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W-esbaden Donnerstag, 3tt. Oktober
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Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme deS Mvnlags, »agitch tu eiueni Äügen, — Der Adonnemenl^prelS befragt vlertetjahelich hier in â-ue-adeu 1 ft *5 lt„ auSwärlS durch die Post bezogen mit Verhältnißmä-tgem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Bcibrettung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. — Die Jnserationögebübren betragen für die vierspaltige Prtitzetle 3 kr
Ludwig Koffuth in England.
London, 25. Oktober. Ueber die Ankunft Kossuth's —■ diese ist nun einmal das große Taqesereigniß — tragen wir Folgendes nach: Als der Er-Gouverneur lind seine Gefährten unter vielstimmigen Hurrahs, Eljen Koffuth :c. und dem Wehen zahlloser Tücher den britischen Boden betraten, wurden sie sofort von ihren Freunden umringt und aufs Stürmischste begrüßt. Sie stiegen darauf in den mit der ungarischen Fahne dekorirten Wagen deS Mayors. Eine Musikbande, welcher die amerikanische und die englische Fahne nach- getragen wurden, zog voraus. Eine große Anzahl Personen folgte zu Fuß. Der Zug setzte sich hierauf nach der Waqrnfabrik des Mayors zn in Bewegung. Die Fenster der Häuser längs dem Wege waren dicht mit Menschen besetzt, die zum größten Theil BeifaUS- rufe erschallen und die Taschentücher wehen ließen. Bon allen Kirchthürmen erscholl lustiges Glockengeläute, und während Kosiuth, unbedeckten Hauptes hinten im Wagen stehend, sich gegen die jubelnde Menge verbeugte, drückten ihm seine Landsleute zu wiederholten Malen die Hand, und anch die Engländer folgten hierin später ihrem Beispiele. Kurz nachdem Kosiuth die Wohnung des MayorS betreten hatte, erschien er auf dem Balkon und ward von der unten harrenden Menge sehr warm begrüßt. Nach einigen Worten des^ Mayors begann Koffuth zu sprechen. Seine Stimme ist, der „Times" zufolge, „klar und deutlich, aber ziemlich tief und eintönig, gleich der eines Mannes, welcher sie durch vieles öffentliche Reden abgenutzt hat. Sein Vortrag ist energisch, seine Aussprache des Englischen wunderbar gut. Doch scheint ihn manchmal eine zu große, sich ihm aufdräugende Fülle von Wörtern in Verlegenheit zu setzen, während er zu anderen Zeiten nach einem geeigneten .'luödrucke sucht, um seine Gedanken in Worte zu kleiden." Koffuth sprach, entblößten Hauptes, Folgkndes: - - .
„Ich bitte Euch, mein schlechtes Englisch zu cut- schuldigeu. Vor sieben Wochen 'war ich ein Gefangener zu Kintahia in Klein-Asien. Jetzt bin ich ein freier Mann (Beifall-, Ich bin ein freier Mann, weil das glorreiche England es so wollte (Beifall). Jenes England wollte' eS, welches der Genius der Menschheit" auserkor zum bleibenden Denkmale seiner Größe und der Geist der Freiheit zu seinem glücklichen Wohnsitze. Begrüßt durch Eure Theilnahme, w iche der Doffnungsanker der gebrückten Menschheit ist, Angesichts Eurer Freiheit, Eurer Größe und Eures Glückes, und das Gedenken an mein unseliges Vaterland in der Brust tragend, darf ich wohl wegen der Rührung, die ich empfinde, und welche die natürliche Folge eines so ungeheuren Wechsels und so veränderter Umstände ist, auf Entschuldigung rechnen (Beifall). So entschuldigt mich renn, wenn ich Euch nicht so warm, wie meine Gefühle sind, für den^ edelmüthigen Empfang zu banken vermaa, durch den Ihr in meiner unwürdigen Person die Sache meines Vaterlandes ehrt (Beifall). Ich hoffe, daß der Allmächtige Euch und Euer ruhinwürdiges Land auf ewig segnen möge. Laßt mich hoffen, daß Ihr durch diesen edelmüthigen Empfang einen Strahl der Hoffnung und deS Trostes über mein Heimathland ausgießen wollt (Beifall). Möge Euglaub stets groß, glorreich und frei sein; aber laßt mich hoffen, daß durch den Segen Gottes, durch unsere eigene unablässige Beharrlichkeit und Euren edelmüthigen Beistand England, wenn auch vielleicht stets der herrlichste Fleck auf dem Erdboden, doch nicht auch immer der einzige Fleck bleiben möge, wo die Freiheit wohnt. «Lauter Beifall). Bewohner der edlen Stadt Southampton! Indem ich Eurem Mayor , meinem besten und aufrichtigsten Freunde , die Hand schüttle, habe ich die Ehre, Euch zu danken und Euch, die Bewohner der betriebsamen, hochherzigen und aufgeklärten Stadt Southampton, mit tiefster Achtung zu begrüßen" (Lauter Beifall).
