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J^ ^^X. Wiesbaden. Donnerstag, 27. dèovember 1851*

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Nbeinganer Zustände

X Eltville, 24. November. Deutschland hat keine Kolonien. Während andere Völker ihren National- reichthum vergrößerten, das Meer mit ihren Schiffen bedeckten, fremde Ervtheile sich dienstbar machten, kamen ivir allein zu kurz; denn wir wühlten in unseren eig­nen Eingeweiden , führten mörderische Bruderkriege, matteten uns ab in elenden theologischen Kloppfechte- reien, und stritten um Glaubenslehren, über deren Richtigkeit und Wahrheit doch allein dem Weltea- schöpfer das letzte Urtheil zusteht. Wir mordeten uns selber, der jenseitigen Seligkeit halber, machten so unser Reich zum Fechtboden von ganz Europa, und brachten es an den Rand des Abgrunds. Unsere Fürsten und Parteien hingen sich an bas Ausland, welches uns ausbeutete und verachtete, und dabei gin­gen die alten Volksfreiheiten zu Grunde; die Willkür­herrschaft, welche das so oft und nicht selten ungerech­ter Weise geschmähte Mittelalter im deutschen Lande nie gekannt, kam in Gang und Schwung, unsere alte Kraft siechte dahin, und nur ein fruchtbares Völker- und Staatenleben, dem die Geschichte nur wenige an die Seite zu stellen vermag, vermöchte uns wieder em­porzurütteln, unsere alte am^flammtc Kraft wieder zu beleben, die deutsche Leiche wieder zu einem frischen gesunden Leben zu erwecken, nachdem der Körper zwei Jahrhunderte alle Stufen der Marter und Qual aus- gestanden hat. Die Zerrissenheit, die Zersplitte. ning, sie gebührt ihre unheilschwangeren Wehen im Staats- wie im Volksleben, sie vermag auch leider heute noch, daß unser Menschenüberschuß dazu dient, andere Völker zu bereichern. Wäre nur der zehnte Theil des Blutes, welches unsere Söhne für auswär­tige Mächte vergossen haben, wäre nur der hundertste Theis des Nachdenkens und der Ausdauer, die Dcut« ^"^" lrrmd^Erdchkil e vergeudeten, weil das Vaterland die besten Kräfte nicht geeignet zu verwenden wußte, im Dienste unserer eigr- yrrr Sache und unseres eignen Vortheils halber auf» geboten worden; wir würden bann so gut, wie die übrigen europäischen Völker Kolonien besitzen, deren Mangel wir täglich fühlbarer spüren. Von den be- reutesten europäischen Nationen sind wir nebenj den Italienern die einzigen, welche daran Mangel leiten. Selbst Rußland, das zwar zuletzt aus den politischen Schauplatz trat, verfügt über sein unermeßliches Si­birien und große Länderstrecken auf der Nordwestküste Amerikas. Wir ließen aber unsere Söhne in der gan­zen Welt herumfahren, sie haben den Holländern die schönen Eilande Hinterintrens erobern helfen, deutsche Soldaten halfen bei Sumatras Unterjochung, deutsche Soldaten führten Krieg gegen Buenos-Äyres, für Eng­länder gegen Nordamerika; und leichtsinnig und unbe­sorgt, überlassen wir unsere Landsleute noch heute ihrem Schicksale und sehen zu, wie sie von. andren

