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Ludwig Kossuth in Englaud.
London, 25. Okt. Die Hauptstadt muß heute hinter Southampton und Winchester zurückstehen, wenigstens in unseren Zeitungen und in der Theilnahme des Publikums. Dem Stadthanse von Southampton wollen wir daher unsere Aufmerksamkeit noch aus einige Augenblicke zuwenden. Nachdem Kossuth seine Erwie- derungsrede aus die Adresse der Municipalität gehalten hatte, überreichte ihm der Mayor eine große seidene ungarische Fahne, welche die in New -Aork lebenden Ungarn zu der Zeit, als die ungarische Sache noch in Blüthe zu stehen schien, anfertigen ließen und nach England gesandt hatten, damit sie von dort aus nach Ungarn besorgt werde. Die Fahne war 'hn Zollhause von Southampton wegen Nicht-Entrichtung des Zolles liegen geblieben und bei Gemeinkerath hatte sie später angekauft. Borgest?^ nun ward sie dem Führer der Ungarn feierlich überreicht Dieser nahm das Banner sehr gerührt entgegen, drückte es an die Brust und sprach: „Ich empfange diese Fahne, meine Herren, als ein sehr werthvolles, dem ungarischen Volke anvertrau- tes Gut, und ich schwöre, daß, was auch immer mein Geschick sein mag, Feigheit oder Ehrgeiz sie nie beflecken soll." Der Mayoi stellte hieraus dem Er-Gouverneur Herrn Falvey, Redakteur des „Hampshire Independent", vor, welcher eine von ungefähr 1100 Bewohnern der Stadt unterzeichnete Adresse verlas. Kossuth erwiederte Folgendes: „Ich bin tief gerührt über den edel» Ausdruck dieser hochherzigen Gesinnungen, welche der Männer würdig sind, die durch die höchste Gabe Gottes, durch ihren Fleiß, England zum lebenden Wunder der Welt gemacht haben. Glücklich ist das Volk, wo die öffentlichen Behörden an der Spitze des Volkes die kdelmüthigen Gesinnungen des Volkes theilen. Glücklich ist daS Land, in welchem die Gesinnungen res Volkes sich zu der^Höhr eines Prinzips erheben.
M werde diese Adressen als die kostbaren Schatze meines Ladens bewahren und mir, sowie meinen Kindern und Landsleuten werden sie stets ein Sporn sein zum treuen Beharren bei den Grundsätzen, welche die Bewohner von Southampton ausgesprochen haben." ALs Kossuth geendet, ließ sich eine Stimme vernehmen: „Dreimaliges Grunzen für die „Times"! Der Mayor aber rief: „Halt! Meine Herren, Ihr seid alle Engländer. (Eine Stimme: „Die „Times" ist nicht englisch"!) Ihr müßt Alle einsehen, daß, wenn die öffent- liche Presse eine Frage aufnimmt, mag sie sich nun fiu diese oder jene Seite entscheiden, es auch^Allen zu Gute kommt. (Bravo!) Ihr würdet weit besser thun, ein dreifaches Hoch auf die Königin auszubringen, ein zweites auf Ludwig Kossuth und den Sieg der ungarilchen Unabhängigkeit, und ein drittes recht herzliches aus Frau Kossuth und ihre Familie." Es braucht nicht erwähnt zu werden, daß dieser Aufforderung mit der größten Bereitwilligkeit Folge geleistet wurde. , Auch der Mayor bedachte die Versammlung mit drei kräftigen Cheers. Charles Gilpin, der eben aus London angekommen war und die Anzeige überbracht hatte, daß es in der Absicht Lord Dudley S-uart'S gelegen, dem Empfange beizuwohnen, daß er aber den Zug verfehlt habe, redete hierauf die Versammlung an und hob als die ruhmwürdigste Handlung Kosfuths die von ihm ausgegangene Emanzipation der ungarischen Leib- eigeneii hervor. G. Dawson aus BirminghMN lud Kossuth nach Birmingham ein und verbürgte sich dafür, daß ihm