Unseren Geh.-Regierungsrath Giesse, Unseren Ministerialrath Bertram. Wir ertheilen demnach denselben Auftrag, Vollmacht und Gewalt, nach Maßgabe der vorliegenden verfassungsmäßigen Bestimmungen an allen Verhandlungen der versammelten Landstände sammt oder sonders selbst Antheil zu nehmen, resp, alle und jede Unserer Diener, deren besondere Sachkenntniß einzelner Gegenstände die Berathung erleichtern könnte, zu deren Sitzungen zu ziehen. Dessen zu Urkunde haben Wir gegenwärtiges Commissorium eigenhändig vollzogen und Unser Cabinetssiegel bcidrücken lassen. So geschehen Wiesbaden, den 6. März 1848. (L. S.) Adolph, vdt. v. Dungern. Für die Abschrift Moureau.
Präsident Otto: Ich heiße die Herren Commiffarien im Namen der Versammlung zu unserer gemeinschaftlichen Thätigkeit willkommen. Da wir heute nur die Versammlung zu eonstituiren haben, so ist zunächst die Wahl eines Präsidenten vorzunehme». Ich ersuche die ver- ehrlichen Mitglieder der Versammlung, die Namen derjenigen drei Herren, die sie vorschlagen wollen, schriftlich zu bezeichnen. Das Resultat der Abstimmung ergab, daß die Deputirten: Hergenhahn 20, Siebert l2, Cratz 10, Bertram 9, Otto 6, Höchst 2, Wilhelmi, Baldus, Schütz und Senffl jeder 1 Stimmen erhalten hatten.
Präsident Otto: Ich werde das Resultat der Wahl den Herren Commiffarien unter dem Ersuchen mittheilen, dasselbe Sr. Hoheit dem Herzog zur Ernennung des Präsidenten aus den drei mit höchster Stimmenzahl Gewählten vorzulegen. Ich habe sodann der Versammlung noch zu bemerken, daß der Herr Deputirte Dresel verhindert gewesen ist, der heutigen Sitzung beizuwohnen. Da Seine Hoheit der Herzog den Landtag persönlich eröffnet haben, so wird es angemessen sein, daß die Versammlung Sr. Hoheit eine Adresse überreiche. Wenn Sie damit einverstanden sind, so bitte ich dies zu erkennen zu geben.
Sämmtliche Mitglieder erklärten sich ^einverstanden.
Der Präsident Otto ersuchte darauf die Versammlung, eine aus fünf Mitgliedern bestehende Commission zum Entwürfe der Adresse zu wählen.
Deputirter Velte: Ich bin der Ansicht, daß die Ernennung der Commission dem Herrn Präsidenten zu überlassen sei.
Da die übrigen Mitglieder diesem Vorschläge nicht beitraten, so wurde zur Wahl geschritten. Das Resultat ergab sich für die Depu- tirten: Hergenhahn eine Stimmenzahl von 19, Bertram 13, ZaiS 11, Siebert 9, Cratz und Otto jeder 8.
Präsident Otto: Da der Herr Deputirte Cratz und ich gleiche Stimmenzahl haben, so hat das Loos zwischen uns beiden zu entscheide».
Das Loos e»tschied für den Deputirten Cratz.
Präsident Otto: Ich ersuche die Herren, welche in die Commission für den Adresse-Entwurf gewählt worden sind, das Geschäft so vorzu- nehmcn, daß in der morgen zu haltenden Sitzung die Adresse zur Berathung kommen kann. Diese Sitzung wird Vormittags 11 Uhr stattfinden und lade ich Sie ein, sich zu dieser Stunde wieder hier cinzu- finden; die heutige Sitzung aber erkläre ich hiermit für geschlossen.
In der Sitzung vom 7. März, in Gegenwart der landesherrlichen Commiffarien und sämmtlicher Landesdeputirten wurde das Protocoll vom 6. März vorgelesen und ohne Erinnerung dagegen genehmigt.
Präsident Otto: Ich ersuche die Herren Commiffarien, ihre etwaigen Mittheilungen an die Versammlung gelangen zu lassen.
Domainenpräfident Vollpracht: Ich habe der Versammlung die Mittheilung zu mache», daß Seine Hoheit der Herzog den Herrn Dc« putirtcn Hergenhahn zum Präsidenten der Versammlung gnädigst zu ernennen geruht haben.
Präsident Hergenhahn nahm den Präsidentenstuhl ein und richtete folgende Worte an die Versammlung: Meine Herren! Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen; es wird mein ernstes Bestreben sein, es zu rechtfertigen. Die Zeiten sind ernst, so ernst, wie sie die Geschichte kaum weiter aufzuweisen hat. Auch in dem Leben der deutschen Nation ist ein Wendepunkt eingetreten, so plötzlich und in so wunderbarer Schnei- ligkeit, daß sich der überraschte Blick in den ganz umgestalteten Verhältnissen kaum zurecht zu finden weiß und wir alle unsere Geisteskraft zusammen nehmen müssen, um die Besonnenheit und Beharrlichkeit zu behaupten, die gerade in so ernsten Zeiten doppelt nöthig ist und die