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Diplomatie täuschte, indem sie selber die Kaisertochter in dieWagschale warf, so wird dieselbe heute vielleicht von noch weit kühneren, weit ausschweifendem Charak­teren aus ihrem alten Traum gerüttelt werden, welcher zum zweitenmal mit dem gänzlichen Umsturz alles Be­stehenden enden kann.Frankreich wird sich in sich selbst zerfleischen, es hat die königliche Prärogative zum zwei- te^nai m den Staub gezogen und aufgehoben; zum zweitenmal gräbt es in dieGeschichtstafel den Namen-N a? pole an ein! Frankreich steht ohne Rechtsschutz, ohne Vertheidigung." Dies ist die Sprache der Kabinetts­politiker. Die deutschen Kabinette verhalten sich passiv: noch mehr, sie zollen dem Staatsstreich Beifall. Wir legen vor Allem einigen Werth auf eine zwischen Frankreich und den süddeutschen Staaten gepflogene Unterhandlung Som Jahre 1847, welche die Jnternirung der Schweiz zum Zweck hatte, um dadurch den freien religiösen und politischen Richtungen ein Ende zu machen. Doch wollte man dem so mächtigen Frankreich nicht zuviel Gewalt einräumrn, und aus der Geschichte zog der alte leitende Diplomat damals den gewichtigen Schluß: daß die Selbständigkeit der Franzosen seit acht Jahr­hunderten immer mehr zur Einheit sich entfaltete; mit der Jnternirung glaubte man aber den später erfolgten Throneiusturz noch um ein Jahrzehent hinauszuschieben. Die Jnternirung unterblieb: die Revolutiombrach hervor. ^ Was die heutige Diktatur durch die Sprengung der Nationalversammlung und durch die Proklamirung der Constitution von 1804 in Vollzug setzte, lag bereits schon am 25. Oktober 1849 un Elv.ee nickergeschrieben. Die Sprache, welche der Präsident damals, am 30. Okt. 1849, bei Auflösung des Ministeriums führte, die Beschlag­nahme sämmtlicher antibonapartrstischen Blätter, die Drohungen gegen die gesetzgebende Versammlung mit 160,000 Mann, falls fick dieselbe seinem Willen nicht füge; die Heerschau der Truppen am 2. November im Marsfelke, dies Alles waren die ersten Kennzeichen der in dem jetzigen Gewalthaber gährenden Kaiserideen. Die Zusage fast sämmtlicher Kabinette, falls der erste Streich glückte, wenn auch nicht zum Kaiser, doch zum lebenslänglichen Präsidenten, die Paradirung einer hoch­stehenden Prinzessin als Gemahlin, eine Anleihe von 9,000,000 Frs., um der damaligen drohenden Krise vorzubeugen, dies waren die ersten sichern Schritte nach dem lüsternen Kalsermautel. Den russischen Einfluß vertrat eine Dame, welche noch heute Leiterin und Herr­scherin des ganzen Elysee zu sein scheint, und die dazu mit den frühesten Verhältnissen des Prinz-Präsidenten auf's Innigste verflochten ist. Bald folgten die letzten ge­scheiterten Versuche zur Wiedererlangung der Autorität der Legitimisten, welche gänzliche Spaltung zur Folge hatten. Solche Pläne und Vorkehrungen waren in der That geeignet, daß keine Partei so schnell an die Ausführung des Staatsstreiches dachte. Wie man sich daher die Lage Frankreichs deuten mag, wir behaupten, die Revolutionen sind nicht geschlossen, son­dern unaufhaltsam werden neue Ereignisse am politi­schen Horizont sich ereignen. Das passive Zusehen der Kabinette dünkt uns nicht Langmuth und Ruhe, son­dern man mag vielleicht eher ernstlich erwägen, was die Zukunft zu Tage fördert? Das legitime König­thum räumte selber zum zweitenmal seine Würde, seine Macht dem korsischen Geblüte ein, unter dessen Scepter das Volk Sieger und Besiegter ward; und heute legt es abermals seine Geschicke in die Hände eines Mannes, den es nur als Mittel zum Zweck be­trachtet, als Brücke zur Restauration der Bourbonen. Ob es richtig gerechnet oder ob die Nation nicht vielmehr beiden Unrecht geben wird, muß die Folge lehren.

Die Krists in Frankreich.

