„â^theit und Neehl!"
JYs. 25ri. Wiesbaden. Samstag, 23. Oktober 185g.
Die „greif Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementspreis beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden t K. 45 h., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigein Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Beibrettung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Lr- salge. — Die JnserationSgebühren betragen für die vierspaltig» Petitzetle 3 fr.
Eine Parallele.
;e
* Metternich und Kossuth — diese Parallele drängte sich in Folge der Zeitereignisse wohl schon jedem auf, da sie gar zu nahe liegt. Die „Weser -Ztg." machte dieselbe zum Gegenstände eines Leitartikels, aus dem wir folgende Stellen als besonders pikant ausheben:
„Ist es nicht eine seltsame Ironie der Geschichte, daß zu derselben Zeit, wo Metternich nach Wien zuruckkehrt, Kossuth aus seiner Gefangenschaft befreit wird und seinen Triumphzug dusch beide Hemisphären antritt? Nicht blos die Nöthen, auch die Diplomaten wühlen, so daß das alte Europa einem Fuchsbau gleicht, durch dessen Ein- und Ausgang? die größten Gegner ungehindert streichen. So vollziehen sich vor unseren Augen Akte, an deren Möglichkeit wir noch vor gar nicht langer Zeit nicht dachten. Als das „ihr 1848 seine Emigranten nach Belgien und Erland schickte, da rechnete man auf Nimmerwiedersehen. Weit gefehlt! Namen, an die sich der Haß einer ganzen Epoche knüpfe, rückten uns aus der Verbannung immer näher, gewöhnten uns von Neuem an ihren Klang, und ließen eine Zeit lang durch alle Blätter die „Meubles" .un- terweges sein, bis der Eigenthümer nachfolgte. Erleichtert warb die Rückkehr durch den grausamen Gebrauch, den die Reaktion von ihrem Siege machte, und jedem die Parallele der gnthmüthigen vormärzlichen Gensd'armenzeit und des neuen Cäsarismus aufdrang. Metternich! Bei diesem Namen erwacht in jedem Oesterreicher die Erinnerung an die harmlose „glückselige" Zeit, wo Wien noch das wahre Capua und alles Verbotene zugleich erlaubt war. Wie weich und lieblich lebte es sich damals an der Donau, während jetzt viel Wasser über den Berg laufen und mancher Bach seinen Lauf ändern muß, wenn die angenehme Gewohnheit des Daseins von ehemals ^n'eber- kehrrn soll^ Wie viele Landeskino^r jrrcit^ setwruc in der Fremde, in den Straßen von London und ^iv« Dorf, die ohne den Fall des Staatskanzlers n e.^As aus ihrem Glücke in die Strudel der Revolution gerissen wären, und bis nicht seine Milde im Verfahren gegen die einzelne Person auf den «Stühlen der Gewalt wieder Platz gewinnt, an die Pforten der Hei- math vergeblich pochen. Der Mann ist alt und schwach; seine Rückkehr ist kein geschichtliches Ereigniß, nur ein Symptom. Und doch „rührt sich der Wein im Fasse", als er wieder im Herzen von Oesterreich saß. — An Kossuths Namen aber knüpfen sich die Sorgen der Zukunft, er ist einer der Garanten der nächsten Revo
'e
li- an D. iz,
ng
eit
9l)
Di« Direktion eines Privattheaters.
Eine Skizze.
„Es gereicht uns auch nicht zu genügender E»t- schulvigung, wenn gvir einwenden: die Erlaubniß, èffeütiche Schauspiele aufznführen, werde hauptsächlich in der Abficht gegeben, dem Volke eine erlaubte Grgötzüchkeit zu verschaffen, um eS von Ausschweifungen abznhaltcn, welche der Müßiggang zu veranlassen pflegt; da nun dieser Endzweck, sowohl durch schlechte oder mittelmäßige, als durch gute Schauspiele erreicht werde, so sei es nicht nöthig, die Schriftsteller und Schauspieler an strenge Regeln und Vorschriften zu binden, wie sie schreiben und spielen sollen, indem jedes.Stuck zur Erreichung vieles Zweckes fich eigne.----DaS Schlimmste dabei ist, daß Dummköpfe genug solche Sachen für vortrefflich und Alles, was dagegen cingewendet, für Krittelei halten."
