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âeiheit und Necht!"

! â 201. Wiesbaden. Dienstag, 26. August 1851.

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DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Sogen. Der AbonnementSpreiS beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden I fi. 45 fr., auswär s durch die Post bezogen mit verhältnismäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem ®.< folge. Die JnserationSgebührrn betragen für die vterspaltig» Petttzetle 3 fr.

Briefe aus dem Gebirge.

XXVII.

(Schluß.)

Denn eben wo Begriffe fehlen,

Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.

Göthe's Faust.

Mit Freimuth und ohne Rücksicht habe ich Ihnen meine Ansichten über Ihren Verein und Ihre Volksfeste dargelegt.

Für Bildung und vaterländische Arbeit werden Sie wenig wirken können, weil dieß halt die frommen Großstaaten des Ostens nicht dulden, und die wenigen Blümlein, die zu pflücken Ihnen die Reaktion gestatten wird, wenn es mir hier erlaubt ist von einem Rede- blümchen des Hrn. Prokurator Großmann Gebrauch zu machen, diese wenigen Blümlein wird Ihr Ver­ein nicht einmal brechen: weil Ihr Verein keine klare Vorstellung von dem hat, was man sich in einer Ayo- ciation Vorsitzen soll, weil Ihr Verein zu vielerlei erreichen will.

Mein Gott, wird aber nun mancher Philister in Ihrer Heimath sagen:was will denn eigentlich der Mensch, der Alles so schwarz ansieht! Das muß ein Menschenhaffer sein, und er will uns den ganzen Spaß verderben. Bedenkt er denn gar nicht, daß die Wirthe, die Krämer, die Bäcker in Limburg und Diez ausge­zeichnete Verdienste am 14., 15 und 16. September haben werden? Bedenkt er nicht, daß viele Menschen, Männlein und Fräulein, sich herzlich freuen und ver­gnügt sein werden." k

Ach ja, du gute Philisterhaut, das habe 'ich zu wenig bedacht. * r .

Italien freilich ist ein Land, wo die Freude nicht mehr zu finden ist. Da sind die Theater leer, die Tanzsäle unbesucht; man raucht nicht, man tanzt nicht man singt nicht. Die Weiber gehen' gehüllt in schwarze Trauer und die Mütter lehren ihre Kinder statt beten, die Tyrannei, die Schlächterin ihrer Väter und Brüder verfluchen; die Männer wandeln einher mit gram- verzerrten Zügen. Ueberall ist's unheimlich still, todt, traurig.

Dem alten Radetzky läufts eiskalt über den Rucken, wenn er das stille Volk ansieht, daö nicht mehr raucht, tanzt, singt.

In Ungarn rauchen die Leute auch statt Tabak Klee, um das geliebte Oesterreich um einige Millionen Gulden zu kränken.

Das wird allerdings vielen Philistern Ihrer Hei­math, mein Herr, sehr sonderbar, sehr spaßhaft vor­kommen.

Diese Entsagung in gewohnten tiefeingewurzelten Genüssen zeigt gleichwol, daß Ungarn und Italien viel Zähigkeit, viel Energie, viel Freiheitsliebe, viel Zu­kunft haben; diese Entsagung erinnert an den Thee, den die Stadt Boston ins Meer warf, und der mit Veranlassung war zu dem Ausbruch des nordamerika­nischen Unabhängigkeitskriegs.

Doch vergessen wir nicht, daß wir es mit Deut­schen zu thun haben, die gerne Festessen halten, gerne Toaste ausbringen, gerne Volksfeste feiern. Ach, diese gutmüthigen fröhlichen Landsleute!

Wie würde ihr Antlitz von heiliger Entrüstung strahlen, wenn Jemand ihnen zumuthen sollte, sich des Genusses des Weins, Biers oder Brandweins, Zuckers oder Kaffees zu enthalten, weil auf diese Weise einige Re­gierungen einen bedeutenden Ausfall in ihrpn Staats­einnahmen haben würden! Das Baiernland allein würde einen solchen Jemand auf glühendem Roste braten.

So mögen denn die Leute am 14., 15. und 16. Septemberbis spät Abends" sich nach Herzenslust amüsiren.

An Rittern, die für das dem Volke so feindliche Schutzzollsystem, oder gar für Prohibitivmaßregeln stumpfe Lanzen brechen, wird es auch nicht fehlen.

Die Väter werden nach der Scheibe schießen und die jungen Bursche werden turnen und tanzen, und sich in ein Mädel vergaffen; die Mädel werden her­ausfordernde Blicke umherseuden und mit Geschick und Feinheit Freier in ihre Netze zu locken suchen, und ich wünsche ihnen, die Oraniensteiuer Volksfeste möchten für den Abschluß von Sponsalien so berühmt werden, als die Balduinsteiner Kumeß.

Das Alles wird sehr natürlich, sehr menschlich sein, ganz dem Lauf der Welt gemäß. Aber dies Alles

wird einer Kirchweih so ähnlich sehen, wie ein Ei dem andern.

