„âerheit und Recht!"
M WK Wiesbaden Samstag, 23. August 1851.
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Briefe ans dein Gebirge.
XXV.
(Fortsetzung.)
Non multa, sed multum!
J Diese Verfolgung wird aber eine sachliche und keine persönliche sein.
Ich setze voraus, daß Sie eine so gesunde Constitution besitzen, um eine öffentliche Kritik ertragen zu können; daß Sie wenigstens so viel Freiheitsluft verdaut haben, um zu begreifen, daß das Interesse des Volks gerade es dringend erheischt, alle Institute und Meinungen, welche behaupten, sein Wohl fördern zu wollen, von jeder nur denkbaren Seite ju beleuchten; — ich setze voraus, daß Sie bei dieser öffentlichen Diskussion nicht in die maßlose „gebührende Diskussion" verfallen werden, in die ein Mitglied Ihres Vereins für Arbeit und Bildung gerathen ist, als eine gewandte und wahrheitsliebende Feder in diesen Blättern, in einem Artikel, „von Idstein" Oath t, das vorigjährige Fest zu Oranienstein gerade nicht im rosenfarbensten Lichte darstellte.
Ich will, mein Herr, gern annehmen, daß Sie Ihr Volk und Vaterland lieben; das Gleiche behaupte ich aber auch von mir, und ich liebe mein Volk, wiewol ich weiß, wieviel erbärmliche Philister es in seiner Mitte zählt, welche mehr als Windisch,grätz, Wrangel, Römer und Gotha's Geusen die Revolution von 1848 zu erwürgen bemüht waren, welche nicht frei sein wollten, weil ein Volk, das frei sein will, trotz alledem und alledem frei werden muß; ich liebe es und werde für es streiten mit Wort und That, weil ich es für sehr bequem, aber verächtlich halte, in der Sonne transatlantischer Freiheit kampflos die Glieder zu wärmen, während doch unsere Bruderliebe gerade in dem Grade sich steigern sollte, in welchem wir diese Brüder Noth leiden sehen, in welchem sie moralisch, physisch, intellektuell zu verkümmern drohen.
Wohlan, mein Herr, so halten Sie die Meinung fest, daß nur der Sinn fürs Gemeinwohl mir heute und allewege die Feder führt, nicht aber ein persönliches Motiv irgend einer Art.
Was hat Ihr Verein für Zwecke?
Sie antworten: „Welche auffallende Frage! Liegt der Zweck nicht schon im Namen des Vereins ausgedrückt? Wir wollen die Arbeit des Vaterlands schützen und das Volk bilden, vercdlen, zu einem kräftigen, stolzen heranziehen."
Hierauf erwiedre ich Ihnen: Dieß Ziel, mein Herr! ist sehr edel und jeder Hochachtung würdig; der Weg aber zu diesem Ziele, sowie Ihr Verein ihn einhält, deucht mir ausnehmend verkehrt zu sein.
Ich anerkenne vor allen Dingen, daß Sie das Bestreben an den Tag legen, den Associativiisgrist im Volke zu kräftigen, zu stählen; daß Sie dem Volke durch die That beweisen wollen, welche unwiderstehliche Gewalt in einem geeinigten und sich selbst klaren Willen ruhe; wie thöricht und verächtlich es sei, eine Besserung der Zustände ohne Anspannung der eigenen Kraft zu erwarten.
Aber ich tadle sehr nachhaltig: daß Sie sich zu viel vorgesetzt haben.
Man geräth unwillkürlich in maßloses Erstaunen, wenn man das Füllhorn der Wohlthaten in Augenschein nimmt, das Ihr Verein über dem Volke zu entleeren gesonnen ist. Man heft da in dem mitgetheilten Programm von Sektionen 1) für Landwirthschaft, 2) für Bergbau, 3) für Gewerbe (welches nebenbei national-ökonomisch richtiger Gewerke heißen sollte, da auch der Bergbau und die Landwirthschaft zu den Gewerben gehören), 4) für Schützen-, 5) für Turnwesen, 6) für Gesang, 7) Musik, 8) die Volksbildung, 9) Finanzwesen.
Wenn man etwa die Justiz pflege und die Polizei im engsten Sinne, in dem sie gegensätzlich zur Verwaltung gebraucht wird, ausnimmt, — denn der Kultus wird wol in der Volksbildung, der Handel und die öffentlichen Arbeiten in den Zweigen: Landwirthschaft, Gewerbe, Bergbau zur Sprache kommen — so setzt sich Ihr Verein nicht weniger vor, als in gewisser Hinsicht der Staat selbst, und Ihr Vereinszweck ist identisch mit dem Staatszweck. Sie dürfen nicht glauben, dieser Vergleich hinke deßwegen , weil der Staat zwingt, und Ihr Verein nur gütlich vermittelt; diesen Unterschied kenne ich sehr wohl, ich sage nur, daß stofflich, materiell Ihr Verein fast
Alles in seine Thätigkeitssphäre flogen hat, was auch der Staat.
