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Wiesbaden. Sonntag, 17 August

DieFreie Zeitung" ersinnt, mit Ausnudmc deS Montag», täglich in einem Sogen. Der AbonnementSpreiS beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden I ff. 45 h., auSwariS horch die Post bezogen mit verhälliiißinäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bet der großen Berbreitung derFreien Zeitung" stets, von wirksamem Lr folge. Die JnserationSgebühren betragen für die vierspalttge Petttzeile 3 fr.

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Die PräsidentfchaftSfrage in Frankreich.

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X Die Organe der europäischen Contrerevolution können ihren Aerger über die mit jedem Tage fester wurzelnde Republik Frankreich nicht verbergen: sie sind unerschöpflich an spott über die Vorbreitungen, welche die Nation zum großen Wahltage trifft. Louis Neybaud schrieb vor einigen Jahren einen humoristi­schen Roman:Wie Hieronymus Paturot auf die beste Republik Jagd macht." (Jérème Paturot â la recher» ehe de la meilleure des Républiques). So spötteln sie, könnte mau jetzt ein Buch mit dem Titel schreiben: Wie die Parteien Jagd auf den besten Candidaten machen!" Mögen die Herren lachen nach Belieben, nur sind sie sehr im Irrthume, wenn sie sich einbilden, der Welt einzureden, dies sei ein Beweis gegen die Republik.

Den Mann, der blindlings sich dem Zufall un­terwirft, der nicht selbst zu denken, selbst zu entscheiden wagt in wichtigen Verhältnissen, pflegt man im ge­meinen Leben ein altes Kind, einen Dummkopf u. s. w. zu nennen und ihm wohl gar einen Kurator zu geben; und in politischen Dingen zu denken, Alles zu prüfen und sich für das Beste zu entscheiden, wäre eine Thor­heit oder wohl gar eine Verruchtheit? Wo Leben, da ist Kampf!; wo das Ringen und Streben verstummt, fängt der Tod an. Ein Volk, welches aufhört, um Institutio­nen zu ringen, welche feinem Bewußtsein und Kultur­zustande entsprechen, begeht einen Verrath an sich selbst; und eine Nation, welche freie Institutionen sich errang, verübte einen Selbstmord gegen sich selbst, wenn sie dieselben nicht kräftig handhabte.

In China ist Ruhe und Ordnung, weil der Fort­schritt dem Bambusrohr erlag; doch sind darum die chinesischen Zustände beneidenswerth? In den Ver­einigten Staaten wogt bei jeder Präsidentenwahl ein Kampf, wie um Leben und Seligkeit, und es gilt aller­dings um ein gut Stück davon. Wem aber fällt es heute noch ein, aus solchen Bewegungen den Tod der nordamerikanischen Republik zu prophezeihen?

Wahlkämpfe sind politische Geburtswehen, also et­was durchaus Naturgemäßes, ja Nothwendiges: so ist eS auch in Frankreich. Die Parteien werden sich mes­sen. Aber wie wird Ordnung in dies Chaos kommen? Die Nation ist auf dem besten Wege dazu und, was (cfr zu rühmen, sie verfolgt trotz aller Intriguen von Innen und Augen, ihr Ziel, die gesunde Durchbil­dung zum echten Republikanismus, mit einer Ausdauer und Kaltblütigkeit, welche ungleich mehr die Bewunderung, als die Verhöhnung der Nachbarvölker verdienen.

Zwei große politische Parteien nur sind es, welche in Frankreich selbst in Betracht kommen: die Monar­chisten und die Republikaner. Der Kampf würde

mrgleich einfacher sein und die Krisis rascher ihren Ver­lauf nehmen, wenn nicht zwei andere Parteien (oder richtiger gesagt: Prinzipien) mit in Betracht kämen: der Jesuit ismus auf der einen, der Sozialis­mus auf der andern Seite, oder was dasselbe ist: die Weltordnung der Vergangenheit und die Weltord­nung der Zukunft.

Diese beiden Prinzipien halten nicht streng geschiedene Farbe: es giebt Republikaner!, welche noch nicht ganz vom Jksuitismus emanzipi t, und es giebt Monarchi­sten, welche vom Sozialismus bereits bedeutend ange­zogen oder, wie die Frommen sagen,angefreffen" sind. Louis Bonaparte verdankte einen Theil seiner Stimmen seinen früheren sozialistischen Schriften; La­rochejacquelein träumt von einer sozialistischen Erbmo- naichie und steht auf dem Punkte, lieber mit der Monarchie als mit dem Sozialismus freilich wie er ihn versteht zu brechen; auch Herr von Joinville soll sozialen Reformen nicht abgeneigt sein. Alle drei werden von ihren Parteien zu Kandidaten aufgestellt. Der Abenteurer von Boulogne hat sich 1 vom Jesuitis­mus ins Schleppthau nehmen lassen, um für die Lilien­monarchie den Johannes zu spielen und dermaleinst mit einem Herzogthum Korsika abgefunden zu werden: er gehört fortan daher zu den royalistischen Kandidaten.