Nationen benutzt werden, um für dieselbe Eroberungen zu machen und unabhängige Völker zu unterjochen, oder die Stelle der Neger einzunehmen; und unsere Regierungen und unsere Frommen und Meuschenbe- glücktr sind ganz ruhig und gleichgültig gegen diese Art Seelenvcrkäuferei. Man sucht zwar iu manchen doktrinäl'eu Kreisen zu behaupten:. darin liege Kosmo­politismus , aber gerade dieser heillose Kosmopolitis­mus , diese schief verstandene Weltbürgerei, ist es ja gewesen, die unser Deutschland so elend machte. Wir brauchen Patriotismus, Vaterlandsliebe, welche vor Allem das Wohl der eigenen Angehörigen ins Auge faßt, nicht jene kalte Weltbürgerei, die keine Theilnahme für unsere Auswanderer hat, und die ruhig und ge­lassen zusieht, wie die Deutschen versprengt nach allen Punkten der Windrose leben. Wir wollen daher auch nicht stehen bleiben und unsere Aufgabe soll nicht allein die sein, blos einseitig für unsere Rheingauer Lands­leute thätig. M sein. Nein, sondern wir wollen, da wir in die Vergangenheit zurücksaheu, der Zukunft ge­denken, und die Auswanderung vom deutschnational­ökonomischen Standpunkte betrachten, und werden uns reichlich belohnt finden, wenn dasjenige, was wir znr Auswanderung Nützliches und Ersprießliches aiisühren, sich einiger Theilnahme erfreut. Die Auswanderung ist vor allem keine Krankheit mehr. Noch vor nicht vielen Jahren glaubten unsere Negierungen derselben sogar hemmend in den Weg treten zu sollen, und woll­ten Leute nöthigen, in ihrer Heimath zu bleiben , doch dcmohngeachtet nahm die Lust zum Auswaudern täg­lich zu. Ob ein Unbehagen der politischen Zu­stände, ob Uebervölkerung einzelner Gemeinden, ob Wechsel der Nahrungszweige und materielle Bedrängniß, ob vielleicht phantastischer Zug, der ins Weite treibt, Hang zu Abentheuer» (wie von mancher Seite so künst­lich hervorgehoben wird), schiefe, unhaltbar gewordene persönliche Stellung oder religiöse Bedräugniß und Unduldsamkeit, oder ob wie - glauben, .dieses Alles rusammenwirkt, sich die kaum zu erklärenden Massen der Auswanderungen zu deuten, berechtigt uns schon allein zu der Behauptung: daß die Auswanderung heute keine Krankheit, sondern eine Nothwendigkeit ist. Ein jeder von uns denke sich zwanzig Jahre zurück, erwäge ernstlich die Verhältnisse unseres Gaues, ziehe vorerst in Anbetracht, daß unsere Foreusen den Grund und Boden deshalb so sehr in die Höhe trieben (man be­rücksichtige den Preis von 15-20 fl. per Ruthe und betrachte das sich heute ergebene Verhältniß), um ihre Kapitalien nur sicher und Vortheilhaft anzulegen. Die­selben konnten auch in der That keinen besseren Weg einschlagen, als den eben bezerchneten, um sich in spe­kulativer Hinsicht den Rücken zu decken. Man erinnere sich an die oft so künstlich hinaufgeschraubten Preise der Produkte, die stets vorher abgekarteten festgestellten Wein- preise, wo der mittlere Gutsbesitzer nicht die Coucur- renz halten konnte, demselben aber als Entschädigung die höhere Besteuerung aufgebürvet wurde, die vielen

bedeutenden Mißjahre daher die gänzliche Lähmung jedes materiellen Verkehrs zConcurse) und man wird bei uns über die Ursache des AuswaudernS tut Klaren sein. Aber hier können wir nicht umhin, die Frage zu stellen: Warum sind die seit Jahren vorge- schlagenen Mittel und Wege über die materielle Hebung unsers Gaues, die doch einer Berücksichtigung höherer Scits verdienen, alle ohne Erfolg? Warum mußten wir leider sehen, wie der so gedrückte Mittelstand schon auf dem Felde sein Korn, seine Kartoffeln, den eignen Lcbensbedarf, verkaufen mußte, um nur den Kreditor, oder den Staat zu befriedigen. Wir sprechen unver­hohlen unsere Meinung aus, denn jeder nehme Augen­schein von der bevorstehenden Zukunft unseres Gaues, er höre diejenigen selbst, die ihr Vaterland verlassen, um es vielleicht mit einer ungesunden tropischen Ge­gend zu vertauschen, wo sie vielleicht in einigen Jahren unter mühseligen Arbeiten und Strapatzen erliegen; er höre diese meist jungen, arbeitsfähigen, arbeitswil­ligen Leute, sie werden ihm zurufen:Nicht der Hang zu Abentheuern, keine Phantasie treibt uns von dem theueren Herde, sondern die Noth um Brod Man­gel an Verdienst! Die Aussicht, die uns unsere Hei- math bietet, ist die: als Bettler unseren Gemeinden zur Last zu fallen, dieses wollen, dieses können wir nicht, dagegen sträubt sich unser sittliches Gefühl!"

Di« Krisis in Hannover.

* Die hannoverische Kabinetskrisis ist bis auf die Besetzung des Finanzministeriums beendigt, welches letztere Bacmeister einstweilen leitet. Auch die Frage, ob Georg V. das Kommando der Armee wie sein Baier übernehmen oder dein Herzoge von Cambridge- oder bem General Halkett über­tragen werde, ist entschieden: derOberpostamtszei­tung" wird gemeldet, daß der bliudc Königdie Ab­sicht zu erkennen MgtbÄ habe, das Kommando der hannoverischen Armee selbst zu führen." Die Geue- ralaojutanlur und der Chef des Generalstabes sind dem verantwortlichen Kriegsminister mchk suborvinirt, son­dern koordinirt. Das Kriegsministerium füOvt blos die Militär - Verwaltung unb das Rechnungswesen. Die hannöversche Stäudeve rsammI,i ng ist auf den 2. Dezember ein berufe u ein Kor­respondent derKölner Zig." meint,doch wohl nur, um sofort wieder aufgelöst zu werden." Die Bestür­zung über das Kabinct Scheie ist in Hannover allge­mein.Noch steht König Ernst August's Leiche über der Erde; vor einigen Tagen noch versicherte das Pa­tent des neuen Königs:Wir bestätigen die weltlichen und geistlichen Diener in ihrem Amte"" und jetzt schon diese Aenderung!" klagt man, betroffen, aus dem kurzen Traume erwachend. Das Schicksal der Orga- uisationspläne ist jetzt kaum mehr zweifelhaft; auch der Septembervertrag wird wahrscheinlich den Stoß

Moderne Oper moderner Unsinn.

