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1831
Die „Freie ZeiIung" erscheliil, mit Ausnahme des Montags, laah» in emem durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig folge. - Die JnserationSgkbllhren betragen für die vterspaltge Pelitzetle 3 ft.
Bogen — Ler AdonnemeniSpreiS beträgt vierteltâyrlich hier in Wiesbaden 1 st. 45 ft., auSwän- aiifgenommen und find bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Er»
G m i l von Girardi u.
1813 und 1849:
„Bonaparte, den Einen, vom Thron zu setzen, Triebt ganz Europa Ihr zu Hauf — Wie würdet Ihr heut Euch glücklich schätzen, Säße der Andere erst wieder drauf!"
G. Kinkel.
X Das Publikum ist in Folge der unaufhörlichen französischen Staatsstreichsgerüchte so abgestumpft, daß es nachgerade gar nichts mehr glaubt. Nichts desto weniger wird von den verschiedensten Seiten versichert, daß die Bombe vor einigen Tagen platzen sollte, doch das Unternehmen an der Person scheiterte, auf die man unbedenklich gerechnet hatte. Leon Fanchers berüchtigte Rede vom Hinwegranmen der Verfassungsschranken sollte blos der Trompetenstoß sein; daß sie das kläglichste Fiasko machte, ist bekannt. General Magnan sollte den ersten Streich ausführen und zwar durch Verhaftung der „vier Afrikaner" (Eavaignac, Lamoricirre, Changarnicr und Paraguay d'Hilliers). Doch der Oberbefehlshaber erklärte, er könne an seine berühmten Waffengesährten nicht Hand legen. Daß selbst Magnan nicht zum blinden Werkzeug sich herbeilassen wollte, soll den Präsidenten sehr betroffen gemacht haben. Von einem Ertremen gern zum andern greifend, soll er plötzlich wieder mit Emil von Girardin angeknüpft lind dieser ihm für Wiederherstellung des allgemeinen Stimmrechts die Unterstützung der „Presse" in der Revisionsfrage zugesagt haben. Daß Louis Bonaparte den schlauen Girardin nicht überlisten wird, ist klar; aber beide sind ehrgeizig, und so schwer glaublich, dennoch wäre es keineswegs undenkbar, daß der Prätendent, wenn der Journalist ihn über dem Wasser hielte, diesen so verwegenen, wie an Hülfsmitteln unerschöpflichen Kopf schalten und walten ließe. Emil von Gi- rardin Premierminister — wer schwindelte nicht bei diesem Gedanken? Keiner gewiß weniger, als dieser kühne und doch so unbeschreiblich verschmitzte, dieser ehrgeizige und doch für die Sache der Republik, seit sie proklamirt worden, so aufopfernde Politiker. Girardin und Changarnier sind die beiden Charaktere, denen niemand traut, doch die jede Partei sowohl als Freunde, wie als Feinde fürchtet, weil, wenn einer, es einer von diesen zweien zu sein scheint, der, vorläufig wenigstens, über Monarchie oder Republik entscheiden wird. Wäre Louis Philippe in den Fcbruartagcn Girardin gefolgt, die Republik wäre vielleicht, ja wahrscheinlich damals nicht proklamirt. Einsichtige behaupten jedoch, Girardin habe kein Hehl, daß er die Monarchie in Frankreich auf alle Zeiten für eine verlorene «Lache und die Männer, welche noch an dieselbe glauben, für Schwärmer oder Dummköpfe halte. Wenn er seine Zukunft daher mit der des Prätendenten verbände, so würde diese wilde Ehe «chwerlich „Sturz der Republik" heißen. Girardin ist Sozialrepublikaner, aber weniger mit dem Herzen, als mit dem Kopfe;
aber grade deshalb würde er sich zu keinen Erperimen- ten hergeben, die ihn zum Thoren vor aller Welt machen, weil sie ihn isoliren würden. Louis Bonaparte verdankt zum großen Theile Girardin das Gelingen seiner ersten Wahl; wir erinnern nur an das bekannte:
„Voulez-vous un bon, Prenez Napoleon l"
das er als Orgellied durch alle Dörfer singen ließ und womit er die Bauern zur Stimmurne führte. Der Präsident wich bald dem Prätendenten; Girardin zog sich zurück, dann trat er als der gefürchtetste Gegner und Mahner dem Elysee entgegen. Wenn es dah.r wahr werden sollte, daß sich beide Männer noch einmal verbinden, so dürfen wir uns darauf verlassen, daß Glrardin diesmal seinen Pakt so schließen nnd die Steine so stellen wird, daß der Präsident ihm nicht zum zweiten Male entwischen kann.
Girardin ist, wie man zu sagen pflegt, mit allen Hunden gehetzt, er steht, wie außer Palmerston vielleicht kein Politiker der Gegenwart, im Geheimnisse aller Parteien, er ist an Verschmitztheit mehr als Thiers, an Zähigkeit mehr als Guizot, an Unerschöpff Uchkrit mehr als alle seine Freunde und Feinde, also jedenfalls ein höchst — gefährlicher Mensch.
