Einzelbild herunterladen
 

âcrheit und Recht!"

Die8rett Zeitung" erscheint, mit LuSna-m» des Montags, täglich in einem Bogen. Der AbonnementSpreiS beträgt vierteljä-rlich hier in Wiesbaden I st. 45 ft., auSwärt- durch die Post bezogen mit verhältnißniäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Er« folge. Die JnserationSgebühren betragen für die vierspaltige Petitzetle 3 fr.

Lvuis Bonaparte und Koffuth.

X Mag man über Kossuths Marseiller Manifest urtheilen, wie man will es ist mit bleibt ein welt­geschichtliches folgenschweres Ereigniß. Alle Welt wußte zwar, daß Frankreich unter dem Neffen Bonaparte so tief erniedrigt steht, wie es unter dem Oheim stolz dastand. Dieser nahm Frankreich die Freiheit mit gewaltiger Hand,zdoch er gab ihm den Ruhm; aber^sener machte die StepuWit zu einer Fratze, und er gab der Nation für die Freiheit die Schande!Ein Volk, dem das ge­boten wird, ist schrecklich, es räche oder dulde die Ver­höhnung!" Und die Franzosen sind das Volk nicht, welche sich die Schande länger, als sie eben müssen, gefallen zu lassen pflegen. Wir glauben, daß die Po­litik der Erniedrigung überhaupt die aUerschlechteste, auf das ehrgeizigste Volk Europas angewendet aber eine wahre Tollheit ist; doch einmal angenommen, eine regierende Partei habe diese Politik für zweckmäßig gehalten, war es daun nicht ihre Ausgabe, das Geheimniß für sich zu behalten? Die französische Negierung hat dies nicht gethan, sie hat dem österreichischen Einflüsse sich zu Lehn gegeben und in demselben Momente, wo Eng­land sich zum stolzen Empfange eines Verfolgten rüstete, diesem Manne des Augenblicks den Zutritt zu Frank­reich verweigert. Durfte sie so ihre Furcht und Schwäche verrathen und ihre Ohnmacht zum Gerede der gan- izen Welt machen? Kossuth hatte Louis Bonaparte auf diese Probe gestellt und,"als derselbe sie sozschlecht bestanden, riß er ihm die letzte Maske vom Angesichte und rief der Menschheit zu:Dieser ängstliche Mann, dieser kurzsichtige Politiker, dieser Vasall der Feinde der Freiheit nennt sich Präsident der Republik und macht Anstalten, sich wieder wählen zu lassen!" Nie wurde der französische Stolz schwerer verletzt, als durch Louis Bonapartes kolossalen Fehler, der um so schwerer in die Wagschale fällt, weil er das ganze System offen legt!

Ein Verbannter bittet um die Erlaubniß, durch Frankreich reisen zu dürfen; dieser Verbannte ist wer wagt es zu leugnen? ein Liebling der Völker von den russischen Grenzpfählen an bis hinüber zum stillen Ozean; er wendet sich an den Präsidenten der großen Nation;" dieser darf auf Englands und Nord­amerikas Zustimmung und auf den Dank der Nationen rechnen; aber nein, der Neffe deS Niesen von St. He­lena, Verwandter so vieler Verbannter und selbst nur in Folge einer Revolution heimgekehrt nach Frankreich , er selbst Rebelss, (nur ein mit dem Fluche der Lächer­lichkeit beladener Solvatenemeutier), vergißt sich und seine Stellung, seine Vergangenheit und Zukunft so weit, daß er das schicksalsvolle Nein spricht!Aber Kossuth ist ein gefährlicher Mann; man hat Nücksich- len zu nehmen auf die Rothen und auf die nordischen Mächte." Also Frankreich fürchtet sich!? Wenn eine Negierung eine schwierige Lage hat, so ist es

