geschloffen, während einige National-Gardisten in Uniform und Waffen den Posten inne hatten. Es bildete sich allmählich der Mairie gegenüber eine Zusammenrottung von 250 bis 300 Personen, unter denen man einige Repräsentanten bemerkte. Vatimesnil, Berryer, Tamifier, de Kerdrel zeigten sich an einem Fenster, und Vatimesnil kündigte an, baß die Fraction der National- Versammlung, in deren Namen er spreche, das allgemeine Stimmrecht proclamirt habe. Berryer entfaltete seine Repräsentanten-Schärpe und sagte: „Die Natio- nal-Versammlung ist hier in hinreichender Stimmenzahl vertreten, um zu deliberiren; sie will allgemeine Versöhnung stiften; sie hat die Amts-Entsetzung des Präsidenten der Republik decretirt; der General Oudinot ist zum Ober-Befehlshaber der militärischen Streitkräfte von Paris, und Hr. Tamifier (Montagnard) zum Ge- neralstabs-Chef ernannt." Diese verschiedenen Mittheilungen wurden unterbrochen oder begleitet durch die Ausruft : „Es lebe die Republik! Es lebe Napoleon! Es lebe die National-Versammlung!" Die letzteren waren die bei Weitem seltensten. Der Ruf: „Es lebe die Republik!" herrschte vor. Bald erschien ein Offizier, der bas Fenster zümachte. Nach und nach wurde die Straße militärisch besetzt, und gegen drei Uhr wurden bie Repräsentanten zwischen zwei Reihen Soldaten theils nach bem StaatsrathS-Palaste, theils nach der Caserne des Quai d'Orsay abgeführt.
* Wiesbaden, 6. Dez. Morgens. Die neuesten telegraphischen Depeschen und Privatkorrespondenzen, welche diesen Morgen die „Köln. Ztg." bringt, zeigen einerseits die zunehmende Aufregung eines Theils der Volksmaffeu in Paris gegen den Staatsstreich, den unzerstörbaren Leichtsinn des andern, bei beiden aber die Ueberzeugung, baß für den Augenblick die bewaffnete Macht so wohl organisirt und das Elysee so zu dem Aeußersten entschlossen sei, baß Ruhestörungen und Straßenkämpfe zwar wiederholt Vorkommen, ohne daß man jedoch bis zum Abend des 4. sagen könnte, es handle sich um einen wirklichen Volksauflauf gegen das Prätorianerregiment. Sehr natürlich! Die bedeutendsten Offiziere sind in Haft, ebenso die Parteihäupter theils gefangen genommen, theils zersprengt; die Arbeiter sind mit Recht mistrauisch gegen jene, welche den Mund voll Phrasen, doch die Hand leer an Thaten zeigten. Das Rechtsgefühl des Parisers ist im Laufe des letzten halben Jahrhunderts so abgestumpft worden, daß etwas Unerhörtes es nur aus seinem allgemeine» Zorn aufzurütteln vermöchte. Dieser Staatsstreich aber war kein „unvorhergesehenes Ereigniß;" ein solches müßte sich erst im Verlauf der Krisis ergeben, wenn es für den Moment schon zu einem großartigen Gegenstöße kommen sollte. Der Art. 68 der Konstitution vom 4. Nov. 1848 lautet.' „Art. 68. Der Präsident der Republik, die Minister, die Agenten und Träger der öffentlichen Autorität sind verantwortlich, jeder insoweit es in seinen Wirkungskreis gehört, für alle Akte der Regierung und der Verwaltung. Jede Maßregel, durch welche der Präsident der Republik die Nationalversammlung auflöst, sie vertagt oder der Ausübung ihres Mandates Hindernisse in den Weg legt, ist ein Verbrechen des Hochverraths. Durch diese eine That allein ist der Präsident aller seiner Funktionen entsetzt und die Bürger sind verpflichtet, ihm den Gehorsam zu verweigern; die Erekutivgewalt geht von Rechtswegen auf die Nationalversammlung über; die Richter des hohen Gerichtshofs versammeln sich unverzüglich, bei Strafe der Pflichtvergessenheit; sie berufen eie Geschwornen nach einem von ihnen bezeichneten Ort, um den Präsidenten und seine Mitschuldigen zu richten; sie selbst ernennen die Magistrate, welche beauftragt werden, die Funktionen des öffentlichen Ministeriums zu erfüllen. Ein Gesetz wird die übrigen Fälle der Verantwortlichkeit, sowie die Formen und Bedingungen der Verfolgung bestimmen."