Aber Emil v. Girardin, Minister der Republik Frankreich, was würde das dem Auslande bedeuten? Den Propaganda-Krieg? Girardin ist Mitglied des Friedenskongresses! Aber ist die Republik Frankreich ohne einen Kontinentalkrieg aus dem Provisorium zum Definitiv»!» zu bringen? Das ist die Frage, welche nur Girardin beantworten könnte; das ist das Problem, welches er losen müßte, wenn er nicht als Abenteurer bestehen und untergehen wollte. Bevor er nicht hierüber mit sich im Klaren, trauen wir ihm das gewagte Spiel nicht zu; coch ist er dies, dann freilich darf uns das Unglaublichste bei diesem Manne des Unglaublichen, bei diesem Chamäleon, bei dieser Schlange, bei diesim Heroen oder Damon - denn dies Alles war er schon und zu diesem Allen hat er das Zeug in sich — nicht überraschen.
Das Reformmeetinq in der Manchesterer Frredenshalle.
# Die „Friedenshalle" von Manchester, jener Volkstempel, von welchem aus der erste gewaltige Streich gegen die Krongesetze geführt wurde, hat am 25. September unter dem Zudrang von mindestens 7000 Menschen — mehr fassen ihre Räume nicht — wieder einen Tag gehabt, der in der Geschichte als heller Stern glänzen wird. Die Haltung der Versammelten war dem hohen Zwecke gemäß, das heißt musterhaft. Der Tag war anberaumt worden, zum Empfange einer Deputation der „National Parliamen- tary and Financial Reform Association“. George
Wilson, weiland Präsident der Anti-Corn Law League, präsivirte. Die Deputation bestand ans den Parlaments-Mitgliedern Sir Joshua Walmsley (Präsident der National Reform Association),, W. J. For, G. Thompson und I. Williams. Der Vorsitzende eröffnete die Reihe der Vorträge. Zuerst lenkte er die Aufmerksamkeit auf die Nothwendigkeit einer kürzeren Dauer der Parlamente. „Es gibt" — sagte er — „gewisse wohlhabige Leute, welche vor Entsetzen außer sich sind, wenn sie von dieser Reform hören Was das Stimmrecht angeht, so würden sie sich vielleicht dazu verstehen, eine gute Dosis davon herunter zu schlucken; auch die Ballotage würden sie allenfalls hinabwürgen und keinen Anstand nehmen, sich eine neue Vertheilung des Wahlrechtes gefallen zu lassen. Wenn man ihnen aber von einer kürzeren Dauer der Parlamente spricht, so schütteln sie verzweiflungsvoll den Kopf. (Hört! und Gelächter.) Vielleicht wird die Angst dieser Herren schwinden, wenn sie erfahren, daß die älteste Form der Parlamente in diesem Lande die der einjährigen Parlamente war; acht Parlamente wurden in acht Jahren während der Regierung Eduard's I. gehalten. Unter seinem Nachfolger, Eduard II., wurden in 20 Jahren fünfzehn Parlamente gehalten, und obgleich unter Eduard 111. diese jährliche Wahl bis zu einem gewissen Grade unterblieb, so fanden doch in fünfzig Jahren siebenunddreißig Parlamente Statt. Unter der Regierung Karl's II. ward eine Akte, die sogenannte dreijährige Akte, erlassen, welche verfügte, daß die Wahlen alle drei Jahre Statt finden sollten. Unter Wilhelm 111. ward eine ganz andere Akte erlassen, in welcher gesagt wurde, daß die häufige wiederkehrende Wahl von Parlaments-Mitgliedern geeignet sei, das Wohl des Volkes, zu fördern und seine Lage zu verbessern, und daß die Parlamente dreijährig sein sollten. Es ist daher nicht eben so besonders seltsam, sicherlich aber nicht unkonstitutionel, wenn man behauptet, die Dauer der Parlamente müsse verkürzt werden. Unter Georg I. ward die siebenjährige Akte erlassen, und in dreizehn Jahren saßen zwei Parlamente. Unter Georg 11. saßen sechs Parlamente in dreiunddreißig Jahren und unter Georg 111 eilf Parlamente in sechzig Jahren. Nun betrug die englische Staatsschuld neun Jahre, nachdem Georg II. den Thron bestigen hatte, weniger als 5<),060,000 Pfb. St. Die Hauptmasse der gegenwärtigen Schuld stammt aus den Jahren 1793 —1815, am Ende welches Zeitraumes sie bis auf 865 000,000 Pfo. St. gestiegen war. Fast diese ganze Schuld ist also während vier, fünf oder sechs Parlamenten entstanden. Ich glaube, selbst unter dem System der Rotten bo- roughs würde man sich, wenn häufigere Berufungen an das Volk Statt gefunden hatten, der ausschweifen-- den Geldvergendung dee Regierung widersetzt haben." Der nächste Uebelstand, welchen der Redner rügte, ist die ungleiche Bertheilung des Wahlrechtes und der verfassungswidrige Einfluss, den die Grund-Aristokratie auf die Wahlen ausübe. Hierüber äußert er sich fol»
Dramaturgische Skizzen.
