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Wiesbaden Freitag, 17. Oktober

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Diegreif Zeitung" erscheint, mit Auöna-mr veü Montags, iaglich in einem Bogen Dir ZlDnmkinenispm» detiagl oierteitadrlnt (Her in iSwnoaiwi 1 ft. 45 ft., auswar - durch dir Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschlag«. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find btt der großen Bnbrettung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Er» folge. Die JnserationSgebühren betragen für dir vierspalt ge Petitzetl« 3 ft.

Die englische Parlamentsreform.

* Praktisch wie die Engländer in der Politik so­wohl als im Handel und Gewerbswesen sind, wis­sen sie ihre Rrformgedankcn in Alles hineinzuflechtru und an das Nächste anzuknüpfen. Diese Art der Journalistik ist die beste, weil verständlichste und anregendste. In «Deutschland muß der Schriftsteller der vielen Hemmungen und Empfindsamkeiten wegen allerdings oft den umgekehrten Weg gehen, um durch allgemeine Bemerkungen den Lesern zum Aufmerken für das Besondere den Blick zu schärfen; immerhin konnte aber doch auch hier mehr geschehen, nur wäre dies Sache der Korrespondenten, welche den verschie­denen Interessen und Vorfällen eine Haltung zu ge­ben hatten, wodurch sie allgemein interessant und an­regend würden. Wir uuserStheilS würden im Namen unserer Leser für solche Korrespondenzen aus dem Lande ganz besonders dankbar sein. Als Beispiel eng­lischen Eingreifens in die nächsten Verhältniße zur Vorbereitnnq allgemeiner Reformen theilen wir folgende Stellen aus einem Artikel desMorning Adveniser" mit, der über die englische Parlamentsreform so Schla­gendes enthalt, daß derselbe an Form und Inhalt für musterhaft gelten kann.

Der Verfasser beginnt mit einer Schilderung der kandwirthschaftrn Schönheiten Schottlands und fährt dann so fort:

Was könnte romantischer sein? Dos Auge des Dichters oder Malers fliegt von Punkt zu Punkt, berauscht von ihren Schönheiten und begierig, sie künf­tig der bewundernden Welt zu schildern. Nicht so der Menschenfreund. Er wendet sich von jenen malerischen Aussichten zu dieser erbärmlichen Hütte. Er tritt hinein und findet die Armuth in der abschrek- keudsten Gestalt, die Alten ohne die Behaglichkeit, die ihr Alter fordert, die Jungen ohne Muth, hinaus zu gehen in das Leben und dafür zu ringen. Er fin, det allgemeine Apathie. Es ist nicht der Mühe w-rth zu arbeiten, denn die Arbeit findet keine Beloh- nung! Warum das? Gewiß nicht durch eine nothwendige Fügung der Vorsehung. Ein kleines Stückchen des Landes, über das der Reisende eben das Reh fliegen sah, würde, wenn urbar gemacht, zum Ueberfluß genügen, die Familie zu nähren, ihre Thatkraft zu beleben, den Tag voll Arbeit zu erhei­tern, die Ruhe zu versüßen. Und doch werden diese vielen Morgen Landes nicht dem Zweck geweiht! Trotz des Widerspruches, den die Welt erhebt und des Anblicks menschlichen Elends, der dem Auge des Grundherrn nicht verborgen sein kann, fährt er fort, Roth wild anstatt Menschen auf der Fläche zu näh-en. Ja noch mehr, in manchen Fällen hat er seine Besitzun­gen absichtlich entvölkert, Dörfer wüst gelegt, die Hüt­ten der Erde gleich gemacht, alles der nichtswürdigen Selbstsucht zu Gefallen, die Alles einer Laune oder

einem schmutzigen Gewinne opfert. Daher kommt das chronische Elend der Hochlande und Inseln Schott­lands. Der Besitz des Landvolks, in der Regel allein von dem Willen des Gutsherrn abhängig, ist viel zu unsicher, um den Besitzer zu Auslagen und Verwen­dungen zu ermutigen. Der Wille Eines Mannes duldet ihr kleines Vermögen oder zerstreut es erbarmungslos in alle Winde." Es folgt eine Schilderung Norwegens und dann heißt eS weiter: Vielleicht wird dieses Jahrhundert noch nicht die Ab­schaffung der Fideikommisse erleben, aus denen bei uns so viel Elend entspringt. Es wird vielleicht eine Revolution nöthig sein, um das durchzmetzen, und wenn nur Blutvergießen ersparrt werden könnte, wollten wir gern die Gefahren und Nachtheile einer Revolution hinnehmen, um eine so segensreiche Veränderung unsrer Gesetzgebung zu erreichen. In Schottland wie in Ir­land haben es die Gutsbesitzer recht darauf angelegt, zu zeigen, wie schlecht das Recht der Erstgeburt ist, dem sie die Gewalt verdanken, die sie mißbrauchen. Auch dies ist ein Gegenstand der großen Reformen, welche auf eine »chebliche Ansvehnung des Stimmrechts folgen müssen. Wir schließen mit der Bemerkung, wie sehr es zu wünschen ist, daß wir wenigstens den Rest des Jahrhunderts dazu benutzen, bem folgenden eine Verfassung ru hinterlassen, die mit den herrschenden Ueber­zeugungen in Einklang gesetzt,ist, und daß wir wachen, damit uns nicht eine Sieform« maßregel a ng ehängt w erd e, d i e u n S n u e eine n halben Sig, vielleicht selbst den nicht giebt! Laßt die Reformer sich rühren. Die Strömung ist ihnen günstig, wer weiß, wann sie so wiederkehrt, wenn diesmal verpaßt. Es ist möglich, daß noch dieses Jahr­hundert die Abschaffung der verhaßten Fiocikomimsse erlebt, w e n n w i r uns e i n U n t e r h a u s v e r s i ch e r n, das ehrenhaft und radikal genug ist, zu thun, was das Volk von ihm erwartet."

