Einzelbild herunterladen
 

JE 212 Wiesbaden Sonntag, 7. September Ih^i

DieFreie Zeit ung" «> sch, int, mit Ausnahme des Montags, täglich in «mein yogen. Der AdonlieinemSpretS beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden I fl. 45 h., auüwär s durch dir Post bezogen mit verhältnlßmäßtgem Aufschläge. Inserat« werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Berbrettung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Er­folge. Die JnserationSgebübren betragen für die Vterspalt ge Petitzetle 3 kr.

soffen und Harren" u. s. W.

*Ein solcher Glaube ist noch nicht gefunden wor­den!" So ruft dieKölnische Ztg." staunend über den Glauben derAgsb. Allg. Ztg." zu Oesterreichs konstitutioneller Entwicklung aus. Freilich hat dieses Blatt fortwährend gegen die Ungläubigen gepredigt, die noch immer das neue wi-dergeborne Oesterreich verwechselten mit dem alten des Fürsten Metternich;" und nun ?Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen wir erwarten es von den vereinigten Anträgen des Neichsraths und des Ministeriums!"" predigt auch jetzt noch die gläubigeAgsb. Allg. Ztg.", worauf dieKöln. Ztg." schlagend bemerkt, dieAgsb. Allg. Ztg." denke mit Pitt: Ein großer Geist hofft immer! und sie gleiche darin nicht dem Stuhle Salomos, auf welchem die Weisheit sitze, sondern dem Stuhle des Lordkanzlers: denn man mag einen Wollsack stoßen oder treten, wie man will, er kommt immer wieder in die vorige Lage; so ist denn auch bereits dieAgsb. Allg. Ztg." wieder in der Lage, auf Oesterreich zu vertrauen." DieAgsb. Allg. Ztg." wurde nie treffender charakterisirt Doch was hofft dieKöln. Ztg.", deren Glaube in Bezug auf Preußen kaum geringer war, als der jenes Blattes auf Oesterreich?In diesen Tagen", schreibt sie, wo der König von Preußen und der Kaiser von Oester­reich mit ihren Ministerpräsidenten in Ischl zusammen- treffen, lenken sich unsere Blicke unwillkürlich auf Oesterreich. Es wird sich bei den Besprechungen um die innere Entwicklung beider Staaten handeln. Hier hat Preußen einen großen Vorzug; denn Oesterreich tritt erst jetzt auf den Standpunkt, welchen Preußen bereits hinter sich hat: den des aufgeklärten Absolutis­mus. Es kann (?) über diesen Standpunkt nicht hinaus; es kann es weder zur Constitution, noch zur Centrali­sation bringen und muß notgedrungen (?) sich mit pro­vinziellen Einrichtungen begnügen. Preußen dagegen kann und muß bei seiner weitgekehnten Lage sich mög­lichst concentriren, und ist auf ein freies Verfassungs- leben hiugewieseu. Möge es diesen hohen Vorzug auf. merksam hüten! Oesterreich spielt gegen uns den Fuchs, der seinen Schwanz verlor und nun den Anderen einreden lnöchte, auch des ihrigen sich zu entledigen." Bravo! Doch die südwestdeutschen Staaten sind grade so um einen Schritt weiter, als Preußen im Vergleich zu Oesterreich: spielt Preußen gegen sie nicht in Oester­reichs Gefolge gleichfallsden Fuchs, der seinen Schwanz verlor und nun den Andern einreden möchte, auch des ihrigen sich zu entledigen?" Jedenfalls klingt es wun­derbar, wenn dieKöln. Ztg." nach ihren neuesten Erfahrungen noch auf Preußensfreies Verfassungs­leben" hofft. DasHoffnung, Hoffnung immer grün!" ist nicht blos die Wollsacksmarime der augendienerischen Gesinnungslosigkeit derÄugsb. Allg. Ztg.", sondern sie war leider von jeher die Politik der gesummten so­genannten konstitutionellen Partei" in Deutschland überhaupt. Wir sagen dersogenannten", denn das Mistrauen, das nichts glaubt, was es nicht mit Zahlen belegt siegt, und der Zweifel, der nichts im Staatshaushalte ungeprüft znläßt sie sind es eben, welche den wahren Dom falschen Konstitutiona­lismus unterscheiden.Immer gehofft!" lautet die De­vise der Gothaer; die der Wahrhaftkonstitutionellen in England wie überall dagegen lautet:Thu die Augen auf; laß dich nicht bethören, laß dich nicht verblüffen!"

