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»^Frdâm und Recht!"

Wiesbaden Mittwoch, 22 Oktober

1851.

Die «Freie Zrtluug" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen Der Adonnemenespreis beträgt vierteljährlich hier in Wt-sdaden I ft. 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßtgem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Beibrettung der «Freien Zeitung" stets von wirksamem «r. folge. Die InscrationSgebühren betragen für dir vtcrspaltig« Petitzetl« 3 h.

Die preußische Iuukerpartei.

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Durch die Restauration des Bundestages hat die deutsche Reaktion ihr Ziel erreicht: es geht mit ihr bergab. Mit jener Restauration stand in Preußen die Wiederherstellung der vormärzlichen Provinziallandtage in innigem Zusammenhänge und dieser Sieg derklei­nen, aber mächtigen Partei" trägt jetzt bereits seine Früchte. Herr von Bethmann-Hollweg hat den Feuer­brand ins Lager der Kreuzritter geworfen und diese Fehde macht so viel von sich reden und ist so wichtig zur Charakterisirung dieser frivolen Frommen, daß wir darüber etwas Näheres geben müssen. DieNat.-Ztg." bringt das Schlagendste darüber, indem sie schreibt: Die Krisis ist da der Bruch innerhalb der Partei, welche ihre auswärtige Politik in dem Anlehnen an Rußland und für den äußersten Fall in dem Vertrauen auf die Russenhülfe sucht, welche die Wiederbelebung deS Bundestags und der Provinziallandtage als ihr Recht gefordert hat, deren Losung das:Weg mit der beschwornen Verfassung", deren leitendes Motiv der Bruch mit gegebenen Verheißungen, und erlassenen Gesetzen als ein Werk religiöser Buße ist der Bruch inner­halb dieser Partei ist erklärt. Nachdem früher schon Professor Hengstenberg selbst über dies Motiv sein Ver­dammungsurtheil gesprochen hat, nachdem die Partei selbst mit dem General Radowitz zerfallen ist, hat nun Herr von^Bethmann-Hollweg in der Flugschrift:Die Reaktivirung der preußischen Provinziallandtage" den Bruch erMrt. Er spricht sich ziemlich unumwunden über die Stellung aus, welche die, wie sie sich selbst gerühmt,kleine, aber mächtige Partei", deren Haupt­mann der Runcschauer derNeuen Preuß. Zeitung" ist, der Regierung gegenüber einnimwt. Herr v Beth­mann-Hollweg beklagt die Zweideutigkeit in der Art und Weise, wie die Regierung die Provinziallandtage witderberufen, indem, sie es unbestimmt gelassen, ob sie dieselben nur als eine von der Regierung beliebte No- tablenvcrsammlunq, an deren Stelle eben so gnt eine andere hätte berufen werden können, oder (nach der Gerlach'schen Ansicht) als das noch immer rechtlich fort- bestehende Organ der gesetzlich nicht aufgehobenen alten Provinzialversammlung geladen habe Durch diese Zwei­deutigkeit, sagt er, seien die Gewissen im Laude verwirrt, Mißtrauen gesät, und aller Wahrscheinlichkeit nach das Gegentheil dessen, was man beabsichtige, vorbereitet. Insbesondere, sagt er, sei es das Verhältniß des M'- nisteriums zu der Gerlachschen oder Kreuzzeitungspar- tei, wie sie nun einmal heißt, was die Gemüther vie­ler wahrhaft konservativen Männer mit Sorge erfülle. Man fürchtet, daß das Ministerium gedrängt wer­den möge, völlig in diese Ansicht einzugehen; daß, wenn es mit dem Ansehen der acht Landtage, al>o der alten Landesvertretung, gegen die Kammern auftrete, dies einen Konflikt Hervorrufen und einen offenen Bruch der Verfassung oder doch die wesent-

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StädtifcbeS Tbeater zu Wiesbaden.

Sonntag den 13. October: Don KarloS, Trauer­spiel in 5 Auszügen, von Schiller.

