M 191. Wissba-en Donnerstag, 14. August 1831.
Die »Freie Zeiiung" ersi-.uit, mit iluSna^mt dcS ^vulagü, läßlich in einem 6^tu — Der äboiuunwiuopretd beträgt vierteljabrlich hier in Wiesbaden 1 st 45 fr., auSwa« 4 Hurch die Post bezogen mit verdältmßmäSigem Ansschlage. — Inserate werden bereitwillig auiciwnimeu unb sind bei der große» Berdreitung der »Freien Zeitung" stets von wirksamem Er» folgt. — Die Jnserativttögebiipren detraacn für die vierspoltige Petit^cile 3 fr.
Wer liebäugelt mit dem Auslande?
X Die Taktlosigkeit der reaktionären Presse wird immer bodenloser. Wir haben schon ost Beispiele und Exempel davon vorzulegen gehabt; aber was sagen unsere Leser wohl zu einem Artikel „aus der Pfalz", den die „O.P.A.Z." mit Wohlgefallen aus der „Pfälzer Ztg." abvruckt und der so anhebt:
„Nichts zeugt so sehr von der tiefen Gesunkenheit einer Partei, als wenn sie ihre Hoffnungen auf das Ausland richtet und von daher den Sieg ihrer Grund- sätze erwartet. Diese Partei des Auslandes, die bei jedem Volke, in welchem noch eine Spur von Vaterlandsliebe und nationalem Sinne lebt, mit Schmach und Verachtung gebrandmarkt würde — es ist bei uns die Demokratie."
Wir müssen gestehen, baß uns das Wort: „Demokratie" einigermaßen überrascht hat; wir hätten erwartet, es stände statt desselben: „die Absolutisten-" ober „die Junker Partei." Wir bitten den Satz noch einmal so zu lesen:
„Diese Partei des Auslandes, die bei jedem Volke, in welchem noch eine Spur von Vaterlandsliebe und nationalem Sinne lebt, mit Schmach und Verachtung gebrandmarkt würde, — es ist die Absolutisten- parte i."
Die „O--P.-A.-Z." wirft der Demokratie vor: „Theils im Gefühle ihrer eigenen Ohnmacht, theils in der endlich durchgebrochenen Ueberzeugung, daß sie im deutschen Volke keinen festen Boden hat, droht diese Partei laut und unverholen mit dein Jahre 1852 und den Veränderungen, welche dasselbe in Frankreich und mittelbar auch in Deutschland zur Folge haben wird." Wenn bas denunzirenve Blatt sich hierauf Mühe gibt, zu beweisen, daß Vie Demokratie diese Rechnung ohne een Wirth gemacht habe, so trägt es nur Wasser in den Rhein. Denn die demokratische Presse hat wohl zur Genüge bewiesen, daß sie die französischen Zustände besser kennt und richtiger zu deuten versteht, als die Skribentensippfchaft der Contrerevolution. Die „gegen Besitz und Eigenthum gerichtete Propaganda," von der die „ Ober - Post - Amts - Zeitung " redet, lernt der Deutsche mehr und mehr in andern Regionen suchen, als bei den „Rothen,"; wir erinnern blos an die Artikel der „Köln." uns anderer preußischen Zeitungen über die Grundsteuer und die Pläne der Junker in dieser Beziehung. Vom Kommunismus aber ist keine Partei weiter entfernt,, als eben die demokratische: grade deshalb will sieben sozialistischen Staat, weil dieser die einzige Schntzwchr gegen den Kommunismus und die Barbarei der Prätoria-, ner- wie der Prolelarierwirthschast ist. Doch dies nur beiläufig!
Was den Vorwurf anbetrifft, die Demokratie blicke „im Gefühle ihrer eigenen Ohnmacht" auf's Ausland,
so ist dies eine Lächerlichst: die Demokratie war nie stärker, als seit der Abolutismus in Europa alle Männer von Unisicht, voiNechtssinn, von Vaterlandsliebe zu ihr mit Feuer un Schwert hintreibt! Die Demokratie zählt nicht mhr nach Tausenden oder Millionen — sie ist die kvbssale Majorität in Europa! Das sind keine Prahlerei», das sind Thatsachen. Das Gefühl ihrer „Ohnmacht"hat die demokratische Partei in den Tagen der Paulskirche urchgemacht: damals stand sie noch in der Minorität; Vch seit den Tagen von Dl« mütz ist sie gewachsen wie Sand am Meere!
Und warum ist sie so rasch die Ueberzeugung aller Patrioten geworden? Ebn deshalb, weil die absolutistische Partei es wcr, welche sich ganz und gar dem A u s l a n d e zu Füßer warf!
Die Verhandlungen ü Warschau bilden einen großen, folgenreichen Wewepunkt in der deutschen Geschichte: darüber täuscht sih niemand mehr, der Augen hat, den Gang der Zeitgeschichte zu beobachten.
