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Wiesbaden. Freitag, 5. Dezember

1831.

Schon oft, und namentlich wieder in der neuesten Zeit, haben wir die Erfahrung machen müssen, daß der ^Freien Zeitung" in aus­wärtigen deutschen Staaten der Zutritt sehr erschwert worden ist, einzig aus diesem Grunde, weil sie ebenFreie Zeitung" heißt. So theuer uns nun auch dieser Name und wiewol wir wissen, daß er vielen Freunden als ein Denkstein an eine hoffnungsreiche Vergangenheit werth ist, so glauben wir doch von denselben nicht mißgedeutet zu werden, wenn wir, dem eisernen Drang der Verhältnisse Raum gebend und bedeutsame Gründe in Berücksichtigung ziehend, für unsere Zeitung 'den bisherigen Namen vom 15. d. M. an fallen lassen, und statt dessen dieselbe

Mittelrheinische Zeitung"

nennen. Wir hoffen mit Zuversicht alle Freunde derFreien Zeitung" werden nach Möglichkeit dieMittelrheinische Zeitung" unterstützen, wie wir ebenfalls alles aufbieten werden, uns der Freundschaft und Achtung, welche sie uns bisher erwiesen haben, auch ferner würdig zu zeigen. Verantwortlicher Verleger: C. stiller.

Rheingauer Zustände.

Aus dem Rheingau, 2. Dezember. Mit dem unausbleiblichen Ruin unserer mittleren Gutsbesitzer geht der uuseres Gewerbestandes gleichen Schritt. Wie ist dies auch anders möglich? Beide sind in unserm Gaue in materieller Beziehung eng verschwistert, und wenn noch einigermaßen eine Stütze zur Linderung der vorhandenen Noth eristirt, so ruht dieselbe vorzugs­weise in dem GeMrbcstand, in dessen Kreisen noch immer reges, âiHmes Treiben blüht. Wenn aber die Harmonie und Mammenwirkende Kraft von Tag zu Tag immer mehr von demselben schwindet, so ist dieses, wenn man die uns umgebenden Verhältnisse ge­hörig ins Auge faßt, leicht erklärlich. Denn es fehlt vor Allem an Aufmunterung, es fehlt au Theilnahme, welche nothgedrungeu von unseren reichen Gutsbesitzern und von unsern dazu berufenen Staatsdienern ans- flchkn müßte. Statt aber hier, wo oft kleine Opfer hinreichend wären, den sachverständigen, fleißigen Ar­beiter zil unterstützen und so allgemein Nützliches und Dauerndes zu fördern, statt den Kunstfleiß zu heben, der die Grundlage deS Friedens bedingt, und wo derselbe sein Blühen entfaltet, Wohlstand und Segen verbreitet: statt auf diesem Wege dem Nothstände einige Abhülfe zu gewahren, gefällt man sich lieber in den vom Aus­lande längst vererbten Gewohnheiten. Man bezieht sogar die am leichtesten zu fertigenden Artikel , als Möbeln, Sälösier- und Hausgerächt, Kleider ^Schuh- werk u. dgl von den benachbarten größeren Städten. Daß manche dieser Gegenstände dort in besserer Qua­lität zu haben sind, als hier bei uns, stellen wir nicht in Abrede; bemerken aber, daß von Handwerkern jeder Gattung unseres Gaues Arbeiten in die nahe liegenden Städte zum Verkauf gebracht werden, da denselben hier fast jeder Absatz fehlt. Diese für unsere materielle Lage so drückenden Gewohnheiten verbreiten sich zusehends bis in die unterste Bevölkerung. Den Taglöhner, den Handwerker treibt die Naumhmungssucht, welche dem wohlhabenden Nachbar anklcbt, mit seinen paar erntn« Men (groben in die nahe liegenden Städte Frank­furt, Main; und Bingen; um so dem Beispiel der großen Welt würdignachzukommen, versäumt er oft die ihm zum Lebensunterhalte erforderliche Zeit, in der lrügciischcu Hoffnung, ein Doppeltes zu gewinnen. So schwindet denn allmählig die Harmonie und das gegen­seitige Vertrauen, welches vor Allem die Grundlage

