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Wiesbaden. Samstag, 30. August
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Das russische Finanzsystem.
» Die „Neue Oder-Ztg." bringt nach dem mehr- erwähnten Werke: „Rußland und die Gegenwart" folgende interessante Skizze über daS russische F'nanz- ^^Rußland hat in der letzten Zeit einen neuen Beweis seines ausgezeichneten Finanzsystems gegeben. Es hat bekanntlich die Ausfuhr des Silbers, zugleich aber die Einfuhr seines eigenen Papiergeldes aus dem Aus- lande verboten: russisches Silber bekommt Ihr nicht, das Papiergeld dagegen, das Ihr erhalten habt, wird Euch von Rußland mit vieler Großmuth überlassen. Es liegt darin eine liebenswürdige Naivetät: Rußland macht un Auslande Schulden oder läßt sie machen, ist aber zugleich so offenherzig, zu erklären, daß es dieselben nicht bezahlen werde.
„Das russische Finanzsystem ist in feiner Art so vollkommen, wie das Militärsystem. Das Dunkel, welches über den russischen Staatshaushalt absich lich verbreitet wird, völlig zu zerstreuen ist mcht möglich. Es ist auch dem sehr unterrichteten Verfasser des Werkes: „Rußland und die Gegenwart", nicht gelungen. So viel ist klar, daß der Haushalt des modernen „Musterstaates" das Licht zu scheuen hät. Die Ankäufe französischer Renten, so wie englischer und holländischer Papiere im Jahre 1847, waren nichts als Blendwerk; das erhellt schon hinlänglich aus der Verlegenheit, in welche Rußland geriete die Kosten eines so kurzen Feldzuges, wie des ungarischen, zu bestreiten. Das jährliche Deficit würde nach der Darstellung des Verfassers auf mindestens gegen 70 Millionen Rubel Silber anzuschlagen sein, was mdeß von der Wahrheit vielleicht eben so weit entfernt ist, als wenn Herr von Reden, vollkommen unbegreiflich, einen Jahresuberschuß sinnlich 4 Millionen Rubel Silber herausrechnet. So gut ist es dem russischen Finanzminister Kankr'.n nie geworden, dessen geschickte, aber rücksichtslose Fiiianz- verwaltung (seit 1823) eingehend gewürdigt wird. Das Geheimniß des Kankrin'schen Systems liegt in der fast gänzliches Vernichtuiig deS Privatcredits zu Gunsten des Staatscredits und in einer angemessenen Ausbeutung dieses letzten, im Innern des ungeheuren Reiches. Trotzdem, daß hypothecirte Darlehen Zinsen von 10 bis 12 pCt. gewähren, so ist es doch dem Privatmanne schwer, Capitalien zu erhalten, wei ie Hypothekengesetzgebung dem Gläubiger fast gar keinen Schutz bietet. Kankrin erreichte daunt einen doppelten Zweck' er zwang die Kapitalisten, ihr GAd nicht bet Privatleuten, sondern in de» Kreditanstalten des Staates anzulegen, und so die öffentlichen Kayen zu fülle», aus denen der Staat nach Gutdünken schöpft; und zweitens brachte er die Ve.kehrswelt in eine immer unmittelbare Abhängigkeit von der Regierung, ein solches System von der Moralität, der Ehrlichkeit und von einer gesunden Staatsöconomie gleich ent,chie-
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^ Bilder aus der Wiesbader Kunstausstellung.
(Fortsetzung.)
9) Mutter und Kind, von Karoline von der Emde, in Kassel.
Nicht leicht wird einer der vielen Besucher der Ausstellung an diesem Bilde vorübergegangen fein, ohne mit einem gewissen innerlichen Bechagkn davoi still gestanden und ihm seinen lauten oder stille» Beifall gezollt zu habe». Und doch ist hier eigentlich um ph: wenig zu sehen, keine anziehende Handlung, wie in Rustige's Weinprobe, keine dramatische Verwickelung, wie in Ritters Helgoländer Scenen , kein historisches Relief, wie in Adams Plünderungsgruppen, nicht einmal eine ungewöhnliche Empfindung, wie in dem Gefangenen auf Diefenbachs Kerkerbild, nichts von alle dem. Es ist hier einer der alltäglichsten Vorgänge des Familienlebens, ein wahres Gemüths-StiUleben auf die Leinwand gebracht, das um so reiner, und darum um so kräftiger wirkt, je mehr alle äußerliche Zuthat zur Erregung der Aufmerksamkeit fern gepalten und nur der reine Seelenzustand ohne schmückendes Beiwerk wiedergegeben ist.
