Freie Zeitung. „Freiheit und
18K Wiesbaden. Mittwoch, 20. August 1831.
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Wohin die kommandirte Gottseligkeit führt.
* Wir leben in einer Zeit, die, wenn die Reaktion siegt, zur kolossalen Sittenlosigkeit, wenn sie unterliegt, zunächst zur Vernichtung aller religiösen Formen führen kann; aber nicht als Folge der freien Gemeinde, und eben so wenig als Ergebniß des modernen Bildungsganges überhaupt, sondern weil die Contrerevo- kution in ihrem bodenlosen Aberwitz dem Volke die Frömmigkeit verleidet. Seit Hassenpflug und Villmar als Muster der Gottseligkeit dastehen, seit die Frömmigkeit befohlen, die Heiligung des Sonntags mit Dragonern betreiben, seit die freieren religiösen Gemeinschaften allenthalben gemaßregelt imd verfolgt werden, wundere man sich nicht, wenn wir Zuständen entgegen gehen, wie der größte jetztlebende englische Historiker Macaulay, dessen Religiosität außer Frage, dessen Erfahrungen als Staatsmann und Minister anerkannt und dessen Scharfblick berühmt ist, sie in einem seiner Essays schildert.
Macaulay spricht von der liederlichen Komödie der englischen Restaurationszeit, welche den Rückschlag gegen den vorhergegangenen Puritanismus bildete. Dabei kommt er zu folgenden Betrachtungen: „Oeffent- liche Frevel gegen Moral und Religion zu strafen, liegt unstreitig in der Kompetenz der Regierenden. ' Aber eine Regierung, die statt Anstand Heiligkeit verlangt, überschreitet ihre Schranken und es ist Regel der Erfahrung, daß eine Regierung, die mehr versucht, als sie darf, weniger durchführen wird." Macaulay belegt diesen Satz mit mehreren Beispielen, wie gesetzliche Beschränkung des Zinsfußes rc., und fährt dann fort: „Ebenso wird eine Regierung, die, statt sich zu begnügen, ärgerliche Erzesse zu bestrafen, von ihren Staatsbürgern heiße und strenge Frömmigkeit fordert, bald entdecken, daß sie mit dem Versuche, der Tugend einen unmöglichen Dienst zu leisten, in der That nur das Laster befördert hat." — Der einzige Irrthum des trefflichen Mannes in diesen Worten liegt nur darin, daß er meint, die Regierung werde ihren Irrthum „bald entdecken." Die Geschichte lehrt das Gegentheil. Eine Regierung, welche kurzsichtig genug ist, solche Versuche zu machen, entdeckt nichts, und nichts eher, als bis ihr das gezimmerte Truggebäude über dem Kopfe zusanimenbricht. Doch — hören wir weiter: „Denn durch welche Mittel", fragt Macaulay, „kann eine Regierung ihre Zwecke erreichen? Nur durch zwei: Belohnung und Bestrafung, mächtige Mittel, um das äußere Handeln zu bestimmen, aber gänzlich machtlos, um das Innere des Menschen zu ändern. Ein Beamter, dem man sagt: „„Wenn du ein andächtiger (katholischer) Christ bist, so befördern wir dich, wenn nicht, so verlierst du deine Stelle"", wird wahrscheinlich jeden Morgen znr Messe gehen, Freitags keinen Bissen Fleisch essen, regelmäßig zur Beichte gehen,
und seinen Vorgesetzten wissen lassen, daß er ein härenes Hemd auf der bloßen Haut trägt. Unter einer puritanischen Regierung wird eine Person, die erfährt, daß Frömmigkeit das Mittel zum Vorwärtskommen ist, in der Sonntags- und Sabbathfeier streng sein, und das Theater wie ein Pesthaus meiden. Solche Scheinreligiosität wird mit jenen Mitteln eine Regierung in einer Woche vollauf hervorbringen. Aber unter diesem Schein bewahren Sinnlichkeit und Ehrgeiz, Habsucht und Haß ihre volle Kraft, und der scheinbar Bekehrte hat nun zu seinen übrigen Lastern nur noch alle die schwärzeren Laster hinzugefügt, deren Mutter die Verstellung ist. Die Wahrheit kann nicht lange verborgen bleiben. Das Volk sieht bald, daß diese Musterbilder der Frömmigkeit ohne jedes moralische Prinzip und Zartgefühl und schlimmer sind, als erklärte Wüstlinge. Es steht, daß diese Pharisäer von wirklicher Güte weiter entfernt sind, als Zöllner und Huren. Und wie gewöhnlich stürzt es jetzt auf das dem aufgegebeneil entgegengesetzte Prinzip. Es sieht in jedem Menschen von stark ausgeprägter Religiosität einen Niedrigen unb Verderbten. Am allerersten Tage, wo der Zwang der Furcht wegfällt, und wo die Menschen wagen können, zu sagen, was sie denken, verkündet ein furchtbares Getöse von Lästerungen und Frivolitäten, daß die kurzsichtige Politik, welche es unternahm, eine Nation von Spöttern geschaffen hat. So war es in Frankreich um den An- fang des 