„âeiheit und Recht!"
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JK 227. Wiesbaden Donnerstag, 23. September IS31.
Ginla-ung zum Abonnement.
Mit dem 1. Oktober beginnt ein neues Abonnement auf die „Freie Zeitung". Tendenz und Haltung unserer Zeitung sind bekannt. Die stets zunehmende Erweiterung ihres Leserkreises ist ihr eine Anregung zu fortwährender Steigerung ihrer Kräfte. Wie bisher wird sie täglich in Leit- und Uebersichtsartikeln, in Berichten über die Ständesitzungen, Assisen und sonstigen in den freien Institutionen begründeten Verhandlungen die politischen uud sozialen Angelegenheiten des In- und Auslandes erörtern. Daß sie darin von Mitarbeitern und Korrespondenten
lebhaft unterstützt werde, ist Sorge getragen. Auch wird sie ein möglichst reichhaltiges und unterhaltendes Feuilleton bringen.
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Zur englischen Parlamentsreform.
# Die Reformbewegung, deren Bedeutung nicht minder für die auswärtige Politik, also auch für Deutschland jedem einleuchten muß, der etwas von der Entwicklung Europas versteht, hat bereits begonnen. Den Reigen eröffnete eine Flugschrift über die Reform- bill' von 1852 aus der Feder deS alten Grafen Stanhope, dem bekannten Oberhausmilgliede und Gegner des Russellschen Kabinets. Die englische Aristokratie wittert Morgenlust, und schlagfertig, wie sie ist, sucht sie den Sturm durch „ weise Konzessionen" zu beschwören, dabei aber eben so „weise" zunächst ihre Parteiintercffen möglichst zu konserviren. „Entzweie das Volk, um die Herrschaft der Wenigen über die Vielen zu retten!" ist die alte Taktik dieser Männer. Wir bezweifle«, daß dies ihnen in England noch einmal gelingen wird; wir hoffen im Gegentheil, die politische Bildung werde jenseits des Kanals bereits so weit gediehen sein, daß das Volk sich nicht durch eine Interessenvertretung seine wahren Interessen beeinträchtigen lassen werde. Der alte Stanhope hat die Sache übrigens schlau genug eingefädelt, und diese Schrift ist grade deshalb wichtig, weil sie ein Pulsfühler von Seiten ter Aristokratie ist. Der Entwurf zur neuen Reform, 'den Stanhope vorlegt, hebt als Lockspeise gar freisinnig und tugendsam an mit Klagen über die allerdings scheußliche Korruption bei den Wahlen. Von Männern, welche ihre Sipe erkaufen, darf man erwarten, daß sie auch ihre Stimme verkaufen werden, äußert Lord Stanhope sehr wahr; doch was schlägt er zur Abhülfe vor? Daß Wählern und Kandidaten ein Eid ahgenommen werden solle, daß sie weder Geld noch Geldeswerth direkt oder indirekt gegeben oder angenommen haben. Dafür und dawider läßt sich aber Alles sagen, was über politische Eide gesagt ist. Die zweite Maßregel, die er zur Verhütung unlautern Einflusses vor,chlägt, ist ein schlagendes Beispiel aristokratischer Schlauheit. Jeder Wähler soll das Recht haben, verdeckt zu stimmen, wenn er es zweckmäßig findet. Das erscheint auf den ersten Blick als eine Vermittelung der beiden entgegensiehenden Ansichten, würde aber praktisch alle alten Mißbräuche befestigen. Wenn ein Grundherr als Kandidat auftritt und einer seiner Pächter „findet es zweckmäßig, geheim abzustimmen", so wird der Grundherr wissen, was das zu bedeuten hat und mit der Kündigung nicht auf sich warten
lassen. Eine solche Bestimmung, wenn sie durchginge, würde der Reform die Spitze abbrechen. Ganz in demselben Sinne ist ein fernerer Vorschlag. Alle, niemals aufgehobene Gesetze bestimmen, daß die Mitglieder des Unterhauses Diäten erhalten sollen, und eine bedeutende juristische Autorität hat sich kürzlich dahin ausgesprochen, daß der Anspruch auf Diäten noch heute durch eine Klage erzwingbar sei. Auch dieser Forderung „trägt" Lord Stanhope „Rechnung", indem er vorschlägt, daß die Mitglieder Entschädigung haben sollen, „wenn sie Anspruch darauf machen". Es leuchtet ein, daß Mancher lieber auf die Mitbewerbung verzichten, als ausdrücklich um Diäten nachsuchen würde. Die folgende Klausel verbirgt unter einer unscheinbaren Hülle