Freit Ztilung.
„âeihert und Recht!"
229* Wiesbaden Samstag, 27. September 18LL.
Einladung zum Abonnement.
Mit dem 1. Oktober beginnt ein neues Abonnement auf die „Freie Zeitung. Tendenz und Haltung unserer Zeitung find bekannt. Die stets zunehmende Erweiterung ihres Leserkreises ist ihr eine Anregung zu fortwährender Steigerung ihrer Kräfte. Wie bisher wird sie täglich in Leit- und Uebersichtsartikeln, in Berichten über die Ständesitzungen, Assisen und sonstigen in den freien Institutionen begründeten Verhandlungen die politischen und sozialen Angelegenheiten des In- und Auslandes erörtern. Daß sie darin von Mitarbeitern und Korrespondenten lebhaft unterstützt werde, ist Sorge getragen. Auch wird sie ein möglichst reichhaltiges und unterhaltendes Feuilleton bringen.
Bestellungen auf die mit Ausnahme des Sonntags täglich erscheinende „Freie Zeitung wolle man baldigst machen, in Wiesbaden bei der Erpedition (H. W. Ritter'fche Buchhandlung), auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. — Der Abonnementspreis ist vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr., durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Znserationsgebühren: die vierspaltige Petitzeile 3 kr.
Der Zug nach Cuba.
* Der Abenteuerzug nach Cuba hat genau das Ende genommen, das ihm von allen Seiten prophezeit rojim. Die amerikanischen Eindringlinge wurden von den Creolen nicht im Geringsten unterstützt, und, von ihrem Führer getäuscht über die Lage der Dinge, sielen sie nach verzweifelter Gegenwehr theils im Kampfe, theils wurden sie gefangen genommen. Lopez, der verwegene Abenteurer, wurde am I.Sept. in der Ha- vannah erdrosselt. Anderthalbhundert Gefangene, denen das Leben geschenkt wurde, harren noch ihres Schicksales, das wahrscheinlich in Verurtheilung zum Arbeiten in den Quecksilberminen von Almaden bestehen wird. Kein Creole hatte sich den „Sympathizers" angeschlossen : diese Bevölkerung hatte also entweder nicht den Willen oder nicht den Muth, sich durch Amerikaner von Spanien lostrennen zu lassen.
Die „Köln. Ztg." theilt nach eigenen Berichten über das Ende dieses Unternehmens Folgendes mit, als der Wahrheit wohl am Nächsten kommend:
„Die Zahl derer, welche mit Lopez bei Morillo (schon am 11. August) landeten, wird auf 480 ange- ^eben. Er beging den Fehler, diesen kleinen Haufen noch zn trennen, und den Obersten Crittenden bei den überflüssigen Waffen und Borräthen zurückzulassen, während er selbst auf Las PosaS marschirte. Hier war es, wo er den Angriff der Spanier zurückschlug, deren General Enna, der Nächste im Coinmando auf Cuba nach dem General-Cavitän, als er an der Spitze der Reiterei einen Angriff machte, tödtlich verwundet nieder- sank. Lopez zog sich in die Berge zurück, während Oberst Crittenden mit 51 Begleitern in die Hände der Spanier fiel und mit ihnen, wie berichtet, am 16. August in der Havannah erschossen wurde. In den Briefen, welche sie vor ihrem Tode an die Ihrigen schrieben, verwünschten sie die Lügen, durch welche man sie in Neu-Orleans getäuscht, dope; indeß, der im Gefechte 50 Mann Todte und Verwundete verloren hatte, zählte bald nur noch 200 Mann um sich. Sie kamen bis nach Calendaria. Hier wurden sie beim Frühstücken unerwartet überfallen und zersprengt. Ungefähr 100 Mann warfen sich in einen Wald, wo sie vier Tage sich aufhielten, ohne andere Nahrung als etwas Wälsch- körn, wilde Pflanzen und Baumblätter. Das Pferd des Generals Lopez ward geschlachtet, — es war ihr letztes Fleisch. Ermüdung und strömender Regen rieb
sie vollends auf. Lopez ging ermattet auf die Wohnung eines Pachters zu und öat um Essen und Obdach. Dieser aber holte 15 andere Bauern herbei und sie banden Lopez und 6 seiner Begleiter. Seine ganze Schaar ist in die Hände der Spanier gefallen; nur Wenige mögen noch ohne Anssicht, zu entrinnen, in den Bergen umherirren. Lopez ward nach der Havanna abgeführt, wo seine Gefangennehmung allgemeinen Jubel verbreitete. Am Morgen des 1. Sept, früh um 7 Uhr ward er hinausgebracht auf die Ponta, einem Platz neben dem Hafen, der von 5000 Mann spanischer Truppen und vielen Tausend Zuschauern bedeckt war. Loper bestieg stolzen Schrittes das 15 Fuß hohe Gerüst, welches zu seiner Hinrichtung bestimmt war. Er wandte sich an die versammelte Menge und hielt mit fester, klarer Stimme eine kurze Rede, in welcher er sagte, er sei durch falsche Nachrichten getäuscht worden, und mit den Worten schloß: „Ich sterbe für mein geliebtes Cuba!"