FL Das Maß des Unsinns, moderne Oper genannt, war ungeheuer groß, sonst müßte cs längst übergelaufen sein*); doch es fängt nach und nach an. Respekt aber vor den Schöpfungen unserer Mozart, Beethoven, Weber, Spohr! Moderne Oper moderner Unsinn! gilt jetzt von dem Opernwesen aller Länder. Die letzte Aufführung derJüdin" in Mainz erinnert mich wieder lebhaft daran. Man höre und bekenne, ob es nicht ein Jammer ist, wenn wir sehen, wie selbst berufene Componisten diesem goldenen Mondkalbe fortwährend ihr Talent opfern, um-dcm großen Haufen zu huldigen! Die moderne Oper ist ihrer Natur nach ein Frevel an der Idee der dramatischen Kunst, da sie fit alles dramatische Element durch die lange unendliche «Schleppe der Musik wie schweres Blei in seiner Bewegung hin­dert und dadurch mehr oder minder zur Parodie herab- .stht, während sie auderutheils die Musik selbst^nt. würdigt **), indem sie dieselbe zur Sklavin eines sv völlig werthlosen , ja oft sinnlosen dramatischen Werkes macht, wie es den meisten unserer Opern zu Grunde liegt. Man zerlege z. B. das dramatische Gerüst der vielbewunderten Operdie Jüdin". Der Vorhang erhebt sich: Ein Haufen geputzten Volkes

*) Meyerbeer'S Prophet mit Schllttfchlnhjlsiifei,!

**, Der Prophet mit der künstlichen Sonne!

(mit den dümmsten, gleichgültigsten Gesichtern der Cho­risten) steht auf der Straße der Stadt Constanz am Bodensee und singt, die Männer links, die Frauen rechts, hübsch gereiht und artig, wie die Schulkinder. Eine ans dem Leben gegriffene Scene, eine bewunderungs­würdige, wahre Auffassung des Volkslebens, wie eS sich täglich auf den Straßen der Städte zeigt!! Sodann hört man, daß ein nahebei wohnender Jude hämmert: ein Oberschultheiß Ruggiero, der einen Festtag angesagt hat, spricht dem dafür ohne Säumniß das Urtheil. Der Jude wird natürlich gehängt oder gerädert! In unserm Falle bleibt nur das etwas auffallende Faktum zu enträtseln, daß der Jude nichts von dem erst eben durch Ruggiero ausgerufeneu Festtage wissen kann! Während nun der arme Schächer zum Tode geführt wird was geschieht, nachdem er einige sehr schöne Triller gesungen hat mit obligater Begleitung seiner Tochter, die in ein sehr rührendes Duett mit ihm ein- fällt, wie es bet armen Sündern in der Todesangst natürlich und gebräuchlich ist!! kommt ein gemüth­licher alter Herr in einem pittoresken rothen Rocke, der .nichts weniger ist als der erlauchte Präsident des Tribunals Meudez.HN ) Der Schultheiß, sahen wir, war ein Italiener, der Herr Präsident ist der Abwech­selung wegen ein Spanier; letzter befiehlt, den Juden frei zu lassen. Und nicht das allein, der menscheu» freundliche Präsident trägt auch noch in scpr rührenden Baßtönen dem Juden seine Freundschaft an, was von

einem Präsidenten, der Anno 1414 auf den Straßen von Constanz flauirt, billig keine Verwunderung er­regen kaun; es wäre auch sicherlich ein sehr inuigcS und passendes Freuudschaftsbünsniß geworden, wenn der arme Jude sich mit dem Herrn von Mendez hätte kinlassen wollen, was er aber sehr brüsk ablehnt, und was den stolzen T.idunalspräsiveuteu dann auch weiter nicht bekümmert. Man geht nun gegenseitig mit gro­ßem Vergnügen ab. ^Danu schießen plötzlich pochst über­raschend von zwei Seiten die Tochter des Jaoen und ein liebenswürdiger Bösewicht von Jüngling in der Mitte der Bühne zusammen; der Jüngling, Reichsfürst Leopold von Oesterreich (!!), ist sehr verliebt, was er am hellen Tage, mitten auf der Straße, so laut wie möglich seiner Geliebten vorsingt; man weiß ja, wie es verliebte junge Leute zu thu i pflegen, zumal, wenn sie, wie diese, noch ganz besondere Gründe zur Heim­lichkeit haben! Wie sie gekommen, schießen sie bald wieder aus einander. Darauf kommt, das artige liebe Volk zurück, und trittst sehr vergnügt aus einem Bruu- Nku, der köstlichen rothen Wei» sprudelt, wie es in jenen Tagen flanireuder TribuualSpräsioenten Sitte gewesen zu sein scheint. Dasselbe Volk ergrimmt aber gleich darauf höchlich, als sich der niiglückselige Jude mit seiner Tochter entfallen läßt, aus der Hütte zu kom­men, und den Dom anzuschäue». Dafür inuß der Jude, natürlich wieder auf summarischeiu 2Legc, geköpft oder gerädert werdtn, unD zum zweiteumale kommt gerade