Das einfache und doch so unrrschopfllche^Thema der Mutterliebe ist hier in einem Bilde versinnlicht, so treu, so wahr, so innerlich, daß man fast behaupte»
den verdammt wird, daß es sich durch die verderblichsten Folgen rächen wird, ist klar; das Czarenthum aber hat alle Ursache, dem Grafen Kankrin dankbar zu sein. Er selbst soll übrigens von dessen Verderblichkeit so überzeugt gewesen sein, daß er bis gegen sein Ende sogar den Kaiser über den Charakter seiner Operationen in Unwissenhett gelassen habe. Kankrin wußte sehr wohl, daß sein System allen natioualöconomischen Grundsätzen widerspreche, aber er wußte, daß eine organische Umgestaltung der russischen Finanz-Verhältnisse auch das russische Regierungsprinzip Umstürzen müsse, wonach das ganze Staatsleben in dem unumschränkten Staatsoberhaupte centralisirt werden muß. Dieser Grundsatz steht dem Czarenthum höher, als alle menschliche Wohlfahrt seines Reiches. „Es ist durchaus »»nöthig", sagte Kankrin, „die Lage des Volles zu verbessern, denn das Sprichwort lehrt: ein Hund, der fett wird, wird toll." Die fieberhafte Angst vor den Ideen der Neuzeit regiert auch in der nationalöcoiw- mischen Verwaltung. Daher auch Kankrins Widerwille gegen die Eisenbahnen. „ Das sind Dummheiten", sagte er, als 1840 der Kaiser für die Idee einer Petersburg-Moskauer Eisenbahn gewonnen war, „iy zwanzig Jahren giebt es keine einzige Eisenbahn mehr auf der ganzen Welt. Jetzt stehe ich freilich Allen allein gegenüber, und ein Mann kann nicht gegen die Verkehrtheiten seiner Zeit. Ich weiß wohl, daß die Eisenbahnen auch bis Hierher kommen werden und ich sie nicht aufhalten kann; denn das ist wie die Cholera, das macht seine Reise um die Welt. Wenn ich einmal todt bin, wird der Kaiser an mich und meine Warnungen denken." Er fürchtete, daß nicht blos Waaren, sondern auch Ideen in's Innere dringen würden.
„Wir hoffen, den Leser nicht zu ermüden, wenn wir ihm noch einen ander» Beweis von den Gesinnungen geben, welche vèe russische Regierung ^egen ihre Unterthanen hegt. Wie der Tabak, wie die Spielkarten, so ist auch der Branntwein ein Monopol des Staates. Der Staat weiß die Trunksucht des Russen auf das Gewittnreichste auszubeuten. Nur die Adeligen dürfen den Branntwein für ihren Hausbedarf fabriziren, die übrige Bevölkerung ist auf die Trinkstuben und Magazine der Krone angewiesen. Der Staat verkauft nun seinen Branntwein und sein Monopol in jedem Kreise an einen Pachter, dieser wieder an Detailverkäufer; der Staat zwingt aber beide, den Preis in Einzelverkäufe nicht höher zu stellen, als er selbst ihn im Großen gestellt hatte, natürlich aus dem einfachen Grunde, damit durch den Preisaufschlag nicht die Konsumtion des Branntweins verringert werd?. Einen ehrlichen Vortheil können also die Einzelverkäufer entweder gar nicht oder nur bei den feinsten Liqueuren habe». Zu einem Betrüge sind also Letztere gezwungen, wen» sie nicht zu Grunde gehen wollen. Entweder müssen sie unrichtiges Maß geben, was die scharf beobachtete» Augen ihrer gierigen Kunden nicht
möchte, nur ein weibliches Gemüth sei im Stande, so zart zu sinnen und zu dichten und das gemuchooll Aufgefaßte so gemüchvoll wieder zu geben, wie es hiervon der hessischen Künstlerin geschehen ist. Das Äußerliche an dem Bilde ist denn auch so einfach, daß es kaum zu bezeichnen ist. Auf dem geplätteten Vorplatz eines Hauses, zu dem Stufen hinanführen und der nach Außen von zwei Seiten durch ein Geländer söllerartig eingefaßt ist, sitzt mit Handarbeit beschäftigt, ein junges Weib, mit dem Rücken gegen die offen stehende Hausthüre und sieht ihrem lieben Kinde zu, das auf einem Schemelchen vor ihren Füßen sitzend an einem Stückchen Zeug mit kindlicher Aufmerksamkeit seine ersten Nadelstiche probirt. Läßt sich etwas Harmloseres denken? Und doch übt das Bild im Ganzen wie in jeder seiner Einzelheiten eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Man kann das blonde, rothbackige Kindlein, mit dem halb entblößten Aermchen, in dem eng anliegenden Unterkleidchen nicht ansehen, ohne sich ähnlicher im Kinderleben so vielfach sich wiederholenden kleinen Vorgänge mit Vergnügen zu erinnern, und die Emsigkeit, mit der es seine erste Ravel- arbeit auszuführen bemüht ist, der ernste, achtsame Blick, dabei die kindliche Ungelenkigkeit der Händchen, womit es isein Stückchen Zeug festhält und die Nadel mit dem weißen Faden Hindurchzuarbeitei, sucht, ist hier so sprechend wieder gegeben, daß es der echten KindeSnatur nach sorgfältigster Beobachtung wahrhaft , abgelauscht erscheint. Wer aber beschreibt die Mutter
