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Freiheit und tteeht!"

J&' 2 <85. Wiesbaden. DierrStag, 2. Dezember 1851.

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Die deutsche Entwicklung.

X Die Politik ist keine Sache der Leidenschaft, sondern ruhiger Erwägung. Um richtig zu rechnen, darf man nicht dieses oder jenes Facit finden wollen, darf man daS Papier nicht zerreißen, wenn unange­nehme Resultate zum Vorschein kommen; man muß der Sachlage scharf und unerschrocken auf den Grund zu sehen wagen und Alles prüfen, bis Klarheit und Wahrheit zu Tage tritt. Wollte Gott, daß die deutschen Politiker alle so nüchternen Muthes gerechnet hätten, so oft sie die deutsche Situation in Erwägung zogen! Wir wenigstens sehen in dieserLeidenschaftlichkeit, in dieser rein subjektiven Auffassung der Verhältnisse einen Hauptgrund der unsäglichen Begriffsverwirrung, welche regelmäßig zum Vorschein kommt, so oft ein Ereigniß eintritt, das nur ein Glied in einer langen Kette ist, doch nur von zu vielen wieder und immer wieder als etwas Besonderes, Unerhörtes angestaunt wird.

Der März 1848 hat den verschiedenen Ländern manches gebracht, das nur Bestand haben könnte, wenn die Richtung fest und unerschrocken eingehakten wurde, aus der es hervorgegangen war: das Abstrei­fen wollen des Partikularismus und Privilegieuthums in allen deutschen Gauen. Doch ward diese Richtung un­wandelbar befolgt, warb dieser Standpunkt der Ge­meinsamkeit und Solidarität Aller behauptet? Schon das Vorparlament zeigte so viel Köpfe, so viel Sinne, und nun gar erst die Rational - Versammlung! Man bot der Contrercvolution so viele Lücken zum Einbrin­gen, daß diese wirklich eine Leiche gewesen sein müßte was sie jedoch nicht war wenn sie ihren Vor­theil nicht hätte benutzen und das verlorene Terrain wieder erobern wollen. Die Mittel und Wege, welche sie ergriff, waren freilich der Art, daß wir heute kein Wort mehr darüber zu verlieren brauchen, da über sie die öffentliche Meinung im Kampfe der letzten Jahre genügend aufgeklärt ist und die Geschichte dereinst ihr unerbittliches Urtheil sprechen wird. Aber würde die Contrerevolution, indem sie so plump zu Werke ging, so weit gekommen sein, wenn nicht im Volke Vieles faul gewesen wäre? Viele Volksorgane haben nur zu oft blos die andere Seite herausgehoben; wir aber haben es von jeher für nützlicher gehalten, auch auf diese Seite Nachdruck zu legen. Denn wer sich nicht selbst zuvor kennt, wird nie den Gegner richtig beur­theilen lernen.

Nachdem die Richtung auf Wiedergeburt der einen großen Gesammtnationalität verlassen worden , verein­barte man mit den Einzelnen einzeln; man bildete sich ein, trotz des allgemeinen Schiffbruchs für seine Sonderver- Hältnisse doch Vieles retten, ja man glaubte so­gar, in den Kammern der Einzelstaaten noch große Po­litik machen zu können. Der Wahn wahr kurz, aber immerhin noch zu lang, da er sich je länger, desto bitterer rächen mußte. Dieser Fehler war aber eine

Paris und London.

Skizzen über das englische und französische Militär.

(Schluß.)

Ich habe zum Oefterm mit Engländern darüber gesprochen ob es wohl möglich sein würde, mittels des Heeres den Willen einer nicht volksthümlichen Re­gierung durchzusetzen, mit Einem Worte, einen «Staats­streich zu machen, und bin jedes Mal ausgelacht wor­den.Damn!" sagte Master Potter mein Freund aus Borkshire,was denken Sie von uns, und mit wem vergleichen Sie uns? Wir stehen etwas anders auf unsern Beinen, als die Monchiurs da drüben jenseit des Canals. Die Engländer sind Männer, die ihren Faden abaeiponnen und jetzt ihren Hut auf dem Kopfe haben.O, rief er mit seinem gewöhnlichen Grinsen, ich will nicht sagen, daß es unter unseren jungen Her­ren mit Goldlitzen und Degen nicht Heißiporne genug gäbe, die Gelüste hätten, wie die Cavaliere zur Zeit Karls des Ersten; aber es würde ihnen übel bekom­men, und an dieser Gewißheit scheitert aller guter Wille. Was will denn die Hand voll Soldaten auch gegen ein ganzes Volk, das sein Recht kennt und sich keinen Zoll davon abzwacken lassen wird? Laßt Ei­nen etwas befehlen, was Hochverrath ist, wir werden

