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„âeiheii und Necht!^^
$200 Wiesbaden. Sonntag, 7. Dezember 1851.
Schon oft, und namentlich wieder in der neuesten Zeit, haben wir die Erfahrung machen müssen, daß der „Freien Zeitung" in aus wLrtigen deutschen Staaten der^ Zutritt sehr erschwert worden ist, einzig aus diesem Grunde, weil sie eben „Freie Zeitung" heißt. So theue uns nun auch dieser Name und wiewol wir wissen, daß er vielen Freunden als ein Denkstein an eine hoffnungsreiche Vergangenheit werth ist so glauben wir doch von denselben nicht mißgedeutet zu werden, wenn wir, dem eisernen Drang der Verhältnisse Raum gebend und bedeutsamer Gründe in Berücksichtigung ziehend, für unsere Zeitung den bisherigen Namen vom 15. d. M. an fallen lassen, und statt dessen dieselbe
„Mittelrheirüsche Zeitung"
nennen. —* Wir hoffen mit Zuversicht, alle' Freunde der „Freien Zeitung" werden nach Möglichkeit die „Mittelrheinische Zeitung" unterstützen,' wie wir ebenfalls alles aufbieten werden, uns der Freundschaft und Achtung, welche sie uns bisher erwiesen haben, auch ferner würdig zu zeigen. Verantwortlicher Verleger: C. Hitler.
Die französische Krisis.
# Wiesbaden, 5. Dezember, Abends. Unsere Nachrichten aus Paris gehen bis zum Abend des 3. Dezember, wobei wir übrigens nicht zu vergessen bitten, daß Paris im Belage, ungSzustanve ist, daß nur die bonapartistischen und einige im Sinne des jetzigen Regimes redigirte Blätter erscheinen, daß die bedeutendsten Schriftsteller theils verhaftet, theils verjagt oder doch streng überwacht sind, wodurch die Berichte ohne Ausnahme mit bZonderer Vorsicht aufzunehmen sind, ganz abgesehen von der in solchen Zeiten gewöhnlichen Sündffuth von falschen oder gefälschten Gerüchten.
Außer dem bereits mitgecheilten Dekrete von Louis Bonaparte sind am 2. noch drei andere erschienen, von denen das erste das französische Volk in seiner Gesammtheit zu den Wahlen auf den 14. Dezember beruft, um folgenden Bolksbeschluß anznnehmen: „Das französische Volk will die Aufrechterh al. tung der Autorität Louis Napoleon Bonapartes und überträgt ihm die nöthigen Vollmachten, um eine Verfassung nach den in der Proklamation vom 2. Dezember vor- gesch läge nen Grundlagen zn Stande zu bringen." Art. 2. beruft jeden Franzosen, der 21 Jahre alt und im Besitze bürgerlicher und öffentlicher Rechte ist, zur Abstimmung. Die übrigen Artikel bestimmen die Vorarbeiten zu dkesem Akte, die Zeit der Wahlen vom 14. bis 21. Dezember u. s. w. Das folgende Dekret ordnet die allgemeinen Wahlen der Land- und See- truppen. Durch ein drittes Dekret ernennt der Präsident bis zur Reorganisation des gesetzgebenden Körpers und Staatsrathes einen berathenden AuS- scdnß (Commission consultative), „um sich mit Männern zu umgeben, welche auS gerechtem Grunde die Achtung und das Vertrauen des Landes besitzen." Diese Liste dèr Vertrauensmänner bringt 80 Namen, lauter bekannte Bonapartisten, darunter die Generale Achard, de Bar , Baraguay d'Hilliers, Hautpoul, Flahaut, Ornano, Randon, St. Arnaud und Marschall Ercel- mans, ferner die Namen: Barsche, Barthe, Ferdinand Barrot, Boulay, Cambaceres, Casablanca, Admiral Cecile, Drouin de Lhys, Dumas, Achille Fould, Le- vrerier, Magne, Montalembert, Morny, Lucian Murat, Joseph Perier (Regens der Bank), Per- signy, Rouher, Turgot, Therigny und von Wagram. Der „Moniteur" bringt auch eine Liste von 40 Versitzungen von Unterpräfekten.
