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Freit Zeitung.

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JK 240. Wiesbaden. Freitag, 10. Oktober 1851,

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Di»Fitt» Zeitung" «rf4<uti, mit Ausnahme des Montags, täglich ln einem Bogen. Dee AdonnenientöpreiS betragt viertettahrlich hier in Wiesbaden I A. 45 h., auswärts durch dt» Post b»zog»n mit verhältntßmäßlgrm Aufschläge. Inserate wrrden bereitwillig ausgenommen und find bei d»r großen Beibretiung drrFreien Zeitung" stetS von wirksam»« <»« folge. Dir JnserationSgrbühren betragen für dir dterspalt g» Petitzetl» 3 fr.

Die Demokratie.

XDie demokratische Partei ist tobt!" hören wir seit einiger Zeit oft von den Einen jubeln, von den Andern klagen. Die demokratischen Parteien viel­leicht; doch eine demokratische Partei, ein wohlorganisirtes Parteiganzes, hat cs in Deutschland noch nicht gegeben. Hatte eine solche bestanden, sie wäre auch nicht einen Augenblick in den Hintergrund zu drängen gewesen. Grate weil es der Demokratie noch an der Organisa­tion fehlte, wurde so unendlich viel auf ihre Kosten gesündigt, gelogen und gelästert. Woher hätte aber diese Organisation auch kommen sollen ? Eine solche ist keine Frucht eines raschen Anlaufes, sie ist der Sieg langer Erfahrungen, Feuerproben und Kampfe, und deshalb ist sie Sache der Zukunft, doch der Zukunft, die ein Ergebniß der Gegenwart ist. Es ist in den Flitter­wochen der Demokratie so viel zu ihrem Nachtheil von Schwärmern und Romantikern, Popularitätsspckulanten und Selbstlingen geschehen, daß sie verloren gewesen wäre, wenn sie überhaupt zu verwüsten wäre.

Doch wir wollen hier nicht über daS momentane Sein oder Nichtsein der demokratischen Parteien strei­ten; wir wollen nur die Thatsache konstatiren, daß selbst der Kommunistenunsinn der Herren Marr und Genossen, verbunden mit den eifrigsten Anstrengungen der contrerevolutionären Propaganda und Polizei, nicht im Stande gewesen ist, den Fortschritt der Demokratie in Europa zu hemmen und die Furchtsamen wieder unter dem Rufe zu vereinigen:Lieber die russischen Zustände, als revolutionäre!" Die Erscheinung erklärt sich sehr einfach. Alles nutzt sich ab, so auch die Furcht; die Reaktion hat diesen Hebel »zu oft misbraucht; man glaubt ihr nicht mehr. Dazu kommt, daß die politi­sche und soziale Aufklärung endlich so weit gediehen ist, daß Jeder, der seine fünf Sinne hat, einsieht, daß unsere gesellschaftlichen Zustände so, wie sie eben sind, nicht ewig bleiben werden, doch daß sie jedenfalls nicht so werden können, wie der Kommunismus, die,er Reflex und Äffe des Absolutismus, faselt.

Die Demokratie ist mehr als demokratische ^arteten, mehr auch als die eine große Partei, der unsere Ent­wicklung mit Riesenschritten cnlgegengeht und entgegen- getrieben wird:die Demokratie ist das Tages- g e st i r n, um welche die gefammte Politik gravitirt und ihr muß sich Alles unterordnen, damit, angemessen vorbereitet, der Regierungsantritt der großen Masse sich verwirklichen könne ohne jene Erschütterungen und Katastrophen, welche von plötzlichen und unvorherge­sehenen Staatsumwälzungen unzertrennlich sind!" So bezeichnet ein Blatt die Demokratie, daS eine Autorität ist für die Gegner unsrer Bestrebungen, das die Februar­revolution haßt, wie kein anderes Blatt, doch das scharfsichtig und ehrlich ober klug genug ist, einer nicht mehr zu bestreitenden Wahrheit die Ehre zu geben, die ihr gebührt; so schreibt dasJournal des Debats."

