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âerheir und Recht!"

Jg f f|ß. Wiesbaden. Samstag, 16. August 1851.

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Die englische Parlamentsfesston.

«- Die Königin Victoria gab in der Thronrede bei Vertagung des Parlaments ihre Zufriedenheit in allen möglichen Sprachwenbuugen kund. Dieses-Wohl­behagen ist freilich nur ein relatives, ein blos im Ver­gleich zu den Zuständen des europäischen Festlandes gerechtfertigtes. Denn dio Leistungen des Parlaments waren nichts weniger als erfreulich. Treffend spricht sich der Londoner Korrespondent derNat.-Ztg." dar­über so aus: Das Ministerium ist seit der letzten Krisis ein provisorisches, ein bloßer Verwaltungsaus- schuß gewesen, hat Niederlagen hingenommen, als wenn sie sich von selbst verstanden und seine Gesetzentwürfe dermaßen umgestalten sehen, daß sie nicht wiederzuer- keilnen waren. Darüber wird sich der demokratische Zuschauer nicht grämen, aber vom konstitutionellen Standpunkt ist ein solches Verhältniß gerade kein Ge­genstand der Beglückwünschung. Auch die Früchte der Session werden in der Gesetzsammlung keinen großen Naum einnehmen. Das Hauptprodukt ist die Titel- bill, ein trauriger Beweis, wie weit wir in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts noch davon entfernt sind, die als die richtigen erkannten Grundsätze der Gesetz­gebung in die Wirklichkeit einführen zu können. Die Bill ist ein Uebel, aber das kleinere unter zweien. Ueber den finanziellen Maßregeln hat ein besonderer Unstern gewaltet, obwohl der Schatzkanzler diesmal nicht mit einem Defizit, sondern mit einem Ueberschuß zu kämpfen hatte. Zweimal hat er sein Budget du» dern müssen und die Ei^kpmineiksteuer ist ihm alles Sträubens ungeachtet nur auf ein Jahr bewilligt wor. den. Die unzweckmäßige Fenstersteuer ist endlich be­seitigt. Die in den beiden Häusern und unter ver­schiedenen ' Verkappungen ausgeführten Angriffe der protektionistischen Gutsbesitzer 'auf den Freihandel und auf die Taschen der industriellen Bevölkerung sind, freilich nur mit genauer Noth und wesentlich mit Hülfe der Presse, abgeschlagen. Von den dringenden gesund­heitlichen Reformen der Hauptstadt ist nur die Ent- fernung von Smithfield, nach dreißigjährigem Kampfe durchgesetzt. Das neue Kloaken- und Wasser,ystem und die Anlegung von Kirchhöfen außerhalb der Stadt ist um keinen Schritt gefördert, obwohl Lord John 9iuffetl bei der letzten allgemeinen Wahl grade damit die Stimmen der City erkaufte. Die Ankündigung der Thronrede von Maßregeln zur Erleichterung der Ei­genthumsübertragung ist unerfüllt geblieben. Der Wi­derstand der Juristen war zu furchtbar für ein Whig- ministerium. Die Emanzipation der Juden ist noch einmal den Lords geopfert, da der Premier-Minister nicht Lust hatte, eine Kabinkts-Frage daraus zu ma­chen, auch eigentlich gar keine Kabinets-Fragen machen konnte. Dagegen sind einige kleine Verbesserungen der Prozeßordnung durchgesetzt. Piel reicher ist die Ge­

schichte der ministeriellen Unglücksfalle. Drei Wochen nach der Eröffnung wurde das Kabinet bei King's Antrag auf Erweiterung des Stimmrechts mit 100 gegen 52 geschlagen und resignirte. Nach vielen ver­geblichen Versuchen, ein Ministerium aus der Oppo­sition zu bilden oder das alte irgendwie zu rekrutiren, blieb Lord John Russell am 28. Februar wieder Meister des Feldes. Er wurdewieder ausgegraben", wie die Times" damals sagte, und noch lebendig befunden, aber nicht in besserer Gesundheit. Vierzehn Tage spä­ter wurde er von Lord Duncan M Betreff der Do­mänenverwaltung, im Mai von Mme mit der Ein­kommensteuer, ein paar Tage später von Lord Naas wegen der Branntweinsteuer, im Juli an einem Tage zweimal von Lord Grosvenor in Betreff der Anwalts- gebühren, von Berkeley bei dessen Antrag auf geheime Stimmgebung geschlagen, und endlich ist, wie bemerkt, die Titelbill in den Händen der Opposition vollkommen umgestaltet.Eine solche Reihenfolge von Niederlagen sagt dieTimes" ist an sich ein großes Uebel und eine Vorbedeutung noch größerer. Wenn das Un­terhaus nicht im Stande ist, einen Führer zu wählen und ihm mit einer gewissen Standhaftigkeit zu folgen, so ist das Gleichgewicht der ganzen Verfassung gestört und dem Ehrgeiz und der Parteisucht ein weites Feld geöffnet. Beim Beginn der Session stellte es sich heraus, daß bei der gegenwärtigen Zusammensetzung des Unterhauses ein anderer Führer als der Chef der Whigs unmöglich ist. Seitdem hat es sich herausge­stellt, daß Lord John Russell auch unmöglich ist. Ww halten es daher für eine ausgemachte Sache, daß ein so eigenwilliges und nichtsnutziges Haus das Volk nicht gehörig repräsentirt, und betrachten es als die Hanptmoml der letzten Sesss .^. daß eine Veränderung in dem Repräsentativsystem vorgenommen werden muß, die dem Unterhause mehr Ernst, Stetigkeit und Un­eigennützigkeit verleiht. Das Ministerium hat Nieder­lagen erlitten, aber die Opposition hat keine Siege er­fochten. Wenn in dem fortwährenden Durcheinander der Session eine Partei gewonnen hat, so ist es die, mit der die Whigs sich endlich werden intendisiciren müssen, die Partei der Finanz- und Parlamentsreformer."

