Freie Znlmlg.
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«M 2tiO Wiesbaden. Sonntag, 2. November 1831.
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme »es Montags, Malich in einem ^ogen - Ler AdonuemenispreiS beträgt vierteljahilich hier in Mesdade» > R. 45 h„ auSwârt« durch bit Post bezogen mit »erhältnißmäßigem Aufschtag«. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und stad bri der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Er. olge. — Die JnserattonSgebühren betragen für die virrspaltlgr Petttzetle 3 fr.
Ludwig Kossuth in England.
(Schluß.)
Kossuth fährt fort:
„Die Lage unserer Bauern nahm also zuerst die Aufmerksamkeit unserer Reformer in Anspruch, indem sie fühlten, daß unser von der Natur so reichlich bedachtes Land nie das irdische Paradies, zu welchem eS bestimmt schien, werden könne, außer durch freie, im Genusse konstitutioneller Rechte befindliche Arbeiter, und da wir sahen, daß unser Bauer 104 Tage im Jahre für seinen Grundherrn arbeiten mußte, wozu noch die Sonntage, die Festtage und der Winter kamen, und er % seines Ertrags dem Herrn, ^ 0 dem Bischöfe abzugeben hatte, so fühlten wir, daß dies eine Lage sei, die den Menschenrechten und den Grundsätzen der Gerechtigkeit widerstrebe. Das Erste also, was wir thaten, war die Emanzipation des Volkes. Die Reform jedoch ward nur sehr allmählig durchgesetzt. In dem langen Parlamente — so darf ich es wohl nennen—, welches von 1832 bis 1836 saß, ward in dem Unter- Hanse, das aus lauter gewählten Mitgliedern besteht, vorgeschlagen, jeder Bauer sollte das Recht haben, sich von feiner Feudallast durch Zahlung des Capitals seiner Frohndienste los zu kaufen. Erst ging der Vorschlag dahin, diese Gewalt solle von dem Willen des Grundherrn unabhängig sein. Das Oberhaus aber widersetzte sich dem; das verlangte Recht wurde endlich darauf reducirt, daß der Bauer sich seine Freiheit mit Einwilligung des Grundherrn erkaufen durfte. Diese morificirte Reform ward von beiden Zweigen des Parlaments angenommen, jedoch von der österrei- chischen Regierung verworfen! Da die Mitglieder des Unterhauses den von den Cemitaten erhaltenen Ju- strultionen gemäß gestimmt hatten, so suchte die Regierung durch alle möglichen Mittel die Comitatsversamm- lnn gen zu ihrem bloßen Werkzeuge zu erniedrigen. Zu diesem Zwecke ward für jedes Comitat ein Administrator ernannt, der das Comitat nie verlassen durfte, bei jeder Versammlung zugegen sein mußte und die Verhandlungen conlroliren, sowie jedes der Regierung lästige Mitglied bestechen sollte. Diesem Systeme widersetzten wir uns mit aller Kraft, aber nicht in irgend einem engherzigen Hinblicke auf die Privilegien unserer eigenen Klasse.^, Wir wollten die Unabhângigkeit^dieser Institutionen, um im Stande zu sein, unser System zum Wohle res ganzen Volkes umzugestalten. Je mehr wir aber unsere Reformplane entwickelten, desto eifriger ließ auch die Regierung ihre Administratoren im ganzen Lande arbeiten. So stand es mit uns bis zum Reichstage des Oktober oder November 1847, kaum ein Jahr vor der französischen Revolution. Es kommt mir darauf an, zu zeigen, daß wir keine Revolutionäre wat kn — ich will keinen Tadel gegen Revolutionen anssprechen —, aber die Ungarn conspirirten nicht im Geheimen, sondern kämpften in öffentlichen Versammlungen und auf