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Ludwig Kossuth in England.

London, 29. Okt. [%. 3J Die Reden auf dem gestern zu Southampton Statt gehabten Banket wurden natürlich durch die herkömmlichen loyalen Toaste eingcleitet. Die­sen schlossen sich Toaste auf den türkischen Sultan, den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Lord Palmerston und die Minister Ihrer Majestät und auf die Parla­ments-Mitglieder von Southampton an. Darauf brachte der Mayor die Gesundheit Kossnth's aus. Er äußerte bei dieser Gelegenheit, wie ihm der diesem zu Theil gewordene Empfang zeige, daß in den Herzen des englischen Volkes noch der Geist Cromwell's, Hamp- den's, Milton's und Sydney'« lebe und daß die Söhne dieser großem Männer sich ihrer Väter würdig bewie­sen. Er zog eine Parallele zwischen dem Empfange, welchen das englische Volk den drei Flüchtlingen Kos- suth, Louis Philippe und Haynau habe angedeihen las­sen Abstufung von begeisterter Bewillkommnung, Theiluamlosigkeit und Abscheu, und bemerkte, wie sich darin die unter der Mehrheit der Engländer herr­schende Meinung adipiegele, In seiner Erwiederungs- rede sprach sich zunächst Kossuth über die Sym­pathie der Engländer mit der Sache der Freiheit, als über einen charakteristischen Volkszug, aus.Kein Mensch," sagte er,welcher sich über die Bedeutung seiner Bestimmung klar ist, kann ohne Frei­heit zufrieden leben; der aber, welchem Gott die Frei­heit verliehen hat, besitzt Alles, wenn kleben Geist und Willen besitzt, seine Freiheit mit der Standhaftigkeit, welche die Engländer gezeigt haben, zur Förderung seines eigenen Glückes und des Glückes seiner Mitmen­schen zu benutzen. Dies ist die Gcunblage, auf wel­cher England zu dem Paradiese geworden ist, welches es jetzt ist, auf dem mein betrübtes Her; mit Freuden ruvT und das nothwendig die Sehnsucht jedes Fremd­lings erhöhen muß, gleichfalls frei und dadurch in Stand gesetzt zu werden, sein eigenes Vaterland zu ei- nem Paradiese gleich England umzuschaffen. Während Meines ganzen Lebens habe ich einen leitenden Ge­danken gehabt: die Freiheit. Das Ziel meines Da- seins bestand darin, meinem Volke die Segnungen der Freiheit zu erringen, obgleich ich diese Segnungen nur instinktmäßig kannte. Jetzt, wo ich England sehe und mit meinen Augen erblicke, wie die Freiheit den Men­schen fähig macht, die Natur zu verschönern, muß ich da nicht doppelt gestärkt werden in meinem Entschluße, zu dulden, zu arbeiten, zu kämpfen und, wenn es sein muß, zu sterben, damit mein Volk frei werde Mes Volk, in Betreff dessen ich behaupte, daß kein anderes in höherem Grade verdient, frei zu sein^ Außer den Segnungen der Freiheit genießt Ihr aber auch dec^Ruh- mes und der stolzen Stellung, daß Ihr im Stande seid, nicht nur Wohlwollen gegen diejenigen, welche des Glückes der Freiheit nicht theilhaftig sind, zu he­gen, sondern auch, Euren unglücklicheren Brüdern stets eine hülsi eiche Hand zu leihen. . . . . Nur so kann ich die große Erscheinung erklären, daß ich um mich so viele Männer verschiedenen NaugeS und Standes versammelt sehe, welche alle die Freiheitsliebe zu einem gemeinschaftlichen Ausdruck der Theilnahme für jenes Prinzip der Freiheit vereinigt, als besten Vertreter sie meine demüthige Person zu betrachten die Freundlich­keit haben. Nur so kann ich die große Erscheinung erklären, daß selbst jene ehrenwerthe Classe, deren