Dieses herrliche Werk des unsterblichen Dichters . ging neu kinstudirt in würdiger Weise in die Scene, und es zeugt von der rastlosen Thätigkeit der Regie, daß zwei so bedeutende Werke, wie Struensee und Kar­los, aufeinanderfolgend gegeben werden konnten. Herr Wilke, Don Karlo', bekundete sich Reitete als denkender Schauspieler, und es gelang ihm voll­kommen, das Träumerische und Elegische des Karlos Hinzustellen; alle Momente der an und für sich sehr schwierigen Rolle wurden mit poetischem Gefühl und inniger Wärme durchgeführt; nur dürfte diesem Künst­ler ein strengeres Ueberwachen seiner zu häufigen und heftigen Bewegungen, und ein genaues Bemessen seiner Kräfte anzurathe» sein, denn nur mit sichtbarer An­strengung war er im Stande, die Scene nach dem Todte Posa's, die sonst gewöhnlich zweckmäßig abgekürzt zu werden pflegt, durchzuführen, doch zählen wir diese und die Scene mit der Eboli zu den gelungensten Momenten. Ehren, er Beifall wurde ihm in mehreren Scenen zu Theil; sein Toilette war ausgezeichnet. Der Marquis von Pofa ist vom Dichter schöner- ge­halten, als Don Karlos, seine Worte dringen mehr zu Herzen, überhaupt ist der ganze Charakter ergreifender, wodurch die treffliche Durchführung vom Künstler bei

liche Vernichtung derselben veranlassen werde. Doch ist es noch jetzt ganz in seine Hand gegeben, diese Besorgnisse zu zerstreuen. Zwar nicht durch wiederholte offiziöse Versicherungen, daß es nicht auf einen Verfaffungöbruch abgesehen sei, was ohnedies nur sehr Unkundige ihm zutrauen können, sondern indem es in dieser wichtigsten inneren Landes­angelegenheit seine vollkommene Unabhängigkeit von jeder Partei thatsächlich bewährt." Auch Herr von Bethmann-Hollweg dringt nun darauf, daß das Helldunkel , in dem sich die Ministerpolitik so lange bewegt, daß dies endlose Auf und Ab aufhöre; daß man sage, was man wolle und sein Ziel auf möglichst offenem, unzweifelhaft gesetzlichem Wege verfolge; er erklärt sich gegen bas Zurückgehen auf ein früheres Gesetz mit Nichtbeachtuug eines verfassungsmäßig er­lassenen und gesetzlich publizirten neuen, als gegen ei­nen Akt der Gegenrevolution. Wen ergreift nicht, ruft er aus, bei diesen Zweideutigkeiten in Beziehung auf die wichtigste Frage des Augenblicks, bei der Un­wahrheit, die nicht blos bei diesem Punkt hervortritt, die unser ganzes Leben als eine schleichende Krankheit durch­zieht, ein tiefer Unmuth, der, er mag wollen oder nicht, zur Zeit oder Unzeit in offenem Zeugniß hervorbricht. Auch Herr v. Bethmann-Hollweg sieht sich endlich ge­drungen, der christlich-germanischen Partei, dem Runb­schauer, der so reich an Bibelsprüchen und Sophismen ist, ins Gedächtniß zu rüfen, daß das Gesetz vor Al­lem für die Obrigkeit selbst die Pflicht der Wahrhaf­tigkeit und Treue in Bezug auf das von ihr ausge­sprochene Wort begründe.Nicht bloß der offene Bruch dieser Treue, schon der mögliche Zweifel an derselben untergräbt das Ansehen der Obrigkeit und erschüttert den Glauben des Volks an Sittlichkeit im öffentlichen Leben. Die Worte, die ein Freund unlängst mir schrieb, drücken ganz meinen Sinn aus. Die sittlichen Ein­drücke Ichlage ich jetzt verhältnißmaßig höher an, als die politischen Einrichtungen; denn über den Werth der letzteren sind die Urtheile aller Parteien sehr trüg- lich, jene sind etwas Sicheres." Natürlich ist die Rundschauerpartei durch diesen Absagebrief deS Hrn. v. Bethmann-Hollweg mehr als unangenehm berührt. Die­ser offene Brief schneidet ihr allzu tief ins Fleisch. Daß Hr. v. Bethmann-Hollweg auch nur ein Profes­sor sei, hat dieKreuzzeitung" noch nicht gesagt; kann es auch nicht wohl sagen, so lange sie ihre Theorie und die Systemansirung ihres Macchiavellismus einem Professor verdankt, der vom Stahl nichts als die Biegsamkeit hat. Aber sie hatte bei Zeiten insinuirt: Hr. v. Bethmann-Hollweg sei auch kein Altpreuße." Obwohl sonst erklärte Gegnerin des Nationalitätsprin­zips denn diese neupreußische Partei war zur Zeit von Napoleons Allmacht franzö­sisch, wie sie jetzt, wo sie den Czar für all­mächtig, moskowitisch^ist spricht sie, wenn es sich um Personen und Stellen handelt, mit Vor­liebe vonAltpreußen", wozu weder die Lausitz, noch