Es ist zu diesem merkwürdigen Bekenntnisse biirch ein eben so merkwürdiges Zeugniß des Zeitgeistes veran­laßt worden, durch die neue Auflage von Tocqueville's berühmtem Werke:Ueber' die Demokratie in Ame­rika." Dieses Werk, bas dieD 'batS" besprechen, hat, abgesehen von den vielen Uebersetzungen in fremde Sprachen, jetzt in Paris die 13te Auflage erlebt. Was dies zu bedeuten habe, wollen wir mit den Worten eines deutschen Blattes, zeigen, das einem Konstitutio­nalismus huldigt, der lange Zeit sich vollkommen in den Kreisen der Gothaerci befriedigt fand. DieWes.-Z." bemerkt bei Gelegenheit jenes Debatsartikels über Rocque# ville's Werk:Es ließe sich eine eigenthümliche Parallele zwischen dem Geburtsjahre der 1 ten und dem der 13ten Auflage des Buches ziehen. DieDemokratie in Ame­rika" erschien im Jahr 1832, zu einer Zeit, als in Mitteleuropa die Revolution wie heutzutage gebändigt war, als Paris ansing, sich ordentlicher aufzuführen, als in Warschau Ruhe herrschte, und alS in Deutsch­land die Minister sich über die Grundlagen einer all­gemeinen Feuerlöschoronung zu berathen anfingen. Man sieht, daß jene Periode mit der unserigen manche Aeyn- lichkeit hatte. In Frankreich beschäftigte die Politik, vom Revolutionsschrecken aufathmend , sich fast aus­schließlich mit den Kämpfen zwischen der älteren und jüngeren Lillie, mit dynastischen Intriguen, ganz wie heutzutage. Tocqueville erkannte schon damals, daß die europäischen Staatsmänner sich in der Richtung der Zeit und in der Bedeutung der politischen Bewe­gung vollkommen irrten. Die Schrift deS Herrn de Tocqueville hatte einen außerordentlichen Erfolg, man las sie, man fand sie geistvoll, vortrefflich geschrieben, man übersetzte sie in alle Sprachen, man überhäuft- den Verfasser mit akademischen Eyren, aber man ignortrte feine Fingerzeige und seine Lehre. Man handelte, als ob das Buch nicht eir stire. Der 25 Febr. 1848 zeigte, daß der Verfasser Recht gehabt hatte. DasJournal des Debals", welches Die Februarrevo­lution w tief verabscheut, wie irgend jemand, ist doch nicht verblendet genug, um dieselbe dem Zufälle oder einem Komplotte, er nm Mip...ch.nd rüste oder einer zu früh abgeschoffcneii Flinte zuzuschrciben. Es sagt: Der 24. Februar war ein Aufruhr, den man hätte vereiteln, oder hinausschleben können; der 25. war ein bedeutendes Ereigniß, von unermeßlicher Tragweite, gemäß den Plänen Gottes und dem Gange der Ge­schichte; er war der Geburtstag der Demokratie, und in diesem Sinne dauert der 25. Februar noch fort und wird nicht untergehen. Man kann und muß dies neue System regeln; es bedarf dessen sehr; man kann zaudern, welche organische Combination man ihm an- zupassen hat; solche Probleme sind nicht spielend zu lösen; wir haben im Dunklen getappt und werden noch ferner im Dunklen tappen. Aber eine Thatsache ist gewiß: das Jahrhundert ist demokratisch und wird demokratisch bleiben. Die Demokratie ist die gegebene Grundbedingung unserer Epoche, und Gesetze und Sit­