Dieses Urtheil des konservativen Journals wird vor den Konservativen in Deutschland wenig Gnade finden. Man wird dieTimes" belehren, daß es ja nur darauf ankommt, ob ein Ministerium die Majo­rität hat, daß es also ganz gleichgültig ist, ob die Majorität den Minister wählt, oder ob der Minister sich eine Majorität besorgt, allenfalls durch Beseitigung der Abgeschmacktheit, die ihm die Majorität verderben, als z. B. des allgemeinen Wahlrechts. Man wird ihr ferner sagen, daß die Zerrissenheit und Zerklüf­tung einer Volksvertretung ein sicheres Anzeichen ist, daß die Basis noch zu breit sei und eine neue Ver­tretung aus konservativeren Elementen gebildet werden müsse. Und man wird der Krone rathen, das preu­ßische Dreiklassenwahlsystem zuoktroyiren und daneben

provinziell-eigenthümliche Landstände herzustellen. !!? Mag dieTimes" sehen, wie sie mit den weisen Leuten zu- rechtkommt. Wir entnehmen aus der Geschichte dieser Session, daß der Vorzug der englischen Verfassung nicht in dem parlamentarischen Schaukelspiel besteht, was so glänzend bankerott gemacht hat, sondern in der Selbständigkeit der Gemeindeverwal­tung, die die Angelegenheiten des Volkes zur Zufrie­denheit des Volkes besorgt, unberüht durch die Er­schütterungen der Exekutive und bas Gezänk parla­mentarischer Cliquen. Sehe man dagegen auf Frank­reich, wo Herr Bonaparte voriges Jahr damit renom- mirte, daß er 6000 «Gemeinvebeamten abgesetzt habe. Das Hauptergebniß dieser Sitzung für uns ist aber der Umschwung der öffentlichen Meinung in Betreff der äußern Politik. Ein reaktionäres Blatt nach dem andern hat sich zu dem Geständniß bequemen müs­sen, daß der deutsche Bundestag und der König von Neapel, der Papst und die Ordnungspartei in Frank­reich die Völker nicht so über alle Begriffe glücklich machen und nie mit England gute Freunde werden können.

Deutschland.

1* Wiesbaden, 15. August. Die Jschler Konfe­renzen gewinnen mehr und mehr an Bedeutung. Am 29. wird auch der König von Preußen dort eintreffen, um seine Gemahlin abzuholen". Am 15. wollte der König von Sanssouci seine süddeutsche Reise in Be­gleitung des Ministerpräsidenten von Manteuffel autre» ten. Die hohenzollernschen Fürstenthümer erhalten eine bleibende preußische Militärbesatzung, wozu ein Theil des jetzt dahin^anf dem Marsche befindlichen 34. In­fanterieregiments aus ersehen ist.

Mainz 13. August. (Mzr. Abdpst.) Die Ver­handlungen der heutigen Sitzung des Gemeinde­raths betrafen meist Gegenstände von wenig allge­meinem Interesse, wie die Anstellung eines Maschinen­meisters und Malers im Theater, die Verbesserung der Feuerung daselbst, u. s. w. Der Ernst und die Trockenheit dieser Verhandlungen wurden durch einen erheiternden Zwischenfall unterbrochen, veranlaßt durch das Gemeinderathsmikglied Herrn Nillius. Der Vorstand der Dentschkatholiken hatte sich nämlich an den Stadtvorstand gewendet, wegen Ueberlassnng des Akademiesaales im ehemaligen kurfürstlichen Schlosse zur einmaligen Benutzung am 24. August, weil das bisherige Lokal dieser Gemeinde wegen baulicher Veränderungen auf längere Zeit unbrauchbar werde. Herr Nillius widersetzte sich sogleich diesem Anträge, weil er erst jetzt erfahren habe, daß diese ReligionS- Gesellschaft eineunchristliche" sei. Als nun dennoch der Gemeinderath mit allen Stimmen gegen drei den Beschluß faßte, am 24. August den Deutschkatholiken den Saal zu überlassen, erhob sich plötzlich Hr. Nil­lius von seinem Sitze, die eingefallenen Wangen gei-

Die Tabakspfeife der Königin.