Der Mayor dankte hierauf den Anwesenden für den freundlichen Empfang, den sie Kosiuth hätten angedeihen lassen, die Musikbanke stimmte sodann God save the Queen an, und als die Töne verklungen waren, ergriff Koffuth nochmals folgender Maßen das Wort: „Es ist ein glorreicher Anblick, meine Herren, eine Königin auf dem Throne zu sehen, welche das Prinzip der Freiheit da-stellt. (Lauter Be-fall.) Jhu erfreut Euch dieses Vorrechtes. Indem ul) Euch nochmals sin Eure-edelmüthige Bewillkommnung danke, ec'aube ich mir, c.neii Ausdruck meines Gefühles hiuzuznsugtn, in
welchen ich Euch einzustimmen bitte. Ich bringe drei Hochs aus auf Eure huldreiche Königin. (Lauter Beifall.) Gott segne sie! Gott segne Euch alle!" Kos- suth zog sich nach diesen Worten, offenbar ermüdet, vom Fenster zurück, und der größere Theil der Volksmenge verlief sich nach Bargate, wo das Stadthaus liegt und'wo di m Er-Gouverneur die an ihn gerichteten Adressen überreicht werden sollten. Eine große Anzahl von Personen, darunter mehrere Damen, füllten die Halle. Die Aldermen und Mitglieder des Ge- meinderathes erschienen in ihren Roben. Unter den anwesenden Fremden befanden sich das Parlaments- Mitglied Wyld, die Herren Gilpin, G. Dawson, Pulszky re. Koffuth ließ durch einen Boten um einen kleinen Aufschub bitten, indem er sich in Folge der Reise unwohl fühle, und zeigte an, daß er um ein Viertel nach 5 Uhr erscheinen werde. Nachdem die Versammlung 15 Minuten gewartet hatte, trat Koffnth pünktlich zu der angegebenen Zeit in die Halle ein und wurde durch herzliche Zurufe begrüßt. Der Mayor begleitete ihn, ergriff ihn bei der Hund und stellte ihn den Mitgliedern der Corporation vor. Hierauf hielt er (der Mayor) eine kräftige Anrede an Koffuth, in welcher er die Ueberzeugung aussprach, daß das englische Volk ihn (Koffuth) für einen auf gleicher Höhe mit Sydney, Hampden und Washington stehenden großen und edlen Mann halte. Die Adresse des Gemeinderathes von Southampton ward hierauf verlesen, und Koffuth erwiederte Folgendes: „Herr Mayor und meine Herren vom Gemeinderathe der Stadt und des Burgfleckens Southampton! Entschuldigt mich, einen bescheidenen (unpretending) Fremdling, wenn ich nicht im Stande bin, in Eurer Sprache die wärmsten Gefühle der Erkenntlichkeit und des Dankes für Enren edelmüthigen Willkomm und für die edelmüthigen Aeußerungen, .welche Sie, Herr Mayor, au mich zu richten die Güte hatten, in gebührender Weise auszudrücken. (Beifall.) S chon vor meiner Ankunft knüpften mich Band; dauernder Dankbarkeit an die It^adt^oulhâmpton in Folge zahlreicher Beweise der hochherzigen Theil iLhme an der Sache meines theuren GeburtslaNvekt, und in Folge des meinen Landsleuten gewährten Schutzes. Obgleich ich auf die Ehre dieses Empfanges vorbereitet war, so werdet Ihr, hoffe ich, doch einige Worte entschuldigen, wie sie mir Eure Gegenwart und der Augenblick jetzt eingibt. Ja, es ist an der That eine Ehre, von den diese edle Stadt bewohnenden Engländern bewillkommt zu werden. ; Es gereicht mir zur höchste» Freude, daß der Gemeinderath der ersten englischen Stadt, welche zu betreten ich die Ehre habe, mich so edelmüthig empfängt. Nicht nur an dem heutigen Tage, sondern von meiner frühesten Jugend an hat E ec glorreiches Land mächtig