* Wiesbaden, 13. Dezbr. Die Nachrichten aus den französischen Provinzen lauten sehr düster. Ob­gleich sich die Gerüchte von den Metzeleien in Joigny als bonapartistische Lügen bewiesen haben, so liegen den neuesten Berichten derPatrie" und desCon- stitutionnel" doch jedenfalls sehr beklagenswcethe, ob­gleich leicht erklärliche Thatsachen zu Grünte. Man hat die Bevölkerung auf dem Lande und in den Land­städten in so verschiedenem Sinne durchwühlt, daß diese jetzt selber nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Die Utopien Louis Blauc's, dann bfe Utopien Louis Bonapartes, dessen Agenten vor den Wahlen vom 10. Dez. den Bauern mehrjährige ^Steuerfreiheit verhießen, dann die Agitationen der Klerikalen und ihnen gegen­über die der geheimen Gesellschaften, dazu die Ränke der Ordnungömänner und der Staatsstreich des Elysee: wie soll die Bevölkerung unter solchen Zuständen im ersten Momeme den rechten Weg treffen? Aber diese Vorgänge beweisen, zugleich, daß die jetzige Bewegung keine bloße Pariser ist und bleiben wird; sie beweisen, daß dem Elysee hier die Klippe droht, wenn es den rechten Weg nicht trifft. Wir geben zu, daß Belage- rungszustânre unter jetzigem System das Nächste sind, was zu thun ist; aber Belagerungszustände heilen keine Wunden, sie treiben den Groll nur für den Moment nach innen, sic säen Drachenzähne. Wir zweifeln nicht daran, daß die drei Gewalten: Prätorianertrotz, Jesuitenschlauheit und Bauerndumm­heit, ihr Werk besiegeln und dem Prätendenten eine Majorität geben werden; wir zweifeln aber eben so wenig daran, daß der Rückschlag nicht ausbleiben werde, sobald die öffentliche Neigung sich wieder geltend machen

unb das Volk auch vom Auslande erfahren kann, wie tief es erniedrigt ward.

Louis Bonaparte zeigt sich persönlich bis jetzt wie immer: lauernd und zurückhaltend, gegen seine Ergebe­nen dankbar unb schwach, gegen seine Gegner unerbitt­lich. Aber was hat er kenn bis jetzt gethan? Seine Clique hat für ihn gearbeitet, sein Gönner Moutalem- bert für ihn bekehrt, sein Heer für ihn gekämpft, seine Polizei für ihn terrorisirt. Doch grade der Umstand, daß man ihn jetzt kopfüber zum Götzen macht, wird seine Unpopularität beschleunigen. Wenn Napoleon, der Oheim, seine Soldaten besuchte, so war das etwas: er hatte sie zu Ruhm und Sieg geführt; doch der Neffe erscheint nur als kläglicher Nachahmer, wenn er, wie am 9. im Spital Gros-Caillou, die verwundeten Kriegs­knechte besucht, zehn Kreuze der Ehrenlegion austheilt, jedem der 37 Verwundeten 100 Frs. schenkt, und nun die Elyseeblätter von thränenfeuchten Augen und Sen­timentalitäten Überflüßen, die im jetzigen Augenblicke wenigstens sehr taktlos sind, weil sie das Volk reizen. Der 10. Dez. ist ohne Feierlichkeiten vorübergegangen, das Festessen im Stadthause wurde abbestellt. * Dafür ward der denkwürdige Tag gefeiert durch neue Verhaf­tungen, darunter die des Präsibentschastskandiduten der Republikaner: Car not, ferner die des früheren Ministers unter Cavaignac: Goudchaur, und des Errepräsentanteu und Republikaners David von Angers, des berühmten Bildhauers; unb dafür ward Thiers und Leon Fancher an diesem Tage in einer so höhnenden Weise deportirt, daß man den Akt der Sicherheit zugleich mit Akten kleinlichster Rache begleitete. Der 10. Dez. wurde ferner gefeiert durch Dekrete, wodurch die Generale Oudinot und Rulhieres aus der Liste der Armee gestrichen werden. Am 10. Dezember wurden endlich vier weitere Departe­ments in Belagerungszustand erklärt.