(The Queens pipe )

sNach demMag. für die Literatur des Auslandes.")

So imponirend und so massenhaft auch die Welt- Ausstellung im Krystalpallaste sein mag, ist doch die unun­terbrochene Ausstellung, welche der Londoner Welthandel Jahr auS Jahr ein in seinen Docks darbietet, noch viel imponirender, indem diese uns von der Macht und dem Reichthum einer einzigen, Stadt eine» in das größte Erstaunen setzenden Begriff gibt. Hat sich der Fremde im äußersten Westen der unermeßlichen Kapitale die Welt-Ausstellung angesehen, so mag er sich die Mühe nicht verdrießen lassen, im äußersten Osten von Lon­don die Bassins der Themse, aufzusuchen, die den Na menDocks" führen, denn er wird hier nicht minder, ja vielleicht noch mehr überrascht sein, als er es dort war.

Von den Umgebungen des Towers ab bis nach Blackwall, also auf einer Strecke von ungefähr vier Mtilcn, reiht sich ein Bassin an das andere Ein ungeheures, bis zu sieben Stockwerken hohes Magazin gränzt hier an das andere, und der Wald von Ma­sten, der sich von der Loudon-Brücke bis zur Mün­dung der Themse erstreckt, sendet seine mit Hunderten von Segeln bedeckten Arme rechts und links in die

zahlreichen Bassins aus, wo die Schiffe ihre transat­lantischen Ladungen löschen oder sich mit englischen Waaren füllen, um sie allen Märkten der Welt zuzu- führen. Der Werth der hier lagernden Güter über­steigt jede für einen simpeln Bewohner des Kontinents denkbare Summe.

DieSt. Katharinen-Docks" sind die ersten von der London-Brücke ab, am linken Ufer der Themse gelegenen; sie bedecken 23 Acker (acres) Landes und können 120 Seeschiffe aufnehmen. In den Magazi­nen derselben ist für 110,000 Tonnen Waaren Raum und das Kapital der Gesellschaft, der diese Docks ge­hören, beträgt mehr als 2 Mill. Pfund. Demnächst folgen dieLondon-Docks, " deren Ausdehnung mehr als 100 Acres beträgt; 500 Seeschiffe können hier Platz finden, und in ihren Magazinen ist für 234,000 Ton­nen Waaren Raum; das Kapital der Gesellschaft be­trägt 4 Mill. Pfund. Sodann folgen dieWestin­dischen Docks", welche fast dreimal so groß wie dieLondon-Docks" sind, da sie einen Flächenraum von 295 Acres umfassen; es können zwar nur vier­hundert große Seeschiffe eingelassen werden, der Werth der hier gleichzeitig aufgespeicherten Waaren hat jedoch oft schon mehr als 20 Millionen Pfund (135 Millio­nen Thaler) betragen. Endlich schließen sich daran dieOst indischen DockS," welche 32 Acres Lan­des umfassen und in ihren Magazinen fünfzehn tausend Tonnen Waaren aufuehmen können. Alle vo. stehend

genannte Docks zusammen vermögen 1200 Seeschiffe und 539,000 Tonnen Waaren aufzunehmen.

Dies waren jedoch nur die Docks des linken Themse-Ufers. Auf der anoeren Seite der Themse er­streckt sich eine parallele Reihe von Docks: dieSur­rey-Docks," dieCommercial-Docks" und dieEast- ConntryDocks," welche sich von Rotherhithe bis nach Deplford ausbehnen und mästens von den Erzeug­nissen des englischen Getverbfleißes und Bodens ange- füllt sind.

Wir wollen uns jedoch für jetzt nur mit denjeni- gen Bassins beschäftigen, welche die eigentlichenLön- don-Dockö" heißen und wo sich auch die in der Ueber- schrift genannteTabakspfeife der Königin" befindet. Die in diesen Docks hauptsächlich magazinirten Artikel sind: Wein, Wolle, Gewürze, Thee, Elfenbein, Tabak, Zucker, eingeführte Metalle, Droguen und Faebewaa- mi. Mit Ausnahme der Thees und der Gewürze kann Jeder, der mit einer vom Sekretär ausgestellten Einlaßkürte versehen ist, alle jene in ungeheuren Quan­titäten aufgestapelten Waaren besichtigen. Um die Weine zu sollen, muß. man eine besondere Erlaubniß­karte haben.

Wir treten also in dieLondon-DockS" ein und lassen zunächst zur linken Hand das Elftnbein-Entre- pot liegen, in welchem^ungeheuie Elephanten-, Rhino­ceros-, Naivall- und Schwel'tsisch-Zähne auf dem Bo- deu aufgestapelt sind, und sehen vor uns einen wetten