„Dann setzte sich der verwegene Abenteurer; erwarb gebunden und ein eiserner Reif ihm um den Hals gelegt, der durch eine Schraube verengert werden kann. Auf den ersten Zug. ward er erstickt, senkte seinen Kopf nach vorn und war nichts als ein schwarzer Leichnam.
„Wer war dieser Lopez, der von vielen Amerikanern, selbst von dem amerikanischen Consul in Bremen, Hrn. Ralph King, als der Märtyrer einen guter und heiligen Sache gepriesen wird? Die beste Auskunft darüber gibt uns folgendes Schreiben, welches ein Deutscher von Cuba an die Redaktion der „Weser-Zeitung" gerichtet hat:
„„Der Einsender dieses, welcher viele Jahre auf Cuba zugebracht und vielfach Gelegenheit gefunden hat, die inneren Verhältnisse dieser Insel kennen zu lernen, erlaubt sich, zu dem Schreiben des Hrn. King (Weser- Zeitung Nr. 2418) folgende Bemerkungen zu Ihrer Verfügung zu stellen. Hr. King fragt: „Wer ist General Narciso Lopez, der Leiter der Bewegung? War er nicht ein spanischer Offizier in hoher Stellung auf Cuba?" Hierauf ist Folgendes zu erwiedern: General Lopez ist kein Alt-Spanier, sondern von Caraccas gebürtig, und wurde zum Verräther an semrm Vater- lande, indem er im Befreiungskriege auf Seiten ter Spanier gegen dasselbe kämpfte. Als die Spanier flüchten mußten, begab er sich nach Havanna, wo er sich mit einer reichen Dame verheirathete, deren Vermögen er in sehr kurzer Zeit durchbrachte und die sich in Folge dessen von ihm trennte. Hierauf ging er
nach Spanien, wo er den Krieg gegen Don Carlos mitmachte, und brachte es daselbst bis zum General, obgleich er eigentlich nichts geleistet hat, ausgenommen, daß er sich mit 8000 Mann in der Nähe von Madrid gefangen nehmen ließ, während er selbst am Spieltische saß. Im Jahre 1811 kam er wieder nach Havanna zur Disposition des General-Capitäns, welcher «hu 1842 als Gouverneur nach der Südküste von Cuba schickte. Diesen Posten bekleidete er kaum ein Jahr, und wurde er darauf wegen seiner regellosen Lebensweise, besonders des Spieles halber, abgesetzt. Hierauf privatifirte er in Havanna, legte eine Bäckerei an, und da es mit dieser nicht gehen wollte, beschäftigterer sich mit Aufsuchen von Minen im Innern der Insel, wodurch er sich in Schulden stürzte. In Folge dessen wurde Beschlag auf seinen halben Sold gelegt, und da er keine Aussicht hatte, wieder vom spanischen Gouvernement angestellt zu werden, ließ er sich aus Verzweiflung darüber mit einigen Mißvergnügten, deren es in jedem Lande gibt, in politische Umtriebe ein, die entdeckt wurden, weshalb er die Insel verlassen mußte. Das war die hohe Stellung deS Generals Lopez, und von einem solchen Menschen soll man daS Heil Cubas erwarten?""
„Zwei Briggs mit Wissen und Vsr»«th-n wav#« bereits wieder nach Cuba abgesegelt, und zwei Dampf, schiffe sollten mit unbewaffneter Mannschaft, harmlosen „Passagieren", denen man keine schlimme Absicht beweisen konnte, in den nächsten Tagen folgen. Jetzt sind alle ferneren Rüstungen aufgegeben. Die Bundes- Regierung, welche inzwischen den Hafen-Aufseher absetzte, der Lope; auf dem „Pampero" aus Neu-OrleanS entwischen lieg, hat scharfe Weisungen zur Neberwachung der Küsten an sämmtliche Beamte ergehen lassen, und ist jetzt im Stande, ihre Maßregeln durchzuführen, da sie von der öffentlichen Meinung, namentlich in den nördlichen Staaten, getragen wird. Alle anständigen Journale sprechen sich über das eben so unbesonnene als verbrecherische Unternehmen verdammend aus. Wir können nur zustimmen, wenn der „Tribune" ausruft: Lei us have no more annexations by violence! Die Herrschaft der Amerikaner dehnt sich auch auf friedlichem Weae durch Ankauf, Anbau, Einwanderung, Einführung ihrer gewerblichen Fortschritte und Handels- Unternehmungen unaufhaltsam weiter aus. Selbst die Sandwichs -Inseln haben sie auf diese Weise sich im Grunoe bereits angeeignet, und auch auf Cuba schon den Anfang zur friedlichen Eroberung gemacht. Ihr
Pariser Zustände,
in.