Der Minister des Innern hat an die Präfekten ein von fünf Eremplaren der am 2. Dez. veröffentlichten Aktenstücke begleitetes Rundschreiben gerichtet, worin es heißt: „Die Versammlung ist unter dem Beifalle der ganzen Pariser Bevölkerung anfgelös't worden. Bei Empfang des Gegenwärtigen werden Sie in allen Gemeinten die Proklamationen des Präsidenten der Republik Anschlägen lassen, und den Bürgermeistern wie den Friedensrichtern die Rundschreiben, welche ich Ihnen übermache, nebst den Mustern des Stimmregisters zusenden. Sie werden über die strenge Vollziehung der durch diese Rundschreiben vorgeschrie- benen Bestimmungen wachen und unverzüglich jene Friedensrichter, Bürgermeister und sonstige Angestellte absktzcn deren Beistand Ihnen nicht etwr gesichert ist. Zu tiefem Zwecke werden Sie von allen öffentlichen Beamten verlangen, daß sie schriftlich ihre Zustimmung zu der großen Maßregel geben, welche die Regierung ergriffen hat. Sie werden unverzüglich jedes Individuum verhaften lassen, welches die öffentliche Ruhe zu stören versuchen möchte, und Sie werden jedes Journal suspendiren lassen, dessen Polemik diele Ruhe gefährden könnte. Ich /c^ne darauf, daß Sie alle zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung nöthigen Vorsichtsmaßregeln ergreifen und sich zu diesem Zwecke mit dem tmunanbircucen Generale und den Gerichtsbehörden
verständigen werden. Bis auf neuen Befehl werden Sie mir einen täglichen Bericht über den Zustand Ihres Departements erstatten und mir jede Nachricht von einiger Wichtigkeit sofort durch den Telegraphen zuge- hen lassen." — Ein Rundschreiben des Kriegeministers an alle Corpschefs der Armee ertheilt denselben die Wersiing, sofort die ihnen zugeschickte» Proklamationen des Präsidenten in den Kasernen anschlagen und sie jeder Compagnie laut vorlosen zu lassen. Binnen 48 Stunden soll sodaim die Armee sich über die Präsiden, tiellen Schritte dadurch aussprechen, daß in einem, M dem Regiuiente und jeder Truppeiiabtheiluiig vorzule- genben S t i m m regisier jeder Officier, Unterofficier und Soldat durch seine Unterschrift sich für Genehmigung oder Verwerfung des nachstehenden Beschlusses erklärt: „Das französische Volk will die Aufrechthaltung der Autorität L.Nap. Bonaparte's und überträgt ihm die nöthigen Vollmachten zur Anfertigung einer Verfassung auf den von ihm in seiner Proklamation vom 2. Dec. vorge- schlagenen Grundlagen." Die Ergebnisse dieser müH tarische» Bejahung oder Verneinung der präsidentielUn Politik sollen dem Kriegsminister sofort mitgethellt werden, der zum Schluffe sagt, daß der Präsident auf die Unterstützung der Nation und der Armee, so wie, was die einzelnen Divisionen angehe, auf die Energie ilW. Befehlshaber und auf rasche und strenge Unterdrückung des geringsten Ruhestörungs-Versuches rechne. — In einem Rundschreiben des Polizei-Präfecten an alle Polizei-Kommissäre werden dieselben angewiesen, mit Muth und unerschütterlicher Energie über Erhaltung der öffentlichen Ruhe zu wachen, an keinem Punkte der Hauptstadt die mindeste Zusammenrottung zu dulden, keine Versammlung deren Zweck ihnen verdächtig scheine, zu gestatten , und jeden Ruhestörungs - Versuch sofort auf6 kräftigste zu unterdrücken.
Die Blätter vom 3. Dezember bringen zuerst die genaue Liste des neuen Kabinets: de Morny Inneres, Fould Finanzen, Rouher Justiz, M agne Arbeiten, St. Arnaud Krieg, T h. Ducos Marine, Turgot Auswärtiges, Lefebvre-DurufleHandel, Fertoul Unterricht und Kultus.
Der 2. De;. hatte aufgeregt, doch friedlich geschlossen; von Mitternacht bis 5 Uhr Morgens herrschte in der Hauptstadt die tiefste Ruhe; um 5 Uhr fingen die Arbeiter an, die Straßen zu beleben. An den meisten Punkten war die Stimmung die gestrige, in der Vorstadt St. Antoine wurde es sogleich lebhafter, als die Augen auf die Proklamation der Abgeordneten Benoist dlÄzy, Vitet, Chapot uud Moulin fielen, welche im Namen ihrer in der Mairie des 10. Arrondissements versammelt gewesenen Kollegen das Aktenstück veröffentlichten, worin Louis Bonaparte zum Vaterlandsver- räther erklärt und abgesetzt, das Volk aber zum Widerstände aufgerufen wirb. Diese Proklamation ward bei Lichte vorgelesen und machte tiefen Eindruck, der gesteigert wurde, als um 6V2 Uhr zehn Wagen aller Art mit Gefangenen unter Lancierseskorte erschienen, welche nach Vincennes zogen. Um 7 Uhr erfuhr man, daß in der Nacht etwa 30 der Chefs der Vorstadt- Demokratie verhaftet seien. Um 8 Uhr wurde ein Aufruf zu den Waffen, von Michel von Bourges unterzeichnet, angeschlagen; um 8% Uhr wurde eine Proklamation der Montagnards in der Vorstadt St. Antoine und auf den Boulevards der Bastille und Porte St. Denis angeschlagen, die gleich jener der Rechten mit Absetzung des Präsidenten schloß: der Eindruck war lebhaft. Um 9 Uhr setzten sich die Vorstädter, geführt von einigen Abgeordneten des Berges, gegen den Posten der Rue Moutreml in Bewegung; dieser, kaum 20 Mann stark besetzt, ward genommen und nun der Rue Ste. Marguerite gegenüber eine Barrikade errichtet. Eine halbe Stunde darauf erschien ein Bataillon des 19. Linienregimentes und der Poli- zeikommissär forderte zur Wegräummig der Barrikade auf. Die Deputaten antworteten mit dem Aufrufe zum Widerstände, worauf mehre Arbeiter mit den im Posten genommenen Gewehren schossen und einen Soldaten
