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1851

Wiesbaden Freitag, 7. November

Die »gifte Zeitung" cr($unt, mit Ausnahme »rS Moiuagu, »änlich in einem Äugen Der ÄdonneiueniüpreiS beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden 1 st. 45 h., auSwâr:B durch bU Post bezogen mit vcrhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden dereitwiyig»aufgenommen und find bei der großen Serbr^tung derFreien Zeitung" stets von wirksamem <tt* folgt. Die InserationSgebühren betragen für die vierspaltig« Petttzeile 3 ft.

Jnlikerthuw und Bürgerthuw.

(Eiche No. 256 derFr. 3.")

11.

* DieWeser -Ztg." bringt über dieses wichtige Thema der deutschen Politik einen Artikel, der besonn ders auf Studien aus den berühmten »Essays» von Macaulay über die englische Geschichte beruht, die von allen politischen Parteien, die aus der Geschichte et­was lernen können, als Urtheile eines unserer größ­ten jetzt lebenden Staatsmänner und Schriftsteller be­trachtet werden:

Unsere politischen Romantiker sprechen fortwährend vonalter Zucht und Sitte" und von deralten ge­diegenen Wohlhabenheit"der vergangenen Zeiten:Vol­taire unb die Dampfmaschinen haben alles irdische Glück untergraben und statt des fröhlichen und bunten Volkslebens der früheren Jahrhunderte haben wir Vir» menhäuser und dumpfe Spiunstuben, angefüllt mit ei­nem bleichen, niemals lächelnden Heloteygeschlecht. Früher waren nur die Ritter und Herren, die Bi­schöfe und Aebte, vielleicht einzelne Patriziergeschlechter der Städte reich und mächtig, aber die Masse des Volks lebte doch frisch und froh unter dem väterlichen Regiments der vornehm geborenen Stände, und von eigentlichem Elende war keine Rede. Das haben erst die verruchten Industriellen, die herzlosen Fabrikherren, die modernen Feudaltyrannen in die Welt gebracht. Was haben wir also Eiligeres zu thun als zu den Zuständen jener glücklichen Zeit zurückzukehren und namentlich solche politische Einrichtungen herzustellen, welche Adel und Geistlichkeit wieder zum alten Ansehen vnd Einflüsse verhelfen»!""

Die goldene Zeit des Volkes hat, wie Rolands be­rühmte Stute, alle erdenklichen Vorzüge; leider aber hat sie, wie dieses Wunderroß, einen kleinen Fehler, daß sie nämlich nie eristirt hat, außer etwa in der ko­mischen Oper und in der Phantasie einiger Kreuzritter. Der Wahn, daß es in früheren Zeiten besser gewesen sei, als heutzntaLe, ist uralt. Schon der Nestor Ho­mer hebt rühmend hervor, was für ganz andere Kerle __ -«E die ZâfnwWi seines Vaters gewesen feiert, als die nachgebornen Helden. In England haben Sou­they und Disraeli dicke Bücher vollgeschrieben, um zu beweisen, daß das eigentliche goldene Zeitalter in die Regierungsepoche Heinrichs VIII. eben vor der Re­formation falle. Die neupreußischen Tories werden ungefähr derselben Ansicht sein. Die Reformation ist ja recht eigentlich der erste große Riß in das pa- triarchalisch geschloffene Leben des Mittelalters ge­wesen.

Freilich so verblendet und verschroben kann selbst ein Kreuzritter nicht sein, daß er nicht esnräumen sollte, die verruchte Industrie, das Kapital und die Dampf­maschine habe dem gemeinen Manne eine Menge von Bequemlichkeiten und Genüssen, zugänglich gemacht,

welche im goldenen Zeitalter Fürsten und Prälaten um keinen Preis sich hätten verschaffen können. Da­für aber bilden sich diese Lobredaer der Vorzeit ein, daß die arbritenden Klaffen vor dem Aufschwünge des. Fabrikwesens an den eigentlichen Lebensbedürfnissen weniger Mangel gelitten hätten, als heutzutage. Dies ist ein vollständig unbegründet -, willkürlich aufgestell­ter Satz. Keine einzige geschichtliche Thatsache dient zu seiner Unterstützung. Dagegen liegen hundert That­sachen vor, die ihn wiederlege».

