M 2S9
Wiesbaden. SamStag, 6. Dezember
1851.
Der 2 Dezember in Paris.
I.
$ X Wer dem Gange der Entwicklung in Frankreich " mit Aufmerksamkeit und Sachkenntniß geiolgt ist, der wird seit Wochen auf eine solche Wendung der Dinge / vorbereitet gewesen sein. Nur über bas Wann und il Wie herrschte Zweifel, da Louis Napoleon Bonaparte 5l bisher stets in dem Augenblicke der Entscheidung den " Kopf zu verlieren pflegte. Aber der „sanfte starr« c köpf", wie seine Mutter den Knaben Louis zu nennen 1)1 pflegte, ist gleich seinem Oheim vollständiger Fatalist: “ er glaubt an seinen Stern! Dazu kommt, daß der Improvisator von Straßburg und Boulogne umgeben ‘ ist von Abenteurern, die zu Allem fähig und entschlossen f sind, was ihnen Fortdauer ihrer Stellung im und zum Elysee sichern kann, weil sie sonst im strengsten Sinne 0 des Wortes Bettler würden. Es koinmt feiner hinzu, daß Louis Bonapartes pekuniäre Verhältnisse selbst in dem Augenblicke, wo er die Präsidentenuniform anS- ie zieht, sehr schwierig werden dürften. Entschlossen also, 's sich seiner Haut zu wehren, und überzeugt, daß die " Koalition der National «Versammlung ihm ein Ende bereiten wolle, unterrichtet zugleich von dem Mismuthe der Nation über die schamlosen Treibereien der Legiti- misten und über die Ränke der Orleanisten, wie erschreckt durch die Taktik der Linken, welche die Ordnungspartei gegen ihn, wie ihn wiederum gegen jene gebrauchte, 6 lag der Gedanke nahe, seinen Gegnern durch Ergrei- Ä fung der Jniative zuvorzukommen. Die er Entschluß ü zeigte sich seit der Dijoner Rede immer deutlicher. Die ü Pläne der Parlamentsparteien sollen dem Elysee vor h vierzehn Tagen vollständig verrathen worden sein, ob n durch Mol« oder durch Montalembert, wird die spätere äs Zukunft vielleicht erst enthüllen; genug, Changarnier 5 war seit vierzehn Tagen stündlich auf seine Verhaftung ll ■ gefaßt.
Die bonapartistiichen beiden Glücksmonate waren erschienen: am 9. November (18. Brumaire) führte der Oheim seinen großen Staatsreich ans; der 19. Nov. 1851 ging nur durch die Umsicht der Linken ohne den entscheidenden Schlag vorüber, wie unsere Leser, welche unseren Berichten gefolgt sind, sich erinnern werden. Jetzt naheten die zwei, großen Decembertage: am 2 Dez. die Schlacht bei Austerlitz und die Kaisersalbung des Oheims; am 10. die Erhebung des Neffen zum ersten Präsidenten der zweiten französischen Republik! Man durfte sich also bei einem solchen Charakter an einem dieser Tage einer bonapartistischen rettenden That versehen, zumal es dem Elysee bekannt sein mußte, daß die Bevölkerung von Paris, die kleine Bourgeoisie und die Arbeiter zumal, sich nicht gern in den Weihnachts- und Neujahrsarbeiten stören lassen, ganz davon abgesehen, daß die Arbeiter einer Sühne des Juliblutes entgegen sahen und sich nicht leicht auf einen Straßenkampf in
Paris einlassen ; nachdem Cavaignac's neues System bekannt und die Treulosigkeit ter Bourgeoisie in allen solchen Fällen notorisch ist.