ganzes Capital in der Arbeit ihrer Hände besteht, ihre Arbeit eingestellt und ihre Zeit aufgeopfert, um mit jener eblen inneren Eingebung eines Volkes, vor wel­cher jedes persönliche Vorhaben sich beugen muß, aus- zusprechen, daß die große Sache der Freiheit aus das englische Volk rechnen kann. Und wohl mag die ar« beitende Classe sich Eins fühlen mit der Sache brr Freiheit; denn ohne Freiheit gibt es kcliid b a u e r n d e g e sell i ge Ord n u n g. Es ist unerläß­lich, daß Jedermann in voller Sicherheit die Früchte seiner Arbeit genieße. Ohne Freiheit läßt sich kein Gehorsam gegen das Gesetz erzielen; denn wenn der Gesetzgeber ein Tyrann und Despot ist, so ruht der Gehorsam gegen das Gesetz nur auf der Furcht. Gibt aber das Volk selbst die Gesetze, so wird es dm Ge­setzen gehorchen, sollten dieselben auch druckend Mi, da es weiß, t..ß bei ihm die Gewalt steht, sie abzuande.n. Deßhalb behaupte ich, baß es ohne Fi ei hei t kei­nen Gehorsam gegen das Gesetz gibt. Ohne Freiheit gibt es kein Feld für die schattende Thätigkeit derer, welche arbeiten. Ohn Freiheit gibt es keine Sicherheit der j. erson

und des Eigenthums. Wenn es nicht das Ziel der menschlichen Natur sein muß, ersprießlicher Arbeit ein Feld zu öffnen, Sicherheit ter Person und des Ei­genthums zu schaffen, die Herzen der Menschen milde zu machen und ihren Geist zu entwickeln, so weiß ich nicht, was für ein Ziel die menschliche Natur haben kann. Nicht ohne Grund vereinigen sich alle Volks- klaffen Englands im Ausdrucke ihrer Sympathie für jenes Prinzip, welches unter verschiedener Regierungs­form, aber unter ähnlichen Einrichtungen der Segen, der Stolz und das Glück des englischen Volköstainmes auf beiden Halbkugeln ist. Die Segnungen dieser Freiheit mögen anderen Völkern gespendet werden, da­mit diese sie unter der ihren Bedürfnissen und Wün­schen angemessenen Negierungsform genießen. Nicht ganz ohne Grund ist diese Sympathie mit der Freiheit vorhanden, nicht nur, weil in den Geschicken der Welt eine moralische Solidarität besteht, sondern auch, weil, wenn ein Land mehr pro- dueirt, als es konsumirt, es freien und ungestörten Ver­kehr mit anderen Ländern haben muß." Der Redner weisst nun den Zusammenhang des Freihandels mit der politischen Freiheit nach und leitet daraus die Nothwendigkeit eines freien Europa für ein sreihänblerisches England über. Den Freihandel nennt er den mächtigsten Trä- ger^der Civilisation ; dann, behauptet Kossuth, Rußland, und zwar Rußland allein, sei der Quell alles Uebels auf dem europäischen Festlande. Die weitere Ausfüh­rung dieses Gedankens bringt ihn auf die Frage der Religionsfreiheit und auf die Titel-Bill.Ich weiß", sagt er,was sich an diesem Platze geziemt und was ich euch schuldig bin. Auf die erwähnte Frage (die Titel- Bill) will ich daher hier nicht eiligeren, sondern nur einen merkwürdigen Umstand anführen. Ich bin Pro­testant, nicht nur Protestant durch Geburt, sondern eben sowohl aus Ueberzeugung. Ich bin aber ein bemüthi- geS Mitglied einer Nation, deren Mehrheit aus Katho­liken besteht. Nun ist es nicht eine der geringsten Ehren meiner Nation, daß es zu allen Zeiten, heute sowohl, wie in vergangenen Iahrhunde^reu , âd unzereValer für Religion«- und GewtMys gm^tFD tuteten, uuqa« rische Katholiken gegeben hat, die ebensowohl im fried­lichen Kampfe, wir auf dem Schlachtfeld? ihrem Volke in dem Streite