Deutschland.

s* Wiesbaden, 6. September. Der Postvertrag mit Nassau soll endlich, laut Berliner Blättern,so gut wie abgeschlossen sein"; die Verhandlungen mit Braunschweig und Oldenburg dagegen sind noch keines­wegs zu Aussichten auf baldigen Erfolg gediehen. Es ist sehr zu biklagen, daß in dieser Sache, die dem Publikum so theuer zu stehen kommt, der Partikularis- mus sich so zäh zeigt. Wäre man doch mit Annahme der österreichischen Danaergeschenke auch so zäh.

Worms, 2. Sept. (Mrz. Abdp.) Gagern hat gestern sein Gut in Monsheim nebst allem Zubehör für 153,000 fl. au Rentner Ernst in Worms ver­kauft, und will, wie man sagt, aüswandern.

Kassel, 3. September. Glaubhafter Nachricht zu­folge ist dem gewesenen Bezirködirektor zu Hersfeld, jetzigem Mitglied der Generaldirektion für den Staats­

eisenbahnbau, v. Benning, nunmehr auch das Urtheil zweiter Instanz in der gegen ihn anhängigen kriegsge­richtlichen Untersuchungssache verkündigt worden. Das kriegsgerichtliche Erkenntniß ist bestätigt. Die Voll­ziehung der vom permanenten Kriegsgerichte ausge­sprochenen Strafen erfolgt auf der Bergfestung Span­genberg, und zwar regelmäßig alsbald, nachdem die Erkenntnisse die Rechtskraft beschritten haben.

Hannover, 2. Sept. DieZeitung für Nord­deutschland" sagt:Wir haben allen Grund anzu­nehmen, daß bereits sämmtliche Organisationsgesetze unterzeichnet sind und die Ausführung, auch der Justiz- organisationen, in allernächster Zeit zu erwarten ist. Was das Juslebentreten des jetzt publicirten Gesetzes betr fft, so ist es freilich richtig, was dieHann. Pr." bemerkte, daß dasselbe vom Tage der Publikation an gillig ist, da kein Termin Vorbehalten ist; allein zur wirklichen Ausführung desselben bedarf es bekanntlich noch der Feststellung der einzelnen Provinzialverfassungs­urkunden, welche zwar nach § 41 des Gesetzes die Regierung sofort zu erlassen befugt ist, worüber indessen nach mehrfachen Andeutungen derselben die Provinzial­landschaften vorerst noch gehört werden sollen." Der Mitarbeiter an derNiedersächsischen Zeitung", Herr Gittermann, ist nach einem Stadtgerüchte in Folge eines Conflicts mit einer Militärperson verhaftet worden.

Hannover, 3. September. Den Mitgliedern des hiesigen Centralbureaus der norddeutschen Arbeiterver­eine, welchen vor einiger Zeit verschiedene auf die Ar- beitervereinigung bezügliche Papiere durch das Gericht abgenommen waren, sind dieselben sämnitlich wieder zurückgegeben, ohne daß weitere Untersuchungöpandlu.i- gen gegen die von dieser Maßregel Betroffenen einge­leitet worden sind.