Nach den Departements der Niederalpen und des Var sind bedeutende Truppeumassen dirigirt worden, um die dortigen Aufstände uiederzuschlagen. Ueber die Unruhen in den Provinzen bringenPatrie" undCon- stitutionnel" folgende, natürlich im bonapartischen Sinne zugestutzte Nachrichten:Carlier traf nebst dem Gene­ral Pellion und dem General-Prokurator zu Bourges in der Nacht vom 8. auf den 9. Dez. mit Verstärkun­gen vor Clamecy ein, das schon seit dem 5. von Truppen blokirt wirk. Man beschloß, am 9. anzugrei­fen ; aber noch vor Tagesanbruch kamen Abgeordnete aus der Stadt und meldeten, bombte Insurgenten, die Dunkelheit benutzend, nach allen Zeiten entwichen. Um 6 Uhr früh nahmen die in ter Nacht angelangten Be­hörden ohne Schwertstreich von der Stadt . Besitz und der Präfekt erließ alsbald eine Proklamation, worin der Verwüstung von Wohnungen, der Ermordung von achtbaren Bürgern, Greisen, Kindern und Gensd'armen gedacht, der Schändung von Frauen nicht erwähnt wird. Zur Aburtheilung der durch die Truppen Ver­hafteten, so wie derer, welche von den Landlenten der Umgegend eiugebracht wurden, die auf die Flüchtigen eifrig fahndeten, war sofort ein Kriegsgericht eingesetzt worden. Zu Crest, einer kleinen Stadt im Drome- Thale, versuchten die Anarchisten einen Aufstand und pflanzten unter Vivats für die sociale Republik die rothe Fahne auf, konnten sich aber der Stadt nicht bemächtigen. Es kam zu einem Gefechte, wor­in mehrere Geuö'kaemeu getödtet oder verwundet wurden. Auf die Kunde, daß Truppen heranzö­gen , flüchteten die alsbald verfolgten Meuterer. Zu Mira ude, einer Bezirksstadt im Gers-Departe­ment, bemächtigte sich am 5. eine Meuterer-Bande der Stadt, sperrte die Behörden ein und errichtete an den Tyoren Barrikaden; als aber Truppen erschienen, ris­sen die Meuterer selbst die Barrikaden nieder und lie­ßen die Behörden frei. Sie hatten bloß zur Erpres­sung von Lehensmittelu Zeit gehabt. Die Führer des Aufstandes zu Poligny, worunter ein Sozialist, dessen erste Handlung die Einkerkerung siines Vaters und Bruders war, haben sich nach der nahen Schweiz geflüchtet. Zu Ne uvy, einem Flecken an der Loire, mieteten Meutererhaufen Barrikaden, und ein Kerl brachte, als Truppen anrüeften, dem Pfarrer, welcher zur Niederlegung der Waffen ermahnte, eine schwere Schußwunde bei. Er wurde, als die Truppen sich der Barrikaden bemächtigt und die.Insurgenten, in so weit sie nicht verhaftet wurden, sich geflüchtet hatten, ergriffen, vom Kriegsgericht verurtheilt und erschossen. Den Pfarrer hoffte der Arzt noch zu retten. Zu Beziers kämpften etwa 100 Soldaten gegen 1500 bis 2000 dort eingedrungene Insurgenten eine Stunde lang, worauf letztere mit Zurücklassung von 8 Todten flüchteten; die Truppen zählten 2 tödlich und 4 be­deutend Verwundete. Zahlreiche Verhaftungen fanden Statt; ein Insurgent hatte, ehe kerKampfbegann, einen Bürger unter dem Rufe:Da ist einGrundbesitzer!" er­schossen. Zu Bedarrieur kamen in der angezündeten Kaserne 3 Gensd'armen , sowie ein Kind, das sich voll Brand­wunden nach außen rettete, von den Insurgenten aber in die Flammen zurückgeschleudert ward, ums Leben. Die anderen Gensd'armen entkamen schwer verletzt; die Frau des einen wurde getödtet. Die Stadt La Paliffe (Deport. Allier) ward am 4- Dezember früh von 300 bewaffneten Demokraten aus Donjon über­fallen, die sofort raubten und plünderten. Die weni­gen Gensd'armen wollten mit Hülfe von etwa 40 Nationalgardisten den eingesperrten Unterpräfekten be­freien, sie wurden jedoch zur Hälfte getödtet oder ver­wundet. Sobald jedoch eine Jäger-Escadron anlangte,

zog die Bande ab, um Moulins anzugreifen, was sie jedoch unterließ, da die Nationalgarde ihr entgegenzog. Donjon und die Umgegend wurden hierauf militärisch besetzt. Ju mehreren Gegenden des Gers-Departe- meuts fanden heftige Kämpfe mit Haufen von Bauern statt, welche bewaffnet die Städte Übersielen. Im De­partement der Uonne wurden außer Clamecy auch noch andere Orte von Jnsurgentenbanden überfallen/ deren erstes Ziel stets die Mairien waren, wo sie die Waffen der Nationalgarde Wegnahmen. Aehnliche Un­ruhen fielen auch im Departement des Aveyron vor; Rhodez und andere Städte wurden von Anfrührerhau- fen heimgesucht."

DerConstitutionel" erzählt folgende Episode, die eben so bezeichnend für die Barrikadenkämpfe, wie für die Truppen ist:Drei Knaben von 12 Jahren hat­ten in der St. Martinsstraße eine Barrikade bewacht und wurden von den Soldaten gefangen. General V. Herbillon rettete fie vor der Wuth der Soldaten, ließ sie aber entkleiden, durchpeitschen und fortführen."