Deutschland.

# Wiesbaden, 13. Oktober. Die Maßregeln der Bundesversammlung gegen die Presse scheinen Alles in sich schließen zu sollen, was die öffentliche Meinung zu knechten und jedes Wort des Freimuthes und der Wahrhaftigkeit zu unterdrücken geeignet sein könnte. Den neuesten Nachrichten zufolge scheint man von der Popularität dieses Schrittes auch so vollkommen über­zeugt zu sein, daß man sie den Einzelregierungen zu­theilen will, d. h. man will ein allgemeines Preßgesetz nicht erlassen, dagegen allgemeine Grundsätze aufstellen, wornach die Einzelregierungen die Märzverheißungen zu regeln hätten. Dieseallgemeinen" Grundsätze ge­hen aber, wenn der "Lloyd" in einem Schreiben aus Mitteldeutschland so ins Einzelne, daß der besondern Gesetzgebung wenig übrig bleiben würde Man höre!

Obgleich der politische Ausschuß der Bundesversamm­lung seine Berathungen über das Bundespreßgesetz noch nicht beendigt hat, so steht doch bereits fest, daß dasselbe im Wesentlichen auf folgenden Bestimmungen ruhen wird. Wie das provisorische Preßgesetz von 1819 wird vor Allem das neue jeden Bundesstaat für die unter seiner Oberaufsicht erscheinenden Schriften, in so fern dadurch die Würde oder Sicherheit anderer Bundesstaaten verletzt wird, verantwortlich machen und der Briudesversammtüng das Recht der Unterdrückung einer solchen Schrift einräumen. Ungleiche» wird die frühere Vorschrift, daß Zeitschriften und Zeitungen, welche nicht mit dem Namen des Verlegers und Re­dakteurs verEhen sind, in seinem Bundesstaate im Um­lauf gesetzt und daß die außerhalb des deutschen Bun­des erscheinenden politischen Blätter in keinem Bundes­staate ohne vorgängige Genehmigung der Negierung ausgegeben werden dürfen, aufrecht erhalten werden, hingegen die in dem provisorischen Preßgesetze von 1819 angeordnete Censur für alle Druckschriften auf» gehoben werden. Im klebrigen dürften hinsichtlich der Polizei der Presse, der Strafen für Preßvergehen und dem hierbei zu beobachtenden Verfahren folgende Bsâ stimmungen Aufnahme finden:Jeder Druckschrift muß der Name des Verlegers, des Druckers, die Angabe des Ortes und der üblichen Bezeichnung der Zeit des Druckes beigesetzt sein. Je nach dem Erscheinen einer Schrift ist eine Kaution vom Redakteur zu stellen. Von jeder Nummer einer Zeitung ist ein Eremplar bei der Polizeibehörde zu hinterlegen. Die Polizeibe­hörde ist in gewissen Fällen ermächtigt, jede Druckschrift vor oder nach ihrer Ausgabe mit Beschlag zu belegen. Verbrechen oder Vergehen durch die Presse ziehen größere Strafen nach sich, als womit die bestehende Gesetzgebung dasselbe Verbrechen oder Vergehen bedroht. Die strafrechtliche Verfolgung der Preßvergehen oder Verbrechen geschieht im Wege des Anklageprozesses. Die Staatsbehörde ist auch ermächtigt, das Erschei­nen eines Blattes zu untersagen, wenn dreimalige Strafen gegen dasselbe stattge-unden haben.' Ueber Anderes, z. B. ob die Hinterlegung bei der Polizei vor oder mit dcr.AuStheilung geschehen müße, in wel­chen Fallen die Polizeibehörde eine Schrift mit Beschlag belegen dürfe, welche Verbrechen von Amtswegen zu verfolgen und weiches spezielle Verfahren bei dem gan­zen Prozesse zu beobachten sein wird, dürfte das Ur­theil der vom politischen Ausschüsse beizuziehenden Sach­verständigen maßgebend sein." Als Oberbefehlsha­ber des bei Frankfurt aufzustellenden Armeekorps wird in Berliner Berichten jetzt, als bereits mit Instruktio­nen versehen, bezeichnet General Roth von Schrecken­stein, der früher preußischer Kriegsminister, dann Be. fehlsyaber des in Baden zurückgebliebenen preußischen Armeekorps war und jetzt in Koblenz steht. Unter ihm wird ein preußischer General-Major und Brigadier und außerdem werden bayrische, württembergifche u. s. w. Offiziere als Unterbefehlshaber angestellt sein.

