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DieFreie Zeliung" erschâi, mit Ausnahme des Montags, ragiich m einem Bogen. Der AdonnemeniSpreiS beträgt vierteljährlich hier in WieSdaden l 3. 45 fr., auSwär S durch die Post bezogen mit verbalinißinäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Beibrettung derFreien Zeitung" stets von wirksamem (t:* folge. Die JnserationSgebühren betragen für die oterfpaltgt Petttzetle 3 fr.

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(Fortsetzung.)

Wenn die Gewohnheit über den freien Drang, seine Kraft in jevem Augenblick neu zu entfalten, Herr wird, so wird der Mensch alt; wenn die moralische. Regel an die Stelle des sittlichen Gefühls tritt, so wird er zum Heuchler; wenn die Schule den Gedan­ken überwuchert, so wird er zum Sophisten und wenn die politische Tradition an Stelle der gesellschaftlichen Bedürfnisse herrscht, so herrscht die Tyrannei. Das Gewohnheitsleben, die Sittlichkeit der zehn Gebote, die Wissenschaft der Universitäten gebären die Tyrannei aus sich selber und die Tyrannei macht die Völker gewohnheitssinnlich, prüde und unproduktiv, wie es die Deutschen in der That sind. Es ist schwierig, aus einem solchen Zustand heraus zu kommen, weil man die Kette, aus der eigenen Schlechtigkeit gewoben, nicht kraft dieser Schlechtigkeit zerreißen kann; und weil sie erst zerrissen sein muß, um besser zu werden. Die Hölle triumphirt.

Das deutsche Leben besteht aus einer Kette schwäch­licher Gewohnheiten und die Quelle, aus welcher diese Entnervung über eine einst kräftige Race strömt, ist das Beamtenthum. Alles das bildet ein so engver- wickeltes Gewebe, daß man erstaunt ist, wenn man näher hinsieht, wie direkt die Monarchie mit ihren Millionen Säugrüsseln in das innerste LebenSgetriebe jedes einzelnen Unterthanen eingreift. Das Volk ist arm, weil cs nicht frei arbeiten und eine Unzahl von Soldaten und Beamten unterhalten muß; die Bureau­kratie ist arm, weil ein armes Volk keine reiche Bureau­kratie unterhalten kann. Der Referendarius und Lieu­tenant werden noch durch ihre Jugend getragen; die Triumphe der Eitelkeit, das Bewußtsein der Taille und der Ungeheuer Viel versprechend-,, Talente jepu» sie über die augenblickliche Dürftigkeit hinweg. Sie finden auch noch Kredit die Hoffnung, die sich selbst betrügt, findet auch immer noch andere, die sich von ihr betrügen lassen. Das Andenken an die Universität Und dikEramina halten noch einigermaßen die wissen­schaftliche Regsamkeit über dem Wasser der bureaukra- tiichen Routine. Wohl kein, der in dieser Zeit in Wein und Schulden nutergeht; statt allmählig in häus­licher Misere und in der geschäftlichen Tretmühle zu verkommen. Wenn das dritte Eramen gemacht und die Tochter des Geheimraths geheirathet ist, dann werden die Aktenstöße überwältigend, dann werden Pfeife, Schlafrock und Pantoffeln der Trost für alles und geben dem ganzen Leben einen Grundton; dann fröstelt es Einen,, wenn man sich waschen soll und man wechselt sein Hemd nicht mehr des Nachts und Morgens; dann wird der tägliche Spaziergang in der­selben langweiligen Allee zu einer schaudernden Pflicht,

wie der tägliche Kuß an seine strümpfesirickende, jonr- nallesende Frau. Mit Ergebung trägt dann der Rath oder der Hauptmann die häusliche Sparsamkeit. Wenn er in Gesellschaft geht, so muß er die Seife be­rechnen, die ihm sein reines Hemd und der reine Kra­gen seiner Frau kostet; wenn er einem Besucher eine Flasche Wem vorsetzt, so zeigt sein verstörter Blick die Unruhe seines finanziellen Gewissens. Eine gemeine Sinnlichkeit bemächtigt sich seiner hungrigen Phantasie: er schlampampt. Er schlampampt in Kaffee und But- tersemmel, in Heringssalat und Leberwust, in Brat­kartoffeln und Hafergrütze, und bei außerordentlichen Gelegenheiten in Punsch und Berliner Pfauueknchen. Sein Geist verfchlampampt ebenfalls. Er ist sitteuhaft (was man auch sittlich nennt), weil seine Gedanken nicht wagen, sich von seiner Ehehälfte zu entfernen und er vor einem schönen Busen mit derselben trauert vollen Ermattung die Augen nitderschlägt, wie vor einem wissenschaftlichen Buch, welches ihn an seche^ Universitätszeit und das einstige Versprechen eiHr glänzenden Karriere erinnert. Wenn er sich einmal recht amüsiren will, so betrinkt er sich und singt tKe alten dummen Lieder, die schon vor fünfzig Jahren aus dem Munde der akademischen Jugend kindisch und albern genug klangen und deshalb auch heute noch im­mer fort gesungen werden.

