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21S Wiesbaden. Sonntag, 14. September 1S51.
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Wir!
O Unter diesem stolzen Titel bringt die Kolatscheksche deutsche Monatsschrift von Reinhold Solger einen Aufsatz, der manchem unserer Partei paradox erscheinen dürfte, aber so viel Wahres und Schlagendes enthält, daß wir einige Bruchstücke daraus zum Nachdenken vorzulegen uns nicht enthalten können:
„Die Amerikaner sind die Republik! Die Männer, welche die Unabhängigkeitserklärung machten, waren Männer, welche gar keinen andern Gedanken fassen konnten, als daß der Selbstgennß von Leben, Freiheit und Glückseligkeit ihr unveräußerliches Recht sei. Dieser Gedanke war in ihrem Charakter, in ihren Sitten, in allen ihren Handlungen. Als man daher Washington die Annahme der Krone insinuirte, so begriff er den cäsarischen Ehrgeiz, der zu seinen Gunsten agitirte, gar nicht, als in dem Sinne eines verbrannten Gehirns oder eines verdorbenen Herzens. Der Satz, daß die Regierung nichts weiter bedeute, als den Bürgern die Ausübung ihrer Selbstheit zu sichern, erschien ihm selbstverständlich, und der Gedanke, um seiner selbst willen andere Menschen regieren zu wollen, einfach als eine Niederträchtigkeit. Seiner eigenen Selbstständigkeit eben so frei zu genießen, war ihm der Gipfel der Glückseligkeit (wie in ,6er That Glückseligkeit nur der Name für diese Sache ist), und als daher sein Amt als General die Bedeutung, den Mitbürgern die Ausübung ihrer Rechte zu sichern, verloren hatte, so hörte das Generalswesen auch für ihn selbst auf, etwas zu bedeuten, und er konnte nicht eilig genug zu seiner Landwirthschaft zurückkehren.
„Man muß solche Charaktere in's Auge fassen, um sich der sittlichen Verlumpung ganz bewußt zu werden, welche in dem Gewinner eines Volkes um die Erfüllung von königlichen Verheißungen liegt. Man denke sich einen Augenblick, Washington hätte die Krone erobert — man denke Ich in der Stadt, die seinen Namen trägt, einen Hof. Statt des stolzen Genusses seiner bürgerlichen Kraft — den Stolz, eine Livree zu tragen; statt Herr in seinem Hause - Bedienter am Hofe; statt arbeitsamer Bürger stehende Heere, Bestechung der Freisinnigen, Unterdrückung der Unbestechlichen, Belohnung der Feilen, eine hämische Presse, welche die Mannhaftigkeit brandmarkt und ihre Thaten nach dem Richtscheit der offiziellen Moral entstellt, welche die Niedrigkeit und Heuchelei, die Feigheit und Halbheit in den Himmel erhebt und den moralischen Sinn Aller vergifiet. Daun Entrüstung, Empörung, Revolution, blutige Rache; eine Armee in der Hauptstadt, Armeen in den Provinzen; Verträge mit Kanada und Mexiko, mit Spanien, England und Brasilien, mit Frankreich, Rußland und China, zum Verderben des inneren Auf- 'chwungs, der Blüthe und Macht des Volkes, damit die Ruhe erhalten und das monarchische Prinzip gerettet werde!!"
„Das Leben ist deswegen so schwer in Gedanken zu fassen, weil es dahin rollt, wie der Strom, und wenn wir die Farbe seiner Welle eben in den Pinsel genommen haben, so ist sie schon wieder in eine andere und in wieder eine andere gewechselt. Alles ist flüssig. Wir aber greifen einen blendenden Gedanken heraus, machen ihn zu unserm Grundsätze und gründen darauf ein consequentes System, welches nicht consequenter sein kann, aber sich von dem Leben in demselben Maße immer weiter entfernt, als es immer consequenter wird.
„Und so treiben wir es etwa nicht bloß in unsern Büchern, sondern auch in unsern Handlungen. Unsere Politik ist so abstrakt, wie unsere Wissenschaft. Wir sagen politischen und socialen Einrichtungen nach, wodurch das Volk frei und glücklich werden soll. Wir gehen auch wohl Riefer zurück auf die Erziehung, in- dem wir aber darunter nur die Bekehrung zu unsern Ideen über dieselben Einrichtungen und zum Haß gegen die entgegengesetzten verstehen. Wie jeder in seinem Hause lebt; ob er in seinem Umgang, seinem Beruf, seinen Erholungen, seinen Genüssen frei ist, das ist uns gleichgültig; die sociale Demokratie wollen wir errichten, aber uns selbst zu Socialdemokraten zu biU ben das wäre zu mühsam: oder wir verstehen unter dieser Bildung eine immer größere Vertiefung in die abstrakte Lehre; im besten Falle eine lächerliche Einführung willkürlicher Formen des Benehmens, die man aus Gott weiß, welchem Grunde für demokratisch halt. So' ist die Demokratie schon zur Phrase geworden, ehe sie nur den ersten Anfang zu ihrer Realisation
überwunden hat, alt schon in den ersten Stadien ihrer Kindheit, eine neue Art der Unfreiheit und der Aristokratie schlechtester Art, ohne noch einmal die alte erschüttert zu haben."