Wie wird der Kampf ausfallen? Da wir noch nicht im Stande sind, den jesuitischen Einfluß im französi­schen Volke nach Zahlen zu messen, so ist die Antwort schwer, wie leicht sie sonst auch sein würde. Denn das steht fest, die Monarchisten sind getheilt: Louis Bonaparte, Joinville und Larochejacquelin sind nicht unter einen Hut zu bringen, der eine schließt den andern aus. Diese Getheiltheit aber ist ein Beleg von dem Verfall der royalistischen Meinung in Frankreich.

Anders auf Seiten der Republikaner, welche zwar über Nebenfragen gleichfalls uneins sind, einig jedoch über die Fahne der Gesammtpartei, welche Republik heißt. Aber welche Inschrift wird bei der Wahlschlacht das Banner zieren? Cavaignac, Carnot oder Na- daud? Der erste, wie der letzte Name treten mehr Uüd mehr in den jiinter^ und der Name Canot erglänzt immer Heller als der Kandidat aller re­publikanischen Franzosen. Diesen Namen zu verdäch­tigen oder zu beschmutzen, ist jetzt das Bestreben aller Gegner; aber es wird ihnen schwer werden!Wer ist Carn ot?

Der Repräsentant Carnot wurde 1850 im März von den Sozialisten der Hauptstadt in die National­versammlung gewählt, nachdem er 1848 als Unter­richtsminister der Schrecken der Jesuiten, doch der Lieb­ling der Lehrer und aller Freunde der Aufklärung ge­worden war. Carnot ist entschiedener als Cavaignac, doch besonnener als Ledru-Nollin, und bietet daher dem Mittelstände die conservativen Garantiern, welche der­selbe vom zweiten Präsidenten des jungen Freistaates erwartet. Dazu kommt, was in Frankreich immer

viel zu bedeuten hat, er ist der echte Sohn eines großen Vaters, jenes gefeierten Republikaners Carnot, von welchem in den Jahren 17931794 als Kriegsminister der Republik die großartigsten militäri­schen Konceptionen ausgegangen, Entwürfe, die 14 Armeen aus Frankreichs kriegerischem Boden zauberten, Hebel, die das verbündete Europa siegreich zurück­warfen und die Fahnen der französischen Republik auf das Gebiet ihrer Feinde trugen; er ist der Sohn jenes unerschütterlichen Republikaners, der gegen das Kai­serreich Napoleon's votirte und überstimmt von seiner ruhmgeblendeten Nation sich stolz und schweigsam in's Privatleben zurückzog, bis die Noth seines Vaterlan­des 1814 ihn aus dieser Stille in den Waffenlärm des öffentlichen Lebens rief; er ist endlich der Sohn jenes Helden der Republik, der 1815, verbannt von den Feinden der Freiheit seines Vaterlandes, auf fremder Erbe (in Magdeburg) seinen edeln und großen Geist aushauchte. Kein Wunder, daß Carnot, der Sohn, mit dem Andenken seines großen Vaters auch seine republikanischen Tugenden lernte. Derselben Festigkeit in den republikanischen Grundsätzen, derselben Auf­opferungsfähigkeit für sein Vaterland, derselben ächten Humanität ist auch der Sohn nachgestrebt, und für- wahr, er konnte nicht besser und nicht würdiger das Andenken seines großen Vaters ehren. Jedenfalls kön­nen die Republikaner Frankreich's die Hoffnung und die Zuversicht hegen, daß Frankreich endlich einmal an die Spitze seiner Magistratur einen ehrlichen Mann bekommt, einen Mann, der das Wort Republik nicht blos im Munde, ^sondern auch im Herzen trägt, eben Mann, der seine Vorbilder nicht in fürstlichen Galerien, sondern in dem Kapitale des Freistaates sucht, einen Mann endlich, den, wenn ihn auch weiter nichts zur republikanischen Ehrlichkeit bestimmen könnte, das Andenken an einen großen republikanischen Va­ter abhalteu wird, die Republik zu verläugnen, und zwar aus Furcht, einen großen Namen, den Namen seines eigenen Vaters, zu verläugnen. Und ein solcher reiner Charakter ist viel werth in einer Zeit, die am Gifte der Korruption noch so sehr krân- ^â Aber gerat-» l«,» «*'-* *»r ^imOamnd .nt* Alles aufbieten, um die Wahl Carnots zu hintertreiben, die Wahl des Mannes, der 1848 als Unterrichtsmi­nister einen Gesetzentwurf über das Volksschulwesen ausarbeitete, worin er Unabhängkeit der Schule von der Kirche, Verbesserung der materiellen Lage des Leh- rerstanbes und gesetzliche Bürgschaften für die Lehrer gegen willkührliche Absetzungen oder Versetzungen ver­langte. Nur von der Wurzel, vom Volksgeiste aus kann die Nation Heil erwarten: Carnot hat diese Würzet erkannt, deshalb ist er Frankreichs Mann, doch darum nicht her Mann der Jesuiten und Blutigel des al­ten Regime.