Nürnberg, 3t. August. (D. Allg. Ztg.) In die­sen Tagen sind wieder zwei interessante Negierungs­reskripte erlassen worden. Das erste, welches unmittel­bar vom Staatsministerium der Justiz ausgeht, schärst den Staatsanwaltschaft?!' größeren Eifer in der Ueber« wachung der Presse ein. Sie sollen Die einzelnen Ueber - tretungsfälle nicht als Juristen, sondern lediglich als Berwaltunstsbeamèe auffassen, und demgemäß, mit den gegen die Presse einschreitenden Polizeibehör­den in größerem Einverständniß verfahrend, auch dann eine Untersuchung bei dem zuständigen Gerichte bean­tragen, wenn sie die Einleitung einer solchen für un­wahrscheinlich halten sollten. (!!?) Das zweite Reskript, von der Kreisregierung ausgegangen, ist ledig­lich an das hiesige Gymnasium gerichtet. Es verweist dem Lehrerkollegium seine mißliebige, regierungsfeind­liche Haltung, fordert die mit den Regierungsgrund- sâtzen nicht einverstandenen Lehrer auf,als Männer von Ehre" ihre Stellung aufzugeben, tadelt das vor einem Jahre noch bei einzelnen von ihnen vorgekom­menen Tragen von sogen. Blum hüten aufs strengste re. und führt endlich Beschwerde darüber, daß das Colle­gium für die im vorigen Jahre (durch Beschluß der Kammern) eingetretene Verwandlung der Funktionsbe­züge in Staudesgehalt nicht einmal seinen Dank aus­gesprochen habe. Das Collegium hat nun diesen Dank noch nachträglich der Regierung Übermacht. Dem Rek­tor deS Gymnasiums ist schließlich aufgegeben, die Hal­tung seiner Kollegien in Beziehung auf Politik, Reli­gion (d. i. Kirchenbesuch) u. s. w. aufs sorgfältigste zu überwachen und regelmäßige Gesinnungs- berichte einzusenden (!).

Ulm, 4. Sept. (U. Schnllpst.) Der Telegraphen­dienst soll auch noch eine weitere praktische Bedeutung erhalten. Wie wir aus einer Regierungsanzeige er­sehn, haben nämlich sämmtliche Telegrap^enstationen die Weisung erhalten, Feuerberichte, welche von Orts- Vorstehern und Oberämtern aufgegeben werden, soweit der Telegraph benützt werden kann und während der für den Telegraphendienst bestimmten Tageszeit unent- geldlich zu befördern.

Leipzig» 4. Sept. (O.P.A.Z.) Auch hie sächsische Regierung ist mit Maßregeln gegen die Kindergärten eingeschritten. Einstweilen ist nur ein einziger verbo­ten worden, allein es ist nicht wahrscheinlich, daß die­ses Verbot vereinzelt bleiben werde. Die Gattin des wegen seiner Betheiligung am Maiaufruhr zu lebens­länglicher Zuchthausstrafe verurtheilten ehemaligen stän­dischen Archivars, Dr. Herz, in Dresden, hatte bis­her einen Kindergarten geleitet und zwar nach Fröbel- scheu Grundsätzen. Die Polizeibehörde der Residenz hat ihr jetzt die fernere Befugniß Unterricht zu erthei­len entzogen und den Kindergarten geschlossen.

Zwickau, 1. Septbr. Wie in Leipzig die Polizei nach Schulbüchern geforscht hat, welche bildliche Dar­stellungen aus dem Leben Heckers, Blums rc. enthalten, so ist aus unserer Stadt dasselbe zu berichten. Heute Nachmittag erschien der Registrator des Stadtgerichts, Otto,, bei sämmtlichen Buchbindern, um die vorhande­nen Umschläge zu Schreibebüchern, wie auch die gebun­denen Schreibebücher einer speziellen Revision zu unter­werfen.

Weimar, 1. Sept. (Nat.-Z. u. Confi.-Z) Der Großherzog will abvanken. Das ist mehr als bloßes Gerücht. Der Grund dieses Entschlusses liegt, in dem Conflicte mit den neuesten Zumuthungen des Bundestages. Der Erbgroßherzog weilt noch immer in Petersburg.