Diese Schlaftockeristenz, welche sich in ihren lebens­vollsten Augenblicken zu dem Gedanken eines Lieblings- gerichts, einer Gehaltznlage und des rothen Adleror- dens vierter Classe erhebt, bildet wer weiß es nicht? die gemeinsame Atmosphäre, das sittliche Band, welches Alle, die einen öffentlichen Posten bekleiden, vom General bis zum Rekruten, vom Polizeidirektor bis zum Gensd'arm, vom Oberpräsidenten bis zum Kanzleischreiber, vom Bischof bis zum Kandidaten, vom geistlichen, Unterrichts- und Medizinalminister bis zum Unterlehrer und «Seminaristen, enger und inniger mit einander verbindet, als selbst die Cou- vurtenUste. Sie ist der ©vi-eit , aus welchem die Beamtenehre, bis Beamümloyalität, die politischen Meinungen, die Vorstellungen vom Volk, vom menschlichen Leben und seinen Forderungen über­haupt erwachsen. Nach ihnen erzieht die eine Hälfte des Volks die andere, durch die Ruthe, durch die Lehre und vor Allein durch das Beispiel. Diese Erziehung hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Dürftigkeit und Pedanterie des Beamtenthums haben sich in unsere Lebensweise, unser Herz und unsern Geist eingesickert und das deutsche Leben um all seine Frische und Ur­sprünglichkeit gebracht. Die Biereristenz entspricht im Volke der Schlafrocks- und Pantoffelcristeuz der Schi ei- berkaste. Das Bierkneipen gilt aus Klaffenoppositiou für demokratisch, blos aus dem Grunde, weil es nicht fein ist. Insofern aber der Aristokratismus nichts ist, als die Ascendenz der tragen Gewohnheit, über die freie Bewegung, die freie Lebensäußerung, so gibt es in der Welt n chtS Aristokratischeres, als das stunden­

lange Faullenzen beim Bier, wo immer dieselben poli­tischen Ideen mit derselben energielosen Behaglichkeit wierergekant werden. In der That, wenn ich die Ti­sche von Menschen besetzt sehe, welche das Bedürfniß zu trinken und zu kannegießern täglich zu bestimmten Stunden und fest stundenlang an die Bierkrivpe zieht, so fallen mir jedesmal die Reihen von Ochsen im Stalle einer großen Oekonomie ein Es ist freilich be­quem, sich da zu treffen, es ist bequem für den Gau­men, immer das gewohnte Getränk zu trinken; es ist bequem für den Gedanken, niemals mit einsamer Ener­gie in die Tiefen der Zeitsragen zui ückzugehen und sich von dem allgemeinen Strome des Geschwatzes forttra­gen zu lassen; es ist bequem für die ganze Maschine, aus seinem Hause sUts in dieselbe Kneipe abzulaufen; es ist bequem zu leben wie seine Nachbarn; eS ist be­quem , die Gesellschaft und den Staat zu lassen wie er ist, es ist endlich bequem, wenn Gesellschaft und Staat zu unbequem werden, die Revolution von den Franzosen zu kopiren und da es an eigener Lebens­energie fehlt, um eigene Forderungen zu formuliren die konstitutionelle Monarchie, die soziale Republik, die Anarchie oder was für ein System ftr und fertig zu adoptiren. Das Bequemste aber von Allem ist, die Verwirklichung dieser hohen Ideale durch die wieder­holte Darlegung seiner entschieden demokratischen Ge- fhnung am Biertisch anzustreben. Menu ich meine Meinung sagen soll, woran die Revolution gescheitert ist, so sage ich einfach: an der Bielgewohnheit, d. h. an der Unfreiheit des Privatlebens, aus der sie ent­springt, und der Unfreiheit des Privat- und öffent­lichen Lebens, die sie nährt niib .befestigt. Wer der Sklave seiner Gewohnheiten ist, der kann in keinem Verhältniß ein freier Mann sein. Sein Raisonniren gegen Staat und Gesellichaft ist ein bloßer Neid, ein bloßes Schimpfen. Die Freiheit ist die unausgesetzte Lebendigkeit er die unausgesetzte Trägheit; die Freiheit ist die Thätigkeit, sich in jedem Augenblick -Leben und Genuß frisch yt schaffte «r ^i? Passi- vrtaffftLeven und ^enuß bis in die a schgrau è Mvigi etè nach dem ersten Anstoß sich abspielen zu lassen. Die Freiheit ist, was die Bewegung und frische Luft für den Körper er aber verlangt seine Gesundheit vom Arzt und von verschriebenen Rezepten!

(Fortsetzung folgt.)

Deutschland.