18. Jahrhunderts. LudwEX.IV. wurde als abgelebter Wollüstling religiös. Er beschloß, daß seine Unterthanen auch religiös werden sollten. Er runzelte die Stirn, wenn er bei Lever und Mittagstafel einen Kavalier sah, der die kirchlichen Pflichten vernachlässigte, und belohnte Frömmigkeit mit Ordensbändern, Einladungen, Pensionen nnd Regimentern. Da sah man bald die Kanzeln u.rd Beichtstühle von Dege» und gestickten Hofkleidern umringt. Die Marschälle Frankreichs beteten viel, und es gab unter den Herzögen und Pairs keinen Einzigen, der nicht fromme kleine Traktätchen in seiner Tasche geführt, die Fasten gründlich durchgefastet und zu Ostern kommunizirt hätte. Frau von Maintenon, die Seele dieser gesegneten Wandlung, durfte rühmend ausrufen: die Andacht ist völlig Mode geworden. Freilich — eine Mode war es, und wie eine Mode ging's vorüber. Kaum hatte der Beherrscher der neuen Gläubigen die Augkn geschloffen, als der ganze Hof die Masken abwarf und Jeder sich beeilte, sich durch das Uebermaß der Ausschweifung und Frechheit zu entschädigen für die jahrelange Kasteiung. Dieselben Menschen, die noch so eben mit ernster Demuth Geistliche über ihren Seelenzustand konsultirt hatten, umgaben jetzt die mitternächtliche Tafel, wo unter dem Knalle der Champagnerpfropfen ein trunkener Prinz-Regent, zwischen Dubois und Madame Parabere thronend, atheistische Frivolitäten und obscöne Witze ausstieß, wo Orgien gefeiert wurden, über welche die Genossen der Jugend-
Ausschweifungen des vierzehnten Ludwig erröthet sein würden. Ganz so war's mit unsern Vätern. Auch die Puritaner, soviel Dank ihnen auch die Menschheit als den Begründern der Amerikanischen Republiken schuldet — auch sie begingen den schweren und verderblichen Fehler, daß sie das Volk wahrhaft fromm machen wollten durch die — Regierung. Und doch, wenn sie nur über die Vorgänge ihrer eignen Zeit, über das, was sie mit eigenen Augen gesehen, nachgedacht hätten, so mußte ihnen natürlich klar sein, was das Ergebniß ihres Unterfangens sein würde. Hatten sie doch unter einer Regierung gelebt, welche eine lange Reihe von Jahren hindurch Alles that, was durch verschwenderische Belohnung und durch strengste Bestrafung gethan werden konnte, um die Lehren und Disziplin der Englischen Kirche überall in England durchzusetzen. Niemand, der sich ihnen nicht fügte, hatte die allergeringste Aussicht, am Hofe Karl's Gunst und Gnade zu erlangen. Erklärte Abweichung wurde mit schimpflicher Ausstellung, ruinirenden Geldstrafen, grausamer Verstümmelung bestraft. Und der Erfolg? Der Erfolg war gewesen, daß die Kirche gefallen war und in ihrem Falle die Monarchie mit sich niederriß, welche 600 Jahre bestanden h a tt e." Aus diesem Erfolge hätten die Puritaner wenigstens das lernen sollen, daß eine Regierung, welche Dinge versucht, die außer ihrem Bereiche liegen, nicht blos ein Fehlschlagen, sondern daö Hervortreten gerade der entgegengesetzten Wirkung erwarten müsse. Aber auch die Puritaner lernten nichts und und vergaßen Alles, als sie zum Regiment gelangten. Sie schloffen die Theater, stellten die Wiffenschaft unter absurde Beschränkungen, machten harmlose Dinge zu Kapitalverbrechen. Ein Parlamentsbeschluß befahl: Niemand solle angestellt werden, über dessen Frömmigkeit nicht das Haus befriedigt, sei. Zu wissen, welcher Mann fromm ^sei , war unmöglich. Aber es war leicht und gewiß, zu wissen, ob er eine schlichte Kleidung, glattes Haar, keine Stärke in seiner Leinenwäsche, keine helles Meublement in seinem Hause hatte, ob er salbungsvoll durch die Nase sprach und die Augen verdrehte, ob er seine Kinder „Trübsal" „Zuversicht" und „Maher-schalal-hasch-baz" nannte, ob er in der Stadt Vergnügungsorte mied und auf dem Lande sich des sündlicheu Jagens enthielt, ob er seiner Dragonereskadron Bibelstellen erklärte, und in einem Finanzkomite „über das Suchen des Herrü" sprach! Das waren Proben, welche leicht angewendet werden konnten. Das Unglück war nur, daß sie eben nichts bewiesen! Dennoch aber wurden sie von der herrschenden Partei angewendet — und die Folge? Die Folge war, daß eine Menge Betrüger m jedem Berufe und Stande diese Zeichen der patentirten Frömmigkeit anzuwenden, nachzumachen und zu karrikiren begannen. Die Nation ließ sich nicht betrügen. Die Beschränkungen jener düstern Zeit waren der Art, daß man
Kulturgeschichtliches.
