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Freie Zeitung.

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^ 2X7« Wiesbaden Samstag, 13 September 1&O.

Diegttle 3eUunß" rrschitiit, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Adonnemenlöprets beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden t fl. 45 ft., auswäns durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Er­folge. Die Jnserationâgebü-ren betragen für bis vierspaltige Petitzetle 3 fr.

Wie man in Paris für die Ruhe Europas sorgt.

X Wenn Jemand in Europa Ursache hätte, das Asylrecht zu ehren, so wäre es Louis Napoleon, der­selbe Mensch, der lange Jahre empfunden hat, was es heißt in der Verbannung leben. Und wenn einer Gnade für Recht ergehen lassen müßte, so wäre es wiederum dieser Mensch, der wiederholt Attentate gegen Frankreichs Ruhe machte und sich in Unternehmen ein- ließ, gegen welche die Tollheiten derer, die Herr Car- Her so schonungslos verfolgt, nur Kleinigkeiten sind. Doch auch um diese Erfahrung mußten die Volker reicher werden, sie mußten sehen, daß die absolutesten Höfe es für keine Herabwürdigung halten, sich mit einem notorischen Abenteurer und Aufrührer einzulas- sen, sobald derselbe sich zur Knechtungsmaschine her- giebt und Verrath gegen die Völker spinnt. Das Frohs- dorfer Höfchen, das sich so breit mit seiner Reinheit macht, der Graf Chambord, den seine Getreuen so gern den Prinzipmenschen (shoinme principe) nennen, hat sich mit dem Napoleoniden, mit dem Hoch- verräther vonStrasburg undBoulogneeingelassen. Und nicht minder als Jesuiten und Legitimisten für ihn agitiern , steht der russische Gesandte so intim mit ihm, daß eS nicht auffirl, als neulich dieKöln. Zeitung" meldete, Louis Bonaparte unterhalte einen sehr leb­haften Briefwechsel mit dem Kaiser von Rußland. Eben so hat es längst geheißen, Oesterreich habe sei­nen Gesandten angewiesen, Louis Bonapartes Kandi­datur nach Kräften zu unterstützen. Die Anzeichen der Verbindung des Elysee mit den drei nordischen Mächten sind so weltbekannt und von der republikani­schen Presse so oft aufgedeckt worden, daß die Diplo­matie es jetzt für gerathen findet, sich etwas zurück­haltender zu zeigen, damit die französische Nation nicht noch mistrauischer werde. Die neueste Manteuffelsche Lith. Cor." behauptet, die nordischen Gcsandschaften hätten die gleiche Ordre erhalten,sich zunächst (d. h. doch wohl 'nur, bis man sicherer den Erfolg ermessen kann) den verschiedenen Kandidaturen gegenüber mög- I ich st (!) passiv zu verhalten; der russische Gesandte sei sogar angewiesen worden, seinen etwas zu ver- trauten Verkehr mit dem Elysee zu mäßigen." Aber dieselbe Lithographie gibt zu:Nichts desto weniger aber herrscht zwischen den hier genannten Legationen und dem gegenwärtigen französischen Gouvernement in anderer Beziehung ein vertrauter Verkehr; man ist nämlich übereingekommen, sich gegenseitig von allen Entdeckungen revolutionärer Propaganda Kunde zu geben." Sollte dieses Nebercinkommen aber wohl erst von gestern her datiren? Nicht blos die drei nor­dischen Mächte nein, nicht minder die Völker Europas haben ein Interesse daran, daß die jetzige Entwicklung eine gründliche werde; ja die Demo­

kratie hat wo möglich ein noch lebhafteres Interesse, daß der jetzige Gang der Ereignisse nicht durch Putschversuche, die nie etwas genützt, wohl aber dem Volkswohle stets geschadet und den Sieg des ge­sunden Fortschrittes verzögert haben, unterbrochen werde. Aber sind die neuesten Maßregeln Carliers nicht gerade geeignet, eine Masse von Menschen, die muthwillig aufs Pflaster geworfen werden, zu den tollsten Unter­nehmungen zu treiben? Carlier will die Fremden aus Frankreich los sein. Eine Masse Fremder wird ohne Weiteres aufgegriffen, eingesteckt und eben so ohne Wei­teres wieder entlassen, doch mit der Weisung, Frank­reich binnen acht Tagen zu verlassen. Es befinden sich Arbeiter darunter, die zehn, ja andere, die 28 Jahre in Paris wohnen! Was soll aus ihnen wer­den? Und am 9. September ordonngnzirt Carlier: In Anbetracht des Gesetzes vom 12. Mesidor des Jahres VllL Art. 5; in Anbetracht des Gesetzes vom 31. Nov. 1849; tn Anbetracht, daß sich gewisse Fremde verbo­tenen Manövern hingegeben k. wird hiermit ver­ordnet: Art. 1) In Zukunft muß jeder Fremde, der nach den Departements der Seine kommt, um daselbst zu residiren oder ein Gewerbe zu treiben, sich binnen drei Tagen nach seiner Ankunft auf der Polizeipräfec- tur melden, um, wenn es statthaft ist, einen Aufent- haltSschsin zu erhaltest. Diese Verfügung findet keine Anwendung auf die Geschäfte oder ihres Vergnügens halber reisenden Personen, welche Paffe ihrer Regie­rungen, mit den gehörigen Visa's versehen, besitzen. 2) Die gegenwärtig in Paris verweilenden Fremden, die sich in den oben angegebenen Ausnahmefallen be. finden, müssen sich binnen 8 Tagen auf der Polizei- präfeetur melden. 3) Jeder Fremde, der diesen Ver­fügungen zuwider handelt, wird aus Frankreich ausge­wiesen werden. Gesehen und gebilligt, der Minister des Innern, Leon Fancher. Der Polizeipräfect, C a r l i e r."