jedes Geschäftsverkehrs ist. Der thätige Handelsmann, der Krämer u. f. w., welche stets darauf bedacht sind, durch immer neue Stoffe und Produkte der gänz­lichen Geschäftsstockung vorzubeugen und deshalb auch die stets sich mehrenden Abgaben nicht scheuen, um nur das Publikum gehörig zu befriedigen, die Kauflust zu steigern: ihnen wird das sauere Vergnügen zu Theil, anzusehen, wie fast alltäglich die Markt«chiffe die in den naheliegenden oben benannten Städte eingekauf- ten Waaren an das Land befördern. So dehnt sich die Geschäftslosigkeit und Armuth immer mehr und mehr in unserm Gaue aus, bis der gewaltige Strom, der uns zu verschlingen droht, aus seinem Beete tritt und ein allgemeiner Bankerott der Tragödie ein Ende macht. Es ist fast wenig oder keine Aussicht mehr auf Ret­tung! Selbst unsere Civilbeamte, Staats- und Religious- diener, welche doch vor Allem darauf hingewiesen schei­nen, die einheimischen Verhältnisse, die gefertigten Pro­dukte zu berücksichtigen, den Absatz zu fördern, für rege Konkurrenz Sorge zu tragen, dieselbe aber nicht dadurch zu hemmen, daß sie ihre Bedürfnisse vom Auslande zu beziehen suchen, sie haben kein Bedenken, statt dem verderblichen Systeme Einhalt zu thun, dasselbe noch zu unterstützen; sie befördern in der Mehrzahl die aus­ländische Konkurrenz.

Man häuft Klage auf Klage gegen das immer mehr umsichgreifende Sittenverderbniß, und wir gestehen, daß diesselben uns thcilweise gerechtfertigt erscheinen; aller will man nicht den Verfall der Sitten, so darf man die alte Lehre nicht vergessen, daß, wenn die mate­riellen Interessen der Gesellschaft gefährdet, die Sit­tengesetze gefährdet und untergraben werden. In einer staatlichen Gesellschaft darf vor Allein kein Son- derintereffe das allgemeine Interesse verdunkeln oder schmälern, und kein Wille darf anders, als mit dem Rechtstitel und dem Vorsatze, das allgemeine Beste zu fördern und zu schirmen, zum Vorschein komme», noch sich geltend machen, sonst kann niemals bas Sittengesetz platzgreifend werden. Die weisesten Gesetze und energischen Ermahnungen (auf die der Carrespondent derNass. Allg. Ztg." vom 24. Nov. hinweist) wer­den in unserm Gaue so lange Nichts fruchten, bis die Träger und Leiter dieser Gesetze, erfüllt von Volksliebe und warmer brüderlicher Theilnahme, die Schleussen der Uebelstände verstopfen, welche unaufhaltsam über unsern Gau hereinzubrechen drohen; denn ohne tugend­hafte Handlungen und edle Thaten sind die weisesten Gesetze erfolglos.

Die Krisis in Paris.

* Wiesbaden, 4. Dezbr., Morgens. Die Nach­richten aus Paris reichen in den Blättern und Briefen bis jetzt erst bis zum Abend des 1. Dezember, der Staatsstreich aber ist am Dienstagmorgen, also am 2., erfolgt, und über ihn liegen uns nur erst die tele­graphischen Depeschen der Frankfurter Blatter vor, welche sehr unbestimmt und wirr sind, und eine tele-' graphische Depesche derKöln. Ztg.", welche den Hauptinhalt der Proklamation des Präsidenten der Re­publik enthält und also lautet:

Paris, 2. Decbr. Durch eine eben er­schienene Proklamation des Präsidenten der Re­publik wird die gesetzgebende Versammlung auf­gelöst, das Wahlgesetz vom 31. Mai abgeschafft, das allgemeine Stimmrecht wieder hergestellt erklärt. Das französische Volk wird in Wahl- Comites berufen vom 14. bis 21. December. Die verantwortliche ausübende Gewalt bleibt zehn Jahre in Kraft, die Minister sind gegen den Präsidenten der Republik verantwortlich. Es sollen für die Folge zwei Kammern sein, deren eine gewählte Mitglieds, die andere die Kapazitäten umfaßt. Paris ist in Bela­gerungszustand erklärt; Alles ist ruhig."

Die telegraphische Depesche der Frankfurter Blätter, welche in Berlin 2. Dec. 3 Uhr 47 Minute» Nach­mittags aufgezebe» wurde, lautet:

Paris, 2. Dec. Heute Vormittag ist die gesetzgebende Nationalversammlung gesprengt, Changarnier, Lamoriciere und Chartas (!) sind verhaftet worden; Ludwig Napoleon hat das Regiment in Händen."

Nach einer andern in Frankfurt eingegarfgenen Depesche aus Paris ist n i ch t Cyarras, sondern Thiers verhaftet worden (was ungleich wahrscheinlicher Untat) und unmittelbar nach Sprengung der Nationalversamm­lung der bisherige Präfekt von Morny zum Minister des Innern ernannt und das allgemeine Stimmrecht proklamirt.

Schon am 1. Dezember war man auf Ereignisse in Paris vorbereitet. Mit eiserner Konsegen; und

Das Waldkalharinche».