Der hohe Gerichtshof, der am 2. d. versammelt war und bereits Beschluß gefaßt hatte, doch durch den Polizeipräfekten nach Hause geschickt wurde, hat jenem Art. 68. gemäß folgenden Spruch gefällt, der jetzt unter der Hand verbreitet wird: „Urtheil des hohen Gerichtshofes Kraft des Artikels 68 der Verfassung erklärt der hohe Gerichtshof Louis Napoleon Bonaparte des Hochverraths angeklagt, beruft daö hohe Geschwornengericht, um ohne Aufschub das Urtheil zu erlassen, und beauftragt den Rath Renouard mit den Funktionen des öffentlichen Ministeriums bei dem hohen Hose. Gegegeben Paris, den 2. Dezember 1851. Hardouin, Präsident; Delapalme, Pataille, Moreau (fe la Seine), Cauchy, Richter."
Der von den auf derMairie des zchntenArrondissements versammelten und verhafteten Repräsentanten verfaßte uno von Benoist d'Azy, Vitet und zwei Sekretären der Nationalversammlung unterzeichnete Beschluß lautete: „Französische republikanische Nationalversammlung. Außerordentliche Versammlung, gehalten auf der Mairie des 10. Bezirks am 2. Dezember 1851. Im Hinblicke auf den Art. 68 der Verfassung (folgt dieser Artikel, der die Verantwortlichkeit des Präsiventen der Republik und der Minister betrifft) verfügt die Nationalversammlung , in Anbetracht, daß sie durch die Gewalt verhindert ist, ihr Mandat zu erfüllen: Louis Napoleon Bonaparte ist seines Amtes als Präsident der Republik entsetzt; die Bürger sind deshalb verpflichtet, ihm den Gehorsam zu verweigern. Die vollziehende Gewalt geht mit vollem Rechte an die National-Versainmluiig über. Die Richter des hohen Juftizhofes sind verbunden, sich, bei Strafe der Pflicht
vergessenheit, unverzüglich zu versammeln, um zur Ab- urtheilung des Präsidenten und seiner Mitschuldigen zu schreiten. Demgemäß wird allen Beamten und Trägern der öffentlichen Civil- und Militär-Gewalt ein- geschärft, bei Strafe der Pflichtvergessenheit und des Hochverraths, jeder im Namen der Versammlung gestellten Aufforderung zu gehorchen."
Ueber die Rechts frage kann also gar kein Zweifel sein; aber die Geschichte der neuen Zeit hat bekanntlich den Spruch auf ihre Fahne geschrieben: „Wer die Macht, der hat das Recht!" Die Frage ist daher die: ob das französische Volk Macht genug besitzt, sich Recht zu verschaffen, und ob dasselbe es nicht vorzieht, durch allgemeine Abstimmung zu erfahren, ob die Majorität der Nation ihr verbrieftes Recht gegen ein oktroyirtes aufzugeben und mit Louis Bonaparte einer abenteuernden Zukunft entgegensetzen will? Unmöglich ist Letzteres nicht, ja der französische Nationalcharakter und die jetzige Situation machen sogar wahrscheinlich.
Die neuesten telegraphischen Depeschen der „Köln. Ztg." lauten: „Paris, 4. Dezember, früh. Nicht nur die in der Straße Nambuteau, sondern auch die beim Kloster St. Mery errichteten Barrikaden sind noch gestern Abends genommen worden. Bis jetzt ist die Stadt ruhig. Der Kriegsminister hat eine drohende Proklamation gegen etwaige Ruhestörungen erlassen. — Köln, 5. Dezember, 1 Uhr Morgens. Eine weitere Depesche ans Paris ist uns nicht zugekommen, dagegen erhalten wir so eben von einem zuverlässigen brüs- seler Freunde folgende Mittheilung: Brüssel, 4. Dezember, 8 Uhr Abends. Die belgische Regierung hat um. 1 Uhr Mittags eine Depesche aus Paris mit der Nachricht erhalten, daß es zu neuen Barrikaden gekommen, die man einzunehmen beschäftigt sei. Seit 2 Uhr sind keine telegraphischen Nachrichten von Paris hier angekommen. Von Amiens wird gemeldet, in Paris seien die Telegraphcndrähte zerschnitten, nicht aber von der Nordbahnstation bis zur Gränze."