Weitem leichter ins Leben gerufen werden kann. Herr Grabowsky stellte ein so schönes Kunstgebilde hin, daß man unwillkürlich von dessen Wahrheit hin­gerissen wurde, und mit Recht begeisterte der Künst­ler durch seinen gefühlvollen Vortrag. Der große Monolog vor dem Erscheinen des Königs, sowie seine herrliche Schilderung von Flandern, wurden oft vom stürmischen Beifall unterbrochen; wir glauben, daß Hr. Grabowsky in dieser Nolle keinen Rivalen zu scheuen braucht, und müssen uns mit seiner großartigen Durch­führung ganz einverstanden erklären. Herr Wei- lenbecf (König) wirkte beifallswürdig und seine Auf­fassung des Charakters veräth den denkenden Künstler. Die Scene mit seinem Kinde und die darauf folgende mit der Königin, sowie der Monolog in der Nachtstene waren die gelungensten Momente; doch berührte es un­angenehm, daß bei den Worten:Tag soll eS sein", das Theater in Finsterniß gehüllt blieb; denn daß hier unbedingt Tageslicht durch die geöffneten Vorhänge drin­gen muß, beweist das Lesen der Briefe Seitens des Königs und Alba's, was im Dunkeln wohl nicht gut alS möglich angenommen werden kann. Mad. Flindt reibete sich erstgenannten Künstlern würdig an. In der Scene mit Karlos war Mad. Flindt ganz das sich hingehende liebende Weib, und so ließ es sich erklären, daß es ihr gelang, Don Karlos, trotz seiner schwär­merischen Liebe zur Königin, für sich einzunehmen; eben­so ausgezeichnet war sie später in der Scene mit Posa; der Glanzpunkt aber ihrer Darstellung war der Mono­

