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JK 227. Wiesbaden Donnerstag, 23. September IS31.

Ginla-ung zum Abonnement.

Mit dem 1. Oktober beginnt ein neues Abonnement auf dieFreie Zeitung". Tendenz und Haltung unserer Zeitung sind bekannt. Die stets zunehmende Erweiterung ihres Leserkreises ist ihr eine Anregung zu fortwährender Steigerung ihrer Kräfte. Wie bisher wird sie täg­lich in Leit- und Uebersichtsartikeln, in Berichten über die Ständesitzungen, Assisen und sonstigen in den freien Institutionen begründeten Ver­handlungen die politischen uud sozialen Angelegenheiten des In- und Auslandes erörtern. Daß sie darin von Mitarbeitern und Korrespondenten

lebhaft unterstützt werde, ist Sorge getragen. Auch wird sie ein möglichst reichhaltiges und unterhaltendes Feuilleton bringen.

Bestellungen auf die mit Ausnahme des Sonntags täglich erscheinendeFreieZeitung" wolle man baldigst machen, in Wiesbaden bei der Erpedition (H. W. Ritter'sche Buchhandlung), auswärts bei den.zunächst gelegenen Postämtern. Dec Abonnementspreis ist vierteljährig hier in Wies­baden 1 fl. 45 kr., durch die Post besetzen inif verhältnismäßigem Aufschläge. Juserationsgebühren: die vierspaltige Petitzeile 3 kr.

Zur englischen Parlamentsreform.

# Die Reformbewegung, deren Bedeutung nicht minder für die auswärtige Politik, also auch für Deutsch­land jedem einleuchten muß, der etwas von der Ent­wicklung Europas versteht, hat bereits begonnen. Den Reigen eröffnete eine Flugschrift über die Reform- bill' von 1852 aus der Feder deS alten Grafen Stanhope, dem bekannten Oberhausmilgliede und Gegner des Russellschen Kabinets. Die englische Ari­stokratie wittert Morgenlust, und schlagfertig, wie sie ist, sucht sie den Sturm durch weise Konzessionen" zu beschwören, dabei aber eben soweise" zunächst ihre Parteiintercffen möglichst zu konserviren.Entzweie das Volk, um die Herrschaft der Wenigen über die Vielen zu retten!" ist die alte Taktik dieser Männer. Wir bezweifle«, daß dies ihnen in England noch einmal ge­lingen wird; wir hoffen im Gegentheil, die politische Bil­dung werde jenseits des Kanals bereits so weit gediehen sein, daß das Volk sich nicht durch eine Interessen­vertretung seine wahren Interessen beeinträchtigen lassen werde. Der alte Stanhope hat die Sache üb­rigens schlau genug eingefädelt, und diese Schrift ist grade deshalb wichtig, weil sie ein Pulsfühler von Seiten ter Aristokratie ist. Der Entwurf zur neuen Reform, 'den Stanhope vorlegt, hebt als Lockspeise gar freisinnig und tugendsam an mit Klagen über die aller­dings scheußliche Korruption bei den Wahlen. Von Männern, welche ihre Sipe erkaufen, darf man erwar­ten, daß sie auch ihre Stimme verkaufen werden, äußert Lord Stanhope sehr wahr; doch was schlägt er zur Abhülfe vor? Daß Wählern und Kandidaten ein Eid ahgenommen werden solle, daß sie weder Geld noch Geldeswerth direkt oder indirekt gegeben oder an­genommen haben. Dafür und dawider läßt sich aber Alles sagen, was über politische Eide gesagt ist. Die zweite Maßregel, die er zur Verhütung unlautern Einflusses vor,chlägt, ist ein schlagendes Beispiel aristokratischer Schlauheit. Jeder Wähler soll das Recht haben, ver­deckt zu stimmen, wenn er es zweckmäßig findet. Das erscheint auf den ersten Blick als eine Vermittelung der beiden entgegensiehenden Ansichten, würde aber praktisch alle alten Mißbräuche befestigen. Wenn ein Grundherr als Kandidat auftritt und einer seiner Pächterfindet es zweckmäßig, geheim abzustim­men", so wird der Grundherr wissen, was das zu be­deuten hat und mit der Kündigung nicht auf sich warten