Deswegen schlage man bei einer so höchst einfachen Sache keinen so hohen Ton an und nenne die Dinge beim rechten Namen: es handelt sich in Oranienstein um die Diez-Limburger Kirâ-weih, gefeiert zu Orauienstei».

Hiermit verabschiede ich mich, mein Herr Bericht- '"erstatter, indem ich mir schließlich erlaube, Ihnen zum Abschied noch einen ganz bäuerlichen Vergleich zum Besten zu geben: Ich meine halt, Ihr Verein sammt Festprogramm erinnern lebhaft an das heurige Korn: er gibt viel Stroh aber wenig ins Maß. Wer aber hiergegen auftreten will, der thue es nicht mit Ge- fjäff, wie ein ungezogener Spitz, sondern mit Grün­den.

Asstfeuverhandlungen zu Wiesbaden.

Anklage gegen Joh. Meister von Bornich, wegen versuchter Tödtung, eventuell: wegen ohneAbsicht imAffekt beschlossener Körper, Verletzung.

=j9= Wiesbaden, 23. August. Präsident: Hofge­richts-Direktor Fl ach, Staatsanwalt: Staatsprokurator Reichmann, Vertheidiger: Herr Prokurator Lang.

Der ledige Angeklagte führte früher mit seiner noch lebenden Mutter eine Haushaltung. Das Haus, in dem sie wohnten, hatte dessen Bruder käuflich über­nommen mit der Bedingung des lebenslänglichen Woh­nungsrechtes für seine Mutter. Als der Bruder starb und dessen Frau zur anderweiten Ehe mit Conr. Anton Göttert schritt, fielen zuweilen zwischen diesen Eheleu­ten und dem Angeklagten Zwistigkeiten vor. Dieselben nahmen einen so gehässigen EhMskter an, daß ©öfters gegen Meister beim Jusiizamte zu St. Goarshachen eine förmliche Klage auf Räumung des Hauses seitens des letzteren erhob, welcher gemäß auch entschieden wurde, worauf Meister eine Miethwohnung bezog, jedoch täg. lich zu seiner Mutter ging und sich von Zeit zu Zeit bei derselben Lebensmittel holte. So verfügte er sich am Nachmittage des 25. Februar d. I. gegen 1 Uhr in das Göttert'sche Haus, um sich Fleisch und Fett bei seiner Mutter zu holen. Er wollte sich deshalb in den Kellèr begeben und als er eben die Kellerthüre geöffnet hatte, kam Götter; zur Hausthüre herein und fragte ihn, was er da wolle und wer Om das Recht gebe, in den Keller zu gehen, was Meister nach der Aussage des Zeugen Heinrich Jacob Schup mit den Worten: Das geht Dich nichts an, und wenn Du nicht schweigst, reiße ich Dir die Därme auf" beantwortet und worauf er jenen an der Brust gefaßt haben soll. Nach länge­rer Balgerei im Hausgange herum, bei der Göttert den Meister eingestandenermaßen gehörigdurchwackelte," nach seiner Behauptung mit den Fäusten, andere Um­stände sprechen jedoch dafür, daß er sich eines Bengels bediente, der sich im Hausgange befand. Als die Ehe­frau Göttert an der Hausthüre nach Bürgerhilfe schrie, ließen sich die Beiden los und Meister entfernte sich; vor der Thüre fuhr er mit der Hand nach dem Kopfe und besah sich die Hände, wie die Zeuginnen, Frau Louise Heus und Elisabethe Dorothea Debus, bemerkt haben. Derselbe kam jedoch alsbald wieder und be­trat das Haus mit den, von der Zeugin Debus deut­lich gehörten Worten:Ich gehe jetzt hinein und reiße ihm den Wannst auf." Meister und Göttert wurden nochmals handgemein, wobei der letztere mit einem Messerstiche in den Unterleib gefährlich und der Art verwundet wurde, daß die Gedärme auS der Wunde vorfielen. Zeuge Johann Ph>l. Schup, welcher auf die Aeußerung der Frau Lehrer Heus:es scheine da Jemand in Ohnmacht gefallen zu sein", in Götterts Haus eilte und sich vom Vorgefallenen überzeugte, machte sofort davon dem Bürgermeister Joh. Philipp Schup die Anzeige, welcher den Meister alsbald arre- tirte und den Vorfall dem Justizamte St. Goarshausen berichtete. Durch ärztliche Hilfe ist die Wunde wie­der zugeheilt, der Angeklagte trägt eine Leibbinde, ist ist aber nach dem Zeugniß des Medicinalrathes Vr.Koch gänzlich unfähig, schwere Arbeiten zu verrichten r weil dadurch leicht ein fernerer Vorfall der Gedärme, ein Bruch entstehen könne, dessen Operation lebensgefähr­lich, die Wunde selbst unheilbar sei. Die an dem Meister vorgefundenen kleinen Wunden hält der genannte Arzt für unbedeutend und durch ein stumpfes Instru­ment entstanden. An dem gebrauchten Messer sind ge­

genwärtig noch Blutspuren sichtbar.Der Angeklagte verabredet überhaupt, den Göttert gestochen, eventuell ihn absichtlich gestochen zu haben. Er gibt vor, bei der ersten Rauferei sei ihm sein Messer aus der Tasche gefallen und er habe es liegen lassen, auch als er fortging es mitzunehmen vergessen. Bei seiner Rück­kehr habe er es aufgehoben und während der zweiten Balgerei in der rechten Hand gehabt, wodurch es leicht der Fall sein könne, daß das Messer, indem er aus­fuhr, und dem Bengel des Göttert parirte, diesen be­rührt und verwundet habe. Zu Hause «»gekommen, habe er erst das Messer zugelegt, in seine Sonntags­hosen gesteckt und diese in eine Kiste gelegt, woselbst das Messer auch vom Bürgermeister erhoben worden ist.