Die Demokratie huldig allerdings der Völkersolidarität. Sie weiß, daß weder Frankreichs, noch Deutschlands, noch der Shweiz, noch Ungarns, noch Polens Freiheit gesichert ist, so lange nicht alle frei sind; aber von Frankreich direkte Hülfe 511 hoffen, erscheint i h r Thorheit. Die Kanzosen haben mit sich selber vollauf zu schaffen; und ein Volk, das sich nicht selber zu emanzipiren vermochte, wird Sklav bleiben oder in die Sklaverei zurücksinkm, sobald der stützende Arin sich zurückzieht. Jedes Volk hat seinen besondern Charakter: nicht Alles, was die Franzosen wollen, ist uns gemäß! So denkt die Demokratie und deshalb sucht sie mit aller Macht den deutschen Genius zu wecken, die Deutschen zum Bewußtsein ihrer hohen Mission zu bringen und ihnen zu zeigen, daß „Selbst ist Herr!" das wahre Wort sei.
Doch was hat der Absolutismus dagegen gethan? Von jeher buhlte er mit dem Auslande. Les't die deutsche Geschichte! Doch wir brauchten nur an den Rheinbund zu erinnern, dann an das Buhlen Oesterreichs mit Napoleon, dem das Haus Habsburg sogar seine Tochter hingab, ihm, dem Feinde Deutschlands! Und während der Freiheitskriege, wer hat Deutschlands Zukunft den Ränken und Eifersüchteleien der Fremden geopfert? Und während des ungarischen Krieges, wer rief die Russen? Und wer jubelte dazu? Wer hat den Czar zum Selbstherrscher nicht blos aller Reußen und Polen, sondern kaum minder der Deutschen, Ungarn und Italiener gemacht? Die — Demokratie, oder die Nbso- Inlistenpartei? Wem sind die wenigen besonneneren Minister, die sich nicht blindlings ans Ausland wegwerfen, am Verhaßtesten? Der „Partei des Auslandes". Ja, wir haben eine Partei des Auslandes; doch wahrlich in andern Regionen, als in den demokratischen. •
Wir nannten die Organe der Reaktion taktlos: oder ist es etiva nicht höchst einfältig, daß sie die
Demokratie durch hirnlose Beschuldigungen zwirgen, zu zeigen, wo die Partei des Auslandes arbeitet und wohin dieses Treiben führt?
Deutschland.
/X Wiesbaden, 12. August. Vor dem Cassations- Hof kommen den 26. August l. I., Vormittags 9 resp. 10Hz Uhr, in öffentlicher Sitzung zur Verhandlung: 1) die Nichtigkeitsklage des Wilh. Friedr. Jung von Wölferlingen in der Untersuchung gegen denselben wegen Nothzuchtsversuchs; 2) der Rekurs des Johann Schaaf zu Renneroo in Untersuchungssachen gegen denselben wegen Verletzung des OffenbarungSeides und Vervortheilung seiner Gläubiger. — Die Sitzungen finden im Sitzungslokale des OberappellationsgerichtS statt.
*f* Aus dem unteren Rheingau, 12. August. Einige Niederungen ausgenommen, sind die Felder wieder vom Wasser befreit. Der Rhein hat aber immer noch einen beträchtlichen Höhestand, der auch wohl eine Zeit lang wahren wird. Alle Psianzcn und Gräser, die überschwemmt waren, haben eine falbe Farbe angenommen und tragen daS welke Ansehen, als seien sie gebrüht worden. Einen sehr widrigen Geruch verbreiten die abgestorbenen Geivächse, und die noch stehenden Wassertheile, was auf die Atmosphäre nachtheilig wirken muß und Fieberkrankheiten besorgen läßt. — Aus guter Quelle kann ich Ihnen mittheilen, daß die Abreise des Fürsten Metternich von Johannisberg auf den 24 d. M, festgesetzt ist, und dessen Gemahlin schon einige Tage vorher unsern Gau verlassen wird.
^ Eltville. Eine Regierungsverordnung vom Mai 1816, bestätigt in dem Medizinaledikt vom 14. März 1918 NNV Ute Instruktion für die Mevtzlnalbeamtku, untersagt die Beerdigung der Todten auf den Kirchhöfen innerhalb der Ortsberinge und befiehlt die Anlage von Todtenhöfen außerhalb derselben. In Folge dessen wurde schon im Jahre 1821 ein Todtenhof vor hiefi- ger Stadt angelegt und seitdem keine Leiche auf dem Kirchhofe in derselben beerdigt, dieser vielmehr mit Bäumen und Zwergsträuchen bepflanzt. — In neuerer Zeit aber finden es gewisse Leute unerträglich, daß ihre Cadaver demnächst von Würmern verspeist werden sollen, welche etwa schon einem Proletarierleich,iaht die e Ehre angethan haben und lassen sich deshalb ans dem Kirchhofe innerhalb der Stadt, unter Beseitigung der Anlagen, Grüfte erbauen, welche zum Theile allen Baugeschmack arg verhöhnen. In der vorigen Woche gingen wir über den Kirchhof und sahen mehrere Leute mit der Ausgrabung einer großen Fläche beschäftigt, wobei unter andern noch mit Haaren bedeckte, einen Leichengernch entwickelnde Schädel herausgeworfen wurden. Auf unsere Frage, welchen Zweck diese Ausgrabung habe, erhielten wir zur Antwort „da werde eine Gruft für die Familie Nilkens erbaut", und später
Ueher Farbensymbolik #).
