„âeèheir nnb Recht!"
M 202 Wiesb den. Mittwoch, 27. August 1851.
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Der UltramrnrtaniSmnS und die Solidarität der konservativen Interessen.
# Als wir die Glabstone'sche Schrift über die Gräuel in Neapel neulich besprachen, hobelt wir blos die eine Seite der Sache heraus. Seitdem hat sich das Material bedeutend durch Gegenschriften DcrvolU siäudigt, wie wir gleichfalls gelegentlich bereits an» deuteten. Die „Nat.-Ztg." brü st jetzt nach Einsicht aller Aktenstücke folgendes Resume, das wir zur tiefe- ven Einsicht in den großen Prozeß der Gegenwart folgen lassen. Die „Nat.-Ztg." schreibt:
„Handelte es sich um weiter nichts, als Verbrechen der Nestauration auszudecken, so würden die Konser- vativen sich durch Gladstone's Briefe ebenso wenig als durch die seit langer Zeit erfolgten Berichte in italienischen Blättern haben aus ihrer Gleichgültigkeit aufrütteln lassen. Allein die Glabstone'sckcn Briefe stehen mit der Tagespolitik tu engstem Zusammenhänge. Einerseits hat der Ultramontanismus den Krieg gegen England erklärt und begonnen; andererseits sind die italienischen Regierungen, die von Rom unv Neapel vor allen, Gegenstand der besonderen Fürsorge der nordischen Kabinetspolitik geworden. Den Freunden der Regierungen des Kardinal Antonelli und des Königs Ferdinand kommt es sehr ungelegen, daß ein Konservativer, der es kein Hehl hat, daß er nicht gerade sehr viel Mitgefühl empfinde, wenn ein Demokrat als Rebell behandelt oder ein Mensch, der nicht Minister gewesen ist und für den 100 Pfund Sterling mehr als die Rechnungseinheit sind, wie ein Hund behandelt wird, daß ein solcher als Augenzeuge versichert, wie Leute, ebenso gebildet und ebenso kon- lervativ wie er selbst, in gleicher Lebensstellung wie L Neapel auch als nichts weniger denn aiSMcn- scheu behandelt würden; und daß dadurch es benKon- lervativen bedenklich wird, ob es wirklich im Sinne cer Solidarität ter konservativen Interessen handeln heiße, wenn solche Regierungen unterstützt werden sollen. Daher so viel Aufhebens von den Gladstone'schen Briefen. Um den Eindruck, den seine Berichte über die ebenso grausame als ungerechte Berfolgungsgerech- tigkeit der neapolitanischen Regierung gemacht, zu verwischen, ist unter andern jener Herr Macfarlane, Verfasser derartiger Pamphlete, wie wir in Deutichland sie von Hin. Sporschrl u. A. erhallest, ebenfalls mit einem Briefe an den Giafen Aberdeen hervorgetreten, um Gladstone der Berläumdung der neapolitanischen Regierung zu zeihen.
„Aus unserer Londoner Korrespondenz sind Misere Leser bereits mit Herrn Macfarlane bekannt. (Siehe London!) Derselbe beruft sich auf nichts mehr »nd nichts weniger als auf die ihm, wie er sagt, aus Neapel eigens zugesandten Pol izeibcrichte, wonach namentlich Poerio ein „Rebell" sei, der reichlich den Tod verdient habe; der aber sehr gut behandelt werde, indem er allerdings mit noch einem Andern für Tag und Nacht, ohne jemals davon loszukommen, an eine und dieselbe Kette geschmiedet sei, aber nicht mit einem gemeinen Verbrecher, sondern mit einem, der wie Poerio selbst ein Revolutionär und ein Rebell sei u s. w. Die Berichte der neapolitanischen Polizei sind ebenso unbefangene, unparteiische, glaubwürdige Zeugnisse für die — neapolitanische Negierung; wie kein Mensch derselben einen Vorwurf würde machen können, wenn zwei „Revolutionäre" an ein und dieselbe Kette ange- schmiedet werden.(!!) Mit einem wahren Feuereifer hat stJ) Der Vertheidigung der neapolitanischen Regierung oas Pariser „Uiuvers," das bekannte ultramontane Blatt des Großsakristau Montalembert, gewidmet. Das
