Freit Zeitung.
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Schon oft, und namentlich wieder in der neuesten Zeit, haben wir die Erfahrung machen müssen, daß der »Freien Zeitung" in auswärtigen deutschen Staaten der Zutritt sehr erschwert worden ist, einzig aus diesem Grunde, weil sie eben »Freie Zeitung" heißt. So theuer uns nun auch dieser Name und wiewol wir wissen, daß er vielen Freunden als ein Denkstein an eine hoffnungsreiche Vergangenheit werth ist, so glauben wir doch von denselben nicht mißgedeutet zu werden, wenn wir, dem eisernen Drang der Verhältnisse Raum gebend und bedeutsamer Grüude in Berücksichtigung ziehend, für unsere Zeitung den bisherigen Namen vom 15. d. M. an fallen lassen, und statt dessen dieselbe
„Mittelrheinische Zeitung"
nennen. — Wir hoffen mit Zuversicht, alle Freunde der »Freien Zeitung" werden nach Möglichkeit die »Mittelrheinische Zeitung" unterstützen, wie wir ebenfalls alles aufbieten werden, uns der Freundschaft und Achtung, welche sie uns bisher erwiesen haben, auch ferner würdig zu zeigen. Verantwortlicher Verleger: C. Hitler.
NB. Diejenigen, welche noch im Laufe dieses Monats für's nächste Quartal auf unsere Zeitung abonniren, erhalten dieselbe vom Tage der Bestellung an gratis. Wir bitten die verehrlichen Postanstalten, dieses gefälligst zu berücksichtigen.
Der „glückliche Sieger" und feine Lob- reduer.
X Der französische Slaatsüreich wird von dem einen Theile der deutschen Presse als Stein des Anstoßes und Aergernisses betrachtet, über den das europäische Repräsentakivsystem gefallen sei, und zugleich als der Eckstein einer neuen Ordnung der Dinge im absolutistischen Sinne. Gestützt auf die politische Gut» Wicklung Frankreichs seit 1789, wie auf die ruhige Beurtheilung des französischen PolkScharakters, halten wir jene Ansicht mindestens für sehr gewagt; jedenfalls aber ist die neueste Krisis ein Prüfstein für die französische sowohl wie für die gejammte europäische Politik. Wir glauben seit Jahr und Tag bewiesen zu haben, daß wir die Krisis, welche Viele überrascht hat, als eine sehr wahrscheinliche zu verstehen und zu würdigen wußten. Der Stretch ist gegen ein Parteitreiben und gegen Personen gefallen, für das und für die wir nie einen Funken von Sympathie zu hegen vermochten. Uns hat die jetzt welt- kundige Ohnmacht dieser parlamentarischen Kampfhahne alter Schule so wenig in Staunen versetzt, wre die Doppelzüngigkeit jener Parteiführer, welche gegen das Elysee konspirirten und dem Elysee zugleich die Pläne seiner Gegner verriethen , damit LouiS Bonaparte die Linke, welche Herrin der Situation war, einstecke und mit der Rechten dann die Beute theile. Der Präsident hat gegen die Koalition ohne Ansehn der Perlon gehandelt; doch was geschieht nun? Dieselben deut- schm Blätter, welche bisher für die Legitimisten Front machten, und es der Demokratie sehr übel nahmen, wenn sie an deren Zukunft zweifelte, machen fitzt Front gegen ihre besiegten Freunde und für den Sieger. Weshalb? Weil „ihnen der Sturz der überschwänglichen Macht des parlamentarischen Prinzips in Frankreich" noch lieber ist, als der Sieg der Legi, timität. Die offizielle „Oesterr. Corr." spricht cs offen aus, daß sie sich freut über Louis Bonapartes Triumph. Die neueste „Köln. Ztg." antwortet darauf: „Die jüngsten Pariser Vorgänge haben mit der Rcpräsentativverfaffung als solcher gar nichts zu schaffen und wir können nicht energisch genug dagegen pro- ikstiren, daß die dienstwillige Regierungspresse des übrigen Kontingents, wie das in Wien bereits geschieht, den schmachvollen Sturz der letzten französischen Legislativen als einen Bankbruch der Repräseutativverfas- sung überhaupt darzustellen versuche." Die genannte Zeitung findet die Erklärung in den Worten, welche der Freiherr von Stein vor 40 Jahren an seine Richte in Paris schriebt „Die Grundursachen unsers ^Unglücks sind die Weichlichkeit und die Selbstsucht des Jahrhundeits, welche uns stets abgezogen haben von der durch die Pflicht vorgeschriebenen Linie , um die Opfer zu vermeiden, welche unsere Lage forderte; und diese Richtigkeit des Willens, dieses Verlangen nach dem Genusse des Augenblicks sind es, die uns der Ehre, der Unabhängigkeit und selbst der Güter beraubt haben, welche allein unserer dummen Selbstsucht wün- uhens'werth erscheinen." Diese Bemerkung paßt aller- d nqs sehr treffend auf die gestürzten französschen Kammerparteien. Eine Nationalversammlung, welche gewollt hätte, was sie konnte, wenn sie streng vom ersten Tage an ihre Pflicht gethan, hätte nicht so kläg. lich Fiasco gemacht. Aber waren es nicht eben die Elemente undFührer des alten konstitutionellen Systems, svelche die Nat.-Vers. nie zu der Nat.-Versamml. einer Republik kommen ließen? Loms Bonaparte bewaffnete sich zuvor mit dem Schilde des allgemeinen Stimmrechts, also mit dem Fundamen talrechte der Volkssouveränität, als er der Majorität zu Leibe gehen wollte, und in diesem Zeichen hat er gesiegt. Der Staatsstreich hat also zuerst bewiesen, daß ein Hauch demokratischen WindeS alle Kartenhäuser der Legitimisten