lassen. Eine solche Bestimmung, wenn sie durchginge, würde der Reform die Spitze abbrechen. Ganz in demselben Sinne ist ein fernerer Vorschlag. Alle, niemals auf­gehobene Gesetze bestimmen, daß die Mitglieder des Unterhauses Diäten erhalten sollen, und eine bedeu­tende juristische Autorität hat sich kürzlich dahin aus­gesprochen, daß der Anspruch auf Diäten noch heute durch eine Klage erzwingbar sei. Auch dieser Forde­rungträgt" Lord StanhopeRechnung", indem er vor­schlägt, daß die Mitglieder Entschädigung haben sollen, wenn sie Anspruch darauf machen". Es leuchtet ein, daß Mancher lieber auf die Mitbewerbung verzichten, als ausdrücklich um Diäten nachsuchen würde. Die folgende Klausel verbirgt unter einer unscheinbaren Hülle einen gefährlichen Angriff auf eine der Grund­lagen der englischen Verfassung. Damitdie Krone freiere Hand habe, die Minister ganz im Interesse des Dienstes zu wählen", soll eine bestimmte Anzahl von Beamten kraft ihres Amtes Sitz im Unterhause haben! Das Interesse des Dienstes, the greater convenience of public Service, kommt Einem recht heimathlich vor, und es bedarf wohl kei­nes Wortes, um die Vorzüge des gegenwärtigen Systems nachzuweisen, nach dem die Krone zwar zu Ministern machen kann, wen sie irgend will, aber Nie­mand Sitz öder auch nur Stimme im Unterhause hat, der nicht Mm Volksvertreter erwählt ist. Mit dem Vorschläge, die Wahlperiode von 7 auf 3 Jahre herab­zusetzen, muß man sich dagegen einverstanden erklären. Endlich kommt die Hauptsache, Lord Stanhope will allgemeines Stimmrecht; jeder Großjährige soll Wähler sein. Aber und das ist der hinkende Bote die Wahl soll nach Klassen erfol­gen. Wir lassen dem Lord Stanhope die Gerechtig­keit widerfahren, vorweg zu bemerken, daß er nicht nach der Summe der bezahlten Steuern klassifiziren will, ein Prinzip, das z. B. in Hamburg zu dem bekannten sonderbaren Resultate führen würde auch nicht nach den Anfangs-, End- oder Mittelbuchstaben des 9h» mens, ebensowenig als nach der Körpergröße oder der Länge der Nase u. dgl. in. Er will nach den fünf Klassen theilen,ans denen jede Gesellschaft bestehe": Ackerbe- sttzer, Fabrikanten, Kaufleute, Tagearbeiter und fünf­tens in eine Klasse zusammengeworfen, Rentiers, Per­sonen, die von dem Ertrage einer geistigen Beschäfti- gung leben und alle, die ein jährliches Gehalt oder Lohn beziehen. Jede Klasse soll 100 Abgeordnete wählen. Diese Eintheilung zunächst ebenso willkür­

lich, wie alle andern, die in dieser Richtung versucht sind, weil es in unsern modernen Staaten nun ein­mal keine festen indischen Kasten gibt. Und dann, weshalb z. B. sollen die, die mit dem Kopfe, mit der Feder, dem Grabstichel, dem Meißel, der Lanzette arbeiten, zu denen geworfen werden, die nur die Scheere brauchen, um Coupons abzuschneiven? Es scheint fast, als ob Lord Stanhope die alte physiokra- tische Ansicht theile, die von einer Arbeiterpartei wie­der aufgestellt ist, und nicht entschieden genug bekämpft werden kann, daß nur die körperliche Arb.tt ein Recht auf den ehrenvollen NamenArbeiter" gäbe. Als ob der Arzt, der den Arbeiter heilt, der Schriftsteller, der ein nützliches Werk schreibt, der Naturforscher, der eine neue Kraft, einen neuen Prozeß entdeckt, der Lehrer, der die Geisteskräfte entwickelt, nicht auch arbeiten, nicht auch das Nationalvermögen verwerthen! Ueber die Wirksamkeit einer solchen, auf den Klassenegoismus gegründeten Vertretung hat das Festland Erfahrungen gemacht und noch zu machen, vor denen England hof­fentlich bewahrt bleiben wird. Nichts wäre so geeig­net, die verhältn'ßmäßig glücklichere englische Ent. Wickelung zu stören, als ein solcher organisirter Krieg der Interessen.

Deutschland.

/ Weilburg, 24. Sept. Wie man vernimmt, ist die Ausweisung aus Wellburg über Dr. F. v. Fenne- berg verhängt worden. Da derselbe hier ein häus­liches Besitzt hum acquirirt hat, so läßt sich leicht das Unangenehme dieser Maßregel b greifen. Im Interesse Weilburgs selbst wünschten wir daher eine Zurücknahme derselben auf eine oder die andere Weise. Mit der Confiskation derHechel", sollte man denken, wäre es hinlänglich gewesen, auch sollte man billigst bedenken, was Fenneberg während seiner Anwesenheit in Weilburg für die dortigen Armen gethan. Wozu ihnen diese Stütze entziehen?

Frankfurt, 20. Septbr. (Köln. Ztg.) Endlich wird der Anschluß beider Hessen und des HerzogthumS Nassau an den deutsch-österreichischen Post-Verein am 1. Oktober eine Wahrheit, und die fürstlich Turn- und Taris'sch e Generalpostdirektion sendete gestern an die sämmtlichen Poststellen dieser drei Staaten ihres Post- gebietes die Instruktionen für die Beamten, die Tarife und alle übrigen nöthigen Drucksachen. So wird denn

Der Tabaksbau in der Pfalz.