Die symbolische Bedeutung, die man gewissen Farben beigelegt hat, findet wieder ihren Grund in der Natur, obgleich mehr davon entfernt, und nicht in allen Theilen gleich tief darin begründet Von dem Weißen, als der Farbe der Unschuld, und dem Schwarzen, als der Farbe der Trauer, ist schon gesprochen. Ihre symbolische Bedeutung ist die am meisten augenfällig naturbegründetk. Roth, als Sinnbild der Liebe, hat wahrscheinlich seine Bedeutung von der Farbe des Blutes erhalten, womit der Gedanke an das Herz, an Wärme, an LebenSfülle sich verknüpft. Das Gelbe hat man Falschheit bedeuten lassen, wofür ich nicht so leicht einen genügenden Grund siiide, ausgenommen, insofern man damit die Betrüglichkeit des Glänzenden andeuten wolle, was auch durch die große Leichtigkeit gerechtfertigt werden könnte, womit das Gelbe, wenn es von der Reinheit abweicht, widerlich wird. Daß das Grün die Hoffnung bedeutet, scheint in dem verheißenen Giün des Frühlings begründet; sähe man blos auf die Befriedigung, womit das Auge gleichsam darin ruhen kann, wurde man es lieber Farbe des Vertrauens nennen. Das Blaue wird die Farbe der Treue genannt, aber da Glaube, Hoffnung und Liebe so häufig zu-
*) Aus Oersiedts „Neue Beiträge zu dein Seift der Natur." Lupzig, 1851, bei Loict. ,
! werden. Durch blaues Glas sieht man Gesichte-, Bäume, roibe Dächer u. dergl. in einem traurigen Lichte, weil das rolpe, gelbe und grüne Licht von dem blauen Glase beinahe weggenommen wird, so daß das Auge weder das Uebergewicht dieser Farbe empfängt, welche in dem Lichte vorhanden ist, das die Gegenstände sonst zurücksenden, unb auch nicht die rochen, gelben oder grünen Farbenstrahlen, welche in dem im« gerutschten Lichte enthalten sind, daS sie zurückwerfen. Man sieht dann die Gegenstände in einem sowohl na. türlichen wie schwachen Lichte; aber das geschieht nicht, wenn man durch blaues Glaö blaue Gegenstände, wie Himmel und Meer, betrachtet. Dieselbe Betrachtungsweise läßt sich auf das Schauen durch andere gefärbte Gläser, z. B. durch rothe, anwenden. Himmel und Erve sehen aus, als ob sie in einem allgemeinen Brand stänken. Da die rothe Beleuchtung zugleich sehr wirksam, und, von großen Oberflächen zurückgegeben, beunruhigend ist, wird der Eindruck schrecklich; aber sieht man durch ein solches Glas Gegenstände, welche roth sein sollen, z. B. Menschengesichler, so wird der Eindruck oft munter und lebhaft.
Die Zusammenstellung von Nachbarfarben macht keinen angenehmen Eindruck auf uns, außer insofern besondere Bedingungen darzukomme». Göthe sagt, daß Grün mit Gelb gemein munter ist, Grün mit Blau gemein widerlich. Dies kann nur eingeräumt werden, und ist auch kaum in einer größeren Ausdehnung ge-
sammen genannt werden ui d von den beiden letztgenannten jede ihr Farbensymbol hat, scheint es mir, baß man auch annehmen muß, daß eine von den Farben auch jener edlen Eigenschaft zugeeignet sein mußte. Daß das Blaue, als hinveutend auf das Ferne, bas vom Stoffe Leere, also das Unkörperliche, zum Sinnbild des Glaubens paßt, ist offenbar genug; aber dadurch, daß dies sich in der Himmelsfarbe zeigt, und der Gedanke daran uns von dem Irdischen ableitet, wird diese Auffassung erst recht in unsern Anschauungskreis eingeführt. Es ist übrigens gewiß, daß man auch die Bedeutung der Treue und Beständigkeit in das Blaue gelegt hat, und man kann darauf geführt worden sein durch die Ruhe, welche in dem Blauen liegt und durch das Gefühl, daß es von allen Farben am wenigsten prachtvoll ist, mit Ausnahme der violetten, welche, wenn sie wirklich dem eigenen Violett vcs Lichts entspricht, und nicht mit einer Farbenmischung verwechselt wird, welche mehr Roth als dieses enthält, so lichtschwach ist, folglich so wenig Kraft hat, das eS nicht sehr in Betracht genommen und, wenn man von Farben spricht, selten gebraucht wird. Ich glaube indeß, daß man bei Vielen, welche einen feinen Farben- j sinn haben, Zustimmung finden würde, wenn man sie die Farbe der Sehnsucht nennen wollte.
Göthe sagt, daß man durch blaues Glas Alles in einem traurigen, durch rothes in einem schieckUchen Lichte sehe; aber diese Behauptung muß sehr beschränkt ,