„Was hassen wir denn an der Aristokratie? Daß gewisse Leute in Schlössern wohnen, Burgunder trinken und sich auf Gemälde verstehen? Es gibt unter tausend Demokraten nicht einen, der nicht dasselbe möchte, und der Eine, der Puritaner, hat es nur der Unvollständigkeit seiner Organisation oder Bildung zu verdanken, daß er die gröbern Genüsse den feinern vorzieht, oder daß er dem Genusse überhaupt den Stab bricht. Der Genuß kann unsittlich, die.puritanische Strenge kann sittlich sein, aber gaih^ eben so gut auch umgekehrt. Sittlichkeit und Unsittlichkeit, Aristokratie und Demokratie unterscheiden sich nicht hierdurch, sondern durch etwas ganz Anderes, oder so weit sie sich hierdurch unterscheiden, will ich es nur ganz unumwunden sagen, daß ich meinestheils entschiedener Aristokrat bin. Ich rauche lieber eine gute Havannah, als stinkigen Knaller, lese lieber Göthe'sche Romane, als demokratische Novellen, und wenn mich einer fragt, ob ich lieber ein Stümper sein will oder ein Virtuos, so ziehe ich unbedingt das letztere vor. Wenn übrigens jemand sich auf den umgekehrten Geschmack etwas zu Gute thut, wie es Leute gibt, die mit einer gewissen Renommage das Unschöne und Bor- nirte an ihrer Existenz herauskehreu, so will ich mit ihm über den Geschmack nicht streiten; aber indem er der gröbern Existenz vor der feineren den Vorzug zuerkennt, proklamirt er eben nur die Aristokratie der Grobheit.
„Was mich an der Aristokratie beleidigt, ist nicht der Genuß, nicht die Verfeinerung, nicht die Entwickelung der humanen Kräfte, sondern der Mangel an Genuß, der S t i l l st a n d der Verfeinerung, die V er st e i n e- ru n g der Humanität. Alles bei ihr ist Tradition, ihre Existenz treibt keine neue B.aehen mehr, oder wenn sie neu sind, so sind sie künstlich getrieben ohne Frische. Es wurde schon zu Ende des vorigen Jahrhunderts bemerkt, daß die vornehme Gesellschaft insipid und en- nüyant wäre. Nichts desto weniger hat die vornehme Gesellschaft seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts fortgefahren, sich auf der Grundlage der am französischen Hofe erfundenen Formen immer insipioer und ennuyanter zu entwickeln. Der Frack und der Cylinder, die jährliche Qual durch Verlängerung oder Ver- kürzerung der Taille, durch einen höher» oder niedrigern Kragen, durch die Abwechselung von Braun zu Blau od^r zurück von Blau zu Braun in die todte Mode einen Schein von Erfindung zu gießen; die Bestimmung der Visitenstunde von 11 Uhr Vormittags bis 5 Uhr Abends, die Umgestaltung der Visitenkarte von Gold- und Blumenrand bis zum einfachen Weiß mit weißem Druck, von groß zu klein und von klein zu groß, von ungebogener Ecke zurück zu ungetrübter Glätte; dann die Gesellschaften, welche mit Charaden- anfführen, Deklamiren, Lesen mit vertheilten Rollen rc. verzweifelte Anstrengungen gemacht haben, sich zu beleben, und sich endlich mit Resignation in den einfachen Theeklatsch haben ergeben müssen; dann der Ball mit seinem fürchterlichen Schweiß und seinem greisenhaften Phrasengedrechsle unter jungen Seuten; dann die große Oper mit ihren abgebrauchten Motiven und ihrem kindischen Tert: — - ich verlange von der Kunst, daß sie die Seele hoch und gewaltig stimme; ich verlange vom Umgang, daß er den Menschen erheitere, anrege, liebenswürdig und human mache; und wenn diejenigen, welche an Ter Spitze der Gesellschaft stehen, sich weder eine solche Kunst, noch eine solche Gesellschaft mehr zu schaffen wissen, wenn sie schön finden, was viel Geld kostet, und die Gesellschaft liebe», weil sie destinguée ist, so ist es hohe Zeit, daß die unterste Schichte des Volkes--selbst neue Lebensblüthen treibe, damit die aristokratische Verwitterung von der Oberfläche sich nicht allmälig in die Tiefe ziehe.
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„Es ist nicht wahr, daß das Volk neidisch ist. Zu allen Zeiten hat es sich an dem Glanze und dem Genusse seiner Aristokratie, als wäre es sein eigener, geweidet und seinen Hunger über dem Vergnügen seiner Vornehmen vergessen. So lange es fühlt, daß die Vergnügungen einen Sinn haben, daß sie die Schöpfung eines wahren Lebensdranges sind, so lange ergötzt es sich mit unbefangener Gulmüthigkeit und Bewunderung an dem Glücke der Begünstigten, ohne nur zu fragen, was es ihm selber kostet. Aber zu sehen, daß sich die
Leute von uns abschließen, blos um sich zu langweilen und unsern Schweiß verprassen, blos um sich.. abzuschließen , — daö hat gar keinen Sinn, das ist die reine kalte Vergeudung unserer Kräfte, rein empörend!