einen gefährlichen Angriff auf eine der Grundlagen der englischen Verfassung. Damit „die Krone freiere Hand habe, die Minister ganz im Interesse des Dienstes zu wählen", soll eine bestimmte Anzahl von Beamten kraft ihres Amtes Sitz im Unterhause haben! Das Interesse des Dienstes, the greater convenience of public Service, kommt Einem recht heimathlich vor, und es bedarf wohl keines Wortes, um die Vorzüge des gegenwärtigen Systems nachzuweisen, nach dem die Krone zwar zu Ministern machen kann, wen sie irgend will, aber Niemand Sitz öder auch nur Stimme im Unterhause hat, der nicht Mm Volksvertreter erwählt ist. Mit dem Vorschläge, die Wahlperiode von 7 auf 3 Jahre herabzusetzen, muß man sich dagegen einverstanden erklären. Endlich kommt die Hauptsache, Lord Stanhope will allgemeines Stimmrecht; jeder Großjährige soll Wähler sein. Aber — und das ist der hinkende Bote — die Wahl soll nach Klassen erfolgen. Wir lassen dem Lord Stanhope die Gerechtigkeit widerfahren, vorweg zu bemerken, daß er nicht nach der Summe der bezahlten Steuern klassifiziren will, ein Prinzip, das z. B. in Hamburg zu dem bekannten sonderbaren Resultate führen würde — auch nicht nach den Anfangs-, End- oder Mittelbuchstaben des 9h» mens, ebensowenig als nach der Körpergröße oder der Länge der Nase u. dgl. in. Er will nach den fünf Klassen theilen, „ans denen jede Gesellschaft bestehe": Ackerbe- sttzer, Fabrikanten, Kaufleute, Tagearbeiter und fünftens in eine Klasse zusammengeworfen, Rentiers, Personen, die von dem Ertrage einer geistigen Beschäfti- gung leben und alle, die ein jährliches Gehalt oder Lohn beziehen. Jede Klasse soll 100 Abgeordnete wählen. Diese Eintheilung iß zunächst ebenso willkür
lich, wie alle andern, die in dieser Richtung versucht sind, weil es in unsern modernen Staaten nun einmal keine festen indischen Kasten gibt. Und dann, weshalb z. B. sollen die, die mit dem Kopfe, mit der Feder, dem Grabstichel, dem Meißel, der Lanzette arbeiten, zu denen geworfen werden, die nur die Scheere brauchen, um Coupons abzuschneiven? Es scheint fast, als ob Lord Stanhope die alte physiokra- tische Ansicht theile, die von einer Arbeiterpartei wieder aufgestellt ist, und nicht entschieden genug bekämpft werden kann, daß nur die körperliche Arb.tt ein Recht auf den ehrenvollen Namen „Arbeiter" gäbe. Als ob der Arzt, der den Arbeiter heilt, der Schriftsteller, der ein nützliches Werk schreibt, der Naturforscher, der eine neue Kraft, einen neuen Prozeß entdeckt, der Lehrer, der die Geisteskräfte entwickelt, nicht auch arbeiten, nicht auch das Nationalvermögen verwerthen! Ueber die Wirksamkeit einer solchen, auf den Klassenegoismus gegründeten Vertretung hat das Festland Erfahrungen gemacht und noch zu machen, vor denen England hoffentlich bewahrt bleiben wird. Nichts wäre so geeignet, die verhältn'ßmäßig glücklichere englische Ent. Wickelung zu stören, als ein solcher organisirter Krieg der Interessen.
Deutschland.
/ Weilburg, 24. Sept. Wie man vernimmt, ist die Ausweisung aus Wellburg über Dr. F. v. Fenne- berg verhängt worden. Da derselbe hier ein häusliches Besitzt hum acquirirt hat, so läßt sich leicht das Unangenehme dieser Maßregel b greifen. Im Interesse Weilburgs selbst wünschten wir daher eine Zurücknahme derselben auf eine oder die andere Weise. Mit der Confiskation der „Hechel", sollte man denken, wäre es hinlänglich gewesen, auch sollte man billigst bedenken, was Fenneberg während seiner Anwesenheit in Weilburg für die dortigen Armen gethan. Wozu ihnen diese Stütze entziehen?
Frankfurt, 20. Septbr. (Köln. Ztg.) Endlich wird der Anschluß beider Hessen und des HerzogthumS Nassau an den deutsch-österreichischen Post-Verein am 1. Oktober eine Wahrheit, und die fürstlich Turn- und Taris'sch e Generalpostdirektion sendete gestern an die sämmtlichen Poststellen dieser drei Staaten ihres Post- gebietes die Instruktionen für die Beamten, die Tarife und alle übrigen nöthigen Drucksachen. So wird denn
Der Tabaksbau in der Pfalz.