die Rheinprovinz, noch Münster, noch das Herzog- thum Sachsen oder das Großhërzogthum Posen ge­hören, als von einem geographischen Begriff, welcher den Kreis der Möglichen, die bereit sind, ansehnliche Gehälter neben ihren Depntirtendiäten und anderen Beneficien in Empfang zu nehmen, passend verengert. Sie spricht anch gern von altpreußischem Sinn und Geist. Herr v. Bethmann-Hollweg hält ihr aber vor, daß auf gut altpreußisch die Regierung über den Par­teien stehen müsse; daß es nach feinem Gefühl preus­sischen Stände» übel anstehn würde, sich ihrem König gegenüber auf den deutschen Bund zu berufen, wie die kleine, aber mächtige" Rundschauerpartei gedroht hat, nöthigenfalls die Aufrechthaltung ihrer vermeintlichen ständischen Rechte de anno 1823 gleich den hannover­schen Ritterschaften durch Nachsnchen der Bundestags­hülfe durchsetzen zu wollen. Diekleine, aber mächtige" Rundschauer-Partei nennt sich gern die königliche, will die wahrhaft konservative sein. Herr v. Bethmann- Hollweg bemerkt ihr aber auf die bekannten Argumen­tationen,die bis in das Heiligthum des königlichen Gewissens hinaufzusteigen wagten": den König gegen den König zu stellen, ihn in den Streit der Parteien hineinzuziehen, und auf diese Weise Vertrauen und Au­torität der Allerhöchsten Person, die unendlich schwerer wiegen, als alle ständischen Rechte und historischen Institutionen, zu gefährden, sei nicht royalistisch und deshalb nicht mehr konservativ. Der Rundschauer meinte einen tüchtigen Trumpf auszuspielen, indem er Herrn von Bethmann-Hollweg vorhielt, es sei doch unbegreiflich, wie er jetzt die Reaktivirung der Provin« zial-Landtage auch zur Ausübung legislativer Funktio­nen als ungesetzlich anfechten könne, da er ja als der erste die Petition sächsischer ehemaliger Landstände um Berufung des sächsischen Provinzial-LandtageS vom März dieses Jahres unterschrieben habe, die am Ende doch vielleicht, so unbedeutend sie auch An­fangs erschienen, und zwar gerade durch die juristische Autorität des Hrn. von Bethmann-Hollweg, die Wieder­berufung der Landtage wesentlich mit h rbeigeführt habe. Nach Herrn v. Bethmann-Hollwegs Darstellung hat er aber nur um Berufung der Provinzallandtage behufs Wahrnehmung der Interessen der Provinzial-JnstiNite, wie geuerfaffen und Arbeitshäuser, und um so die Ele­mente einer wahren gegliederten Provinzial-Vertretung zu konserviren, petitionirt, und die Petition, die weiter- gehende Motive enthalten, mit denen er nicht einver­standen gewesen, mit blos mündlichem Protest unter­schrieben, um sich seinen Parteigenossen in einer für nützlich erkannten Sache anzuschließen. Danach wäre denn auch Herr v. Bethmann-Hollweg von derklei­nen, aber mächtigen Partei" bei jener Petition, wie man zu sagen pflegt, in die Dinte geführt, wie das der Macchiavellismus versteht. Die von ihm nicht gebillig­ten Motive einer von ihm unterschriebenen Petition wären, als von ihm, einem berühmten Juristen, ge­billigt, anderweitig geltend gemacht, ein .. geschicktes

log nach der Entfernung des Karlos, und es würde ihr Abgang stürmischer Beifall hervorgerufen haben, wen» nicht der zu früh herabrollende Vorhang Vie Il­lusion zerstört und daS Publikum in die nackte Wirk­lichkeit zurückgeführt hätte. Frâul. Grahn (Köni­gin) legte auch heute Proben ihres regen Fleißes ab, dock dürfte ihr Organ für solche schwierige Aufgabe in der Tragödie noch nicht hinlänglich erkräftigt sein, wes­halb ihre Deklamation monoton und nicht hinreich nd zu Herzen dringend sich barstellte, wodurch sie auch nur theilweise daS Publikum zu erwärmen vermochte; doch gab sich auch bei ihrer Leistung die Zufriedenheit des Publikums kund. Die übrigen Rollen waren ge­nügend besetzt und führten ein gelungenes Zusammen­spiel herbei. Zum Schluß ^wurden die Hauptdarsteller gerufen. * * *

K u n st n o t i z.

= Wiesbaden, 20. Oktober. DaS ausgezeich- nete Gemälde deö belgischen Malers Gaillait:Les derniers bonneurs rendus aux comtes dEgmont et de Horn, welches auf der Brüsseler Ausstellung so außerordentliches Aufsehn machte, ist von der Stadt Tournai für 30,000 Fes., unter Unterstützung der bel­gischen Regierung durch einen namhaften Beitrag, an« gekauft worden. Da der Künstler zugleich die Er­laubniß sich ausbedlingen hat, sein Bild zwölf Mo­nate lang im Auslande ausstrUen zu lassen, so hoffen wir dasselbe im Pommer auch in Deutschland zu sehen.