„So lange die Aristokratie voll eigener Lebenskraft ist, so lange ist sie, statt abzustoßen, von überwältigender Anziehungskraft. Jeder sucht ihr so nahe als möglich zu kommen. Lassen wir hier alle demokratische Theorie und halten uns an unsere wirkliche Natur. Die Gesellschaft, die Wissenschaft, die Kunst, das Her; schaffen sich ihre Könige selbst, so gut wie der Staat. Ein Mädchen ist schöner, graziöser, liebenswürdiger, seelenvoller, als die andere. Soll sie deshalb an die Laterne? Wenn sechs Menschen zusammen um einen Tisch sitzen, so wird es Haupt- und Nebenpersonen unter ihnen geben, sei es durch Lebhaftigkeit, Geist oder Charakter; Knaben können sich nicht mit Männern messen, Schwachköpfe nicht mit Leuten, die wissen, was sie wollen. Wenn wir ihre Gleichheit auch dekretiren, so werden sie dadurch doch nicht gleich. Alles das sind alte Geschichten, ich weiß eS recht gut; aber desto weniger sollte man sie vergessen.
„Was will ich also? Die rechte Mitte, nach dem Prinzip des Herrn von Raumer, der, wenn einer behauptet, Berlin läge am Nordpol und ein anderer, es läge am Aequator, unfehlbar entscheiden würde, eS liege am Wendekreise des Krebses? Nein, ich will weder Rechts noch Links, noch die Mitte, ich will überhaupt keine Mechanik, wenn ich von Menschen spreche, sondern ich w i l l T r i e b, Entwicklung, S p o n- taneitât, Initiative, oder, wie man es nennen mag — kurz, ich will Kraft, Seele, Leben, — ich will dsse Freiheit. (Forts. folgt.)
Asstfenverhandlungen zu Wiesbaden. •
Anklage gegen Conr. Aug. Christian Anto» von Egenroth, wegen Brandstiftung.
Z^ Wiesbaden, 11. Sept. Präsident: Hofgerichtsdirektor Flach; Staatsanwalt: Substitut Moriz; Vertheidiger: Prokurator Cramer.
Der Angeklagte befand sich bei Nagelschmied Anton Diefenbach 4r. zu Niedermeilingen in der Lehre. Am 13. Juni 1851 begab sich dieser des Morgens in Geschäften nach Strüth. Seine Frau entfernte sich nach dem Mittagessen auf eine Viertelstunde, um auf der Wiese nach ihrer Wäsche zu sehen und ließ ihr 3 Monate altes Kino zu Hause in der Wiege liegen. Der Angeklagte, welcher keine bestimmte Arbeit hatte, beschäftigte sich im Hofe mit Holzkleinmachen. Nach dem Abgang der Frau begab er sich ins Haus, nahm von den auf dem Kessel in der Küche in einem Schächtelchen befindlichen Streichzündpölzchen zwei zu sich uns ging auf den Speicher, woselbst er dieselben anzündete und damit das innen mit Lehm beworfene Swohdach, aus dem einige Halmen hervorragten, ansteckte. Der Rauch des dadurch erzeugten Feuers wurde alsbald wahrgenommen und auf den Ras: „Feuer!" wurde dasselbe in Kürze durch nachbarliche Hülfe gelöscht. Diefenbach war auf dem Rückwege bereits vor dem Dorf, als er ebenfalls den Rauch bemerkte und sich eiligst nach Hause begab, wo er seine Nachbarn sch n mit dem Löschen beschäftigt fand. Da die Dächer or ‘ beiden Nachbarhäuser ebenfalls von Stroh sind und das Kind der Eheleute Diefenbach allein im Hause sich befand, so hätte der Brand böse Folgen haben können. — Nachbar Gerhard Blaß und dessen Frau entv ck- ten den Rauch zuerst und liefen in das Haus, wo sie den Angeschuldigten im Hofe bemerkten und ipn au - forderten, nach Hülfe zu rufen, dem er aber keine Folge leistete. Dem Bürgermeister Butschbach versicherte er, nicht Urheber deS Brandes zu sein; während er unmittelbar darauf dem Leprer Fischer das Verbrechen eingestand.
In der Voruntersuchung gab der Angeklagte als Motiv an, er habe sich durch den Brano von seinem Meister wegschaffen wollen, da er erstens zu schwach als Nagelschmieb und dann von seinem Muster auch sch. n mißhandelt worden sei. Heute leugnet er dies und >v> iß nicht, wie er dazu gekom nen ist. Bezüglich der n6 Verbrechen begleiteten Umstände beharrt er trotz m,ha- facher Fragen auf hartnäckigem Snllschweig.ii. Ec wird von dem Bürgermeister und Lehrer seines Heimathortes als ein boshafter, eigensinnig r Junge be-