Zeit lang so allgemein, daß es übel ausgenommen wurde, wenn man daran erinnerte. Haben wir es doch bis auf die jüngste Zeit noch erlebt, daß einzelne Volksstämme, wie die Hannoveraner z. B., sich einbil­deten, sie könnten auf eigenem Wege noch etwas er­reichen. Die Entrüstung, als diese Berechnung sich falsch erwies, war uns ein neuer Beweis, wie nöthig die Enttäuschung war. Der Monat November 1851 hat endlich wohl den sanguinischsten Politikern gezeigt, daß alle Mitglieder des deutschen Bundes der Gleich­machung verfallen werden. Man sieht hierin freilich vielfach nur Verwirrung; doch das bedeutsamste Zeichen der wachsenden politischen Bildung im Volke bleibt es dennoch, daß man mitten in der jetzigen Verwicklung der deutschen Verhältnisse von einer deutschen Entwicklung reden kann, ohne misverstanden zu werden. Das Schicksalsvolle, Fatalistische der Reaktion ist nämlich grave dies, daß sie entweder nicht mehr im Stande war oder es wenigstens nicht verstanden hat, sich mit Erfolg dieser Entwicklung zu bemächtigen und so die leitenden Volksklassen, die sie anfangs wieder für sich hatte, an sich zu fesseln durch rasche Befriedigung der Zcilbedürfnlsse und durch positive Leistungen aller Art. Die Unersättlichkeit der Reaktion sei diese nun blos nur ein intellektueller oder ein unvermeidlicher Fehler, ist und bleibt ein ungeheurer Fehler, über den sich jetzt wohl nur Wenige noch Illusionen machen. Mit nega­tiven Dingen kann man Verwirrungen nur steigern, doch keine Entwicklung sich Unterthan machen. Je mehr das Volk überzeugt wird, daß es eine Lächerlichkeit ist, von Kleinstaatsverhältnissen und von KleinkammerdebattlN das Heil zu erwarten, je mehr sich die Wahrheit bestätigt, daß wer von Einzelstaaten für die Gesammtnation et­was Großes erwartet oder von einen: Umschwünge in Paris Utopien für Deutschland träumt, ein politischer Schwachkopf sei, desto tiefer wird daS Volk in sich gehen, desto ernster wird es Alles benutzen, sich in allen Gebieten menschlichen Fortschrittes zu orientiren, und desto kräftiger wird seine selbsterrungene Ueber­zeugung, desto zäher sein Muth, desto unverwüstlicher seine Zuversicht werden, daß, wenn dieser Entwicklungs­prozeß ausgetragen ist, eine bessere, glücklichere und fruchtreichere Aera anbrechen werde. Winter ruht jetzt auf dem deutschen Vaterlande; doch ein Thor, wer an der Wiederkehr des Lenzes zweifelt.

Deutschland.

0 Hochheim, 29. Nov. Durch höchsten Be­schluß vom 27. l. M. ist die gegen den entlassenen Lehrer Joseph Rühl zu Camberg eingeleitete Unter­suchung wegen Herabwürdigung der katholischen Reli­gion, zu deren Verhandlung vor den Assisen bereits Termin auf nächsten Dienstag den 2. December be­stimmt war, niedergeschlagen worden. Dieser späte Beschluß ist dadurch noch bcmerkenswerther, daß ver­

sehen, wie weit er damit kommt!" Ein Engländer aber | kann sich gar nicht denken, daß etwas gegen die Rechte des Volkes und seines Parlaments befohlen werden könnte. Niemand würde dazu willige Hand bieten, kein Offizier und kein Beamter würde sich finden. Die Zeiten, wo das möglich war, liegen weit hinter unS; sie haben Blut und Leiden genug gekostet; jetzt aber kann geschehen, was da will, gegen die Majoritätsbe­schlüsse des Parlaments kann nichts vorkpmmen. Kein König und keine Regierung wird jemals die Presse antasten, die Freiheiten und Rechte eines einzelnen Mannes oder des ganzen Volkes zu drehen oder ab- zuschneiden wagen, und kein Offizier wird einen Be, fehl geben, der ihm Leib und Leben kosten müßte.

Master Potter lachte herzlich über den Gedanken an einen Versassungsumsturz, an den er weniger als an des Himmels Einsturz glaubte.Bah!" rief er, dazu gehören fanatische politische Parteien, eine inn re Staatsauflösung, Generale und Staatsmänner, die an" dergleichen gewohnt sind. Bei uns hat das Staats- gebäude seit mehr als anberthalb Hundert Jahren die Parteien gewöhnt, geduldig zu arbeiten, bis sie einen Stein heraussprengen und einen neuen einsetzen können. Es ist eine mühevolle schlimme Arbeit, aber wir sind damit so weit gekommen, daß Jedermann weiß, sie muß vollbracht werben, Niemand den Muth verliert und Niemand es zum Aeußersten kommen läßt. Wenn die grimmigsten, verrottesten Tories im Oberhaus sehen,

selbe feinem Inhalte nachauf den Grund des Antrags der bischöflichen Behörde" gefaßt worden ist. Es scheint, daß die auch in der Denk­schrift des Vertheidigers, Hofgerichts-Präsidenten Rah t, begründete Ansicht, wie wenig die Jventificirung der kathol scheu Kirche mit dem Jesuitismus, über welchen der angeklagte Artikel desFreien Worts" doch allein handelt, im Interesse der Kirche liege, bei der Kirchen- behörbe selbst Eingang gefunden hat.