> „Univers" erklärt Gladstone's Berichte für erlogen, was freilich leichter zu sagen, als zu beweisen ist. Gladstone, sagt das „Univers", ist allerdings ein Konservativer; aber er ist Protestant und Engländer; folglich ist er ein geborner Gegner jedes katholischen Souveräns, h!) Das ist ein recht bündiger ultramonta- I iifr Beweis. Um den König von Neapel einigermaßen zu entschuldigen, bemerkt Gladstone, cs sei nicht möglich, daß König Ferdinand AUeö, was seine Beamten thun, wissen und deren Handlungsweise genau fontroUiren könne. Mit diesem Entschuldigungsversuch kömmt er beim „Univers" übel an. König Ferdinand, sagt das „Univers," hat Kenntniß von Allem, was in ,einem Lande gleicht. Da weder Minister- noch son- füge BeamtemVerantwortlichkeit in Neapel eristirt, so ist allerdings schon den, Recht nach König Ferdinand nicht unverantwortlich; das „Univers" behauptet aber,
daß er auch faktisch für alle Gräuel, die in Neapel geschehen, verantwortlich zu machen sei. Freilich spricht das „Univers" nicht von Verantwortlichkeit. Es sieht nicht ein, wie davon die Rede sein könnte, es behauptet nur, daß dem König Ferdinand persönlich der Ruhm gebühre für alles, was in Neapel geschieht. Die Anarchisten mögen sagen, was sie wollen, erklärt das „Univers," aber die Handlungen der neapolitanischen Regierung müßten jeder Regierung Eyre machen, es ist gut auf diese Handlungen aufmerksam zu machen, damit andere Regierungen sich dieselben zum Muster nehmen können! König Ferdinand von Neapel habe bewiesen, daß er zu regieren versteht! — Der König Ferdinand hat ungezwungen eine Verfassung in Neapel eingeführt, sie beschworen, ohne Vorbeyalt, danach regieren lassen, bis es ihm einsiel, sich seines Eides für quitt und die Verfassung für null zu erklären und nun zu regieren wie man es im Kaiserreich Fe; und Marocco kaum versteht zu regieren, jeden freisinnigen, gewissenhaften, ehrliebenden Mann zu verfolgen und zu peinigen, wie kaum in der Geschichte der finstersten und barbarischsten Zeiten Beispiele von Verfolgung und Peinigung eristiren. Diese Handlungsweise stellt bas ultramontane „Univers' zum Muster für andere Regierungen auf! Daraus ergibt sich Eines unzweifelhaft: welche Art von Negierung Die Völker unter dem Einfluß der Ultramontanen zu erwarten haben. Es handelt sich hierbei um gar keine religiöse ober konfessionelle Beziehungen oder Differenzen. D e r Ultramontanismus ist ganz etwas Anderes als der Katholicismus: Der Ultramonta- nismus ist ein durch und durch politisches, weltliches Geschöpf; dem gegenüber Alles, was Freiheit, Recht, Selb st st and igkeit, Bildung u u d W o h l st a » d w i d, £ e m e i n sa in e Sache zu machen hat. Wenn irgendwo, kann ân sagen, daß in Neapel religiöse Fragen kaum eristiren, da die ganze Bevölkerung eigentlich römisch-katholisch ist oder doch war. Wenn Der Ultramontanismus in Irland sein Haupt erhebt, Jo kann er sagen, er trete auf für die überhaupt noch niemals Dort bestandene, fortwährend bedrohte Religionsfreiheit der Katholiken. Davon kann in Neapel nicht die Rede sein kann. Gerade weil Der Ultramontanismus überall auftritt, weil er das vereinigende Band für alle Nestaurations - Bestrebungen ist, darum ist es klar, baß es sich für ihn nicht um Religion, sondern blos um äußere Gewalt und Herrschaft handelt. Es läßt sich nicht mehr daran zweifeln, denn es zeigen sich überall die Spuren davon, daß, falls kein anderes Mittel sich darböte, um den Fortschritt aufzühalten, um die Völker in den Netzen der Verdummung und der Ausbeutung zu erhalten, sie am Gängelbande der sich jeder Prüfung wie jeder Verantwortlichkeit entziehenden Autorität zu leiten, der Versuch gemacht werden soll, ob es möglich sein wird, noch einmal einen großen Meli, gionskrieg zu entzünden, so nm fasseno, so blutig so verheerend, daß, wenn er zu Ende, Die Autorität ohne Mühe een für Generationen zu Grunde gelichteten Völkern abermals das Joch auflegen könnte.