die demokratischeste Stadt Englands einen guten Empfang angedeihen lassen werre. Falvey lud hiei- auf Kossuth zu einem Banket ein, welches die Arbeiter von Southampton zu veranstalten beabsichtigten. Er erwähnte, wie ter Preis für die Theilnehmer so niedrig angde^t |ei, daß keine Volksklasse ausgeschlossen werde und versprach, daß das Fest an jedem beliebigen Tage, der dcu^ erlauchten Gäste genehm iei, stall finden solle. Kossuth erwiederte, nachdem er sich mit dem Mayor berathtn, daß er sich bei seinem kurzen Aufenthalte in England durch ein festes Versprechen nicht binden könne. Ii- denfalls aber winde ihm, wenn es angehe, eine Zusammenkunft mit den Arbeitern von Southampton zu» größten Freude gereichen. Nachdem dem Mayor ein Dankvotum dargebracht wenden war, trennte sich die Versammlung. — In Winchester herrschte gestern den ganzen Tag über eine ungewöhnliche Aufregung, da man der Ankunft Kossuth's in dem nahe bei der Stadt gelegenen Ländhanse des Mayors von sronthampton entgegensah. Der gereifte Wit res Mayors verließ gestern Vormittags um 11 Uhr south aupton. L ie
Reisegesellschaft setzte sich in drei vierspännigen Wagen in Bewegung. Im ersten saßen Kossuth, der Mayor, der amerikanische Konsul, Croskey und Frau Pulszky; im zweiten Herr Pulszky und Herr T. Smith; im dritten der Hoch-Bailiff von Southampton und einige andere Herren. Ueberall in den aus dem Wege liegenden Dörfern hatten sich die Bewohner zusainmen- geschaart nnd begrüßten die Durchfahrenden mit ihren Jubelrufen. Zu^Eompton wurden sic von einer aus Winchester kommenden jCalvalcade empfangen. In der Stadt selbst hatte die erwartete Ankunft Kossuth's einen förmlichen Municipal-Krieg hervorgerufen. Dee Mayor und die Mehrheit des Gemeindcrathes halten nämlich beschlossen, ihn im Triumphe einzuholen. Ein Theil der Geistlichkeit war ähnlicher Gesinnung; ein anderer Theil aber hegte gewisse Befürchtungen und hatte diese an mehrere Mitglieder des GemeiubcrathS übertragen. Die Folge davon war, daß die Glocken nicht geläutet wurden, und daß der Gemeinverath den Ankömmling nicht feierlich empfing. Dem freiwilligen Ausbruch des VolkSgefühls wurden aber hierdurch keine Schranken gesetzt. Dasselbe gab sich vielmehr auf die begeistertste Weise kund. Das Gedränge in den Straßen war so groß, daß der Zug sich nur äußerst langsam vorwärts bewegen konnte. Eine eigenthümliche ecenc brachte seine Bewegung auf einen Augenblick ganz ins Stocken. Ein Arbeiter nämlich trat aus dem Haufen heraus und kredenzte Kos- s'.ith ein Glas Ale, welches dieser freundlich annapm, und auf das Wohl der Stadt Winchester leerte. Nach der Anklinst auf dem Landhause des Mayors v3n Sout- .Hampton betrat Kossuth sogleich Den Balkon und hielt eine kräftige Anrede an die unten versammelte Volksmenge. Auch der Mayor von Soirthampton sprach. Er pries den Charakter und die Th.rten seines Gastes, namentlich die Emancipation der ungarischen Leibeigenen und drückte den Wunsch aus, daß England einige Männer gleich Kossuth haben möge. „Kossuth", sagte er, „ist ein Mann deS Volkes, der sich durch seine Talente slHfgefi$minigen--untt-*i<4iLjrji*iiti^^