XV.
(Fortsetzung.)
Noch ein anderer Industriezweig, der neuerdings in Irland in Aufnahme gekommen ist, verdient in Deutschland beachtet zu werden. Ich meine die Produkte aus Torf: Torfkohle, die bei viel geringerem Volum viel mehr Heizungsfähigkeit hat als der rohe Torf, also einen weiteren Transport verträgt, und die durch denselben Prozeß gewonnenen mineralischen Oele und andere Leuchtstoffe. Das Verfahren ist zwar nicht neu, sondern unter andern schon in Oranienburg versucht, und die ersten Berichte über die Einträglichkeit schmeckten stark nach Humbug. Aber der Fortbestand der Gesellschaften und die Klasse;!. Nro. 222, 225, 227 und 228 ausgestellten Probe» beweisen wenigstens, daß die weiten Moorflächen noch zu etwas Anderem gut sind, als zur Erzeugung von Höherauch.
Auf die Verwaltung Indiens, die wieder ganz eigenthümlich er Art ist, haben wir früher einen Blick geworfen.
In den übrigen größeren Kolonien kämpft das Selfgovernment mit den bureaukratischen Gelüsten der Whigs und der Stellenjägerei der Familien Grey und Russell. Die nachstehende vortreffliche Persiflage der „Times"
zeigt den Bureaukraten in einer Rolle, in der Deutschland ihn nicht kennt, als Kolonialmiuister, und lehrt zugleich, welchen Unfug das Beamtenregiment anrichten würde, wenn ihm nicht eine freie Presse auf die Finger sähe.
„Schritt für Schritt haben wir die einst blühende und civilisirte Kolonie von Van 2)iemen0kuib von einer weit fortgeschrittenen und in stetem Fortschritt begriffenen Prosperität zu einem Zustande der Barbarei herabgebracht, der die Kolonisten wenig über die wilden Ureinwohner erhebt, die sie verdrängt haben. Nach einem fünfzigjährigen Besitz sind wir auf die Defensive beschränkt, gegenüber einer Bevölkerung, die wir längst hätten versöhnen oder unterwerfen sollen; unb während Lord Grey davon träumt, unsere Grenzen bis zu den entferntesten Gestade» auszudehne», kann sich die Civilisation faum in dem näheren Thale des Keiskamma behaupten. Zur Entschädigung für diese Rückschrittsbewegung hat das Kolonialmini- sterium sich eingelassen, der Civilisation in einer andern Gegend einen Anstoß zu geben, den wir als bedauerlich unwirksam zu bezeichnen uns erlauben müssen. Der kürzlich ausgegebene Parlamentsbericht über das Gebiet deö Orangeflusses enthält, abgesehen von seinem geographischen Interesse, eine sonderbare Probe der „ausgedehnten Kenntniß der südafrikanischen Ureinwohner," welche Lord Grey dem Gouverneur Harry Smith beilegt. Zwei Breitengrade jenseits des süd
lichen Wendekreises und etwa 700 Meilen nordwärts von der gegenwärtigen Grenze der Kap-Kolonie ist ein großer See entdeckt worden, angeblich von wohl bewässertem und fruchtbarem Lande' umgeben. Die zahlreichen Anwohner des Sees nahmen die Entdecker freundlich auf. Das ist buchstäblich Alles, was wir von ihnen wissen. Ob dies entlegene Volk braun oder schwarz ist, von Ackerbau, Viehzucht, Jagd oder Fischfang lebt, welche Sprache, Versagung ane Gesetz- gebung es hat, ob es Menschen oder Fische frißt und in Höhlen wohnt — wissen wir nicht, würde auch fürs Erste die Kolonialbehörden in Dow ningstreet oder der Kapstadt wenig interessiren. Der Adlerblick Sir Harry Siniths hat indessen in diesem unbekannten Volke einen vielversprechenden Verbündeten gegen die aufständischen Boers entdeckt, die vor unserm Scepter in die brennenden Wüsteneien, Halbwegs zwischen dem Kap und dem neuentdeckten See geflüchtet sind. Anstatt eine Entdeckung, die vielleicht jene unruhigen Auswanderer an einen entfernten Punkr siriren würde, mit Freuden zu begrüßen, scheint Sir Harry Smith die Wahrscheinlichkeit, daß die flüchtigen Wanderer an den Ufern des See's eine Stätte fünden könnten, als ein ernstliches Unglück zu betrachten. Von dieser Auf- faffung geleitet, schickt er einen Gesandten an das unbekannte Volk, um es zum Handelsverkehr einzuladL» unb gegen die befürchtete Invasion der Boers zu warnen. Aber dein Lord Grey ist das noch lange nicht