Die Zahl der in den Seinedepartements residiren- den Fremden beträgt über 150,000, von denen über die Hälfte Deutsche sind. Alle diejenigen, welche der Polizeipräfektur nicht gefallen, erhalten keinen Aufent- haltSschein und werden auf den Schub gebracht. Diese Maßregel, so unscheinbar sie ausfieht^. Hat in Paris großes Aufsehn gemacht und wird mit Recht sehr verschiedenartig beurtheilt. Vielen Tausenden von Arbeitern hängt das Damoklesschwert über dem Kopfe, viele Tausende werden fortgetrieben; denn wer die Arbeiterverhältnisse in Paris kennt, wird wissen, daß jeder, selbst der Fleißigste, in jedem Jahre mehrmals in Folge der vielen Arbeitsferien in die Lage kommen kann, ausgewiesen zu werdenaus Mangel an Eristenzmitteln." Europa wird also mit einer Masse gemachter Proletarier überschwemmt, mit einer Masse verlorener Leute" und das nennt man, für die öf­fentliche Ruhe sorgen!

Asfifenverhandlungen zu Wiesbaden.

Anklage gegen die Ehefrau des Eisenbahn- aufsehers Keil von Hattersheim, wegen

Meineids.

^^ Wiesbaden, 11. Sept. Präsident: Hofgerichts­rath Trepka; Staatsanwalt: Substitut Flach; Ver­theidiger: Prof. V. Eck.

Am Abende des 4. Mär; d. J. wurde aus dem Magazin der Eisenbahnstation zu Hattersheim ein Fäß­chen Cognac und ein Ballen Hopfen mittelst Einstei- gens entwendet. Der Verdacht fiel alsbald auf meh­rere Eiseubahnarbeiter. In der namentlich gegen An­ton Kordai und Andreas Jost von Geisenheim einge- leiteten Untersuchung wurde die Angeklagte am 9. Mai 1851 bei H. Justizamte zu Höchst eidlich vernommen, und deponiere Folgendes:Sie sei zwischen 7 und 8 Uhr nach dem Gasthause zum Schützenhof gegangen, um für ihren kranken Mann Wein und Selterser Wasser zu holen. An diesem Hause, angekommen, habe sie auS dem nahe babe£ gelegenen Eisenbahnhofe ein Gespräch vernommen. Sie sei näher an das Geländer getreten und habe gehört, wie einer, an dessen Stimme sie den Anton Kordai erkannt haben will, einen andern, den sie für Andreas Jost hielt, gefragt habe: Hast Du's? worauf dieser erwiederte : Nein, ich kanns nicht nehmen; dem wieder jener entgegnete: Warte, wenn ich zuge- macht habe, komme ich hinüber und nehme es. Um zu beobachten, was es weiter gäbe, sei sie (die Ange­klagtei hinten herum auf den Weg gegangen und habe» sich auf einen Acker hinter einen Birnbaum gestellt. Die bei­den Diebe seien alsbald 10 Schritte entfernt von ihr vorübergegangen und es hätte der eine ein Fäßchen, der andere einen Pack auf dem Rücken getragen. Sie wären über einige Aecker nach der Hofraithe des Va­ters des Andr. Jost geschritten und hätten das Fäßchen und den Bündel über die Mauer geworfen, worauf der Hund gebellt und die Magd des alten Jost im Hofe gerufen habe: was gibts? Es sei hierauf Kordai über die Mauer gestiegen, wohin aber Jost sei, habe sie nicht bemerkt. DeS andern Morgens sei A. Jost mit dem Fäßchen in das Gasthaus zur Krone gegan­gen." Die beiden Beschuldigten Kordai und Jost waren vom 17. bis 24. Mai inhaftirt und haben wäh­rend dieser Zeit durch viele Zeugen nachgewiesen, daß sie an jenem Abende anderswo beschäftigt waren und unmöglich jenen Diebstahl verübt haben könnten. Die Untersuchung wurde daraufhin niedergeschlagen, diesel­ben ihrer Haft entlassen und nunmehr gegen die Ehe­frau Keil wegen ihrer allein stehenden und deshalb un­glaubwürdigen Aussage eine Untersuchung wegen Mein­eids eingklcitet.

Aus dem Zeugenverhöre heben wir kur; hervor: Ferdinand Schott, zu jener Zeit Elsenbahnkassirer zu Hattersheim, deponier: er sei an fraglichem Abende bereits um 6 Uhr nach Weilbach gegangen und habe

Ein Patriarch.