Die Vertheidigung findet auch nicht den geringsten Beweis der Absicht zu tödten, ja nicht einmal den Be­weis, daß Meister den fraglichen Stich gethan habe. Die Geschwornen erkannten die Anklage der ver­suchten Tödtung für unbegründet, dagegen die even­tuelle Anklage, auf im Affekt beschlossene und ausge­führte Körperverletzung für begründet. Der Angeklagte wurde demgemäß zu einer Correctionshausstrafe von 3 Jahren, sowie in die 149 fl. 10 kr. betragenden Unter» suchungskoften verurteilt und das erhobene Messer confiscirt.

Deutschland

4; Biebrich, 23. August. In der Hoffnung, daß auch in andern Landestheilen ähnliche Schritte gesche­hen, theilen wir Ihnen nachstehende Petition mit, die am 17ten von hier abging, mit den Unterschriften deS hiesigen Handelsstandes versehen: An Herzoglich Nassauisches Gesammt-Ministerium in Wiesbaden, Bitte der Handlungsinhaber und Geschäftsleute von Biebrich um baldigen Beitritt Nassau's zu dem deutschester« reichischeu Postverband. Wir haben uns seither der zuverlässigsten Hoffnung hingegeben, hohes Sraatsmi- nisterium würde den Anschluß an den deutsch-östcrreich- schen Postverband im Interesse seiner Landesbewohner auf das Baldigste auch für Nassau annehmen; sehen aber zu unserm Bedauern nach dem, was zur Oeffent- lichkeit gelangt ist, solches in unbegrenzte Ferne ge­rückt. Wir erlauben uns, ein hohes Staatsministerium aufmerksam zu machen, welche außerordentliche Nach­theile den Kaufleuten wie den größeren Geschäftsver­kehr überhaupt dadurch verursacht wird; welcher so von Belang ist, daß Biebrich allein dabei in ei­nem Jahre circa 2000 fl. verliert, welcher herbe Verlust von einigen größerem Geschäftsinhabern ver­möge der sehr ausgedehnten Geschäftsverbindung allein g tragen werden muß, da alle in deren Geschäftskreis befindliche Staaten bereits diesem Postverein beigetreten sind. Hohes Staatsministerium möge in Erwägung ziehen, welche Verluste Biebrich in seinem Fremdenver­kehr und Speditionshandel durch die Casteller Brucken- Anlage bis jetzt schon erlitten, welche traurige Aussicht durch die Nichtbeachtung aller seiner an hohes Staats- Ministerium gerichteten Petitionen um Regulirung der Eisenbahn bevorsteht, wie der gänzliche Verlust deS Gütertransports über hier Gefahr läuft, und gomit der dem hiesigen Orte noch Leben gebende Speditions­handel und Fremdenverkehr seinem Ruin entgegengeht! Gerade jetzt schon, wo das Speditionsgeschäft täglich hier abnimmt, und alle daran hängende"Spesenberech­nungen bis ins Kleinlichste verfolgt werden, macht das erhöhte Briefporto gegenüber den übrigen Ufer-Staaten einen merklichen Ausfall daselbsten, die für einzelne Waaren-Collis erforderliche Avisbriefe zuweilen Höhere Portodifferenz (gegen Hessen) ergeben, als die Spedi- Nonsgebühren betragen, und so diesem Geschäftszweig auch noch zur vollständigen Vernichtung helfen. Ab- Hülfe der bestehenden Mängel haben wir, auf unsere unzähligen Gesuche seither von hohemZStaatsininige- rium vergeblich erwartet, und der Keim der Verar­mung des innig damit zusammenhängenden Geschäfts­und Gewerbebetriebs ist dadurch gelegt. Wenn man nun noch den ohnedem mit ihrem Geschäfte in Nach­theil kommenden Kaufleuten durch den Nichtanschluß oder verzögerten Anschluß an den deutsch österreichschen Postverband eine so bedeutende Mehrausgabe auferlegt, die bei einzelnen mehr als alle zu zahlenden Staa.'- unv Gemeindesteuern ausmacht, und dadurch mit einer Art von indirekter Abgabe belastet, so sollte man doch billiger Weise erwarten, daß hohes StaalSministerium eine baldige Abhilfe schaffen wird; zumal wenn wir gut unterrichtet sind, einige bedingende Portvfreiheiten