Als daher die Zeit erfüllet war, erfolgte der Schlag, und — dies ist das einzige Merkwürdige babei.— so geheim waren die Maßregeln angeordnet, so rasch wur- dem sie auSgeführt und so völlig unvorbereitet wurden die Parlamentsmänner davon betroffen, daß Alles wie ^-»m Schnürchen ging. Louis Bonaparte ist Erfolgs, meusch: vom Glücke getragen, wird er aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt seine bisherige lauernde Katzen- politik aufgeben und den Löwenschritt beginnen. Wenn es wahr ist, daß die russische Diplomatie ihn begünstigt, so dürfte diese sonst so schlaue Politik sich nie in ein gefährlicheres Unternehmen eingelassen haben; denn der Neffe des Oheims hat der Armee, wenn er sich hält, zu viel zu verdanken, er ist Prätorianerhäuptling geworden, um Nationalhaupt zu werten: glaubt man wirklich, daß diese Leistungen ohne Gegenleistungen bleiben werden! Louis Bonaparte hat das Stichwort bereits verrathen, es heißt: „la grandeur de la France!“ womit die Proklamation an die Armee schließt, es heißt: „le Souvenirs que mon nom rappelle“, und „votre histoire est la inienne; il y a entre nous, dans le passe, communauté de g I o i r e et de malheur!“ Diese Genugthuung für das Missgeschick, j das die Familie Bon parte und die französische Armee verfolgte seit der Schlacht bei Waterloo! Und als diese Genugthuung wird die alte „Gloire" der Armee, die alte „Grandeur" Frankreichs bezeichnet. Also: hält Louis Bonaparte nicht Wort, so ist er verloren, aber i hält er Wort, wird er alsdann die Truppen vor den i Oesterreichern aus Rom zurückziehen, wird er Rußlands Vasall werden oder bleiben können, selbst wenn er , wollte?" Die Situation so betrachtet, glauben wir, ! daß die europäische Contrerevolution zufriedener sein dürfte, wenn es in Paris zum Kampfe gekommen wäre, als bei dieser durchaus neuen, durchaus schicksalsschwanger n Wendung der Dmge, welche beweist, daß die altlkgitimen Ideen in Paris durchaus keinen Boden mehr haben, ja daß Armee und Volk sich eher AUeö bieten lassen, sobald nutbie l^jiuufteii und Orleanisten, sobald überhaupt die alten Parteien auf den Kopf geschlagen werden.
II.
# Wir haben diesen Morgen nur eine Nachlese zu geben, da wir in unsern Nachrichten aus Paris für unsern Platz den übrigen Blättern voraus sind.
Es war am 2. Dezember vor Tage — gegen 4 Uhr Morgens — als Changarnier, Lamoricicre und mehre der wichtigsten Deputirten durch bewaffneten Ueberfall verhaftet wurden. Als der Tag anbrach, war der Palast der Nationalversammlung von Truppen umstellt, welche Befehl hatten, keinen Abgeordneten ein» treten zu lassen. Gleichzeitig war ganz Paris mit be
waffneter Macht bedeckt. Die Bevölkerung ahnte nichts. „Was wirv'ö fein?" hieß es; „eine große Revue!" Aber bald zeigte sich, um was sich's handle. Vier Dekrete und Proklamationen wurden angeheftet: bas Dekret und die Proklamation des Präsidenten an'S Volk, welche wir bereits brachten, dazu die beiden folgenden, von denen die Proklamatto» an die Armee lautet:
„Soldaten! Seid stolz auf eure Sendung; ihr werdet das Vaterland ritten, denn ich rechne auf euch, nicht um die Gesetze zn verletzen, sondern um das erste Gesetz des Landes, die Nationalsouveränität, deren legitimer Represantant ich bin, aufrecht zu erhalten. — Seit langer Zeit littet ihr, wie ich, durch die euch sich entgegenstellenden Hindernisse, welche das Gute hindern, das ich wirken wollte, und die De nonstrationen eurer Sympathien zu meinen Gunsten hemmten. Diese Hindernisse sind hinweggeräumt. Die Versammlung hat versucht, meine Gewalt anzutasten, welche ich von der ganzen Nation empfangen habe; sie hat aufgehört, zu eristiren. Ich richte eine loyale