ten haben sich ihr anzupassen."" Ob Herr de Toc­queville durch seine dreizehnte Ausgabe mehr Eindruck auf die Entschließungen der leitenden Poliker machen wird, als durch seine erste? So weit man bis jetzt urtheilen kann, darf man es kaum hoffen." Doch immerhin, die Neunmalweisen bedürfen der Weis­heit nicht; das Buch über die Demokratie ist für die Völker geschrieben, die etwas lernen wollen. Die Reak­tion hat mehr als einmal erklärt,sie könne aus der Geschichte nichts lernen". Desto mehr lernen die Freunde der Geschichte aus der Reaktion. Doktrinär, wie sie ist, verwundert sich natürlich dieWeser-Ztg." selbst über ihr Bekenntniß zu Gunsten der Demokratie; doktrinär, wie sie ist, hält sie den demokratischen Par­teien eine Strafrede. Das ist in der Ordnung. Auch wir haben die Unmasse von Unreifheiten und Toll­heiten der demokratischen Kindheit beklagt, doch wir haben uns gesagt: Wie war es denn anders möglich, als daß ein Volk, soeben erst der Zwangsjacke entsprun­gen, daß der europäische Kaspar Hauser, deutscher Michel genannt schwärmte:Seid umschlungen Millionen!" Wie war es anders möglich, als daß er sich am Unmöglichen abarbeitete und darüber raS Nöthigste vergaß? Wie war es anders möglich, alS daß in den Flegeljahren der Freiheit Flegeleien vor« kamen, daß sich Abenteurer undBummeler" dein Neuen anschlossen und eS eben so schnell wieder ver­ließen, alsdabei nichts herauskam", nämlich für sie!

DaS haben wir uns damals gesagt, wo eS eine Ehre war, Demokrat zu heißen, und wir haben de.a Volke gegenüber, als es gefährlich schien, den Massen die nackte Wahrheit zu sagen, hinzugesetzt: Die Demokratie wird nur mit reinem Schilde siegen oder sie wäre die Demokratie nicht; sie wird verrathen werden, wie Christus von JudaS verrathen ward; sie wird ver­leugnet werden von Vielen, die ihr dennoch wieder als Apostel dienen werden; sie wird verfolgt werden von manchem Saulus, doch aus ihm wird ein Paulus werden, sowahr die Demokratie zwar gekreuzigt, doch nicht getödtet werde» kann!

Und jetzt, wo cS eine Gefahr ist, Demokrat zu heißen, jetzt sprechen wir eS unbeirrt ans: Seht, unsere ReihenJ>aben sich gelichtet, aber zugleich gesäubert; seht unsere Sache siegt, weil sie mehr alS unsere Sache ist, weil sie die Sache der Menschheit ist! Die Demo­kratie wird siegen, weil sie der vernünftige Fortschritt, die Gerechtigkeit gegen jedermann, die Milde gegen die Fehlenden, die Strenge gegen die Frevler, die sich zu ihr blos mit den Lippen bekennen, die Liebe zu Gott und den Menschen ist; die Demokratie wird sie, gen über ihre falschen Freunde und verblendeten Feinde; aber sie wird erst triumphiren, wenn sie die Sachse aller Redlichen t|t. Ihr [Diese zu gewinnen, das ist die heilige Mission der demokratischen Presse, das ist die Ausgabe, von der uns nichts abwendig machen soll und darf, weder Die Gefahr von unfern' Dermale

ueberf 1 up Mangel. *)

- Was ist dem Menschen und der Gesellschaft zu­träglicher, der Ueberfluß oder der Mangel?

Wie, wird man auSrufen, kann man da noch fragen? Hat man je gehört, daß der die Grundlage deS menschlichcn Wohlbefinden fest?

Ja, ja, daS ist behauptet und ihm beigestimmt worden; man stellt den Satz alle Tage auf, und die Theorie des Mangels dürfte die bei Weitem ver­breitetste sein. Sie liefert Der Unterhaltung^ den Zci. tungen, den Büchern, der Rednerbühne den Stoff, und sicher ist es, so sonderbar es auch ericheinen dürfte, daß die VolkswirthschafkSlehre nicht eher ihre Aufgabe erfüllt haben wird, alS bis sie Den ganz einfachen Satz:Der Ueberfluß an Sachen bildet den Reich- tbum der Menschen", unter dem Volke verbreitet haben Wird.