Von einem alten Bühnen Praktik er.
(Schluß.)
FL Hieraus und hieraus allein dürfte unser besseres Loos hervorgehen können. Laßt uns aber ja nicht den Strom zu früh dämmen; sondern möge er gegenthells immer breiter und seichter (denn Tiefe ist bei ihm nicht zu befürchten) werden; eben weil nur durch die Ueber- füllung bei dem Flachen und Faden und Unmoralischen, der Ekel daran erweckt und der Geist vom Passiven zum Aktiven i zunächst durch den Zorn über sich selbst) gereizt werden kann. Wenn übrigens das Leben selbst ein gereizter Zustand ist, so ist die Produktivität des Genies nicht minDer ein solcher, und zwar in erhöhtem Grade, uno es bedürfte eben nur jenes Zornes, als eines äußern Reizmittels, sie für die deutsche Dramatik ui Thätigkeit zu setzen. Hier ist es aber leider, wo Lavater'S und Gall's Systeme sich selbst und uns im Stiche gelassen haben, denn so viele dramatische Genies auch am Ambosse stehen, hinter dem Pfluge einherwandeln, oder auf dem Dreifüße sitzen mögen, so fehlt es bis jetzt an dem untrüglichen Kennzeichen, sie berauszufinden, und mancher junge Shaksspear hütet vielleicht, in die öde Haide verbannt, die Gänse und Schafe seines Vaters, indeß ihm nie Gelegenheit wild,
das eingeborne herrliche Talent in Thätigkeit zu setzen, das er leibst weder erkennen lernt, noch Andere den verschlossenen Götterfunken in ihm ahnen. Hatte namentlich Gall's Schädellehre uns Stand gehalten, welch ein herrliches Licht wäre dann vorzüglich auch über der Geniewelt aufgegangen, die so lange, bis ein ähnliches System sich als stringent bethätigt, durchaus den blinden Launen des Zufalls anheimgegeben ist. Unter solchen Zuständen bleibt uns freilich nun nichts übrig, als geduldig zu harren, bis es einer solchen Laune gefallen wird, ein neues dramatisches Genie wieder an unserm Horizonte emporsteigen zu lassen. Bis dahin werden wir aber unsern Blick am zweckmäßigsten rückwärts kehren, und auf die vielen theils nicht benutzten, theils in der Form und dem Zeitgewanve veralteten Schätze richten, welche im dramatischen Felde, sowohl bei unserer, als bei den übrigen Nationen vor- liegkii, und als eine aufzuerweckende Literatur, neben den brauchbaren und besseren dramatischen Erzeugnissen der Jetztzeit, behandelt werden dürften. Hier aber fanden nun unsere vielen Tagesdichter zweckmäßige Beschäftigung (bessere, als Romane ?c. dramatisch zu ver- balhornisiren), welche, indem sie flch fortwährend vergeblich abmüheten, eigene Platz fassende Produkte zu fördern, eben durch die anhaltenoc Uebung mit dem Technischen so weit ins Reine gekommen find, um jene selbstständigen, aber veralteten Werke m ein neues Zeitgewand zu kleidtu und sie aufxfrischt aus den alten
bestäubten Pergamentbänden hervorgehen zu layen *). D.r Kern iyrer Eigenthümlichkeit mußte ihnen üorigen» unverleyt bleiben , und die neue poetische Modeschreie dürfte vor allen Dingen streng zurückgewiesen werden, damit wir nicht etwa für solide Holberg's schlüpfrige Kotzebne's untergeschoben bekämen, oder gar kleine schwächliche Calderonchen â la — und ü la über die Bühne hinweghinkten, was dann noch schlimmer sein würde, als das Bisherige. — Wie weit übrigens bei zweckmäßigen älteren Stücken die Ueberarbeilu ig fich bis zur Bearbeitung hmaafwagen dürfte, dafür müßte • freilich bei den 'Unternehmern der feine Takt nicht fehlen; weil es doch hier in der That auf etwas Bedeutenderes und Schwereres, als eine flüchtige Verdeutschung von Scribe ankommt.
Ich werde später noch einmal auf die en Gegenstand zurückkommen, der von der segensreichsten Folge für die deutsche Bühne sein wurde, und dessen Wichtigkeit schon und wohl zuerst von Göthe uno Schiller eingesessen und berücksichtigt wurde; nur erwähnen will ich hier noch einer schon 1827 oder 18 6 bei Wepgano erschienenen Broschüre „Theater und Publik,in" von Adolph Wagner, worin derselbe auch für diesen Gegenstand in die Schranken tritt und die Verpflanzung
•) Hier wäre eS, wo Bchrdir. Blick-PsHss r der dramuüsèhe« Literatur t* 1 t int 15 n sonnten, Mücke es biet jetzt vennodjt.n..
. Laube u. m. A. sIS sie durch ihre