Cervantes' Don Quirote, Kapitel 48.
H. Nachstehendes verdankt seine Entstehung einer Anfrage bei mir hinsichtlich eines Direktors bei einem Privattheater; da es einen recht wunden Fleck unsers deutschen Theaters überhaupt berührt, so möge es hier seine Stelle finden.
Es ist schlimm, daß viele städtische Behörden dahin gebracht worden sind, das Theater mehr als ein nothwendiges- Uebel zu betrachten, weniger als ein Kunstinstitut, durch das auf das Publikum doch so veredelnd eingewirkt werden kann. Der Leichtsinn oder nicht eben zu lobende Rücksichten, welche gänzlich unfähigen, ja selbst übel berüchtigten Subjekten die Leitung verschie- dener Hoftheater in die Hände gegeben haben, können wohl schwerlich als Entschuldigung oder als Richtschnur für städtische Behörden dienen. Dort hat der Einzelne die Macht, das Theater als sein Eigenthum zu betrachten und die Höbern Rücksichten all-rhöchsten zu opfern, während hier Mehrere über die Gerechtsame eines gan
lution, wie sich Rußland als den Garanten der Wiener Verträge betrachtet. Seine Befreiung ist nicht das schlaffe Resultat der Gegenwart, sondern eine den Militärstaaten Oesterreich und Rußland mühsam und trotzig abgerungene Frucht. Wir reden gar nicht von den Ovationen, die seiner warten, durch welche sich das loyale England auf die Seite des erbittertsten Gegners des Hauses Habsburg stellt, Ovationen, zu deren Verhinderung die Sendung des Feldzeugmeisters Nugent nach London offenbar nicht ausgereicht hat; nur daß sein Name plötzlich wieder miUiouenmal genannt und gedruckt wird, ist ein Schaden für die, welche ihn gern für immer in die Nacht der Vergessenheit versenkt oder vertilgt hätten. Doch Eines tröstet sie: vielleicht daß der reisende Kossuth den Zauber einbüßt, den der Eri- lirte besaß; daß die Ovationen ihn und seine Sache abnützen, während das Schweigen der Verbannung beide vor Compromittirung schützte, ja im Glauben seines Volkes heiligte. Mit seinem Marseiller Manifest wird das österreichische Cabinet zufrieden sein, und sehr unzufrieden, wenn es etwa apokryphisch wäre."
Doch auch dieser Trost hat seine Wirkung verloren. Das Marseiller Manifest ist echt, doch die Briten haben trotz Wien und Gotha, jvie trotz der plumpen Ausfälle der „Times" sich nicht beirren lassen: Kossuths Empfang wird in England so warm und glänzend werden, wie die Aufnahme Metternichs seiner Zeit kalt und theilnahmlos war, obgleich dèe Engländer — freilichaus andern Gründen damals mit dem Gange der deutschen Bewegung so nzufrieben waren, wie ihre deutschen Gäste aus dem c hjahr 1848.
Deutschland.