Paris, 15. Scptbr. (Wes.-Ztg.) Wir sehen mit Resignation und Gottesergebung den Dingen entgegen, die da kommen sollen und denken vorläufig nur an unsere Unterhaltung. Die Orduungsjournale schreiben die Vergnügungsjagden der P miet' dem Gefühle des bevorstehenden jüngsten Tage zu und finden es nur so begreiflich, daß alle Theater, alle Belustigungsorte, alle Restaurants besuchter sind denn je. Auch zahlreiche Heirathen sehen wir in unsern Stadtanzeigen verkündigt und das ist auch wieder sehr natürlich. Die Verliebten, welche sich am Altare ewige Treue versprechen, glauben die paar Monate bis 1852, auf welche ihre eheliche Ewigkeit nach allen Versicherungen unserer Staatsweisen beschränkt sein werden, noch aushalten zu können, und die Mairien sind den ganzen Tag über belagert von Hochzeitswagen und Brautleuten. Auch der Witz unserer Vaudevilledichter scheint sich im Be- wnßtiei» des nahen Endes der Welt concentrirt zu haben und äußert sich in einer wahrhaft fabelhaften Fruchtbarkeit. Die Schauspieler haben kaum Zeit, alle Neuigkeiten einzustudieren, die ihnen die nimmermüden und tantiemelustigen Komödienschreiber zumuthen. Das Publikum befindet sich wohl dabei und wir lachen uns im wahren Sinne deS Wortes in die andere Welt hin
über. DaS Impromptu ohne Kopf und Fuß, das blos einen witzigen Rumpf hat, macht sich wieder geltend, der Theaterzettel improvisirt mit den Vaudevilledichtern, wie zu den Zeiten, wo die Conversation von der Politik nichts wußte und nichts hören wollte, als die geheimen Anekdoten und die entschleierte chronique scandaleuse. Da wird z. B. im Variete-Tpeater ein Stück gegeben, das »drin, drin, drin« heißt. Dies ist der Refrain eines Liedes von Leon Gossau aus einem seiner besten Stücke: „der ausgestopfte Lowe". Ein Unteroffizier acablé de besogne läßt seine Frau mit einem Dragoner in dem Boulogner Wäldchen spazieren gehen und diese kehrt durch drei Tage nicht wieder:
II y en a qui disent qu’ils pcchaicnt â la ligne, Moi, je prétcnds qu’ils out hcrborisé, Drin, drin, drin, drin, drin Drin, drin, drin, drin etc.
Le sous-licutenant, le dcscspoir dans l'âme.
Au bois de Boulagne accourut tout inquiet;
Le malheureux, quand il a vu sa femme,
Fut parfaitement convaincu qu'il était — —
Drin, drin, drin, drin . . .
Dieser unglückliche Souslicutenant nun ist der Held des Stückes, — die Comptabilität und seine Foura- girungspflichten nehmen seine Zeit zn sehr in Anspruch und er vertraut seine geliebte Ehehälfte der Obhut eines Dragoners an, dessen Dummheit und Treue ihn zu diesem Amte empfehlen. Die luftige Frau, eine
neue Medea, hat für ihren Drachen einen bezähmende« Trunk gefunden, der in Bordeaux oder in Burgund wächst, uw der Geist des Weines ersetzt den Geist, der dem armen Hirne des Dragoners fehlt. Beide ziehen hinaus in's Freie und—drin, drin, drin. Die Frau Uuteroffiperin hat das Talent gehabt, dem dumme« Tropf auf ein Paar Stunden Geist zu verschaffen, aber mit dem Rausche schwindet dieser wieder. Die alte Dummheit kehrt wieder: Naturam furca expellas, tarnen usque recnrret, was auf deutsch heißt: gieb einem Dragoner noch so viel Burgunder zu trinken, er wird doch ein dummer Kerl bleiben. Unser Vaudeville beweist dies ganz deutlich, denn der wachthabende Dragoner sucht Gewissensbisse, fällt vor einem Obern ganz unmilitärisch auf die Knie und will Alles gestepen. Wie, auch das drin, drin, drin? Ja, aber die Frau Un# terofsizierin ist auch da, und Dank sei es ihrer Geistes, gegenwart und Beredtsamkeit, beweist sie „sein SouS- lieutenant Fespoir dans Fâme“ und selbst dem ent- burgunderten Tölpel von Dragoner, das Alles, waS er beichten möchte und was sein Gewissen drückt, nur ein Traum seines Rausches gewesen. Je deutlicher der Dragoner den Traum dieser subordinariationswwrige« Wirklichkeit ausmalt, um so klarer beweist die SouS- lieutenante die Wirklichkeit des Traumes. Traum rin Leben oder Leben ei Traum, wer kann es ent cheweu ? — Nichts ist gewiß, Alles ist vergänglich und nur drin, drin, drin bleibt. Die Zuschauer, woran sie sich