zulassen, oder sie müssen ein Gemisch von Vitriolöl mit spirituös riechenden Wassern als Branntwein verkaufen, wobei die wohlbestochenen Controleurs die Augen zudrücken. Letzterer Betrug ist demzufolge der gewöhnlichere, und man wird sich nicht wundern, wenn nach medicinischen Beobachtungen jährlich an 200,000 Menschen der Brandweinpest erliegen. Allerdings hat man im Ministerrath auf jene wahrhaft unsinnige Verpflichtung des Detailverkäufers hingewiesen. Trotzdem widersetzte sich Kankrin jeder Abänderung entschieden, obgleich man erzählt, der Kaiser habe ihm jedesmal seine Freude zu erkennen gegeben, wenn er ihm eine Verminderung der Einnahme vom Branntweinmonopol gemeldet habe. Uebrigens hindert das nicht, daß man diese Quelle noch immer ergiebiger zu machen sucht. Mäßigkeitsgesellschaften hat man neuerdings verboten. Eben so läßt man allen Gassenskandal thierischer Trunkenheit an den 114 Sonn-, Fest- und Feiertagen gänzlich ungeahndet. Das russische Finanzleben will mit Gewaltmitteln Zustände erzwingen, Heren nothwendige Vorbedingungen es nicht dulden will, mit deren unnatürlicher Einführung es seine Zukunft untergräbt, ohne doch die Gegenwart jeder Verlegenheit entheben zu können. Daher jene so häufige Wiederholung des Verbots, edle Metalle auszuführen, daher jene Maßregel, die auch dem Verblendetsten die Augen öffnen sollte, daß man nach einem nur zweimonatlichen Kriege in Ungarn alle auf Hypotheken dargeliehenen Krongelder kündigte. Aber man hat den Begriff des unumschränkten Czarenthums auf eine Höhe geschraubt, daß keine andere Finanzwirthschaft dabei möglich ist. Darm» hatte Graf Kankrin Recht, allen Resormplä- nen des Fürsten Lubetzkoi mit eiserner Standhaftigkeit entgegen zu treten. Als dieser mit dem Plane, eine russische Nationalbank zu errichten, den Beifall des Kaisers gewonnen hatte, und man folglich ein Hypo- thekgesetz hätte um werfen müssen, das auch den größten Grundbesitzer die Aufnahme nur Eine, auch noch so kleinen Hypothekschuld gestattet, so bestritt freilich Kankrin die Ausführbarkeit dieses Planes durcharrs nicht, wandte sich aber mit den Worten zum Kaiser: „Die Grundbesitzer, die Handelswelt und der Schatz würden sich ohne Zweifel sehr wohl dabei befinden, nur werden Ew. Majestät in einem Jahrzehnt über kein Rußland mehr gebieten; es wird ein ganz anderer Staat geworden sein." Und der Reformplan unterblieb. Diese Worte sind das Programm der russischen Finanzverwaltung."---
Assisenverhandtungen zu Wiesbaden.
Anklage gegen Phil. Adam Winterwerber von Nochern, wegen Diebstahls und Landstreicherei.
^W Wiesbaden, 28. August. Präsident: Hofgerlchts- dirAtor Flach; Staatsanwalt: Staatsprokur. Reich- m an»; Vertheidiger : Prokurator v. Arnoldi.
feligfeit, mit der die junge, schöne Frau diesen Erst- lingsveesuchen zuschaut? Vor innerem Entzücken ist iyr die Hand bei der Arbeit auf ihrem Schoße stehen geblieben; ein Zug des innigsten Behagens malt sich um die Grübchen ihrer Wangen, und die Augen, obwohl nach dem Kleinen auf dem Schemelchen hin blickend, verrathe» eine unaussprechliche innere Zufriedenheit und lassen manche selige Hoffnung ahnen, die das Mutterherz an diesen Eifer und diese Anstelligkeit deS kleinen Lieblings knüpft. Die Umgebung, in welche dieses allerliebste Familienbilochen emgerahmt ist, macht dabei auch seinen äußern Eindruck zu einem recht lieblichen. Dichte Ranken von wildem Wein sind an dem Hause und den Pfosten des Söllers hinangewachsen und bilden über dem ganzen Vorplatz eine Art schattiges Laubdach, wäoreno grüne buschige Bäume draußen zwischen den Lücken des Geländers und über demselben in dieses Stillleben friedlich hereinschauen.
Man hat es oft in Frage stellen wollen, ob der Kunst außer ihrer ki heiternden, verschönernden Wirkung auch eine höhere Kraft sittlicher Kräftigung und Läuterung des inwendigen Menschen inne wohne. Wer daran zweifeln wollte, der komme und sehe und empfinde, und bekenne dann im Angesichte dieses Abbildes seliger Mutterliebe, daß ihm die Kunst verständlich gemacht, was er vorher nicht zu deuten wußte und daß denn doch noch etwas Tieferes hinter diesen Bildern stecke, als schöne Form und schöne Farbe.
(Schluß folgt.)