» Der Aeltermann Haase, dieser fromme Pharisäer und Spitzbub en gros und en deteil, ist noch immer Gegenstand der Besprechungen in norddeutschen Kreisen. Der Fall wirft allerdings ein grelles Licht auf die mit Frömmigkeit überfirnißte Frivolität, die in deutschen Landen jetzt wieder so sehr kultivier wird. Man höre was dieKöln. Z." schreibt:

Heinrich Engelbert Haase, gegenwärtig 68 Jahre alt, wurde als 5jährige Waise eines kleinen Kaufmanns in Bremen von einem nahen Verwand­ten seiner Mutter an Kindes Statt angenommen und erzogen. Dieser Mann, Namens Geisler, nahm ihn später als Associe in sein Geschäft, und nach dessen 1806 erfolgtem Tode setzte er dasselbe in Gemeinschaft mit der Wittwe Geisler fort, bis es etwa in den 20er Jahren erlosch, weil Haase als reicher Rentier es auf­gab. Haase war einer der geachtesten Männer in Bre­men; er war Schloßherr, Bauherr in St. Stephani, Verwalter des Schulfonds, der Missions- und Bibel, qesellschaft, der großen Sohling'schen Stipendien und Administrator des Vermögens vieler Wittwen und Be­wahrer von Ersparnissen, besonders von Personen des Mittelstandes; außerdem war er Mitglied der ersten und wichtigsten Deputationen, ;. B. der Kriegssteucr und auch der Regierungskommission. Er machte den

Eindruck der gediegensten Wohlhabenheit und der ge­wiegtesten Rechtschaffenheit, war überaus wohlthätig sowohl öffentlich als privatim. Niemand bat ihn um­sonst, er gab immer sehr reichlich. Dienstfertig in ho­hem Grade, war er immer derjenige, dem jeder, der mit ihm bekannt war, bei etwaigen Reisen und Ab­wesenheiten seine Obliegenheiten gern anvertraute. Denn was Haase in Händen hatte, war ja sicher aufgehoben. Er heirathete 1813 eine Stallforth aus alter bremi­scher Familie; die Frau starb aber schon 1814 im er­sten Wochenbette. Seit 1830, in welchem Jahre er die Wittwe Geisler mit 80,000 Thalern beerbte, war er Aeltermann. Eine gewisse Geckenhaftigkeit er trug z. B. Juwelen und Spitzen, was sonst hier Nie­manden einfällt, und wandte allerlei Mittel an, sein Alter zu verbergen wurde bei ihm nicht gerügt, weil er zu hoch in der allgemeinen Achtung stand. Niemand wagte über Aeltermann Haase auch nur im Entferntesten zu spötteln; er stand über allem Urtheil fester und sicherer, als irgend Jemand in Bremen. Mit großer Gastfreiheit sah er wöchentlich vornehme Gesellschaft, Herren und Damen, bei sich, und es war eine Auszeichnung, von ihm eingeladen zu werden. Bei seinen Diners herrschte ein solcher Lurus, daß der­selbe nur dem reichen kinderlosen Manne verziehen wurde. Diese Rolle spielte er seit 1806; er schien ein vollendeter Ehrenmann, er war aber schon seit 1806 auf unredlicher Bahn. Gleich in dem ersten Jahre

seines Etablissements verhandelte er einen großen Theil des Vermögens der Wittwe Geisler und hinterging die Frau mit falsch geführten Büchern, indem er Sum­men als vorhanden angab und verzinste, die lange nicht mehr existieren. Bei dem vermeintlichen Antritt der Geisler'schen Erbschaft zahlte er dem Scaate die Steuer derselben mit 8000 Thalern, obgleich das Ver­mögen gar nicht mehr da war. Diese Summe ward schon mit öffentlichen Geldern bezahlt, die er seit die­ser Zeit für sich verbrauchte, verschlemmte und ver­schenkte. Eine Uebersicht der veruntreuten Gesummt- Summe liegt noch nicht klar vor. So viel ist aber gewiß, daß dem Schulfonds über 100,000 Thaler fehlen, die Sc. Stephunskwche die er Sonntags zwei Mal bemale 8000 Thaler und die MgsionS- Gesellschaft 9000 Thaler verlieren. Bei jährlicher Rechnungs-Ablage seiner verschiedenen Sassen legte er seine bis zur Aengstlichkeit genau geführten Bücher vor, gab hin und wieder durch voetheilhafte An- und Ver­käufe von Werthpapieren die verschiedenen Vermögen als vergrößert an, und bot oftmals mit der größten Ruhe den Revisoren die Durchsicht der angeblich ü den verschiedenen Schranken u io eichenen Kisten auf­bewahrten Dokumente an. Natürlich hielt es Jeder für die größte Beleidigung des trefflichen Rechnung) führèrs, auf ein solches Anerbieten eluzugehen. Um Die Ehre Bremens zu retten, haben mehrere Männer 10,000, ja 20,000 Thaler hergeben wollen, die Sache zu UN-