Berufung an das Volk und die Armee, und ich sage ihr: gebt mir entweder die Mittel, eure Wahl zu sichern, oder wählt einen andern an meine Stelle. Im Javr 1830, wie 1848, hat man euch als Besiegte behandelt. Nachdem man eure heroische Uneigennützigkeit beschimpft, hat man eure Wünsche und eure Sympathien nicht befragt, und doch seid ihr die Elite der Nation. Heute in diesem feier- Uchen Augenblicke will ich, daß die Armee sich hören läßt. Stimmt daher frei als Bürger. Vergeßt aber nicht als Soldaten, daß der passive Gehorsam gegen die Befehle des Chefs der Regierung die strenge Pflicht der Armee ist, von dem General an bis zu dem Soldaten. Es ist an mir, verantwortlich für meine Handlungen vor dem Volke und der Nachwelt, Maßregeln zu nehmen, welche mir unerläßlich für das öffentliche Wohl scheinen. Was euch betrifft, bleibt unverändert in den R geln der Disciplin und der Ehre. Helft durch eure imposante Haltung dem Lande, seinen Willen in Ruhe und Ueberlegung kund zu thun. Seid bereit, jede» Versuch gegen die freie Ausübung der Volkssouve- rainetät zu unterdrücken. Soldaten! Ich spreche euch nicht von den Erinnerungen , welche mein Name her- »orruft. Sie sind in eure Herzen geschrieben. Wir sind vereinigt durch unauflösliche Bande. Eure Geschichte ist die meinige. Es gibt zwischen uns in der Vergangenheit Gemeinschaft des Ruhmes und des MiS- grschickS. Es wird in der Zukunft Gemeinschaft der Gefühle und der Entschlossenheit für die Ruhe und Größe Frankreichs zwischen uns bestehen.
Gegeben im Palast deS Elysee, am 2. Dez. <851.
Louis Napoleon Bonaparte."
Die Proklamation des Polizeipräfekten an die Bewohner von Paris lautet:
Die Association der Schuster in Delitzsch in Sachsen,
für Anschaffung des Rohmaterials, von Th. Beger.
Die soziale Frage ist die größte und dringendste Aufgabe der Zeit, und es liegt im Inter, ssr aller politischen Parteien, sich dabei zu beteiligen. Hier ist das würdigste Feld, um zu beweisen, wem es um das wahre Volk zu thun ist, hier mögen die verschiedenen politischen Fraktionen im edlen Wetteifer sich überbieten. Nur auf diesem menschlichen Gebiete ist am ersten eine Ausgleichung und Versöhnung möglich. Durch rohe Gewalt kann nur auf kurze Zeit das Gespenst, welches der Besitzende in der Jetztzeit erblickt, gebannt, nur wenn er hier mit allen seinen Kräften und Mitteln mitwirkt, kann die Katastrophe, die ihn so sehr erschreckt, vielleicht vermieden werden. Die Gesellschaft, die Civilisation, die Volksbildung sind nur so lange gefährlich, als die Mehrzahl der Menschen von ihren Segnungen ausgeschlossen wird.
Wer sich zur Aufgabe geinacht hat, belehrend auf. zutreten, muß nicht mit Idealen seine Zuhörer und Schüler abspeisen, sondern vorerst mit Wahrheit und in vorliegender Sache mit Resultaten sprechen und beweisen können. Ich hübe schon im Anglist 1849 über die Assoziation der Gtwerbelreibenden gesprochen und in meinem Schriftche» „der Handwerker" darüber ab- gehandelt, kann aber nicht umhin, die Vereinigung der
Schuster in Delitzsch in Sachsen dem gewerbetreibenden Publikum vor Augen zu führen, welche sich vorerst auf Anschaffung des zum Gewerke nöthigen Rohmaterials associirt haben. Bei diesem Gewerke, wie bei noch vielen anderen gibt es Unbemittelte, welche oft nicht im Stande sind, sich ihr Material in größeren Quantitäten anzuschaffen, und daher den Zwischenhänd- lern, ihren wohlhabenderen Gewerksgenossen in die Hände fallen, von denen sie gezwungen sind, ihr Bedürfniß zu den einzelnen Bestellungen mit einem Auf- |d;lage von 50—60, oft 100 pCt. zu entnehmen, so daß dieser Mehraufwand für das Material nicht selten den größten Theil des Arbeitslohnes verschlingt.