Aus den Privatkorrespondenzen der „Köln. Ztg." (Paris, 3. Dezbr) heben wir Folgendes aus: .,Die Veiänderuag des Ministeriums konnte wenig Eindruck hervoi bringen, eben so die Ernennung der „Senatoren", von denen übrigens eine Menge nicht acceptirt haben sollen. Von andrer Seite wurde mir versichert, der neue „Rath der Alten" habe sich heute Nachmittags im Gebäude des Staatsrathes versammelt und eine Adresse an das Volk beschlossen, welche heute Abends erscheinen würde. Die offiziellen Nachrichten aus vielen Departements, welche durch den Telegraphen ein- getroffen sind, melden, daß der Staatsstreich günstig ausgenommen worden sei; auf den Boulevards war eben das Gerücht verbreitet, es sei die Nachricht von dem Ausbruche eines Aufstandes in Rouen eillgetroffen. — Das Gerücht spricht auch von der Abreise mehrerer legitimistischen Repräsentanten nach der Veiidee, um dort die weiße Fahne aufzupflanzen. Auf dem Boulevard des Italiens, nahe bei dem Cave du Cardinal, wurde vor wenigen Stunden der Montagnard Delbetz und später Burbet, die das Volk haranguirten, verhaftet. Delbetz wurde von sechs Stadtsergeanten mit unglaubliche Kühnheit aus einem Haufen von mindestens 1000 Menschen gerissen, in einen Fiaker geworfen und zur Wache am Boulevard Bonne Nouvelle gebracht. An beiden Seiten des Wagens liefe» die Sergeanten mit gezogenen Säbeln, und umsonst rief Herr Delbetz: â mois, â mois, mes amisl Alle Welt lief mit, schrie und tobte, aber in der ganzen unzähligen Menge fand sich kein einziger Mensch, der den Muth gehabt hätte, dem Montagnard beiznspringen. Gegen vier Uhr pas- sirte der Erpräfekt Carlier izu Fuße die Boulevards; vom Volke erkannt, wurde ex mit dem Geschrei: Vive la Képublique! empfangen, und beeilte sich, in eine Nebenstraße einzubiegen, um eine Demonstration zu verhindern. — L. Napoleon ließ sich gegen drei Uhr im Garten des Elysee auf der nach den elyseeischen Feldern hin liegenden Terasse blicken; die Menge, die auf diesem Punkte stand, schrie einstimmig: Vive Napoleon, vive l’Einpereur 1 Auf den Boulevards und in den Faubourgs ist es freilich anders."
„Mit Ausnahme des Hrn. Thiers, der noch im Gefängnisse von Mazas sich befindet, sind die übrigen gestern Morgens verhafteten Volksvertreter aus diesem Gefängnisse nach Vincennes und dann nach Ham gebracht worden. Man glaubt — ich theile diese Meinung nicht —, sie würden mit den in Lyon Verur- theilten nach Nukahiva gebracht werden. Von den diesen Nachmittag im 10. Bezirk verhafteten Volksvertretern verlangte man das Versprechen, sich sofort in die Departements zurückzuziehen, wenn man sie wieder frei ließe. Hr. v. Broglie bemerkte darauf, düs sähe wie ein stillschweigender Widerruf ihrer Protestation und ihrer Beschlüge aus, was ihr Gewissen und ihre Ehre ihnen verböten; sie zögen daher vor, das Schicksal der anderen Volksvertreter zu theilen. Fünf oder sechs gaben jedoch das verlangte Versprechen und wurden sofort entlassen. Herr von Broglie und Herr Keratry wurden wegen ihres hohen Alters auf Ehrenwort als Gefangene entlassen, eben so Herr Dufaure wegen der Krankheit seiner Frau; die Uebrigen werden theils nach Mazas, theils auf den Mont Valerien transportirt. Heute haben mehrere Mitglieder des Pyramiden - Vereins, Herr von Montalembert an die Spitze, vom Minister des Innern die Freilassung ihrer Kollegen verlangt. Hr. Morny antwortete, der Ministerrath werde hierüber entscheiden. Von den in die legislative Commission Ernannten haben meh
rere bereits ihren Eintritt verweigert; unter Anderen: Leon Fancher, Montalembert, v. Merode, Mortemart und Abatucei Vater. — Mehrere Advokaten haben heute an dem Gerichtshöfe erklärt, daß sie nicht plaidiren könnten, da kein Gesetz mehr vorhanden sei. — Von den verhafteten Generalen hat Bedeau sehr lebhaften Widerstand geleistet; man hat seinen Degen ihm entwunden und zerbrochen und ihn dann gebunden, mit einem Mantel bedeckt, unangeklei. det weggeführt. — Den „Debats" ward unter Androhung der Beschlagnahme der Abdruck des Briefes vom Grafen Mole tu die Ausgabe für die Departements untersagt. — Nachschrift. Die Aufregung war in den Vorstädten heute größer als gestern, das heißt auf den Boulevards. In der Straße St. Mero wurden zwei Barrikaden errichtet; das 8. leichte Infanterie-Regiment stürzte mit Wuth auf die Insurgenten los; Baudin und Madier de Montjeau sollen tödtlich verwundet sein, so auch ein Soldat. — Die Postbeamten haben bereits für den gestern erlassenen „Volksbeschluß" (plébécite) gestimmt; in der Armee hat ebenfalls die Abstimmung begonnen. — Ju den Gruppen auf den Boulevards erwartet man, es werde heute Abends oder morgen zu einem ernsten Aufstande kommen; leicht möglich, allein die Maßregeln dagegen sind getroffen, so daß eine Unterdrückung desselben keinem Zweifel unter liegt."