Die Legitimisten unvOrleanisten, so weit sie ihrer Farbe treu geblieben, wollen am 20. und 21. gegen das Elysee stimmen; die gemäßigten Republikaner aber wollen sich der Abstimmung enthalten, weil fast ganz Frankreich unter dem Kriegsgeseße stehe, durch Unter­drückung der Presse die öffentliche Meinung nicht auf­geklärt werden könne, noch die nöthige Bürgschaft vor­handen sei,^ba der Friedensrichter die Mitglieder der Wahlburrant ernenne und drei vom Präfekten ernannte Municipalrâthe im Hauptorte des Departements die Stimmen zählen. Doch das Elysee rechnet auf die Bauern", die, von ihren Geistlichen beredet und be­herrscht, von den Schrecken der Ausnahmezustände die Wahlurnen schon füllen werden.

Deulschlartd.

# ^Wiesbaden, 13. December. Aus München wurde vor einigen Tagen der BerlinerVoss. Ztg." geschrieben, daß außer Baden, Nassau und Kur­hessen auch das Großherzogthum Hessen und Würt­temberg positive Zusagen für ihren Austritt aus dem Zollverein gemacht hätten. Wir haben eine andere Mittheilung gegeben, die allerdings wahrscheinlicher schien, weil sie mehr in der politischen Haltnng der Staaten begründet ist, nämlich daß Baierns, Würtemberg und die beiden Hessen Zusagen gegeben hätten. Jetzt' wird obige Meldung von derSpen. Z." als durchaus un­gegründet erklärt. Es wäre auch in der That merk­würdig, wenn schon vor Eröffnung der Konferenzen in Wien Zusagen erfolgt sein sollten. Daß übrigens in Wien das Zustandekommen des österreichisch-deut­schen Handelsvertrages nicht blos merkantilische, son­dern eben so sehr politische Zwecke hat, zeigt sich täg­lich mehr in den Wiener Bittern und in den von dort aus influencirten Organen. DerLloyd" vom 9. Dez. bringt einen Artikel, worin die Nothwendigkeit des Zustandekommens des österreichisch-deutschen Haudels- vereinS,aus der den Kontineutalstaaten feindseligen Politik Englands" dargethan wird, worin also ber« selbe Grund als normgebend voraugestellt wird, der Napoleon zu seiner unseligen Idee der Kontinentalsperre bewog. Wer einigermaßen mit der deutschen Handels­geschichte bekannt ist, der möge aus dieser Anoeutung sich einen Schluß auf die im Werke befindlichen Pläne zur Beglückung des deutschen Westens und Nordens machen. Zugleich wird in dem Artikel desLloyd" eine Sprache gegen Preußen geführt, welche beweist, wie brüderlich man für dessen Interessen besorgt ist.Das österreichische Kabinet", heißt es dort,ist so weit entfernt, denZollverein sprengen zu wol­len," daß es offen unb ohne Rückhalt im Einklänge mit seinen offiziellen Noten erklärt, daß ihm die Auf- lösnng des Zollvereins nur als ein, den österreichi­schen Bestrebungen höchst nachtheiliger Zwischenfall er­scheinen würde. Ein Gleiches ist mit der Vereini­gung des Zoll- und Steuervereins, ^in deren Zustande­kommen es statt eines Hemmnisses grade einen wahren Fortschritt für seine eigene Handelspolitik erblickt. Preußen und Oesterreich find bestimmt, Hand in Hand zu gehen und einander wechselseitig zu uu- terstützeu, nicht einander entgegenzutreten. Preußen kann keinen bleibenden Vortheil [erringen, den es ( nicht durch und mit Oesterreich erringt, unb es liegt im Interesse Oesterreichs, ihm zu jedem, den es auf diese Weise anstrebt, behilflich zu sein. Eine andere Politik kaun wohl eine ereklufiv-prenßische fein, kann aber ist es überhaupt keine Politik, nur Kannegießerei! Die beiten Cabinete sind hierüber einig, (!?) und diese Nothwendigkeit hat tvon wahrer staatsmännischer Ueberlegung kaum für Augenblicke ver­kannt werden können!"

Nach derN. Pr. Ztg." wird Hannover aller­dings den Zollkongreß in Wien beschicken, aber in der Person eines Beamten, der entschieden den Vertrag vom 7. September vertritt.

Als das Ergebniß der vertraulichen Sitzung der hannöverischen zweiten Kammer vom 7. Dezember wird die Aussicht bezeichnet, daß die Annahme des September- vertrages in der zweiten Kammer für entschieden an­gesehen werden kann.