Am Ende Dezember 1849 vereinigten sich 57 Schuhmacher in Delitzsch zur Anschaffung des Rohmaterials. Als Einlage wurden von jedem Mitgliede nur zwei Thaler (3 fl. 30 fr.) in die Kasse geschossen und der ganze übrige Fonds durch Darlehen gegen solidarische Haftung sämmtlicher Mitglieder beschafft.
Zum ersten Einkäufe auf der letzten Neujahrsmesse in Leipzig wurden schließlich der erwähnten Einlagen nennhundertsechizig Thäler (1680 ft.) aufgebracht, welche Summe den Betriebsfonds für die eiste Rech- nungsperiobe (26. Dezember 1849 biö 5. April 1850) bildete, - eS mußte aber später noch für dreihundert Thaler Material von Zwischenhändlern nachgekauft werden. Zur Deckung der Kapitalzinsen, der Verwal- tungökosten und Bildung eines Reservefonds wurden die Affociationsvorräthe mit einem Aufschläge von acht Prozent über den Einkaufspreis an die Mitglieder im Einzelnen, jedoch nur gegen baare Bezahlung verkauft. Der Vortheil, welcher denselben dadurch erwuchs, daß
sie auch die kleinsten Quantitäten zu dem Ankaufspreise im Großen und Ganzen, der durch die gelingen Prozente kaum erhöht wurde, erhalten konnten, war für den Anfang doch so bedeutend, daß ein einziges Paar Stiefelsohlen um 1 % bis 2 Sgr. (7 Kreuzer) geringer zu stehen kam, als beim Ankauf einzelner Häute oder gar nur von Theilen derselben.
Zu dem Aufschläge der acht Prozente wurde die Miethe des Verkaufs- und Aufbewahrungslokals bezahl', sowie der Kassier mit 2 Prozenten und der Kontrolleur mit einem Prozent bedacht; demnach verbleiben in der Assoziationskasse jedesmal volle fünf Prozente. Da nun das Betriebskapital im Laufe eines IahreS mindestens dreimal umgesetzt wird, macht dieS 15 Prozent alljäbilich, wovon nur 5 Prozent Zinsen der anfge« nominellen Darlehen und einige andere kleine Kosten abgehen, so daß der jährliche Reingewinn der Associa- tionskasse mindestens acht Prozent des Betriebskapitals erreicht. Dieses Resultat ist deshalb ein gewisses, weil der Absatz der Lagerbestände vollkommen gesichert ist, ein Kredit dabei aber nicht gegeben, vielmehr AUcS baar bezahlt wird Die erste RechnungSperiooe, trotz der nichtgünstigen Umstände bei Beginn des Geschäfts, trotz dem, daß beim Einkäufe noch manche Erfahrungen gemacht werden mußten, auf ein bloßes Vierteljahr bei 960 Thalern Betneoskapital, brachte einen Ueberschuß von 68 Thaler (119 fl.), von welchem 13 Thaler zur bleibenden Ei irichtung deS Lokals, Ankauf nöthiger Verkaufsutensilien, Anlegung der Gefchäftsbücher verwendet, 55 Thaler aber zum Reservefonds geflossen sind. Dieser günstige Erfolg h>tte natürlich die Vermehrung des Kredits zur Folge und setzte die Assozia-