In welchem Lande der Welt haben Industrie, Ca­pital und Dampfmaschine daS größeste Reich gewon­nen? Ohne Frage in Großbritannien. Die Raub­ritter der Dampfmaschine", diemodernen Feudalherrn" sind dort mächtiger, reicher, thätiger als irgendwo. Vor dreihundert Jahren eristirten sie kaum; die großen Grund­besitzer, dieses Salz der neuprenßischen Welt, beherrsch­ten fast ausschließlich das Land. Wir wissen nun zu­fällig, daß vor dreihundert Jahren die Dienerschaft in einem der erlauchtesten Häuser des Reichs, im Hause des Herzogs von Northumberland, gröbere Kost erhielt, als heute die Schiffsknechte eines Kohlenfahrers. Wir wissen zufällig, daß zur Zeit Eduards VI. die Studen­ten in Cainbridge durchgängig nichts aßen, als eine Suppe von Hafermehl und etwas Rindfleisch. Heut­zutage essen die Insassen der englischen Armenhäuser Weizenbrod. Im sechzehnten Jahrhundert waren die Tagelöhner froh, wenn sie Gerste hatten und nicht Baumrinde unter ihr Mehl zu mischen brauchten. In den goldnen Zeitender guten Königin Elisabeth", in den Zeiten, wo England daslustige" hieß,ihe merrie Englande schrieb ein Chronist (Harrisons intro- duction to Hollinshed):Die fürnehmen Leute ver­sorgen sich gemeiniglich hinreichend mit Weizen für ihre eigenen Tische, während ihr Gesind und armen Nach­barn in etlichen Grafschaften gezwungen sind mit Rog­gen oder Gerste fürlieb zu nehmen, ja und in Zeiten der Theurung manche mit Brot von Bohnen, Erbsen oder ^-Hhr.r allem âfammenund einige Eicheln darunter. Ich will nicht sagen, daß dies Aeußerste in den Zeiten der Fülle gar so oft zu sehen, â in Theuermß; wem, ich's aber thäte, könnt' ich gar leichtlich mein Stück erhärten; denn obzwar jetzunder viel mehr Boden ge­ackert wird, denn vormals, so dauert gleichwohl ein solcher Preis des Kornes in jeder Stadt und Markte an, ohn' alle gerechte Ursach, daß der HandwerkSmann und arme Arbeiter nicht darzu gelangen kann, sondern muß mit Pferdekorn fürlieb nehmen." Nun wissen wir zwar sehr wohl, daß es Tausende deutscher Lands­leute gibt, die Gott danken, wenn sie nur diese be­scheidene Speise haben, aber wir möchten einmal sehen, was für eine Wirkung es haben würde, wollte man einmal ein englisches Armenhaus auf Pferdekorn setzen. DieHeloten des Mammons", dieLeibeignen der Dampf­maschine", wie die Kreuzzeitung sie nennt, sind nicht so genügsam, wie die Bauern jenes Zeitalters, das i von industrieller Tyrannei noch nichts wußte. Der

berühmte Kritiker! imEdinburgh Review" führt fol­gende Behauptung Southey's an:Die Leute leben schlechter als zur Zeit, da sie Fischer waren." Und doch beklagt derselbe Romantiker sichüber das Vor­urtheil des Volks gegen Fischspeisen." Nun ist es wahr, daß in England der gemeine Mann eine Ab­neigung gegen Fisch hat. Aber der Hunger weiß von solchen hartnäckige» Vorurtheilen nichts. Wenn man heute eine Speise verschmäht, die früher allgemein war, so ist es klar, daß das Volk etwas zu essen hat, was ihm wenigstens eine bessere Nahrung zu sein scheint.