Ihr Verein will die Kunst heben; — — der Gesang, die Musik sollen gepflegt, es sollen künstlerische Erzeugnisse ausgestellt und sogar „um die geistige Cultur des Volks zu heben," nach dem Antrag des Herrn Schulz poetische Vorträge aus Werken vaterländischer Dichter veranstaltet werden, „wenn ein passender Raum zur Verfügung gestellt wird;" auch der edlen Tanzkunst soll nach dem Programm an 3 Tagen bis „spät Abends" auf dem Festplatz (wahrscheinlich für die Söhne und Töchter des Proletariats) und außerdem auf Bällen an 2 Tagen in 2 Städten (vermuthlich für die „honnette" Gesellschaft) — gehuldigt werden; Ihr Verein will die Volksbildung heben: d. h. das Volk physisch, sittlich, religiös und intellektuell veredeln; Ihr Verein will Gewerke, Landwirthschaft und Bergbau heben: d. h. die gesummte Urproduktion und die gestimmte technische Produktion umfassen.
Sie wollen in Ihrem Verein Alles erreichen, und Sie werden Nichts kräftig, nachhaltig, zukunftreich erreichen.
Sie werden ein flackerndes, manche des Denkens entwöhnte Menschen blendendes Strohfeuer anfachen; aber keine dauerhafte Flamme, die erwärmt und nicht bloß leuchtet, und die fruchtbare Lavaströme ausgießt, und nicht bloß Asche und Rauch.
Da besteht in unserem Lande ein Centralverein für die Landwirthschaft und ein gleicher für die technische Produktion.
Man versicherte mir, daß der erstere sehr tüchtige wissenschaftlich und praktisch gebildete Defonomen unter seinen Mitgliedern zähle; daß der letztere intelligente und technisch geschulte Personen in seiner Mitte habe.
Warum, so frage ich Sie, begnügen sich die Mitglieder Ihres Vereins für Arb" und Bildung nicht damit, jenen Vereinen beizutreten, und etwa bloß einen besondren Verein für die Volksbildung zu bilden, der dann auch jährlich in Verbindung mit den beiden andern ein großartiges Fest veranstalten könnte, das Fülle, unendliche Fülle haben würde, aber doch dabei Gliederung, Ziel, Maaß, Bestimmtheit.
Und wenn Sie mir vielleicht antworten sollten, wir können nicht bei jenen Vereinen uns betheiligen, aus diesem oder jenem Grunde; so erwiedere ich: bieten diese Vereine Mängel dar, so treten Sie um so mehr ein, und streben Sie diese zu heben, uno in etwa todte Formen Leben zu hauchen, in verknöcherte Satzungen Bewegung zu bringen, und an die Stelle einer Abhängigkeit von dieser oder jener Autorität, das freie, das stolze Selfgovernment zu setzen.
Nichts ist gefährlicher als Scktirerei, wo Einigung aller Interessen und Interessenten so Noth thut; nichts ist nachtheiliger als Scktirerei bei solchen Bestrebungen in einem Staate, der ohnehin so sehr arm ist an Capital und an Intelligenzen.
Aber sollten Sie auch mit Ihren Mitgliedern durchaus es für unmöglich halten, in dem landwirchschaft- lichen Verein Ersprießliches zu wirken, so dürften Sie immer erst einen „neuen Verein" für Landwirthschaft gründen, daneben aber nicht noch alle sonstigen Zwecke zugleich verfolgen wollen.
Man muß den Geist der Association mit der Methode des Analytischen combiniren; nicht aber, mein Herr! eine unklare Synthese an die Spitze stellen, die wegen ihrer Vieldeutigkeit und Vielgestaltigkeit die Association gerade verhindert, recht fruchtbar zu werden.
Verzeihen Sie, mein Herr! aber ich muß es Ihnen unumwunden gestehen, in den Staaten der besternten Flagge und in Albion würde man Vereine, wie der Ihrige, für Absurditäten erklären. Das mag zwar hart klingen; aber eine echte Wahrheit schmerzt stets Viele. Schon der Verein für Land- nnd Forstwirthschaft setzt sich vielleicht eine zu weite Grenze seiner Wirksamkeit. Es sollten Vereine für den Gartenbau, den Weinbau, die Obstzucht, die Bienenzucht, den Wiesenbau, die Viehzucht, den Anbau der Handelsgewächse, die Landwirthschaft km engern Sinn, und die Wald- wirthschaft bestehen. Natürlich müßten diese Verein verbunden werden und in einem Centrum auslaufen, oie müssen aber als selbstständige gleichberechtigte Brüder einer neben dein Andern erscheinen und sie dürfen nicht lediglich Kinder einer gebührenden und ernährenden Mutter sein, die stets
einige im Vergleich mit den übrigen stiefmütterlich behandeln wird.