für die Religion«- und Gewissensfrei­heit voran gingen. Solchergestalt wurde die Freiheit und wurden die Rechte des Protestantismus, denen bas Haus Oesterreich stets feindlich gegenüberstand, durch Verträgt, durch friedliche Mittel, durch das siegreiche Schwert der für die Gewissensfreiheit kämpfenden Un­garn errungen und festgestellt. Sobald die Freiheit er­kämpft war, ward allerdings das Schwert beiseite gelegt, denn Ungarn ist zu allen Zeiten ein loyales Land ge­wesen Es mag genügen, zu erwähnen, daß die Frei­heit des Protestantismus in Ungarn durch Gesetze und Verträge, von deren Beobachtung man das Dasein der habsburgischen Dynastie abhängig machte, gewähr- leistet wurde. Im Jahre 1848 war dies unter andc- reu Reformen mit einbegriffen, und kaum hatte Ruß- land, indem es seinen Fuß auf den Nacken Ungarns setzte, das gefallene Haus Oesterreich wieder aufgerich. tet, als fdie jerste That deS wiederhergefteUten Hau- seS die Vernichtung der Rechte der prote- stantischen Freiheit in Ungarn war. Die«, meine Herren, hängt mit einem anderen auf die katho. lisch« Kirche bezüglichen Faktum zusammen. Die- nige Ungarn- bestrebten M in früheren Zeiten stets, die Einmischung keiner -fremden Macht-, namentlich aber nicht des römischen HofeS, in Die weltlichen An­gelegenheiten der katholischen Kirche in Ungarn zu ge» statten, und dies ging so weit, daß Mathias Corvinus zu einem der Papste sagte:Möge Ew. Heiligkeit bedenken, daß Ungar», welches ein doppeltes Kreuz auf seinem Banner tragt, nie ein Eingreifen, des rö­mischen HofeS in die Freiheit deS »ngarischen Volkes geduldet hat."" So sehr war eS den Ungarn in frü­heren Zeiten um die Erhaltung ihrer llnabhangigkeit zu thun. Als aber der Kaiser von Rußlan» Ungar» nltdergeworfkn hatte, war eine# der ersten Dinge, die er that, die Zerstörui^ »er Autonomie »er protestanti­schen Kirche..... Ihr wißt, meine Herreni daß Ruß­land die Macht ist, »welcher England am Nil, am Bosporus und in ganz Europa begegnet Kein Mensch in England wir» laugnen, daß eie bewaffnete Einmischung Rußlands in die ung«q*en Angelegen­heiten das Uebergewicht Rußlands aus dem europäi­schen Festlande über daS Maß vergrößert hat..... Ich verlange nicht, Cup England das Schwert zur Wieder­

herstellung Ungarns ziehe. Alles, was ich verlange, wünsche und hoffe, ist, daß England dem Ezaren nicht einen Freibrief geben möge, über die Geschicke Eu­ropas zu verfügen Den Rest überlaßt den Na- tionen Europas. Oesterreich doch nein, nicht Oesterreich ich liebe und achte das österreichi­sche Volk, wie meine eigenen Brüder; ich fühle seine Leiden eben so innig, wie die Leiden meines eigenen Volkes; ich hege für daS österreichische Volk eben so glühende Wünsche und Hoffnungen, wie für mein eigenes Volk. Ich habe das Recht, dies zu be­haupten. Mein Leben ist ein offenes Buch. Die Ge­schichte wird einst ihr Urtheil über mich fällen, tt^â weder österreichische Söldlinge, noch Parteigeist, no^D blinde Leidenschaft, noch jene niedrigen und alberste«-'? Verleumdungen, die bei meiner Stellung ja nicht ab^ - bleiben konnten, von denen es mich aber doch beinahe wundert, daß sie ihren Weg an gewisse Orte gefunden haben, wo ich sie nicht erwartet hätte, werden dieses Urtheil umflogen können. Möglich, daß ich, auf den Umstand bauend, baß mein Volk ein sittliches Volk ist, ein Volk, dem man nimmer, nimmer den Vorwurf machen