verfassungsmäßigem Wege, nämlich für ihre Rechte. Ich selbst hatte die Ehre, zum Mitglied dieses Parlaments des Jahrs 1847 für das hauptstädtische Comitat Pesth gewählt zu werden. Die Re- gieiung that Alles, um meine Wahl zu hintertreiben. Der gute Sinn des Adels jedoch ließ mich triumphi- ren. Das Erste, was ich den von meinen Wählern erhaltenen Instruktionen gemäß vorschlug, war die Znrückfü h r u ng un serer M u n icipal-Jnst t t u- tionen auf ihre ursprüngliche Reinheit, die Abschaffung der Administratoren und die Nichtbewilli- gung der Steuern, bis dieses Maßregeln durchgeh tzt sein würden. Daö Oberhaus und Unterhaus waren über diese Frage verschiedener Meinung, beriethen sie länger als zwei Monate und blieben darüber un- tinlg. Ich muß erwähnen, daß eine Uebereinstimmung beider Hämer nothwendig war, ehe eine Maßregel dem ' Könige 'vorgelegt werden fmte; dem Verkehr zwischen beiden Häusern aber waren keine Schranken gesetzt. Im Oberhause hatte die Maßregel hüte Majorität, weil dasselbe so viele Beamte und Stellenjäger enthielt. Allein es gereicht mir doch zur Genugthuung, daß viele der unabhängigsten Magnaten Ungarns, darunter mein betrauerter und unglücklicher Freund Ludwig Batthyanyi, mich unteistützten. Doch fühlte ich, daß uns nichts anderes übrig blieb, als unS direkt an die Hauptgnelle deS Uebels zu wenden. Auf dem Haupte deö Königs von Ungarn ruhen zwei Kronen, eine konstitutionelle und eine absolute, und diese beiden konnten sich nie mit einander vertragen» Welche zuletzt im
Kampfe siegen wird, das wird die Geschichte erzählen. Ich schlug deshalb vor, da das Haus Habsburg sich aus Rücksicht auf die Bewohner Wiens weigerte, Ungarn seine Rechte wiederzugeben, den Wienern gleichfalls politische Rechte zu verschaffen. Ich glaube, kein gerechter Mann wird sagen, daß ich Unrecht hatte in jenem Vorschläge, der allgemein angenommen wurde. Ich schmiedete keine Revolution. Es ist das eine Anklage, welche in der Brust. keines gerecht» und edlen Mannes einen Wiederhall finden wird. Meine Rede über diesen Gegenstand ward in allen »Neuern Kaffeehäusern gelesen. Die Nachricht von der französischen Revolution traf ein, und die Wiener standen auf. Das war die österreichische Revolution, und ich muß offen gestehen, daß ich sofort beschloß, mich nicht von der Aufregung der Zeit hiureißen zu lassen, sondern die Zügel der Ereignisse in die Hand zu nehmen und nach besten Kräften die Gelegenheit zu benutzen, welche Gott gegeben, nicht Ungarn gemacht hatte. Das Erste, was ich vorschlug, war die Emanzipation des Bauernstandes, und der Vorschlag ward unter den obwaltenden Umständen natürlich von beiden Häusern angenommen. (Hier folgt eine ausführlichere Auseinandersetzung dieser Maßregel und verschiedener anderer.) Diese Gesetze wurden durch eine Deputation, an 'deren Spitze der Erzherzog Palatinus stand, nach Wien gebracht. Der Palatinus bat tut Namen der Zukunft Ungarns und des Friedens Oesterreichs um Genehmigung derselben. Es ward uns gesagt, wir möchten unsere Forderungen vor den Kaiser von Oesterreich bringen und ihn auch ersuchen , unseren gefesselten Brüdern von Oestereich ihre Rechte zu geben. Zu jener Zeit war Zweifel und Unentschlossenheit in jeglichem Lande, außer in England. Denn dieses, nachdem es seine Revolution gehabt hat, findet die dktrch dieselbe festgestell- ten