M Aus dem Rheingau, den 3. Decbr. Gestern ° starb zu Geisenheim das im Gaue allbekannte, be- Liitkioere und von der Milde braver Herze» unter­stützteWaldkathar inchen". Der vaterländische Dichter W. Genth hatte ihm in seinen lieblichen Dich- lnngeu ein bescheidenes Plätzchen am Ende seines Wer- tcö angewiesen. Diese biographische Skizze enthält viel Wahres jedoch weiß man im Rheingau allge- ;mein, daß der stille Wahnsinn der Verblichenen nicht laus der Beschuldigung eines fälschlichen Diebstahls, sondern aus einer unglücklichen, hart betrogenen Liebe jentsprunge» ist. In ihrem weißen Kleidchen, das sie zuur ablegte, um ein neues weißes anzulegen, und das 'fie in jeder Jahreszeit, in jeder Witterung als Hoch­zeitskleid in ihrem unzertrennlichen Strohhütchen mit lern Körbchen am Arme seit ihrem harmlosen Irrsinne ßCtragen hat, ist sie, ungefähr 80 Jahre alt, in einem Zeichen, guten Bette, das ihre mildthätige Hände be­reiteten, unter vielen Sdjmerjcn dahingeschiedem Ob- Hteich leit mehrere» Wochen kränkelnd und leidend, Konnte man sie nicht bewegen, ihr MnöÄager^ (ein an« Hereü Beil hat sie seit ihrer unglücklichen Jugendzeit Itreng ausgeschlagen) mit einem warmen, iyrvin^ju« Stande angemessenen Lager zu vertausche». Zwei Tage dor ihrem Tode, als die Schmerzen (ihren Rücken be­

deckte nur eine Wunde) ihre Sinne und ihre Willens­kraft hinwegnahmen, vermochte man, sie weich zu betten und einen Arzt ihr zu nähern, den sie zeitlebens nicht in Anspruch genommen hatte.

In ihren abgemagerten, schwermüthigen Zügen malte sich noch deutlich das Bild der jugendlichen Schönheit und des zu gefühlvollen Herzens ab. Noch kennt Jedermann in Geisenheim und der Umgegend die Stelle im Walde bei Nothgottes, wo sie so viele Jahre hindurch eine Mooshütte mit ihren Turteltauben, die in einem hohlen Baume nistete», bewohnte. Wenn sich die kecken Knabe» ihrer Eremitage nahten, so be­stand ihre einzige Bitte darin, doch iyre Täubchen nicht stören zu wollen. In der ganzen Gegend war sie bekannt als eine sehr geschickte Strickerin; ihre Arbei­ten wurden reichlich bezahlt.

In Geisenheim geboren, wanderte sie nach dem frühzeitigen Ableben ihrer Eltern als deren einzige Toch­ter und als die damals schönste Blume des Orts nach Mainz, wo die trugvolle Welt ihre Bebe täuichte und sie verstieß. Seitdem war sie in stillem Wahne be­graben und stellte kein Begehren an die Menschheit, als sie in Frieden ziehen und etwas bei ihr stricken zu lassen. Sie war eine wehmüthige Eescheiilililg im dunklen Labyrinthe der Liebe sie bleibt ein liebliches Bild in Der Erinnerung des Rheingaus.

Eine Scejafldgeschrchte.

(Aus demPanama Herald" vom 16. Oktober.)

Die nachstehende merkwürdige Erzählung von der Vernichtung des WallfischfängersAnu Alerander" Kapitän John S. Deblöis, durch einen großen Sperm- sisch haben wir ans dem Munde des Kapitäns selbst, der am vorigen Sonntag von Paita hier (in Panama) ankam. In der ganzen Geschichte des Wallsischfängcs erinnern wir uns nur eines einzigen ähnlichen Falles, der Vernichtuiig des SchiffesEssr" vor einigen zwanzig Jahren. Das SchissAnn Alexander" war am 1. Juni 1850 von New-Bedford (Massachusetts) auf den Wallfisschfang nach der Südsee abgegangen. Nachdem es Kap Horn umsegelt, bet Valdivia (Chile) Proviant eingenommen und in Paiti ang sprocheii hatte, um einen Mann ans Land zu setzen, war es am 20. August vorigen Jahres bei dem allen WaUsischm»- gern wohlbekanntenOff-Shore-Ground" unter 5" 50' S. Br. und 102° W. L. angekommen. Um 9 Ut;r Morgens an demselben Tage entdeckte man WaUsi-che in der Nähe und es gelang einen sestgtmachen. Zwei Boote waren ihm gefolgt, daS Backbordboot von dem Steuermann, und das Steue, bordboot von dem Kapi­tän selbst geführt. Der Walisisch wurde von Dein er­steren Boot harpunirt. Er war nur eine kurze Strer e an der Leine gelaufen, als er sich plötzlich umwandte,