Sardinien, dem die Oesterreichen mit 100,000 Sa« jonneten auf dem Nacken sitzen. Wie hat es sich in dieser Angelegenheit benommen? Auf die Anfrage Kossuths, ob er den piemontesischen Boden betreten betreten dürfe, hat die piemontesische Regierung den Bescheid ertheilt:sie sei nicht geneigt, seinem Aufent­halte Schwierigkeiten entgegen zu setzen, müsse ihm je­doch die mißliche Lage zu bedenken geben, in welche sie durch seine Aufnahme unter den gegenwärtigen nachbarstaatlichen Verhältnissen gerathen würde, und es seiner gewissenhaften Erwägung anheim stellen, ob er von dem Gastrechte in Piemont Gebrauch machen wolle oder nicht." Das ist die eines unabhängigen Staates würdige und zugleich verständige Antwort. So demüthigend schon dieser Vergleich, was steht erst bevor, wenn Kossuth in England und dann in Nord­amerika eintrifft! Allerdings ist Oesterreich sehr unge­halten, allerdings erklärt dieOester. Cor." zornglü­hend:Die französische Regierung gab einen Bewers ihres Taktes, indem sie Kossutys Ansuchen um die Er­laubniß znr Reise durch Frankreich abschlägig beschied!.. Möge nicht England, welches sich jetzt zum Gegen­theile, nämlich zum gastfreundlichen Empfange des ge­ächteten Aufrührers vorbereitet, UriaH finden, sein Thun zn bereuen! Daß dieses Thun aller Rückfich­ten der internationalen Schicklichkeit und jeder völker­rechtlichen Verpflichtung zuwiderläuft, liegt auf der Hand. Es wäre die Pflicht einer loyalen und konser­vativen Regierung, ähnliche Demonstrationen in keiner Beziehung zu dulden. Wir müssen es tief bedauern, daß das sonst wegen seiner Besonnenheit gepriesene Eng­land in diesem Falle ein so böses Beispiel der Leidenschaft­lichkeit, ja, der Gehässigkeit zu geben sich nicht entblödet." Aber was sagt dazu die öffentliche Meinung? Wir wollen die Antwort derKöln. Ztg." vorlegen, damit man uns nicht vorwerfe, wir redeten blindlings nur für Kossuth, weil er einer der Unsern, weil er ein De­mokrat sei. Die genannteKöln. Ztg.", dieses Organ der reichen Leute am Niederrhein, die sehr gur zu rech­nen verstehen und nicht auf die österreichische Anleihe subskribieren, ruft derOesterr. Corresp." entgegen: Lauter Worte ohne Sinn und Verstand! Was zu­vörderst dengeächteten Aufrührer" angeht, so schließt die Aechtung nicht stets die Achtung aus, uud der Oesterreichischen Corresponvenz" kann es nicht unbe­kannt sein, daß John Hampden, John Milton, Russel, Algernon Sidney, Washington gleichfalls Aufrührer waren. Ob Kossuth ein zweiter Washington ist, wofür ihn einige englische Bewunderer ausgeben wollen, oder einer dergrößten Gauner" mit diesem schönen Titel haben ihn österreichische Blätter beehrt geht uns hier nichts an. Ueberhaupt haben wir mchts mit dem politischen und sittlichen Charakter Kossuths zu thun. Genug, daß die Engländer, welche ihm einen ehrenvollen Empfang bereiten, ihn eines ehrenvollen Empfanges nicht unwürdig halten. DerOesterr. Corresp." möchte es au ch ^schwerlich gelingen, den be­

sagten bethörten Engländern den Beweis zu tiefer», daß Kossuth ihrer Theilnahme unwei th sei. Dastakt­volle" Benehmen der französischen Regierung wird die­ser selbst wohl jetzt kaum mehr als besonders taktvoll erscheinen. Vermuthlich glaubt die Oesterreichische Corresp.", dieses taktvolle Benehmen habe inRück­sichten internationaler Schicklichkeit" seinen Grund ge­habt. Wir glauben dies nicht, indem die Verweige­rung einer kärglichen Gastfreundschaft aus bloßer Rück­sicht auf die Feindschaft Oesterreichs gegen Kossuth gar zu schmählich gewesen wäre, und verharren bei der milderen Auslegung, daß nur die Besorgniß vor Ruhe­störungen dem ungarischen Er-Gouverneur den fran­zösischen Boden versperrt hat. In dein bloßengastfreund, lichen Empfange des geächteten Aufrührers" eine Ver­letzungaller Rücksichten der internationalen Schicklichkett" zu erblicken, wäre so lächerlich, daß wir darüber gar kein Wort verlieren wollen. Diese Verletzung muß also wohl in den begeisterten öffentlichen Kundgebungen lie­gen, mit welchen ein Theil des englischen Volkes den Feind Oesterreichs zu begrüßen sich anschickt, und ähn­liche Demonstrationen nicht zu dulden meint die Oesterr. Corr.", wäre die Pflicht einerloyale« und konservativen Regierung". Wir möchten wohl wissen, wie die englische Regierung es.aanfaugen .sollte, diese nicht gesetzwidrigen Demonstratioiien nicht zu du!« den! Lord Palmerston ist nicht so allmächtig, wie seine Gegner zu glauben scheinen, und seine College« sind es eben so wenig. Zudem sollte dieOester« reichische Correspondeaz" doch wohl endlich gelernt haben, daß keine englische Regierung, zumal keine Whig-Regierung, in ijhrjein Sinneloyal und ton- servativ" sein kann. Wie dieOesterr.-Corr." aber gar dazu kommt, einer Regierung, deren hervorragen- stes oder wenigstens sehr hervorragendes Mitglied Lord Palmerston ist, einloyales und' konservatives" Be­nehmen zuzumuthen, können wir schlechterdings nicht begreifen. Wünscht dieOesterr. Corr." einekoifir- vative und loyale Regierung" in London am Ruder zu sehen, so wüßten wir ihr keinen besseren Rath zu ertheilen, als den, nach Kräften auf daS Zustande­kommen eines Ministeriums Gladstone hinzuwirken." Ein Kabinet Gladstone, das ist allerdings bitter; aber wer England kennt, den fragen wir, ob er es für möglich halte, so viel Männer zusammen zu brin« gen, als zu einem englischen Kabinett gehören - eng­lische Männer, welche mit Louis Bonaparte, dem Kö­nig von Neapel, Pius IX. u. s. w. zu sympathisiern und mit der jetzigen kontinentalen Politik zu fratermfi. ren den Muth hätten?