* Wiesbaden, 6. Decber., 2 Uhr Nachmittags. Die telegraphischen Depeschen, welche im Laufe des gestrigen Vormittags in Berlin aus Paris einliefen, melden, daß es zu einem heftigen Straßenkampfe gekommen, der bis Abgang der letzten Depesche, ob am 4. oder 5., wird nicht gesagt, mit großer Energie unterdrückt wurde. Lyon war bis dahin ruhig. In den Privatdepeschen der „N. Preuß. Zeitung" heißt es: „Alle Generäle, welche für den Dreiquästorenvorschlag votirt haben, sind verhaftet. Die N a t i o n a l g a r de hat sich nirgendwo blicken lassen, t) t e Regierung des Präsidenten hat die Telegra- p h e n.st a t i o n Paris mit Beschlag belegt. General Cavaignac befindet sich nicht unter den Verhafteten". Hierdurch bestätigt es sich, daß wir seit dem 3. nur telegr. Nachrichten, welche der Polizeipräfekt passiren läßt, erhalten.
In F r a n k fu r t trafen diesen Mittag zwei telegraphische Depeschen ein, von denen die erste nur bereits Bekanntes bestätigt, nämlich: „Ein heftiger Straßenkampf in Paris wurde mit großerEner- gie unterdrückt. Die beim St. Mery Kloster und in derRambuteaustraße errichteten Barrikaden wurden am 4. December Abends von den Truppen genommen. Der Kriegsminister hat eine drohende Proklamation gegen die Ruhestörer erlassen. Neue Barrikaden werden errichtet, die zu nehmen man beschäftigt ist." — Eine zweite Depesche lautet: „Paris, 4. Dec. Abends-11 Uhr. Die Truppen kämpfen noch. 2 Divifionen und 1 Brigade sind im Gefecht."
Straßburg, Colmar, Mülhausen und überhaupt das Elsaß war bis 5. Dez. Morgens durchaus ruhig. Die Abstimmungen der Truppen (d. h. die schriftliche Zustimmung zu dem Staatsstreiche) fielen sehr natürlich überwiegend zu Gunsten des Gawalthabers aus, zumal man der festen Ueberzeugung ist, daß die Armee in Paris die Oberhand behalten merde.
Deutschland.
* Wiesbaden, 6. Dez., Nachmittags. Aus Frank-, furt 6. Dez. meldet die„O.P.A.Z ", daß der Befehlshaber des künftigen Bundeskorps, Roth von Schrecken- stein,^',, den nächsten Tagen in Frankfurt ankommen werde. Der Prinz von Preußen traf gestern Abend 9^2 Uhr in Frankfurt ein und blieb bis diesen Mittag dort. Sehr bemerkenswert!) über Oesterreichs Stellung zu dem Staatsstreiche ist folgende Mittheilung der „Agsb. Allg. Ztg." aus Wien 4. Dez.: „Die heutige Nummer der „WienerZtg." bringt einen ziemlich für Napoleon lautenden halboffiziellen Artikel. Ver- schärftesVerbot revolutionärerSchriften."—Die preußische Regierung geht vorsichtiger zu Werke, wie sie denn auch nicht im Geheimnisse gewesen zu sein scheint. „So weit man die Fäden deS Staatsstreichs verfolgen kann", sagt die „Neue Pr. Ztg.", „steht der Präsident mit seinem Vetter, dem Prinzen von Canino, und durch diesen mit Nom in Verbindung. Die französische Geistlichkeit soll günstig für den Präsidenten gestimmt sein. Vor Allem ist man darauf gespannt, was der Präsident mit seinen Gefangenen beginnen wird. Ein Pariser Blatt vom 1. Dez., Abends, schreibt: „Lieg! Sieg! unermeßliche Sieg! Die conservative Partei hat gesiegt, ihr Candidat für Paris, der ehrenwerthe Herr Dewinck, ist gewählt; er hat 47,329 Stimmen. Den 1. Dezember, 9‘/a Uhr Abends." Und am 2. Dezember in aller Frühe! WelcheJronie!"— (S. Berlin.) Der „Oberposta,ntsztg." ist es zur Ehre nachzusagen, daß auch sie den Art. 68 der Konstitution, worin der Hochverrathsfall so deutlich ausgesprochen, scharf hervorhebt.