Grundsätze genügend, um jeden nöthigen Wechsel auszuführen. Hier also herrschte volle. Ruhe, während auf dem Festlande AlleS in Bewegung war. Die Regierung zögerte, drcsr Mllkgen mnv gerecyren Forderungen zu gewähren. Ich begab mich selbst in den kaiserlichen Palast und sagte dem Kaiser, wenn er auf seinem Entschlusse beharre, so könne «ch, bei der jetzigen Bewegung in Europa und bei der Stimmung, die sich des ungarischen Volkes, wenn es seine gerechten Ansprüche verweigert sehe, bemächtigen werde, nicht für die Folgen stehen. Mir ward geantwortet, diese Forderungen sollen bewilligt werden, wenn Wien nur ruhig gehalten werden könne, und es dürfe nicht den Anschein haben, als ob das Haus Habsburg dem Zwange nachgebe. Es war dies einer der merkwürdigen Wechselfalle des Menschlichen LebenS, wo ich, ein demüthiger Sohn des bescheidenen Ungarn, die Geschicke des Hauses Oesterreich uns alle seine Kronen in diesen meinen Händen hielt.Jch sagte: „Seid gerecht gegen mein Vaterland uno ich will Wien Frieden und Ruhe geben! Man versprach mir, gerecht zu fein, jutb ehe 24 Stunden verflossen waren, gab ich Wien Frieden und Rnhe, und im Angesicht deS allmächtigen Gottes, der meine Seele verantwortlich machen wird, im Angesicht der Geschichte, der unabhängigen Richterin der Ereignisse, habe ich das Recht, zu behaupten, daß das Haus Oesterreich sein Dasein als eine Dynastie mir verdankt... Nach einigen Wochen kam der König nach Preßburg. Ich war damals erster Minister — ein Amt, zu dessen Annahme ich gezwungen worden war. Denn ich kann mich auf das Urtheil meiner Feinde und Freunde über meinen Charakter be- rufen, wenn ich tage, daß ich die Gewalt stetS als eine Bürde betrachtet habe. Ehe wir nach Wien gingen, um die Sanktion deS Gesetzes in Betreff der Ernennung verantwortlicher Minister einzuholen, redete ich zu dem Volke von Preßburg, ergriff meinen armen Freund Ludwig Batthyanyi (hier wird Kossuth b-S zu Thränen gerührt) bei der Hand und tprach zum Volke: Ruft mir keinen Beifall zu; dieser hier muß der erste Präsident Ungarns sein." Er weigerte sich, wofern ich nicht mit ins Amt treten wolle, und ,o ward ich zum Eintritte gezwungen. (Hierauf thut der Redner des Serben-Aufstandes, des Einfalls Jellachlchs und der verschiedenen Umstände, welche zum vollen Bruche mit Oesterreich führten, der ersten KriegScrci.gmffe, der Vernichtung der ungarische» Verfassung und der Einver- leibung Ungarns in Oesterreich Erwähnung und fahrt dann fort:) Trotz allem dem proelamirte» wir nicht rher einen Bruch mit dem Hause Habsburg, als b,ö ich die siche e Nachricht erhalten hatte, daß die russische Zntervcution beschlossen und ange
nommen sei. Leider muß ich hinzufügen, daß wir gleichfalls erfuhren, wie wir gegen diese Intervention nirgends in der Welt Hülfe zu erwarten hätten, von Keinem eine, auch nicht von Einem! (Von uiibezwing- licher Rührung bewältigt, stockt die Stimme Koffuths. Er bricht in Thräiie» aus und ist einige Augenblicke lang nicht im Stande, fortzufahren, während die Sympathie sich in unwillkührlichen Ausdrücken Luft inacht. Nachdem er sich einiger Maßen gefaminelt hat, spricht er, noch sehr aufgeregt, weiter:) Da überlegte ich die Sache in meinem Gewissen und kam zu dem Schluffe, daß meine Nation entweder ihren Tod über sich ergehe» lassen müsse, ohne auch nur