Deutschland

Mainz, 13. Oktober. (Mzr. Abdp.) Die Gene­ralversammlung der Piusvereine, welche endlich, nachdem sie überall mit ihrem Gesuchs um Aufnahme

Ansichten eines alten Buhnenpraktikers über ein deutsches §èationaltheater.

H. Ein deutsches N a ti on al thea ter?! Der Gedanke daran hat ebenso viel Belustigendes als Be­trübendes; er erzeugt den Humor, den Tieck in un­geheure Ironie und unendliche Wehmuth aufgelöst hat, er führt den jammervollen Leichenzug unserer Geschichte mit ihrem prunkenden Betilermantel an uns vorüber, und läßt zuletzt an den jetzigen Zuständen uns ergötzen, die das beglückende Resultat unserer Geschichte und unserer Bestrebungen sind.

Ein deutsches Nationaltheater?! Du lieber Gott! Selbst abgesehen von Obengesagtem ist es an und für sich eine Unmöglichkeit als Kunstanstalt geworden. Die Schampielkunst ist der arme Tom, der von der Oper misbraucht, verrathen, und so aus seinem Erle verstoßen wurde. Während des armen Toms Tragi­sches den Beigeschmack des Lächerlichen hat und sein Hu­mor Thränen ruft, und die Oper auch noch ihren Vater, die dramatische Kunst, der diese im ehebrecheri­schen Bette erzeugt hat, unter buhlerischen Künsten an die sogenannten Großen der Erde verrieth, führt sie den armen Tom vorüber an den Palästen zn den Hütten, das Bettelbrod für sie sammelnd. Wir wollen das Bild nicht weiter ausführen; das tragische

Schicksal unserer dramatischen wie unserer Schauspiel­kunst ist zu genau mit unseren politischen und religiö­sen Schicksalen verwebt, seine Wendung gehört der Zukunft an.

Wohl träumten im Jahre 1848 die besten unserer Volksfreunde von einem deutschen Nationaltheater und schwärmten in dem Gedanken seiner Verwirklichun;: es waren schöne Träume, jugendkräftige Schwärmereien! Damals wurde ein alter Bühnenpraktiker auch um seine Ansichten gefragt; er hielt sie in dein Schrein seines Innern verwahrt, denn er sah, während die Grundrechte gemacht wurden, heimlich die Ruthen bin­den, womit sie aus ihren Landen gepeitscht werden würden, um gleich dem armen Lear heimathslos zu werden, und nichts in der Irre zum Freunde zu behalten, als ihreNarrheit: eine fortwährend ätzende Erinnerung! Von den 100 Rittern ist nichts geblie­ben , als die Peitsche und Narrenkappe, und ihre ehrlichen Vertreter jenseits des Oceans!

Fragen wir nun: Ist wenigstens der Schat­ten eines Nationaltheaters möglich und wie wäre er auf den Trümmern hervorzurufen? und: Was wir denn eigentlich unter einem deutschen National­theater, verstehen?

"Diejenige Bühne, meine ich, die neben tüchtiger Aufführung des Neuern cs sich zur Hauptaufgabe macht, die dramatischen Werke ächt deutscher Art und Kunst,

von Lessing an bis zu Göthe und Schiller

in ächt deutschem Style, uno^zwar auf eine klassischc Weise darzuftellen. Wo ist in Deutschland diese Bühne vorhanden gewesen?Wir wollen das mit schwarze« Nebeln durchzogene Jetzt völlig außer Betracht lassen: ich zweifle, ob irgendwo, und es drangt sich mir fast immer die trau ige Gewißheit auf, daß sie im Ge­gentheil nur noch in meiner uns anderer ehrlicher Leute Idee besteht, und daher wohl bis zum jüngsten Ta.;e blos als ein ungelegtes Ei betrachtet werden durfte. Wohl bemühten sich in früheren Zeiten Eckpo ff, S ch röter und Iffland um jene durchgreifende Cha­rakteristik in der dramatischen Kunst, welche wahrhaft deutschen Stammes ist, und auf Kraft, Gründlichkeit und Bestimmtheit in A sicht und Handlung beruh; wohl erhoben Göthe und Schiller die Tragödie a..f den ihr gebührenden, achten Cothurn und ließen deutsche Tiefe und deutsches Gemüth, bei edler poheit der Formen, sich in ihr offenbaren. Wohl strebte Klinge mann die Idee eines deutschen Natlonalthea- ters zu verwirklichen und Haake in Mainz eiferte ihm darin nach. Wohl erstrebte Gutzkow in Dresden der wahren Bühnenkunst Siege und Haake, wie ich höre,

*) Mit Lessina beginnt die erste große Periode der deut­schen dramatische» Dichtkunst uud mit Schiller schließt sie. Bor Jenem stößt man -nur auf Bestrebungen, nach diesem streng genommen kundigen sich bis jetzt nur Versuche an.