Man muß eben jede Association emancipiren und dann wird sie schon die sachdienlichste Ehe eingehen.
In England und Amerika hat man Vereine, um blaffe oder dunkele Rosen zu erzielen; um Rinder mit gewundenen oder gestreckten Hörnern zu produziren; „um Kaninchen mit langen Ohren zu erhalten": d. h. man will nur Eines, und nur Ein es, aber dieS Eine auch fest, gerade, sicher, klar. Daneben hat man freilich auch eine Centralisation der verwandten Associationen; aber dies ist eine freie, keine gezwungene, keine gemachte.
Ich habe mich bemüht, zu zeigen, daß die vielen großen Zwecke Ihres Vereins ihn wahrscheinlich keinen einzigen werden erreichen lassen. Non multa sed multum! sagt der Lateiner, d. h.: nicht Vieles, aber Viel in al. Bis jetzt hat man denn auch nur bei Gelegenheit des „Volksfestes" allgemein von Ihrem Feste reden hören; schon seit lange halten Sie großartige Vorversammlungen, lediglich des Festes wegen; schon seit lange treffen Ihre Mitglieder weitschichtige Vorbereitungen, nur des Festes wegen.
Ich weiß nicht, ob Ihr Verein noch auf sonstige Weise für seine großen Zwecke thätig ist; ich will es dach in gestellt sein lassen. Immer ist es möglich, daß ein stilles Wirken vorliegt, das um so verdienstlicher, je bescheidener es ist.
Aber glauben Sie wol, besonders mittelst eines Festes, ihrem großen Ziele näher kommen zu können? Mittelst eines Festes, das so viele Zerstreuungen bietet? Mittelst eines Festes, wo getanzt, gesungen, mu- sizirt, geschossen, gejauchzt wird? Mittelst eines Festes, das eine ernste Sammlung für eine ernste Erörterung ernster Fragen für Manche ganz unmöglich macht, für Viele ungemein erschwert? Mittelst eines Festes, daS für die „Verhandlungen über Landwirthschaft, Berg- und Gewerbewesen und Volksbildung" von drei Tagen nur 3^2 Stunde,drei und eine halbeStunde abkargt, während für Tänze, Schießen, Musik, Spritzen Prokuren und feierliche Umzüge so viele Stunden reservirt sind?
Das können Sie niemals glauben, mein Herr! Die Vieh-Ausstellung, welche übrigens sicher der land- wirthschaftliche Verein eben so großartig, oder noch großartiger veranstalten wird, und das Pferderennen, für das der eigens geschaffene Verein besonders Nachhaltiges wirken muß, wenn die Sache etwas werden soll, werden am meisten unsere Bauern unregen; — viel mehr als die in 3% Stunden abgehaltenen Vorträge „über Landwirthschaft, Berg- und Gewerbewesen" und die von Herrn schul; beantragten poetischen Vorträge aus Werken vaterländischer Dichter, „um die geistige Cultur des Volkes zu heben." (Forts, folgt)
Zur deutschen Politik.
sl- Der Aufschwung in Norddeutschland gegen die Gelüste deoBundestages wird trotz alledem entschiedener. Schon wiederholt haben wir angedeutet, daß diese Entwickelung sehr beachtenswerth' sei. Heute könnten wir wieder eine ganze Reihe von Stimmen vor- führen. So schreibt die „D. Reichsztg.", ein Gothaer Blatt, aus Frankfurt: „Die gesetzgebende Gewalt des Bundes von 1815 halten wir für völlig erloschen, ihre Retablirung für rechtlich unmöglich, und inou- derheit diejenigen Bestimmungen der Grundgesetze des Bundes aufgehoben, auf welche eine Clnnnuyung desselben in die Verfassungs-Angelegenheiten begründet werden könnte. Da der Bund der völkerrechtliche Verein der souveränen deutschen Fürsten ist, die hier allein als die Repräsentanten ihrer Staaten erscheine", so haben sie aus der Staatsgewalt nur diejenigen Gr- genstände der Gesammtheit überweisen sonnen, über welche sie frei zu verfügen berechtigt waren. So lange die deutschen Staaten absolut regiert wurden, die gesetzgebende Macht mithin unbeschränkt im Staatsoberhaupt vereinigt war, stand es diesem frei, sich seiner dahin gehörigen Befugniffe zu Gunsten des Bun- des zu begeben. So weit aber die gesetzgebende Gewalt an die Mitwirkung einer Landes-Vertretung gebunden war, konnten die Fürsten unter sich keine Gesetze für ihre Staaten vereinbaren, durch die jeneS Recht der Stände beschränkt oder ausgehoben worden wäre. Der Bundes - Gesetzgebung verbleiben mitpin nur diejenigen Gegenstände, welche dem ständ.- schen Wirkungskreise entzögen waren. Wie