Hört man nicht alle Tage klagen:Das Aus­land überschwemmt und mit seinen Erzeugnissen?" Man fürchtet also den Ueberfluß.

Hat nicht jener Minister gejagt:Es wird zu viel erzeugt?" Der Ueberfluß flößt ihm also Besorg- niß ein.

Zertrümmern die Arbeiter nicht die Maschinen ?

*) Aus denVolkawirthschaftslebre für Jedermann"!, von Carl Junghanns.

Sie schrecken also vor dem Uebermaße Der Erzeugung oder Dem Hebet fluffe zurück.

Hat nicht jener Redner ausgerufen:Wenn daS Brod theuer ist, wird Der Landwirth reich!" Da es nur dann theuer sein kann, wenn es selten ist, |o sprach er sich für den Mangel aus.

Hat nicht ein Finanzmaun einen Beweis gegen die Rübenzuckerfabrikation aus ihrer Einträglichkeit ge­nommen, indem er sagte:Von der Runkelrübe ist nichts zu erwarten, denn iyr Anbau wird sich nicht ausbreiten, weil nur einige Leiter in jedem Kreise da­mit zu pflanzen sind, um den Verbrauch von ganz Deutschland zu sichern?" In seinen Augen beruht also das Wohl in Der Unfruchtbarkeit, im Mangel, und das Uebel in der Unfruchtbarkeit, im Ueberflusse.

Veröffentlichen die Zeitungen glicht jeden Tag einen oder mehrere Artikel, um den Stänteversammlniigeu und den Regierungen zu zeigen, welche gesunde Po­litik eS sei, gesitzlich den PreiS aller Sachen durch Schutzzölle zu erhöhen? Hören nicht Die ZollvereinS- regierungen täglich auf Dieje Eingebungen der pcrio- dischen Presse? Erhöht nicht der Zolltarif Die Preise der Sachen, weil er deren Angebot auf dem Markle verringert? Die Zeitungen, Die iLländeversammlungen, die Regierungen bringen al|o die Theorie des Man­gels ins Leben, und die Behauptung ist daher wahr, daß sie die bei Weitem verbreitete |ei.

Wie ist es aber zugegangen, daß sich in den Augen

der Arbeiter, Der Publicisten und der Slaa.Smännec der Uebel fluß als ichaolich, und der Mangel alp vor- theilyaft gezeigt haben? Wir wollen versuchen, oieirs Räthsel zu lösen.

Man bemerkt leicht, daß ein Menich desto reicher wird, je mehr Nutzen er aus seiner Arbeit zu versteht, d. h. je theurer er verkauft. Dws geschieht nach dem Verhältnisse Der Seltenheit, veS Mangels seines Erzeugnisses. Ihn wenigstens bereichert der Letz­tere. Wendet man diesen Schluß nach und nach auf alle Arbeiten an, so gelangt man zu der Theorie des Mangels. Von da geht man zur Anwendung, über, und um alle Arbeiter zu begünstigen, ru,t man eine künstliche Theuerung, den Mangel an allen Sachen Dur$jw0 Verbot, durch Erschwerung Der Einfuhr mit» teilt hoher Zolle, durch die Unterdrückung der Maschinen und andere ähnliche Mittel hervor.

Mit dem Ueberflusse ist es dasselbe. Man bemerkt) daß ein Gegenstand wohlfcil verkauft werden muß, wenn er in liebelfluß vorhanden ist; folglich geivmnc der Erzeuger weniger. Wenn alle Erzeuger in diesem Falle sind, so befiucen sie sich in einer traurigen Lage; es ist also der Ueberfluß, welcher die Menichen ins Verderben bringt. Uno da jede Ueberzeugung eine Thatsache zu werden sucht, so sieht man in vielen Län« Dern die Gesetze der Menschen gegen den Ueverfi lu an Sachen sich richten. '

Dieser Trugschluß, wenn im Allgemeinen gepalten,