Noch vor wenigen Jahren hätte man es für eine kolossale Prahlerei gehalten, wenn Jemand behauptet hätte, der Pfälzer Tabak geht nach Spanien, England und Algier , um dort als Cigarrendecke benutzt zu werden; nach Spanien, dem Mutterstaat von Cuba, nach England, wo er den nämlichen enormen Etngangszoll, wie die feinsten amerikanischen Sorten zu tragen hat. — Für eine krasse Aufschneiderei würde man es aber vol- lenvs erklärt haben, wenn es Jemanden eingefallen wäre, zu sagen, die aus Pfälzer Tabak gefertigte Cigarre wird in namhafter Quantität nach Westindien, dem Vaterlande des Tabaks, ausgeführt.
Beides ist eingetroffcn, beides in Wahrheit gegründet; es gehen Tausende von Centnern besserer Pfälzer Tabake, als Abblati oder Streichtabake zugerichtet, nach England und Spanien, und Millionen Stücke sorgfältig gearbeiteter und zierlich ausgestatteter Pfälzer Cigarren nach Amerika. Wenn nun die bessere Behandlung und Veredlung des Tabaks mit dem bessern Absatz gleichen Schritt hält, und wenn der Pflanzer für gute Waare hoch gesteigerte Preise erhält, und anstatt gleichgültig zu werden, so viel an ihm liegt, sich immer mehr bemüht, vorwärts zu gehen, so wird mit dem noch täglich wachsenden enormen Verbrauch von Ci
garren für den Pfälzer Tabaksbau vor der Hand noch keine Abnahme zu besorgen sein. Nur an den Pflanzen liegt es, das für den Pfälzer Tabak gewonnene Feld zu behaupten und noch zu erweitern. Doch hüte man sich vor Uebertreibung; man pflanze keinen Tabak, wo weder Boden noch Kliina dazu geeignet sind. Auch der Einzelne baue nur so viel, als er gut zu behandeln wohl im Stande ist, sonst kann er in großen Nachtheil gerathen und schadet dem Ganzen. — Der Pfälzer Tabak soll zu immer noch steigendem besseren Rufe gebracht werden; jeder einzelne Tabakspflanzer muß dazu beizutragen suchen: a) durch Auswahl edler Tabakssorten, b) durch guten Bau und c) ganz besonders durch sorgfältige Behandlung und zweckmäßige Herrichtung zur Kaufmannswaare, um dadurch unserm Tabak den jetzt erlangten guten Namen zu befestigen und für die Zukunft zu sichern. — Die badische Pfalz, Hessen und die baierische Pfalz prvduziren die,es Jahr mindestens 250,000 Centner Blättertabak. Ein bedeutender Theil davon wird für Deckblätter sowohl von Cigarren, als von Rollentabaken benützt; die Größe und Zartheit der Blätter, sowie die gleichmäßige roth- braune Farbe der edleren Pfälzer Tabake find Vorzüge, die bei verhältnißmäßigen Preisen jede Coneurrenz kühn aushalten, solange die Cigarren-Fabrikatiou keinen Stoß erleidet.
Die jetzt in der Pfalz angebaut werdenden Tabake bestehen aus gar manchen Sorten und figuriren unter
vielerlei Benennungen. Hauptgattungen dürften aber nur dort vorkommen: 1. Maryland, 2. Virginischer, 3. Cuba, 4. Brasilien- oder Veilchen-Tabak.
Die drei ersten Sorten zerfallen wieder in verschiedene Spielarten:
1. Zu den Maryland-Tabaken zählt man: a) den Dutten- oder Schaufel-Tabak, b) den ungarischen unb c) den griechischen.
2) Zu den virginischen Tabaken zählt man: a) den Friedrichsthaler, b) den weißrippigen Hange-Tabak, c) den Vinzer.
3) Zu den Cuba - Tabaken zählt man: a) den Amersforter Tabak, b) den amerikanischen oder Goundie- Tabak.
Eine jede dieser Gattungen hat nach Verhältniß des Bodens und des Gebrauches auch wieder besondere Vorzüge; es ist von Wichtigkeit, für jede Bodenart und für jedes Fabrikalions-Bedürfniß die geeignete Sorte auszusuchen. Nicht jede Sorte paßt für jeden Boden, ja selbst nicht einmal für manche einzelne Gemarkung. Es hängt oft für Jahre von der richtigen Auswahl der Tabakssorte das ganze Renommee eines Tabaksorteö ab.
1) Maryland-Sorten, a) der Dutten, coer Schaufel«Tabak liefert ein sehr helles, ganz großes Blatt mit nicht allzustarker Rinne, die Seitenlinien gerade auslaufend und weit von einander entfernt; er eignet sich ganz besonders zu Abblati oder Streich.