0 Idstein, 28. November. Nachdem der hiesige Verein zur Wahrung der Volksrechte längere Zeit durch das Kreis-Amt überwacht wurde, indem entweder ein Beamter des Kreisamtes oder ein Gensdarm in Person den Sitzungen beiwohnte, nachdem dieAllgemeine Zeitung" in einem Artikel von Idstein in Nr. 276 die hiesige Ordnungs-Partei, aufgefordert hatte, Demonstrationen, wie die Feier des Robert-Blums- Festes, nicht zu dulden, so wurden heute so­wohl der Verein zur Wahrung der Volksrechte als auch der Frauen verein durch hohen Ministerialbe- fehl aufgelöst. Es wurde vom Kreis-Amte sogar ver­boten, die Mitglieder der Vereine zur Mittheilung jenes Ministerialbefehls zu versammlen.

O Mainz, 29. November. Die Kirchlichkeits­maßregeln und Verbote sonntäglicher Volksbelustigun­gen , welche jetzt überall in Deurschlaud hervortreten, erinnern mich an eine beherzigenswerthe Stelle in den vom Bischof Eylert herauSgegebcnenCharakterzügen aus dem Leben Friedrich Wilhelms ill.," der doch ge­wiß ein frommgläubiger König war. Als Bischof Ey­lert dem verstorbenen Könige vorstellte, die Frühkon­zerte im Thiergarten hinderten die Leute am Besuche der Kirchen, erwiederte derselbe:Gehen so nicht hin! Man kann sie nicht zwingen, zur Kirche zu gehen. Unter allem Freien, ist und bleibt das Freie- ste die Religion, und vorab die christliche. Jeder hat es hier mit sich selbst, mit seinem Gewissen und mit Gott zu thun. Man muß das allein dem Menschen überlassen, und hier verträgt er den Zwang nicht." Als daraufderHochwürdige meinte, es wäre dann doch besser, die Morgenkonzerte zu verbie­ten, und nur die Nachmittags- und Abendkonzerte zu gestatten, wies er auch dieses Ansinnen ab, mit den Worten:Am Abend oder Morgen ist dasselbe!. Im Gegentheil: wenn der Mensch frisch ist, wirkt eine schöne Musik im Freien und unter Bäumen, und wenn der Himmel heiter und noch Alles ruhig ist, wohlthä­tig und religiös auf den Menschen. Sind viele Ge­genvorstellungen, auch von würdigen Geistlichen, ein­gekommen; haben mich aber nicht überzeugen können. Ebenso ist es mir mit den Schriften gegangen, die gegen das Theater geschrieben sind. Ja es hat ein Mann aus Elberfeld an mich geschrieben, und mich, da ich ein Christ wäre, ums Himmelswillen gebeten, nicht mehr in die Comödie zu gehen, um nicht Scha­den an der Seele zu nehmen. Der ehrliche Mann

daß es nicht anders geht, geben sie nach, und so wer­den sie jeder Reform nachgeben, die mit Kraft und Ausdauer verlangt wird, damit es nicht zur Revolu­tion komme. Soldaten aber werden sie nie zur Hülfe rufen, mit Bayonnetten werden sie niemals ihr Recht beweisen wollen. Es ist Unsinn, Sir, dergleichen hier anwenden zu wollen, wo ein Volk vorhanden ist, das Recht und Gesetz als heilige Dinge achtet."

In ähnlicher Weise sprechen alle Engländer, und wer die Augen nur halb aufmacht, muß einsehen, daß sie ihrer Sicherheit nicht zu viel trauen. Soldaten und Offizier, das ganze Heerwesen ist in England Nebensache, das Volk ist die Hauptsache. Vom Volke geht Alles aus, im Volke sitzt die ganze Kraft uns Macht des Staates, das Volk ist die Säule, auf wel­cher England ruht. Das Volk, das heißt, wie Master Potter sagt,die Masse derer, die etwas zu verlieren haben, die den Staat regieren und für sich ausbeuten, hat aber in dem Kampfe mit der alten Bodenansto- kratie so viel gewonnen, daß es diese gar nicht mepc zu fürchten braucht. Das Haus der Gemeinen steht an wahrer Macht weit über dem Hause der Lords. Es zwingt dieses Schritt für Schritt zum Nachgeben und wird es endlich doch dahin bringen, daß die Wahl­gesetze geändert werden müssen, die Radikal-Reformer die Majorität bekommen und eine etwas erweiterte Portion Engländer, nach Master Potter, das englische Volk bildet, das im Parlamente regiert. DaS Hau»»