kann, es habe je sein Vertrauen und seine Liebe einem Manne geschenkt, der nicht ein ehrlicher Mann gewesen möglich, sage ich, daß, auf das Zeugniß meines Volkes bauend, ich diese Verleumdungen nicht berücksichtigen werde. Möglich aber auch, daß ich den Schutz der Landesgesetze in Anspruch nehmen werde. Ich werde die Sache überlegen, sobald die Pflichten gegen mein Vaterland mir einen einzigen Augenblick für mich selbst frei lassen. Doch muß ich aufrichtig gestehen, wie ich bedauere, daß diese Verleumdungen sich in England verbreitet haben, nicht um meiner selbst willen kenn ich glaube, sie können die ebelmüthige Zuneigung edler Männer nur erhöhen sondern weil es kein tröstliches Schauspiel für die Menschheit ist, daß es unter unseren Mitgeschöpfen Leute gibt, die Freude an dergleichen Dingen haben! Aber doch ist es die Geschichte, welche ih en Wahrspruch über mein öffentliches Leben fällen wird. Denn, bescheiden wie ich bin, ein öffentliches Leben habe ich doch gehabt und werde auch vielleicht noch einS haben. WaS Oesterreich betrifft, so hatte ich ein Recht, das zu sagen, was ich gesagt habe; denn ich darf be­haupten, daß das österreichische Volk nie einen treuere« Freund, als mich, gehabt hat und noch hat. Das HauS Habsburg aber ist dem Untergänge geweiht. Denn es lebt ein Gott im Himmel, und es mag eine Gerechtigkeit auf Erden geben. Das HauS Habsburg, nachdem es die Möglichkeit, von seinen Nationen ge­liebt zu werden, verwirkt hat, besitzt keine Grundlage mehr für sein Dasein..... Ungarn aber hat eine Zukunft; es hat eine Zukunft, weil eS verdient, zu leben. Es hat eine Zukunft, weil seine Unabhän­gigkeit eine Nothwu»igkeit für Die Freiheit Europa'S ist. Meine Herren, mir ist jede Gelegen­heit im höchsten Grade werthvsll, w» meine schwachen Worte nicht die Blüthe brr Bercdmmkeit, Sie sehen, ich wende absichtlich keine Beredsamkeit a», sondern verlasse mich auf Die einfache, ungeschmückte Darstellung al# Mittel, einen logischen Verstand zu überzeugen, mir ist jeder Augenblick »erthvoll, welcher mich in Stand setzt, zu Ihnen von Den Angelegenheiten meines armen Vaterlandes zu sprechen. Aber ich empftnbe hier Schmerz (Die Hand auf die Brust legen») und sann nicht sehr lauge reden, ohne üble Folgen befürchten zu müssen. Darum, meine Herren, bitte ich Sie, Ihre Gläser zu füllen." Der Redner erwähnt hierayf sei­nes Aufenthalte« in der Türkei und bemeL^'.derselbe sei, indem der Sultan dem Drange der UiMMe nach­gegeben habe, eine Zeit lang einer GefangqMdft ähn­lich gewesen. Lcbte ich gleich tausend Jahre", fahrt er fort,nimmer könnte ich irgend ein meinem Vaterlande angethane« Unrecht vergessen. Ich sage: Meinem Vaterlande! Denn waS mich selbst betrifft, so ist es ein Theil meiner Natur, in der Vergangen­heit nicht nach Erinnerungen «n erfahrene Unbilden, sondern nach Lehren für die Zukinft zu suchen." Kos- suih schließt seine Rede, indem er einen Toast auf England, die Türkei und die Vereinigten Staaten aus« bringt. Unter denjenigen , welche die Absicht gehabt hatten, bei Dem Feste zugegen zu sein, aber verhindert worden waren, btfinbet sich Capitan Townshend, Par­laments - Mitglied für Tamworth. seinem Ent­schuldigungsschreiben, das öffentlich verlesen wurde, kam folgende Stelle vor:Ich bedauere um so mehr, nicht persönlich erscheinen zu können, als ein Theil der Presse versucht hat, Odium auf bea Name»