„Allerdings glauben wir, daß Europa über die Zeit der Religionskriege hinweg ist; daß es vergebene Mühe ist, die der Ultramontanismus sich gibt, Zündstoff dazu aufzuhäufen, alles Holz darauf anzusehen, ob es Dürr genug sei, um zum Brennen tauglich zu sein; unermüdlich mit dem Stahl Der Unduldsamkeit an alle geuer stamme religiöser Fragen und konfessioneller Beziehungen zu schlagen, um zu sehen, ob und wo es wohl Funken gebe. Es ist bas alles umsonst. Aber es wäre Thorheit, seinen Blick vor den tief und schlau angelegten Brandplänen zu verschließen, an deren Ausführung mit geschädigter Hand gearbeitet wird; und die, so sehr sie auch versteckt gehalten werden, so seyr sie auch mit geschickter Benutzung der Umstände uns genauer Kenntniß der Verhältnisse und Personen auf jeden einzelnen Punkt in anderer Gestalt aufzutreleu sich bemühen, doch zu Tage treten als das, was sie sind, als eine ganz zusammenhängende Reihe von Komplotten. Die Solidarität der konservativen Interessen ist schon zum Stichwort und zum Losungswort geworden. Das Nächste muß sein, ^en Ultramontanismus als den Inbegriff und als die Spitze der RestaurationS- intelcssen, welche um jeden Preis konservirt werden sollen, erscheinen zu lassen. Die neapolitanische unv die jetzige römische Negierung befinden sich rein in den Händen der Ultramontanen; sie sind nichts, als Deien Werkzeuge; in ihrer Handlungsweise, bei der von Scham oder Schande so wenig als von irgend einer Rücksicht
auf irgend etwas die Rede ist; wo die nichtsnutzigsten Werkzeuge, die verabscheuungswerthesten Mittel gebraucht werten, um dem schnödesten Eigennutz und den niedrigsten Leidenschaften einer überaus kleinen, aber äußerst raub« und herrschsüchtigen Minorität volles Genüge zu verschaffen, wird das, was als Endziel erreicht werden soll, offenbar. Der Ultramontanismus bietet alles auf, um Die Sache dieser italienischen Regierungen, gegen die nicht allein jede Leidenschaft, nein jeder Verstand unv jedes Gefühl sich empören muß, zur allgemeinen europäischen Angelegenheit zu machen; um es dahin zu bringen, von Seiten der Regierungen Der Großmächte mit dem Aufgebot aller Mittel diese Regierungen, deren Sturz sicher ist, zu konserviren. Es gehörte etwas dazu, es nur als möglich zu denken, daß nicht allein russische Truppen, die allerdings schon für Alles und gegen Alles in Den Kampf geschickt sind, daß auch teutsche, baß selbst preußische Truppen jemals dazu verwandt werden sonnten, um das schwergeprüfte, heroische, ausbairernde, in festem Uiiverbrüchlichen Za» sammenhalten allen Völkern mit einem großartigen Beispiel vorangehende italienische Volk von der Geißel Der Restauration nicht loskommen zu lassen. Man erinnert sich, daß nicht bloß von solchen Möglichkeiten die Rede gewesen ist; sondern von Noten Der nordischen Mächte, worin den italienischen Regierungen ihr gemeinsamer Schutz verheißen worden sei; baß zwar bezweifelt worden ist, ob gerade Noten im technisch diplomatischen Sinne erlassen worden, von wem un> an wen, ob nicht bloß von Rußland, aber im Raunn der nordischen Mächte. Das „Univers", das davon wohl etwas wissen muß, hat es als eine ausgemach.e Thatsache betrachtet, daß den italienischen Staaten Dir Schutz der nordischen Machte zugesichert sei, es hat sich aus Rom melden lassen, daß diese Zusicherung aus die römische Bevölkerung sehr beruhigend gewirkt habe. Allerdings haben wir manches erlebt, wovon selbst Leute, Die gerade kein überflüssiges Vertrauen meyr besaßen, glaubten, es könne nimmer geschehen; und es ist nachgerade bedenklich geworden , im Punkte der Restauration irgend eiwas für unmöglich zu e. klären: aber das müssen wir sagen, daß wir es denn doch für unmöglich halten müssen, es könnten preußische Truppen marschiren, um die Priesterwirthschaft in Rom und das Schreckensregiment in Neapel, im Vergleich mit dem Die Schreckenszeit in Frankreich, wie Gladstone, der Konservateur, sagt, als Humanität erscheint, zu konserviren. Die französische Ordnungspartei hat, wo es darauf ankommt, Restauration zu treiben, einen ziemlichen Strauß- magen. Aber dagegen, daß sie im Verein mit dem König von Neapel gehandelt habe, hat selbst Die französische Ordnungsparlei protestier. Selbst Die franz-, fische Ordnungsparlei sagt, baß, wer so handle, w e die neapolitanische Regierung, von Jedermann verao- scheut werben müsse!"
Asstsenverhandlunge» zu Wiesbaden.
Anklage gegen Franz Joseph Nägler von Geisenheim, wegen Meineid.
^^ Wiesbaden, 25. August. Präsident: Hofgerichtsbircktor Flach; Staatsanwalt: Staatsprokur. Reich - mann; Vertyeibiger: Prok. Dr. Großmann.
Am 9. Januar d. J. erhob Georg Werthmann zu Geisenheim beim Justizamte zu Nüoesheim gegen Den Angeschuldigten eine Klage auf Zahlung von 39fl. für 1 ü2 Ohm käuflich überlieferten Wein. In dem zur Erklärung Darauf anberaumten Termine verabredete Nagler, daß er von Werthmann 1 % Ohm Wein per Ohm 26 fl. im zu Herbste 1831 gekauft habe. Zur Antretung des ihm über den Klaggrund auferlegten Beweises schob Werthmann dem Angeklagten lediglich Den Haupteid zu, Den Dieser denn auch angenommen und in Dem auf den 10. April d. I. an beraumten Termine verneinend ausg.schworen hat. Bereits am 19. April benuncirte Werthmann den Angeklagten bei Amte des Meineids und gab zur Begründung seiner Anzeige 7 Zeugen an, die bei ihrer heutigen Vernehmnug Folgendes aussagten: Wittwe Ba bare Görg, geb. Göttert, will zu Der Zeit in der Scheuer bes Werthmann gewesen sein, als Nägler angeblich den gekauften 'Wein von da habe fortrageii lassen. Es hätten 2 Bütten voll Wein in der Scheune gestanden, von denen Werthmann und seine Frau in Grginwart Näglers beyaup-