Noch vor wenigen Jahren hätte man es für eine kolossale Prahlerei gehalten, wenn Jemand behauptet hätte, der Pfälzer Tabak geht nach Spanien, England und Al­gier , um dort als Cigarrendecke benutzt zu werden; nach Spanien, dem Mutterstaat von Cuba, nach Eng­land, wo er den nämlichen enormen Etngangszoll, wie die feinsten amerikanischen Sorten zu tragen hat. Für eine krasse Aufschneiderei würde man es aber vol- lenvs erklärt haben, wenn es Jemanden eingefallen wäre, zu sagen, die aus Pfälzer Tabak gefertigte Ci­garre wird in namhafter Quantität nach Westindien, dem Vaterlande des Tabaks, ausgeführt.

Beides ist eingetroffcn, beides in Wahrheit gegrün­det; es gehen Tausende von Centnern besserer Pfälzer Tabake, als Abblati oder Streichtabake zugerichtet, nach England und Spanien, und Millionen Stücke sorg­fältig gearbeiteter und zierlich ausgestatteter Pfälzer Ci­garren nach Amerika. Wenn nun die bessere Behand­lung und Veredlung des Tabaks mit dem bessern Ab­satz gleichen Schritt hält, und wenn der Pflanzer für gute Waare hoch gesteigerte Preise erhält, und anstatt gleichgültig zu werden, so viel an ihm liegt, sich immer mehr bemüht, vorwärts zu gehen, so wird mit dem noch täglich wachsenden enormen Verbrauch von Ci­

garren für den Pfälzer Tabaksbau vor der Hand noch keine Abnahme zu besorgen sein. Nur an den Pflan­zen liegt es, das für den Pfälzer Tabak gewonnene Feld zu behaupten und noch zu erweitern. Doch hüte man sich vor Uebertreibung; man pflanze keinen Ta­bak, wo weder Boden noch Kliina dazu geeignet sind. Auch der Einzelne baue nur so viel, als er gut zu be­handeln wohl im Stande ist, sonst kann er in großen Nachtheil gerathen und schadet dem Ganzen. Der Pfälzer Tabak soll zu immer noch steigendem besseren Rufe gebracht werden; jeder einzelne Tabakspflanzer muß dazu beizutragen suchen: a) durch Auswahl ed­ler Tabakssorten, b) durch guten Bau und c) ganz be­sonders durch sorgfältige Behandlung und zweckmäßige Herrichtung zur Kaufmannswaare, um dadurch unserm Tabak den jetzt erlangten guten Namen zu befestigen und für die Zukunft zu sichern. Die badische Pfalz, Hessen und die baierische Pfalz prvduziren die,es Jahr mindestens 250,000 Centner Blättertabak. Ein bedeu­tender Theil davon wird für Deckblätter sowohl von Cigarren, als von Rollentabaken benützt; die Größe und Zartheit der Blätter, sowie die gleichmäßige roth- braune Farbe der edleren Pfälzer Tabake find Vorzüge, die bei verhältnißmäßigen Preisen jede Coneurrenz kühn aushalten, solange die Cigarren-Fabrikatiou keinen Stoß erleidet.

Die jetzt in der Pfalz angebaut werdenden Tabake bestehen aus gar manchen Sorten und figuriren unter

vielerlei Benennungen. Hauptgattungen dürften aber nur dort vorkommen: 1. Maryland, 2. Virgini­scher, 3. Cuba, 4. Brasilien- oder Veilchen-Tabak.

Die drei ersten Sorten zerfallen wieder in verschie­dene Spielarten:

1. Zu den Maryland-Tabaken zählt man: a) den Dutten- oder Schaufel-Tabak, b) den ungarischen unb c) den griechischen.

2) Zu den virginischen Tabaken zählt man: a) den Friedrichsthaler, b) den weißrippigen Hange-Tabak, c) den Vinzer.

3) Zu den Cuba - Tabaken zählt man: a) den Amersforter Tabak, b) den amerikanischen oder Goundie- Tabak.

Eine jede dieser Gattungen hat nach Verhältniß des Bodens und des Gebrauches auch wieder beson­dere Vorzüge; es ist von Wichtigkeit, für jede Boden­art und für jedes Fabrikalions-Bedürfniß die geeignete Sorte auszusuchen. Nicht jede Sorte paßt für jeden Boden, ja selbst nicht einmal für manche einzelne Ge­markung. Es hängt oft für Jahre von der richtigen Auswahl der Tabakssorte das ganze Renommee eines Tabaksorteö ab.

1) Maryland-Sorten, a) der Dutten, coer Schaufel«Tabak liefert ein sehr helles, ganz großes Blatt mit nicht allzustarker Rinne, die Seitenlinien gerade auslaufend und weit von einander entfernt; er eignet sich ganz besonders zu Abblati oder Streich.