* Wiesbaden, 15. Sept. Das deutsche Volk hat einen seiner begabtesten, aufopferndsten Söhne verloren: Franz Raveaux ist todt, gestorben auf fremder Erde als Verbannter am 13. Sept. Nachmittags 3 Uhr in Lacken. Die Trauerkunde, auf welche wir durch seine langen Leiden seit Jayr und Tag vorbereitet waren, berührt uns dennoch unsäglich schmerzlich. So lange er noch wirken konnte, hielt der starke Geist den siechen

Pariser Zustände.

(Weser -Ztg.)

I.

AuS kleinen Zügen läßt sich der Charakter eines Volkes oft besser beurtheilen, als aus gewichtigen Er­scheinungen, über die man Bücher schreibt. Für den Beobachter haben diese Züge einen großen Werth und der Unterschied zum Beispiel zwischen London und Paris, den Engländern und Franzosen läßt sich aus solchen unscheinbaren Eigenthümlichkeiten am besten darstellen. Als ich von London hierher kam, fiel mir der Umstand auf, daß nun in Paris keine Bettler in den Straßen sieht oder doch so viel als keine, während London davon übersäet ist. Ein anderer Unterschied, der Paris vor London auszeichnct, ist der gänzliche Mangel an Betrunkenen. Und doch gibt es in Paris leider nur zu viel Armuth und auch an Menschen, welche im Branntweinglas ihr Menschengefühl tödten, kann es in einer so großen Stadt wie Paris nicht fehlen. Allein die statistische Bilanz ist in dieser Be­ziehung so günstig für Paris, daß Paris, auch das Verhältniß der Bevölkerung beider Städte in Anschlag gebracht, nur ein kleines Dorf ist im Vergleiche tust London. In der That, der Franzose ist mäßiger und selbst in seinen Leidenschaften humaner und gesitteter als der Engländer. Der Franzose nährt sich in der

Regel von Vielerlei, der Engländer consumirt große Massen. Der Franzose trinkt blos Wein und auch diesen mäßig, während der Engländer selbst die fran­zösischen Weine erst würzt und mit Alcohol versetzt, ehe sie seinen starken Gelüsten genügend erscheinen Der Franzose und die Französin liebt es, sich einen Spitz anzutrinken, der Engländer berauscht sich voll­kommen er rechnet auf die Gefälligkeit der Con­stabler, deren Hauptaufgabe es ist, die betrunkenen Gentlemen nach Hause zu schaffen, während der Fran­zose sich eines so thierischen Zustandes schämt. Der Franzose hat Schönheitssinn in Allem und selbst seine Laster weiß er so zu übertünchen und herauszuputzen, daß sie sich mit Anstand in einem Salon zeigen können und der Ouvrier hat in dieser Beziehung eben so viel Maß und Takt, als die sogenannten Höher» Klassen. Darum wird die gesellschaftliche Berührung hier unter allen Verhältnissen angenehm, weil man sich überall unter Menschen befindet, die wenigstens einen Anstrich von Bilknng haben, welche eben für eine vorübergehende Conversation ausreicht. In England muß man den guten Anstand erst in gewissen Klassen aufsuchen, hier ist er mit wenigen Ausnahmen Gemeingut. Selbst der französische Witz ist gutmüthig, wohlwollend und höflich, während die englische Satyre ein Keulenschlag ist. Der Franzose gederdet sich als unser Freund, der sich etwas erlauben darf, eben weil seine Absicht von vorn herein eine gute ist. Der englische Witz ist ein

Kricg pour du bon. Auch das Betteln fällt dem Franzosen schwer, er fühlt sich zu gedemüthigt, seine Menschenwürde, sein demokratischer Stolz leidet unter dieser Erniedrigung. Dies kann man am besten in dec Art und Weise erkennen, wie hier Almosen verlangt werden in den wenigen Fällen, wo uns ein Bettler ur den Straßen begegnet, was übrigens auch meist Abends geschieht. Die Polizei wäre nicht stark genug, dem Bettelwesen zu steuern, wenn ihr der Charakter der Franzosen nicht entgegenkame, wie dies aus anderwei- tigeii Unfugen erhellt, welche trotz des Heeres von Gensd'armen, Sergeant de Ville und Polizeiagenten nicht abgeschafft werden können. Ein französischer Bettler fangt gewöhnlich damit an uns zu sagen, daß er nicht glücklich sei. Je ne suis pas heureux. Das ist schon gewinnend. Er spricht nicht von haar­sträubendem Elend, er jammert nicht, er erniedrigt sich nicht. Dann sagte ei:Mein Herr, Sie würden mir einen großen Dienst erweisen, wenn Sie mir ein wenig Geld gaben." Oder:Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir ein wenig zu Hülfe kämen." Man sieht cs diesen Leuten an, daß sie trotz ihrer Armuth keinen Augenblick anfgehpet haben, sich als Deines Gleichen zu betrachten. Im Allgemeinen aber greifen diese hulfslofen Wesen zu irgend einer Industrie, sie verkaufen Bleistifte, Papier oder Zündhölzchen, sie verlassen sich auf die Menfchenkenntniß der Vorüber- - gehenden, die errathen müssen, daß es sich hier bloß