Berlin, 3. Sept. (Nat.-Ztg. Die von Zeit zu Zeit in Deutschland aller Orten wiederkehrendeu Auf- lögingen der bestehenden Gutenberg-Vereine ma chen es wünschenswerth, mit der eigentlichen Tendenz derselben besannt zu werden, da der Glaube, daß doch wohl etwas Staatsgefährliches dahinter stecken mag, durch die häufigen Maßregelungen gewissermaßen eine Rechtfertigung erhält. Bei der Schwierigkeit, das Ge­werbe als Buchdrucker selbstständig zu betreiben, indem außer dem hierzu erforderlichen nicht unbedeu­tenden Vermögen sich auch noch alle übrigen Prüfungs­und Negierungsmaßregelungen gesellen mußten die Arbeiter darauf sinnen, wie sie sich im Alter vor Man­gel und Elend schützen sollten, weil sie eben angewie­sen sind, chr Lebelang Arbeiter zu bleiben. Es wurden zu diesem Zweck die seit einem halben Jahrhundert und länger bestandenen Kassen dahin reorganisirt, daß sämmtliche Städte Dentschlands, in denen sich Bnchvruckereien befanden, und die sich dieser Vereini­gung anschließen wollten, msaminentraten und'Kassen bildeten, die sich durch ihre Statuten solidarisch verpflich­teten, in Unterstützungsfällen einander beizustehen, so daß wenn ein Buchdrucker 20 oder 30 Jahre in Wien oder Stuttgart gearbeitet hatte, er seine vollen.Kaffenanrechrc gewährt findet, wenn er es nach dieser Zeit für besser hält, in Berlin, Königsberg oder sonst irgendwo zu arbeiten. Diese Unterstützungen dehnten sich aus auf Kranken-, Sterbe-, R iseunterstützungs- und Jnvalibi- tätskayen. Die Solidarität der Kassen wurde aber noch besonders deshalb zur Pflicht, weil in kleineren Orten, in denen häufig nur eine mit geringen Kräften arbeitende Buchdruckerei sich befindet, Die dort beschäf­tigten Gehülfen bis dahin ganz hülfslos da standen, obschon sie vielleicht Jahre lang in größeren Städten an die dort bestehenden Kassen gezahlt hatten. Am schlagendsten trat diese Ungerechtigkeit bei vorkommen­der Invalidität hervor. Wie vollständig wahrheits­gemäß diese Darstellung des Sachverhältnisses ist, er­hellt daraus am deutlichsten, daß, wenn schon im Mai vorigeil Jahres bei Gelegenheit der Auflösung anderer Arbeitervereine, Vie Suspension dieses Kassnverbau- des von der hiesigen Polizei ebenfalls ausgesprochen wurde, so wie auch die sämmtlichen Schriftstücke und Kassenbücher des Hauptvereins Berlin bei den einzel­nen Mitgliedern deö Berwaltungörathes und des Cen­tral - Vorstandes fortgenommen wurden, dennoch die Staats-Auwaffschaft des hiesigen Stadtgerichts unter Zustimmung der Rathskammer keinen Grund zur An­klage gefunden und verordnet hat, daß die Suspen­sion aufgehoben und die mit Beschlag belegten Schrift­stücke und Kassenbücher zurückgeliefert werden können. Hier, am Sitze des Centralvorstandes für ganz Deutsch­land, mußte sich, wenn irgend wo der Verdacht ge­rechtfertigt sein sollte, eine Anklage formal Iren lassen: da dies jedoch nicht möglich gewesen, so müssen alle übrigen Verdächtigungen in ihr Nichts versinken, und hoffen die Mitglieder, daß endlich die gute Sache den Sieg davon tragen werde.

Berlin, 3. September. DieNeue Preußische Zei­tung" fiept st.h heute veranlaßt, die Verdächtigung, als siehe binnen Kurzem eine Aufhebung der preußischen Verfassung zu erwarten, für grundlos zu erklären. Die inneren Zustände Preußens seien zum größtenTheil (also nur zum größten Theil) auf geordnetem Wege geregelt, die Verfassung sei ein Moment des bestehen­den Nechtszustandes, es liege vernünftiger Weise kein Wunsch vor und noch weniger ein nöthigender Grund für ihre Beseitigung.

* Berlin, 4. Sept. Die ministerielleLith. Kor." bestätigt heute vollständig, was wir gestern vermuihe- ten; sie meldet:Es ist mehrfach davon die Rede gewesen, daß noch in diesem Herbst eine Zusammen-