([ Bilder aus der Wiesbader Kunst­ausstellung.

(Fortsetzung.)

6) Kerkerscene, von L. Dieffenbach, in Hadamar.

Ein Bild von der Nachtseite des Menschenlebens, das von dem Talent des Künstlers, den wir bisher nur als Darsteller mittelalterlicher Klosterhallen kennen gelernt haben, eine weitergehende recht vortheilhafte Meinung erweckt. Wir befinoen'uns vor einem Ker- kergewölbe, das an der gegenüberliegenden Schmalseite aus zwei stark vergitterten Fenstern Licht erhält. Das Helldunkel des Gemachs läßt erst bei längerer Betrach- tung die Einzelheiten recht erkennen. Mit großer Sorg­falt ist das Mauerwerk des Gewölbes und der Wände behandelt, alle Fugen und Ritzen mit Spinnweben ver­kleidet, die Sandsteinplatten des Fußbodens theils ver­schoben theils durch einander geworfen, Alles in ganz vernachlässigtem Zustand. Ein ärmliches BeltgesteU, mit Stroh und Leintuch dürftig geling bedeckt, füllt die Ecke rechts, daneben sitzt, mit dem Rücken gegen die Fensterwand, der beklagenswerthe Inhaber dieser Räume, ein gefangener Mann, von edler Haltung, dein Be­schauer zugewendet, in nachdenklicher Haltung das kum­merschwere Haupt in die Hand gestützt, das stumme und doch so beredte Abbild eines Unglücklichen: daß der

Künstler sein Ansitz nicht sichtbar werden läßt, ist eine sehr glückliche Wendung für die Phantasie; auch die schmerzlichst bewegten Gesichtszüge vermögen die Größe des Kummers nicht wieder zu geben, die das Ge­fühl des teilnehmenden Beschauers gerade hinter der verhüllenden Hand zu ahnen vermag. Was es auch sei, das den Mann hierher geführt, für uns macht sich nur das Mitgefühl geltend, daß er der ärmsten einer geworden ist, denn er entbehrt, was die Lebenslust für das geistige Lebey des Menschen, die Freiheit. Und wie bitter muß er erst seine bittere Lage empfin­den, wenn er die Fensterflügel öffnet und hinter den dicken Eisenstäben einen Blick hinauswirft in die freie Natur da draußen. Nicht ohne Absicht hat uns der Maler diese Ver­gleichung dadurch nahe gelegt, daß er außer etlichen feal en­den Scheiben den Flügel des einen Fensters offen darstellt, sodaß nun, vom mildesten Sonnenglanz erleuchtet, die fernsten Gebirge im Tone der zartesten Bläue in diese Dämmerung Hereinschauen. Wie lieblich, wie einladend liegt da die schöne Welt vor den Blicken des Beschauers; nur der Mensch hat das Paradies der Gottesnatur entweihen können, daß er solche Kerker und Marter­häuser bauen konnte mitten in diese Herrlichkeiten der Natur hinein. Welcher Frieden liegt über der Welt da draußen ausgegossen; und welche Qualen pressen das Herz des Gefangenen! Ein Täubchen schneeweiß von Farbe, sitzt auf der Fensterbrüstung vor. dem geöff­neten Flügel; bei genauerem Zusehen gewahrt man

! ein zweites in einer Mauerluke zur Linken, wo es : auf einem mit Strohhalmen dürftig auSstaffirteu Nest seine Eier ausbrütet. Das Männchen wird wohl zur Ablösung ab- und zufsiegen, aus und ein je nach Be­lieben; ihm ist die Kerkerhöhle ein willkommener Zu­fluchtsort, den is nach Willkür verläßt; aber sein Freund und Pfleger harrt umsonst der Erlösung aus dieser Kerkernacht; er weiß nicht ob und wann ihm die er­lösende Stunde schlagen werde, die ihn der Welt und den Seinigen wieder gibt. Was die Darstellung selbst anbelangt, so schien uns die Lichtwlrkung auf dem Bilde, wonach das grelle Sonnenlicht theils durch die verschlossenen und von Staub bedeckten Scheiben halb gedämpft einbricht und nun vom Boden aus gegen die Wände und die tief dunklen Winkel des Gemaches reflektirt, sehr durchdacht angelegt und wohl gelungen, wenn auch der allzubräunliche Ton des Mauerwerks der Natur nicht ganz entsprechen sollte. Jedenfalls gibt das Bild ein erfreuliches Zeugniß von künstlerischer Begabnng, sowohl in der Komposition als in der Technik, und behauptet unter den Gemälden, womit die nassauischen Maler unsere Ausstellung ge­ziert haben, eine der ehrenvollsten Stellen.

(Fortsetzung folgt.)