in meine Geschicke eingegriffen. Ich pflegte auf England als auf das Buch des Lebens zu blicken, auö welchem ich und die Nationen Europa's unsere Lebensweisheit zu holen hätten. Seit drei Jahrhunderten hat das Hauö Oesterreich gegen Ungarn alle Künste der offenen Gewalt und der geheimen Ränke erschöpft. Unsere Mnmcipal-Einrichtnnge» waren es, welche selbst unter den schwierigsten Umständen einen Rest von Freiheit und konstitutionellen Leben aufrecht erhielten. (Lauter Beifall.) Als in der Politik die tödliche Krankheit, Alles zu centralifiren und das Volk in diesen Begriff der politischen Weisheit hinein zu gängeln, sich über das europäische Festland und ihren Weg auch in mein Vaterland fand, so daß es fast zum guten Thon gehörte und für ein Zeichen von Bildung galt, wenn man sich der CentralifationS-Lehre beugte, da kämpfte ich nebst ein paar Freunden, die nur zur Seite standen, gegen diesen Sturm, gegen diese über den Geist Enropa's hereiubrechenden Wellen an, weil ich das Munizipal-Leben als eine politische Wohlthat betrachtete und stets betrachten werde, und weil ich die Ueberzeugung hegte, daß ohne ein Gedeihen des Munizipal-Wesens praktische Freiheit rem unmöglich sei, daß für den Verlust desselben Minister- Verantwortlichkeit und parlamentarische Rechte nur einen kläglichen Ersatz gewähren können. Ja England sehen wir die herrlichsten Früchte dieser FreicheitS-Errungenschaft: Rn hm im AnSlande, Feeiheit im Innern, welche nicht unter der giftigen Berührung deS Fingers der Centralisation verdorrt ist. Als ich jungst die französische Verfassung las, weissagte ich, die große und ruhmwürdige frauzösiiche Nation werde iloch man» eben Sturm durchzumachen haben. Sie hatte sich nicht von dem unheilvollen CentralisationS - Syst.m losge-
und nur bei dem Bestehen von Munizipal- Einrichtungen kann d-c Freiheit gedeihen. Das ist meine
Ueberzeugung. Ich hoffei, England wird stets gioß, glorreich und frei sein. Wenn ich aber auf die Geschichte blicke und sehe, was für ein Land Engla v und was für ein Stamm der englische Volksstamm ist, wie er der einzige freie in beiden Welt-Hemisphären ist, und wenn ich dann nach einem Schlüssel zu dieser Freiheit suche, so will ich mich gern zu dem Glauben be- fennen, daß nicht durch diese Munizipal «Institutionen allein diese Freiheit unter verschiedenen Formen —' hier in England unter der monarchischen, in Amerika unter der republikanischen — gewahrt worden ist, sondern auch durch den in diesen verkörperten Geist des Volkes, welcher diese beiden Sprößlinge eines mächtigen Stammes groß, glorreich und tret machte. Mit der größten Befriedigung empfange ich daher diese, Adresse der Corporation von Southampton aus Euren Händen. Was mein eigenes bescheidenes Selbst betrifft, mich, der ich mir keines Verdienstes bewußt bin und nie nach einem a deren Ruhme getrachtet habe, als nach dem, ein schlichter, ehrlicher Mann zu sein, treu der Pflicht eines treuen Freiheits - und Vatee- lands- Freundes, so würde ich nicht umhin können, dadurch, daß ich der Gegenstand so unverdienter Ehren bin, in Velegenheit gesetzt zu werden, wüßte ich nicht, daß diese hochherzige Kunegebung mehr dem Prinzipe Der Freiheit, der Gerechtigkeit und ter Volks-Gerechtsame gilt, für welche Ungarn