einen Rettungsversuch zu machen, oder daß, wollten wir zu einem solchen Selbstmord nicht feige und niederträchtig genug sein, irgend ein Lohn nöthig sei, um die Kämpfe und Opfer deS Volkes zu rechtfertigen. Da schlug ich denn vor, daß, wenn wir gegen zwei große Reiche zu kämpfen hätten, wenn kein Helfer da sei, keiner, der Paökicwitsch verhindere, seinen Fuß auf den Nacken Ungarns zu setzen, wie er versprochen hatte, wenn wir für unsere Freiheit fechten mußten, wie wir einst für die christliche Freiheit Europa's gefochten hatten, da — sagte ich — schlug ich als Lohn d«e Unabhängigkeit Ungarns vor, und mein Vorschlag ward angeno in inen. So verhielt sich die Sache, und ihr alle »rißt, wie der Verlauf war. Wie wir fuhren, laßt m>ch nicht ausspre« cheu. Es ist ein Gegenstand zu tiefer Trauer. So viel nur will ich sagen, daß, obgleich verlassen von der ganzen Welt, wir — davon bin ich bis auf den heutigen Tag überzeugt — den vereinten Herren der beiden despotischen Mächte gewachsen gewesen wären. Doch e S I st m e i n e S ch u l v u u d m e i n e S ch w ä ch e, daß ich, als Gouverneur Ungars, der ich diese große Bewegung zu leiten hatte, nicht die Kunst besaß, d i e, F a l sch h e i t Rußlands mit gleichen W a f- fen zu bekämpfen. Ihr wißt, wie Rußland den Verrath in unser Lager trng. Wäre ich nur auf diese» Verrath gerüstet gewesen, so wurde sicherlich nicht Alles fehlgeschlagen sein. Aber der Erfolg dieser Ereignisse ist, daß das H'n» Habsburg als Dynastle nicht mehr besteht. ES lebt nicht mehr, es vegetirt nur noch. ES ist völlig von der Laune deS Czaren abhängig. Wenn aber das Volk von England nur beschlösse, daß Rußland seinen Fuß nicht auf den Nacken Ungarns setzen solle, wenn eS nur beschließen wollte, Rußland ein Halt zuznrufen und nichts weiter, so könnten wir noch glücklich, sein. Ungarn würde Kenntnisse, Vaterlandsliebe, Redlichkeit und Muth genug haben, um seine inneren Verhältnissen zu verwalten, wie eS das souveräne Recht jeder Nation ist. ■— Uno nun, meine Herren, hoffe ich, werden Sie mich entschuldigen, wenn ich Ihren Erwartungen nicht entsprochen, wenn ich Sie ermüdet habe. Mir war es darum zu thun, Ihnen zu zeigen, daß die Sache meines armen Vaterlandes Ihrer großmüthigen Theilnahme würdig ist, weil wir für das nationale Dasein gekämpft habe»; und wenn dies einmal verloren ist, gibt es keine Auferstehung mehr für ein Vo lk."
D e u t s eh t « N d.
* Wiesbaden, 1. November. Die „Oberpostamts« Zeitung" bringt diesen Mittag solgeude telegraphische Depeschen auS Berlin, die einen merkwüidigen Kontrast bilden:
„1) Wien, 3l. Okt. Nach einer in der „Oesterr. Corresponvenz" und in der „Oesterr. Reichsztg." ent- haltenen Mittheilung, hätte Lord Palmerston in Betreff des Kossuthschwiuvels eine entschuldigende Note hierher geschickt, deren Inhalt im wesentlichsten besagt, daß die Beamten Ihrer großbritannischen Majestät Regierung keinesfalls daran sich betheiligt und Maßnahmen getrofj fen hätten, damit dieser Schwindel baldigst sein >Ende erreiche."
,2) London, 30. Oktbr. Die Gemeindebehörde der City von London hat Kossnth in Guildhall eine Adresse überreicht."
Frankfurt, 25. Okt. Die Nachricht der „Neuen Bremer Z.", daß sechs Regierungen (Dänemark, Holland, Hansestädte, Hannover, sächsische Herzogthüm.-r, Braunschweig und Nassau) gegen das Inhibitorium in