und aller Kammerroutiniers zu stürzen vennaa. Aber leidet der Sieger nicht eben so sehr „an der Weichlich- feit der Selbstsucht des Jahrhunderts"? Siine wiederholten Betheuerungen, nur das Volk sei Souverän in Frankreich und er werde, sobald dies ihm die Majorität versage, sein Mandat nieberlegen, scheinen das Gegentheil zu beweisen. Aber wer traut s eine in Pflichtgefühle ? Bis jetzt nur die Armee von Paris. Aber wenn er dieser Armee nicht Wort hält, wenn er nicht große demokratische Leistungen bethätigt, was dann? Dann wird er der Armee für Freiheit Ruh in bieten m ü ssc n; aber ist ein europäischer Krieg denn eine so reizende Perspektive für die europäische Diplomatie? Oder hofft man, stark genug zu sein, einer solchen Wendung in jedem Augenblicke zuvorkommen zu können? Wir wissen nicht, welche Zusicherungen Louis Bonaparte den nordischen Mächten gegeben hat, wir glauben aber, daß, wenn es solche sind, welche Frankreichs Stolz und Größe gefährden, das Spiel ein sehr gewagtes ist.
Das Repräsentativsystem ist in Frankreich aber keineswegs gestürzt: das allgemeine Stimmrecht besteht und eine Verfassung ist im Werden, die illusorisch zu machen nur einem staatsmännischen unv kriegerischen Genie, wie Napoleon, gelang und nur so lange, als er dem Nationalstolze täglich Hekatomben opferte. Der verlorene Feldzug in Rußland und die Schlacht bei Leipzig und — aus war die ganze Herrlichkeit! Wird der Neffe gleich glücklich im Kabinet und Kriegslager sein? Wenn, dann begreifen mit den Jubel so mancher deutschen Konservativen nicht; und wenn nicht, dann begreifen wir noch weniger ihre Zufriedenheit mit der jetzigen Wendung derDinge, welche nichts weniger bedeutet, als ein Zurückgehen der französischen Ration hart an die Grenze der ersten Revolu- ti o ». Ein Fehlgriff des kühnen Neffen und Frankreich betritt von Neuem den ehernen Boden einer Bewegung, die mehr als eine Pariser, die eine wirkliche Rationalbewegung wird. Solchen Aussichten gegenüber begreifen wir wiederum die Staatsmänner nicht, welche für die europäische Legitimität aus dem illegitimsten Vorfälle, ja aus dem Todesstöße der Legitimität in Frankreich sich ruhige Zeiten verbieten!
Die „Oberpostamtsztg." nimmt es den „Times" bitter übel, daß sie sich gegen den Staatsstreich aus. sprechen: wir sind der Ansicht, daß, was auch dieser Staatsstreich für Folgen haben werde, er eine Revolution ist, und daß eS einem sonst von Legitimität über fließenden Blatte übel anstehe, für eine Revolution offen Partei zu ergreifen. Und mit welch einer Ordnung der Dinge fraternisirt diese Presse! Louis Napoleon hat an die Stelle des Civilpariaments ein Militärparlament gesetzt. Diese Soldaten haben vor der Nation abgestimmt, sie sind aufgefordert worden, mit Ja oder Nein zu entscheidm, ob der Präsident bleiben und die künftige Verfassung entstehen oder in ver Geburt erstickt werden solle. Ist dieses Beispiel einer vor der Nation votirenden Armee denn ein so reizender Anblick für die konservativen Regierungen? Eine Säbklyerrichaft hat nur eüen Sinn und eine Dauer bei einer „armée-machine", bei einem Heere, das bloö Werkzeug in der Hand eines Gewaltigen ist; doch die Diktatur eines Mannes, die auf der Abstimmung der Truppen, welche somit selbstbest im. wend und souverän bei Krisen aufzutreten gelehrt sind, ruht, ist das Umgekehrte. Der Diktator sinkt zum Werkzeuge der Armee herab und ist in demselben Momente, wo er in ihr die Majorität verliert, ein ver» lorener Mann. Ist dies eine Perspektive, die weiter« sehende legitime Herzen erheben, ist dies ein Beispiel, das die Throne befestigen kann? Wer hat also die wenigste Ursache, sich über die Wendung in Frankreich zu freuen? Wir sollten meinen, gerade diejenigen, welche jetzt nicht Worte genug finden können, den glücklichen Sieger zu preisen. Wir haben von dem Rechts
punkte kein Wort gesprochen: er ist klar wie Sonnenlicht: er verurteilt den Präsidenten und spricht seine parlamentarischen Gegner frei; aber auch in dieser Beziehung ist der Staatsstreich ein Prüfstein für Viele in Frankreich und außerhalb.