tödteten, einen andern am Arm verwundeten. Die Soldaten gaben Feuer und von den Abgeordneten Es« guiros, Mavier de Montjau und Bauvin, die vor den Truppen standen, fiel letzterer tödlich getroffen, die beiden andern wurden als Gefangene in ein benachbartes Haus gebracht, wo sie durch eine Hinterthür jedoch entkamen Auch eine Frau wurde schwer, ein Arbeiter leicht verwundet, worauf alle die Flucht mit dem Rufe „Vive la République“ ergriffen!? Um 10 Uhr wurde eine berittene Patrouille in der Vorstadt mit Steinen geworfen, sie hieb in die Menge, die aus einander stob. — Um 1 Uhr kamen wieder Abgeordnete der Linken, welche eine neue Proklamation brachten, die Inhaber der Werkstätten, wo noch gearbeitet wurde, zum Schließen ansforderten und einen energischen Widerstand zu organisiren suchten Jetzt sperrte das Militär tte Straßen; um 4 Uhr waren alle Boulevards von der Bastille bis zum Sweater Gymna'e gesperrt. Eine Demonstration der Studenten in der Ecole de Droit um 1 Uhr wurde noch leichter unterdrückt. Die Volkomassen bewegt,» sich gedrängt, doch friedfertig. Die Behörden sind überaus thätig, die H iupistädter lasen und plauderten. — In einem andern Berichte robb — wahrscheinlich falsch — behauptet, auch Madjer de Montjau und Dchölcher seien an der Rue Marguerite verwundet, und bemerft, eS sei auf Befreiung de Gefangenen im Prison Mazas abgesehen gewewn. Das Elyfee ist seiner Sache so gewiß, wb. meh e Brigaden bereits Befehl erhielten, in ihre Quartiere zurückzukehren. „Nicht eine Tyrannei, hat sich am 2 Dezember erhoben, sondern eine Tyrannei ist gestürzt!" ruft das „Bulletin de Paris" dem Volke zu: „Frankreich wird sein Vertrauen, das es in Louis Napoleon setzt, nicht zu bereuen haben; selbst die gestern Besiegten werden gezwungen werden, ihm später Gerechtigkeit widerfahren und alle, außer den Männern der Unruhe, ihm Dank sagen müssen." „Diesen Abend sind 100,000 Mann in Paris l" heißt es drohend an einer andern Stelle. Der Sitzungs aal der National- Versammlung wird voUständlg ausgeräumt. Dupin wohnt noch im Präsidialpalaste, läßt ffch aber nirgends blicken. Etwa 60 Abgeordnete wurden am 2. in die Citadelle des Mout-Valerien gesteckt Es hieß, die Abgeordneten, welche noch auf freiem Fuße, wollten sich Abends am 3. bei Victor Hugo versammeln und eine Adresse ans französische Volk entwerfen. Beveau, der im Bette in seinen Offizierskleidern lag und dort verhaftet wurde, ist nicht todt; auch scheint Ledru Rollins Ankunft in Paris noch bloßes Volksgerücht zu sein. Bemerkenswerth ist noch, daß Mole in den „Debüts" erklärt, er schließe sich vollständig den Beschlüssen seiner Kollegen, welche auf der Mairie des 10. Arrondissements versammelt waren, an. Unter den dort Ver- Hafteten befinden sich auch F a l l o u r, Berryer, Onoinot, Broglie, Odilon Barrot, Daru, Chambolle, Vati- mesnil u. s. w. UebrigenS war laut dem „Con- stitutionnel" diese Verhaftung und Abfüh ung in die Kaserne d'Orsay nur provi, orisch gemeint, man stellte es ihnen frei, sich „zurückzuziehen" und mehre benutzten dies, während die Mehrzahl erklärte, sie wolle diese Gnade nicht und hierauf dann erst definitiv ver- haftet wurde. — Die telegraphischen Nachrichten aus den Departements lauten (natuibd) den bonapartistischen Blättern zufolge) von allen Seiten durchaus beruhigend für Louis Napoleon Bonaparte.
Zur Geschichte des 2. Dezember bringt daS „Uni- vers" aus eigener Anffchauung einen wichtigen, die Vorgänge in der Mairie des zehnten Arrondissements betreffende» Beitrag. Ungefähr 200 Repräsentanten hatten sich bekanntlich zuerst bei Daru, Vice - Präsidenten der National-Versammlung, vereinigt und sich dann bei Q. Barrot auf5 Neue Rendezvous gegeben, alS Herr Piscatory ankam und sie eiiilnd, sich nach der Mairie des zehnten BeziikS (Faubourg et. Germain) zu begeben. Dort angekonimen, wurden ne aber bald durch ein Bataillon Jäger von Vincennes cerntrt und gefangen genommen. Die Thür der Mairie wurde