Ansichten eines alten Buhnenpraktikers über ein deutsches Stationaltheater.

(Schluß.)

Soll ein eigentliches deutsches Nationaltheater aus- gknihrt werden, so ist die Begründung desselben eben­sowenig von Seiten der Höfe, als der städtisch mer- kantilischen Actienvereine, sondern nur von einem, der Sache durchaus gewachsenen, ganz monarchisch frei gestellten Direetor zu erwarten, entfernt von aller kaufmännischen Spekulation, eine öffentliche K u n st - und Bildungsanstalt, die grade nur als solche be, trachtet*) , deshalb aber, und weil er mit aller An- strenauug einen höher» Nationalzweck verfolgt, auch von dem Staate selbst anständig gedeckt werden muß; so daß ihm, wenn er sich in seinem Berufe gilti'g ans- gèw lesen hat, die Mittel so wenig dazu versagt werden, wie den höheren Kunstakademien und anderen Volksbildungsanstalteil überhaupt.

Ein solcher an die Spitze gestellter diktatorischer

*) Angenommen. e# wäre dieses jetzt eine Möglichkeit, woher da» Pudliknni für solch eine höhere Anstalt? werden Viele, die das deutsche Theater längst aiisgègeböii haben, fragen; ich anl- worte mit Börne:das Publikum bleibt im Kern immer gesund, gebt |6m Gules und gut, unh es wild selbst die Ruthe nehmen mit die Krämer aus seinem durch diese und ihre betrügergche Waare «mweihten Tempel jagen."

Direktor ist allein im Stande, eine ächte deutsche Na- tionalbühne *), wie sie gestaltet sein soll, konsequent durchzusetzkn. Dabei wird es ihm aber nie in den Sinn kommen dürfen, ein Tiecksches Zurückdrehen der Kultur versuchen und die dafür erforderliche Bude auf­bauen zu wollen; ebensowenig wird er die Mitglieder seines Theaters mit dem alten römischen Makel (le­vis notae maeulae) der Histnonen wieder behaften, I oder sie auf dem früheren Zunft- und Handwerkerver- I kehr der älteren deutschen Komödianten ziirückführen, sondern für sie Gegentheils die ihnen zukominende Ehre gebildeter Künstler in Anspruch nehmen, weil ohne dieselbe die nöthige Achtung nicht erwachsen kann, welche im Publikum gegen die Mitglieder eines höhe­ren Kunstinstituts, welches in die öffentliche Bildung eingreifen soll, stattfinden muß. Im klebrigen aber wird er ihren Verein so gut zu organisiren verstehen, daß er sich harmonisch dazu fügt, den verschiedenen Kunststylen in gerundeten, in sich abgeschlossenen Dar­stellungen Genüge leisten zu können.

Seinen artistischen Standpunkt im Allgemeinen be­treffend, wird er kein Genre auf Kosten des andern in besondere, oder gar ausschließende Protektion nehmen, ? *) Ja, wl'nn die Gebietende» nicht jede Bühne für bloße Spielereien hielten. Ueber ben einen lacht mau und er bekommt als Liebling die bunte Jacke; den ankern fürchten sie, und er bekommt sie i Zwangsjacke der Censur, das Entwürdigste, was gegen die Kunst er- I sonnen ward.

bie Oper nicht auf Kosten des Schauspiels, die Ko­mödie nicht auf Kosten der Tragödie, oder auch um­gekehrt; und er wird um so strenger für die speziellen Gerechtsame jeder besondern p oet isch begrü ndeten Weise wachen, als es die Erfahrung dargethan hat, daß die Direktionen für alle einseitigen Richtungen in dieser Hinsicht mehr in Anspruch zu nehmen sind, als das Publikum, welches erst dann inkonsequent in sei­nen Forderungen zu werden beginnt, wenn jene ipm mit einem inkonsequenten Verfahren dazu Veranlassung gegeben haben.*)

Um ein zweckmäßiges und anständiges Repertoire zu gewinnen, wird ihm die dramatische Literatur keineswegs verarmt erscheinen, sobald er sie nur nicht auf ein festige Weise in Anspruch nimmt, sondern sich den freien Blick erhalten hat, das Gute in den verschiedensten Formen zu erkennen und zu ergreifen, um es eben so in universellerer Beziehung für die ver­schiedenen Kulturränge, welche im öffentlichen Toeater zu. berücksichtigen sind, praktisch wirksam werden zu lassen. Da wird denn auch von einem ausschließlich

*) Auf Bühne», bei welchen das nierkanfilische Prinzip als gesehgebend verwaltet, sieht man die Kunü selbst sofort mit Füßen getreten, wenn irgend eine gemeine Aftexact sich momentan für die Caffe geltend macht: da pfeift man dann ununterbrochen aus dem Einen, lockeno ansprechenden Loche und denkt, so lange die Groschen klinge«,, an die Schmach eines solchen roh spetata- tiven Verfahrens gar nicht weiter.