Die französische Krisis.
* Wiesbaden, 11. Dezember. Die neuesten Nachrichten aus Frankreich sind heute wieder sehr deiner« kenswerth. Louis Bonaparte zeigt sich wenigstens ungleich besonnener, als feine wahnsinnige Umgebung. Seine neueste Proklamation hat auf die Bevölkerung der Hauptstadt vorläufig gut gewirkt, weil sie in einem versöhnlichen Tone abgefaßt ist; doch wird er auch halten wollen und können, was er hier verspricht? Die Proklamation lautet:
„Franzosen, die Limiten sind gestillt. Welches auch die Entscheidung des Volks sein mag, die Gesell« schaft ist gerettet. Der erste Theil meiner Aufgabe ist vollendet. Der Aufruf an die Nation, den Kampf der Parteien zu beendigen, setzte, ich wußte das, die öffentliche Ruhe nicht in die mindeste Ge- fahr. Weshalb sollte sich auch das Volk gegen mich erheben? Wenn ich Euer Vertrauen nicht mehr genieße , wenn Eure Anschauung sich geändert hat, so braucht Jbr nicht kostbares Blut zu vergießen; es genügt, daß Ihr ein Votum gegen mich in die Wahlurne legt: ich werde stets ben Volksbeschluß achten. So lange aber die Nation nicht gesprochen hat, werde ich vor keiner Anstrengung zurückschrecken, werde ich kein Opfer scheuen, um die Versuche der Verschwörer und Aufrührer zu vereiteln. Das wird mir jedoch leicht werden. Einerseits hat man erfahren, wie unsinnig es ist, den Kampf mit einer durch die Bande der Disziplin eng verbundenen, vor dem Gefühle der militärischen Ehre und Aufopferung für das Vaterland durchdrungenen Armee aufzunehmen. Anderseits hat die ruhige Haltung der Bevölkerung von Paris, die einmüthlge Entrüstung, mit der sie den Aufstand brandmarkte, offen gezeigt, auf welcher Seite die Hauptstadt steht. In den volkreichen Stadttheilen , wo die Insurrektion vor Kurzem noch so schnell ihre Streiter warb unter den, ihren Verlockungen so zugänglichen Arbeitern, hat die Anarchie diesmal nichts als t efen Abscheu gegen ihre schändlichen Auf eizungen gefunden. Dank dafür der intelligenten und patriotischen Bevölkerung von Paris! Möge sie stets mehr und mehr sich überzeugen, daß ich keinen andern Ehrgeiz hege, als die Sicherstellung der Ruhe und Wohlfahrt Frankreichs. Fahre sie fort die Autorität der Behörden zu unterstützen, und bald wird das Land in voller Ruhe den feierlichen Akt begehen können, welcher eine neue Aera der Republik einweihen soll. So geschehen im Palast des Elyfee, den 8. Dezember 1851.
Ludwig Napoleon Bonaparte."
Was Louis Bonaparte von seinem Vorsatze spricht, vor keinem Opfer zurück zu schrecken, „um die Versuche der Aufrührer zu vernichten", dieser Punkt wird freilich mit einer Strenge ausgeführt, daß man wohl sagen kann: derTerrorismus herrscht in Frankreich. Der „Köln. Z." wird jetzt auch geschrieben, was wir bereits vorgestern brachten, daß Dekrete im Werke sind, wornach die Minister bevollmächtigt werden, jeden Ausländer aus Frankreich, jede verdächtige Person aus Paris auszuweisen, alle nicht in Paris gebornen Arbeiter in ihre Dcpartcinents zurückz»schicken und die politischen Chefs, die seit 25 Jahren an den Ereignissen Theil genommen, aus Frankreich zu verbannen. Eins dieser Dekrete ist bereits am Dienstag im „Moniteur" erschienen. Es wird laut telegr. Dep. vom 9. Dezbr. darin „die beliebende Gesetzgebung als ungenügend zur Uuterdruckuug der anarchiscben Bestrebungen, der Auf.