Die wildeste Romantik muß zugeben, daß der ärmste Helote heutzutage auf seinem Krankenlager besseren ärztlichen Rath und bessere Arznei haben kann, als Kö­nig Heinrich VIII. in seinen fürstlichen Gemächern. Herr Southey meint freilich, diese Wohlthat werde reichlich ausgewogen durch den Umstand, daßseit der Zeit der Druiden" die Krankbeiten weit mehr zvge« nommen hätten, als die Palliative der Wissenschaft. Die Wahrheit ist, daß wir von den Krankheiten der Druidenzeit nichts wissen, daß aber in den Jahrhun­derten, über welche wir zuverlässige geschichtliche Kunde besitzen, die Gesundheitszustände sich mit der fortschrei­tenden Industrie unwandelbar gebessert haben. Alle be­redten Deklamationen über modernes Helotenthum und moderne Feudalherrschaft beweisen nichts gegen die Zah­len der Sterblichkeitslisten. Diese Zahlen bilden den aUerentscheidendsten Maßstab für die physische Wohl­fahrt eines Volks Es ist eine unzweifelhafte That­sache, daß das durchschnittliche Lebensalter der reichen und wohlhabenden Klassen ein höheres ist, als das der ärmeren, und die Regel, welche von verschiedenen Klaffen einer Generation gilt, findet offenbar auch Anwendung, wenn man Generation mit Generation vergleicht. Es ist an sich, höchst unglaubhaft, daß die Lebensdauer eines Volks länger und länger werden sollte, während sein leiblicher Zustand mehr Hub mehr verwahrlost wird." (Schluß folgt.)

D - u t f ch t - n d.

* Wiesbaden, 6. Nov. Es unterliegt laut den neuesten Nachrichten aus Norbdeutschland jetzt feinem Zweifel mehr, daß sich der ganze Steuerverein, der be- kannilich aus Hannover, Oldenburg, Lippe-Schaumburg und einigen preußischen und braunschweigischen Lan- destheilen besteht, dem Septnndervertrage «»schließen werde. Schaumburg hat am 27. Oktober den Vertrag mit Hannover abgeschloffen und die Ratifikationen sind bereits gewechselt. Der Abschluß mit Oldenburg ist stündlich zu erwarten.

t? Wiesbaden, 6. November. DaS Frankfurter Jnt.-Blatl" brachte neulich die Nachricht, in der Bun­desversammlung sei davon die Rede,für gewisse Eventualitäten sofort den Kriegszustand in ganz Deutsch­land eintreten zu lassen." Diese in alle Blätter über

Aus dem hannoverischen Leben.

(Wes.-Ztg.)

Der O f f i z i e r st a n d.

Dem bestimmten Etat gemäß zählen die 6 hanno­verschen kleinen Kavallerieregimenter je 24 Offiziere = 144, die 20 Jnfanteriebataillone, deren 16 zu 8 Regimentern vereint sind, je 19 =380; die Artillerie 54 Oifiziere; beim Ingenieurcorps finden sich Anfangs d. J. 11, bei den Landgensdarmen 10. Dazu gerech­net werden müssen einzelne bei einigen Corps Aggre- girte, wogegen aber einige Vacanzen in Abrechnung kommen; kann die Regnmmtsbereiter, die Regiments- quartiermeister, die 15 Stadtkommandanten, mehrere zum Theil außer aktivem Dienst befindliche, bei mili­tärischen Anstalten und Commissionen Angestellte, 15 Dlstriktskoimülffare zur Rekrutenaushebung, von denen einer Landrath, alle übrigen Offiziere außer Dienst sind. Endlich kommt noch hinzu die gesammte Generalität, bestehend nicht eingerechnet den Herzog von Welling­ton und einige Fürstlichkeiten, sowie 4 schon mitgezählte Stadtcommandanten aus 2 Generälen (einer zur 1 Disponibilität), 3 Generallieutenants (2 disponibel) unb 11 Generalmajoren , von denen einer der Com­mandeur ter Landgensdarmerie, ein anderer der Kriegs­minister. Zusammen zählte somit die hannovmche Armee bei Ausgabe des Staatshandbuchs für 1851:

689 Offiziere, zu denen man die 52 Militärärzte hin­zurechnen kann. Die Mehrzahl der Kavallerie- gegen die Jnfanterieoffiziere ergibt sich dadurch, daß das Ka­vallerieregiment 2 Rittmeister 2ter Klaffe, das Jnfan- teriebataillon nur 1 Hauptmann 2ter Klaffe führt, und daß die Kavallerieschwadron 2 Premier» und 2 Secon- delientenants, die Jnf.-Compagnie aber nur 1 Premier- und 2 Secondelieutenants hat. Bei ter Artillerie be­steht das umgekehrte Verhältniß, und jede Compagnie hat einen Capitân 2tcr Klaffe. Die Folge ist, bagjn der Kavallerie und noch mehr in ker Artillerie die Se- condelikutenans rascher avanciren, während in den hö­heren Chargen die Infanterie durch die Mehrzahl der Stellen den Vorsprung gewinnen muß.

Bis 1848 fand ein strenges Aufrücken nach dem Alter Statt, und wenn jemand übersprungen, b. h. wenn sein Hintermann vor ihm befördert wurde, so war das ein deutlicher Wink man habe seinen Abschied zu fordern, der dann auch ertheilt wurde. Am meisten traf sich dieses bei Beförderung der Capitains zu Staabsofficieren, da bei der Kleinheit der Armee die Ofsiciere als Hauptleute ergrauen und öfter dienstnn- tüchtig werden mußten. Als Zugabe zu der allerdings nicht hohen, und nur im Verhältniß zu den verfüg­baren Mitteln beträchtlichen Pension verlieh man den zum Abgehen gezwungenen wohl Distriktscommiyariate, und höheren Rängen Stadtcommandanturen; die letz­teren gelten als aktiver Dienst. Als aber 1848 die

Kriegsereignisse zahlreiche Peiisionirungen nothwendig machten und bald die Mittel kes Officierpensionfonds erschöpften, ohne alle Dienstuntauglichen zu entfernen, blieb nichts anderes übrig, als von der alten Regel abzuweichen und zu erklären, daß Befördern eines Hin. termannes den Ueberfprungenen nicht kränken solle, und jemand recht gut den Dienst ferner Stelle noch ver­sehen könne, ohne zu der nächst höheren zu passen. Merkwürdig, wie spät man zur Entdeckung dieser ein­fachen Wahrheit gekommen. Aber bis jetzt ist das Ge- füZ noch nicht aus der Armee gewichen, daß Ueber» schlagung den Abgang nach sich ziehen müsse.

Daß sich unter den Offizieren ein scharf ausgepräg­ter Korporationsgeist bilden mußte, war ihrer ganzen Stellung nach natürlich und nothwendig, auch wenn es nicht von oben herab befördert wäre, und hat sicher­lich viel Gutes gestiftet für das Lebin der Armee, was wir den daraus entsprungenen Uebelständen gegenüber, die meist nur aus Uebertreibung hervorgingen, nicht verkennen dürfen. Das kameradschaftliche Verhältniß, um welches mancher Stand daS Militär beneiden möchte, ist auch eine Folge des Korporationsgeistes, und jenes tritt im Hannover'schen um so ungezwungener hervor, als der Rangnuterschied innerhalb des Offizierstan. des im geselligen Leben fast keine Bedeutung hat und nur in den Formen der auch sonst üblichen Höflichkeit auftritt. Gegen außen übt jener Geist sein Einflüsse «IS bis sogenannte Ossizierehre, welche wieder in teil