Hannover, 19. Oktr (N.-Z.) Die unerwartete Verhaftung "Dulon's auf dem Bahnhöfe in Eystrup hat Lhr.. ^mVv.^L in dem Lager ■ -,c. ir.-J,.- Feinde, namentlich der vor lauter chMizcher Liebe ff ast zerfließenden Frömmler, große Freude erregt. Diese Freude wird indeß nicht lange wahren. Dulon befindet sich in den Händen der hannoverischen Justiz.- Die Untersuchung ist äußerst einfach, wenn es war ist, daß das Dulon zur Last gelegte Verbrechen des Staatsverraths lediglich in einigen Artikeln der „Tages-Chron." gefunden werden soll, und es ist daher alle Aussicht vorhanden, daß die Sache schon vor dem nächsten, bereits im Monat November in hiesiger Stadt zusammentretenden Geschwornen -Gerichte zur Verhandlung kommt.
zen Publikums verfügen, für deren Heilighaltung sie durch Eid und Pflicht verbunden sind.
Wie leicht es geworden ist, eine Theaterdirektion zu erhalten und zu führen, darüber ließen sich ergötzliche Anekdoten erzählen. Welchen Maßstab man anlegt, welchen Schluß man zieht, um. die Fähigkeit zur Direktion zu beweisen, das läßt sich am Ende nur damit entschuldigen, daß man die eigentliche Bedeutung des Theaters nie erkannt, und deshalb auch nie zu einer wahren Kenntniß des Theaters zu gelangen sich bemüht Hal.
So sind, obschon scheinbar Kunstverstand verlangt wird, die Direktionen der meisten deutschen Privattheater an die jammervollsten Unfähigkeiten gerathen; die mittelmäßigen Schauspieler, an solche Institute durch ihre Stellung in der Kunst angewiesen, sind immer mehr und mehr verflacht; das Publikum, tu Summa betrachtet, ist, ohne es selbst recht zu fühlen, von seinen Kunst- und Geschmackanfordcruugen zurückgewichen, und endlich dahin gelangt, daß cs das Theater nur benutzt, um geistlose Neugierde zu befriedigen, oder einige müßige Stunden zu todten.
Das todte Comödienspiel hat nach und nach einen wahren Widerwillen gegen alles Bessere beim Publikum hervorgerufen, weil eben dieses Bessere nur am meisten, und vielleicht nur allein unter dem seelenlosen Wortgeplapper und Bewegen leidet, und nichts mehr innern Widerwillen erregt, als das durch Entstellung und Verkleinerung mißhandelte Schöne und Große. „Darum", rufe ich mit F. G. Zimmermann aus, „wäre cs end- lich an der Zeit, aus dem Wüste der letzten fünf De- cennien ein National-Repertorium der dramatischen Poesie auszuhebcn, um. dem gebildeten Geschmacke des Publikums, nicht wie weiland engbrüstige französische Kunstrichter, eincugendc beschränkcuke Grenzen, wohl aber eine feste sichere Richtung zu geben. Uno unsere
Weimar, 22. Okt. Die heutige „Weim. Zeitung" bringt unter der Rubrik „Amtliche Nachrichten"^ auch die Anstellung des Dr. Mommsen aus Oldesloe in Holstein als Professor^ an dem Realgymnasium in Eisenach. Der hiesige Stadtrath will zu der Stelle eines Oberpfarrers, mit welcher bisher auch die eines Generalsuperintendenten verbunden war, gleichfalls einen schleswiger Geistlichen Präsentiren.
In Erfurt begann am 20. Oktbr. der öffentliche Verkauf der zur Herrichtung des Parlamentslokals angeschafften Möbeln und sonstigen Gegenstände.
Berlin, 21. Oktober. Die Bezirks-Regierug von Marienwerder hat unterm 27. v. M., folgende deiner kenswerthe Kundmachung erlassen: „Die üble Gewohnheit, den Schlaf unruhiger Kinder durch daß Einflößen einer Abkochung von Mohnköpfen oder Branntwein zu bewirken, führt die nachtheiligsten Folgen für die Gesundheit der Kinder herbei und hat in einigen Fällen den Tod zur Folge gehabt. Erst kürzlich ist ein Kind von sechs Wochen, welchem die Mutter eine Abkochung von Mohnköpfen gereicht, um es einzuschläfern und ungestört der Feldarbeit nachgehen zu können, an den Folgen dieser Vergiftung gestorben. Wir machen daher auf die Schädlichkeit dieser Beruhigungsmittel aufmerksam und erwarten, daß die Herren Geistlichen und Lehrer ihren Einfluß benutzen werden, um die armen Volksklassen über tiefen Gegenstand zu belehren."