Wohl seines Landes angewendet hat. Ich habe Drohbriefe in Bezug auf die Aufnahme Kossuth's erhalten. Allein ich bekümmere mich nicht darum. So hinge ich ein Haus habe, soll dasselbe Kossuth ein Oodach bieten, und so lange ich einen Groschen habe, will ich denselben mit Kossuth theilen." Es wurden sodann Hochs auf Kossuth, drei auf den Mayor und drei auf die „Daily News" ausgebracht, worauf sich Koß'uth ins HauS zurückzog. Cobden hatte der Landung Kossuth's heiwohnen wollen, war aber zu spät nach Southampton gekommen. Er ist gestern Abend in Winchester kingetroffen. — Das sogenannte „Central-Conute" hat gestern unter Vorsitz des Herrn Toornton Hunt in London ein Meeting gehalten, in welchem Bericht erstattet wurde über eine Zusammeiikunft, welche eine Deputation des (hauptsächlich aus Arbeitern bestehen den) Ausschusses in Southampton mit Kossuth gehabt hatte; die Deputatio i hatte Kossuth eine Einladung zu einem Banket überbracht, und Kossuth hatte unter Aii' denn erwidert, daß er, abgesehen davon, daß seine Zett ihm die Annahme Dieser Einladung vielleicht nicht er- lauben werde, auch noch in politischer Beziehung eine Bedenklichkeit empfinde. Es sei ihm darum zu thun, daß in England ein Verein zu Stande komme, welcher die Regierung veranlasse, dem N i ch t-I nterventio n s- systeme in vollem Umfange zu huldigen, d. h. dem Systeme, welches sich der Einmischung in die Angelegenheiten fremder Länder enthalte, ab e r zu g l e i ch di e Ei n- misch» ng von Seiten eines dritten Lanves nicht dulde. Das, glaubeer, werde die Freiheiten Europas hinlänglich sichern. Es sei seine Absicht, sich nicht in Die inneren Partei-Fragen Englands zu mischen, und deßhalb wünsche er, die Gelegenheit zu haben, seine Ansichten auf einem Meeting auS einander zu |e^n,_ welches sich nicht auf eine einzige Partei oder Classe beschränke, aber Männer von politisier Bedeutung in sich schließe. ' (Fortsetzung folgt.)
Nutzanwendungen.
Kossuths englische Reden sind nicht blos als Tagesereignisse interessant; sie sind zugleich für deutsche Le,er ungemein belehrend. Wir halten es aus diesem Grunde für Pflicht, dieselben möglichst ausführlich zu geben und zugleich Nutzanwendungen folgen zu 1 ,sen. Der Londoner Korrespondent der „Nat.-Ztg." zieht folgende uns ganz aus der Seele geschriebene Parallele zwischen dem englischen Volke und der deutschen Demokratie: „Daß Kossuth zu seiner Rede an Die Ge- melnveoehördeu von Southampton dasselbe Thema ge-
wählt hat, das wir seit Jahren behandelt — keine Freiheit ohne vollkommene Selbstständigkeit der Gemeinde! — ist aus einem koppelteir Grunde sehr erfreulich. Nicht als ob es uns auf ein Zeugniß mehr ankäme. Aber erstens wird die Lehre aus Kossuths Munde einen tieferen Eindruck machen, oder ich müßte meine Landsleute schlecht kennen. Diese Seite des deutschen Charakters ist gerade nicht erfreulich; aber besser doch, der Zweck wird auf diesem Wege erreicht, als gar nicht. Die Rede wird zweitens vielleicht dazu beitragen, die sehr mißleitete öffentliche Meinung in England über tie deutsche Volkspartei aufzuklaren. Der liberale Engländer glaubt gewöhnlich, daß er mit der konstitutionellen Partei in Deutschland Verwandschaft habe und deshalb sympa- thisiren müsse, obwohl er spezisisch von ihr verschieden, ja ihr feindlich entgegengesetzt und der demokratischen Partei viel gleichartiger ist. Das mächtigste Element in der Be vegung von 1848 war das Streben, endlich von dem bis in daS Gewissen und den Kocht pf hinein regierenden Beamtenthum fiel zu werden. Daher kämpfte die demokratische Opposition in den Versammlungen der einzelnen Länder dafür, daß die