so tapfer gefochten hat und in deren glücklichem Besitze Ihr Euch befindet. ES ist eine glorreiche' Stellung, welche die englische Race — fast die einzige freie — einnimmt. Sie hat für ihre Freiheit weder von dem Wechsel der Zeiten, noch von menschlichem Ehrgeiz zu fürchten, vwausge- setzt, daß sie an ihren Einrichtungen festhalt, vorausgesetzt, daß der politische Geist des Volkes auch in Zukunft das verbürgt, was den Forderungen der Zeit am angemessensten ist, und vorausgesetzt, daß die männliche Entschlossenheit des Volkes diesen Forderungen stets zur rechten Zeit Rechnung trägt! Daß diese Wachsamkeit und Entschlossenheit die Haupt-Bürgschaft für Eures Landes Große und Glück ist, betrachte ich als die troib reichste Hoffnung für Die unterdrückte Menschheit. Denn ich hege die feste Ueberzeugung, daß die Freiheit und Größe Englands in engster Verbindung nt t den Geschicken uns der Freiheit Europa'S steht. Nicht ohne Grund blicken mein Heimathsland und alle unterdrückten Nationen zu Euch auf, wie zu einem älteren Bruder, welchem der Allmächtige nicht umsonst die Fähigkeit verliehen hat, den Strom ter men chlichen Ge ch-cke zu leiten. Ein hervorragender Zug Eures Volksstammes, ein Zug von nicht geringer Bedeutung für unsere Kämpfe ist der, daß die Ansichten dieses VolkS- stammes sich über die Welt verbreiten, und daß es nicht zum geringsten Steile Eures Ruhmes gehört, daß das englische Volk entschlossen zu sein scheint, in der neuen Richtung der öffentlichen Meinung Der W. lt, aus welcher die höchsten Segnungen fli-ßen werden, voranzugehen! Die große Theilnahme des englischen Volkes für mein blntendeS, ringendes, in den Staub getretenes, aber nicht gebrochenes Vaterland (Beifall) ist eine, aber nicht die einzige Kundgebung, durch welche England zeigt, daß es bereit ist, diese herrliche Rolle des älteren Bruders der Menschheit zu übernehmen. Dieses Land, obgleich es nichts von einem unmittelbaren Angriff auf lerne Freiheit zu fürchten hat, weiß doch, daß sein Glück nnd Gedeihen, da dasselbe in der beständigen Entfaltung Eures Geistes und Eurer Gewerb- samkeit wurzelt, nicht ganz von der Lage anderer Nationen unabyängig sein kann. Das englische Volk weiß, daß es ihm weder in geselliger, noch politischer Beziehung gleichgültig sein kann, ob Europa frei ist oder unter dem Joche Rußlands und seiner Satelliten stöhnt! Das englische Volk ist sich feiner glorreichen Stellung bewußt; es weiß, daß, während es seine Freiheit bewahrt, es den russisch österreichischen Despoten nicht das Recht zugestehen darf, über das Sch cksal Europa's zu verfügen, sondern d'ß es sein Gewicht in Die Wagschale der Geschicke Europas legen muß. Sonst w ü r d c E ng- land keine europäische Macht mehr sein.^Lau- ter Beifall) Dieses Bewußtsein ist die Quellender Hoffnung und des Trostes für mein unterdrücktes Vaterland , so wie für alle übrigen europäischen Nationen. Denn nach dem Grundsätze, auf dem die Fortdauer Eurer Freiheit beruht und auf dem Euer Glück fußt, hegen wir die Ueberzeugung, daß, wenn das engliiche Volk einmal fein Gewicht in die Wagschale des Schickials Europas wirft, es nicht den Despotismus, sondern die Freiheit, nicht das Unrecht, sondern das Recht, nicht den Ehrgeiz von ein paar Familien, sondern das mo«