Berlin, 21. Oktbr. Der Ausgang der dänischen Ministerkrisis hat in den Negierungskreisen nicht befriedigt, es spricht sich dies wenigstens in der folgenden Mittheilung der „N. Pr. Z." aus: „Die Unterhandlungen zwischen Preußen und Oesterreich einerseits und Dänemark andererseits dürften dem Vernehmen nach weniger lebhaft und förderlich betrieben merbelf, indem die erstern Negierungen kein besonderes Vertrauen für die gegenwärtige Zusammenstellung des dänischen Kabinets gewinnen können. Es dürfte kaum zu erwar- ^. - « daß die russische Regierung die neuesten Vorgänge 8 Kopenhagen mit günstigeren Augen anschen werd. Wie der Abschluß eines Postverttages zwischen dem deutschen Postvereiu und Frankreich im Sinne der dem Ersteren zu Grunde liegenden Bestimmungen als gewiß anzusehen ist, so ist es den Bemühungen des Hrn. Handelsniinisters v. d. Heydt gelungen, mit der englischen Regierung Verhandlungen über einen Postvertrag einzuleiten, der auf eine Herabsetzung der ungemein hohen Portosätze für die Korrespondenz zwischen England und Deutschland gerichtet ist. Seitens der englischen Regierung soll bereits eine erhebliche Ermäßigung zugrsianden sein. — Schon vor einiger Zeit
Literatur würde einen reichen Vorrath barbieten zu einem solchen Unternehmen. Al'er dann dürfte auch keine Woche vergehen, wo dem besseren Theile des Parterre's — und wie bald würde dieser die Mehrzahl ausmachen — nicht ein paar klassische Werke gegeben würde *)". — Lebrun meint: „Wenn auch nicht in seiner ganzen Ausdehnung, ist einem solchen Vorhaben, wie es auch Göthe und Schiller nicht nur aussprachen, sondern auch bewerkthätigten, durchaus nur beizutreten, doch erfordert es eine eigene Behandlung in der Ausführung,. besonders Privatunternehmer. Nicht mit überstürzender Gewalt, nein, scheinbar unvermerkt, muß dieses alte Repertoire eingeführt, die Neuigkeiten des Tages dürfen nicht übergangen, und dem Publikum, das jeder Bevormundung feind ist, muß selbst überlassen werden, wohin es sich mit seiner wärmsten Theilnahme wenden will. Allerdings gehören bebeutenbe Darstcllungökrâfte dazu, doch gebe man dem hohen Selbstvertrauen der modernen Künstlerwelt Gelegenheit, das ihre zu prüfen, zu bewähren und, wo eS noch in Keuschheit schlummern sollte, dasselbe zu entwickeln. Unberufene würden dann vom Publikum selbst ausge- incrzt werden."
Man wende nur nicht ein, daß ein Prioatdirektor, um bestehen zu können, auf eine andere Weise — wie man es zu nennen beliebt, — mannöveriren müsse: hie Folge hat stets gelehrt, wohin das Coinodiautcutreiben führt, und daß es oft besser wäre, ein Theater einige Jahre zu schließen, als mit ihm nach einigen Jahren dahin zu gelangen, daß es zue Buoe herabgesnukeu ist, woraus Alles/was Kunst heißt, entsetzt entflohen ist und wo nur Rohheit und Sittenlosigkeit noch ihre Wortführerinnen Haban. Ebensowenig ist die oft an-
*) Man vergleiche, waS ich über diesen Gegenstand in den beideil »arhergehenven Aufsätzen gesagt habe. D. B.,