Gemeinde- ordnung vor der Verfassung berathe i werden solle; und die vielverschrienen Interpell uionen waren in zehn Fällen neunmal gegen die Regiereiri gerichtet, Vindikationen des Selfgovernment. Es ist mäßig, darüber zu speku- liren, wie eine Bewegung, tie nach den ersten drei Tagen gebrochen- war, zu einem bessern Eide hätte führen können; aber es ist nicht überfinsig, sich selbst und die Gegner zu kritisiren und st klar zu werden» wie es nicht gemacht werben muß. Die Demokratie hat es an Selbstkritik nicht fehlen lassen und die Handlungen der herrschenden Partei thun das Uebrige. Die konstitutionelle Partei scheint aber noch immer nicht einsehen zu wollen, um was es Jicl) handelte. Sie gerade setzte dem Streben nach Selbstregierung den entschiedensten Widerstand entgegen; sie setzte die Pbraie voii der starken Regierung in Umlauf, ihre Minister huIvIg rrn—bm—e^gyeeglgsfeu bürea akratischen Ansichten und schöpften ihre ganzen Refo m Veen au^ der französischen Gesetzsamm uig. Sie wollten auch bevormunden, nur etwas besser. Das ist entschieden unenglisch, und w nn die englischen Publizisten die Reben und G.setz^nt vürfe der Männer, die sie noch hin und wieder als die Champions dir deutschen Freiheit hinstellen, gelesen h. tten, so würden sie aneerS urtheilen. Sie lassen sich durch eine andere scheinbare Ähnlichkeit bestechen. D e Konstitutionellen sind der Gleichberechtigung eitgegen, sie wollen Privilegien. England hat auch Privilegien. Aber die Äehnlichkeit ist, wie gesagt, nur scheinbar. Wenn in Deutschland eine mächtige Aristokratie eristirte, die in 10!>jäongem Kampf dem Absolutismus der Krone Schran. fett gesetzt und unzählige Märtyrer aufzuweisen hatte; wenn in Deutschland ein Grundbesitz eri irte, dem große Städte und ganze Provinzen gehörten; wenn in Deutschland reiche, selbstständige Korporationen er.stirten, wie sie Einem in England aus jedem Schritte begegnen; wenn endlich in Deutschland eine industrielle Aristokratie vorhanden wäre, die sich entfernt mit der englischeil vergleichen könnte: — dann möchte auch die demokratische Partei zu erwägen haben, die Gleichberechtigung durchführbar sei. Aber alle diese Elemente eristiren ja in Deutschland entw dec gar nicht, oder in willkürlich geschaffenen Zerrbildern, oder in einem ganz diminutiven Maßstabe; und Aristokratie, Stanbesunterschied, korporatives Element durch Dekrete und Gesetze fabri zire n zu -wollen, ist noch weit un« ejnglischer und ist äußer st uukonservativ! Wenn die Engländer, wozu Kossuth's Rebe und die Entwicklung der Dinge in F ankreich die lebend gste Anregung geben, sich in Betreff dieses Punktes etwas genauer in Deutschland u-nsehdn, wenn sie finden, daß die Volkspartei jeder Centralisation entgegen ist und am Wenigsten von dem f r a n z ösische n So,lal.Smus wissen will, wenn sie endlich finden, daß eS in Deutschland keine Aristokratie, und keine chat ereil riühts g bt, die älter sind als Die jüngste Okrroyi.ung: so werden sie sich überzeugen, daß Die Verwandtsch steil mit der Volkspartei größer sind als Die llnahnl chkeiten, und daß ihiiku keine Partei ferner steht, als unsere französisch- konstitutionelle. Die letztere spricht zwar jetzt, wo sie nicht an der Regierung ist, auch von Selbstregterung. aber wie steht es beim Census mit der Selvstregierun z derjenigen, die durch den CeusuS von politisiert Rechten ausgeschlossen find?"