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Freie Zeitung.

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187. Wiesbaden. Samstag, 9. August 18^1.

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Die Solidarität der Interessen.

zu

0 Ueber die Solidarität der Handels- und Ge- werbs- mit den politischen und religiösen Interes­sen, auf die wir wiederholt als auf den Lebensnerv der Menschheitsentwicklung hingewiesen, bringt die Neue Over-Zeitung" einen Artikel, der uns und gewiß jedem, dein die Freiheit ein Ganzes und^ die Demokratie etwas Positives ist, so ganz aus der Seele gedacht ist, daß wir ihn unsern Freunden zur Beher­zigung und unsern politischen Gegnern zu reiflicher Ueberlegung dringend empfohlen haben möchten.

Es ist eine eigenthümliche Erscheinung in der Weltgeschichte", beginnt der Verfasser (und er hatte wohl noch richtiger sagen können: es ist die größte Lehre der Weltgeschichte),daß die freiesten Länder auch die wohlhabendsten zu sein und neben den strengsten Gesetzen für den Schutz des Eigen­thums die freisinnigste Handelspolitik zu ha­ben pflegten. Wir erinnern an die italienischen Re­publiken'zur Zeit ihrer höchsten Blüthe, an die Ge­schichte Hamburgs von jener Zeit an, wo sie die mo­nopolistische Richtung der anderen Hansastädte verließ, an die Schweiz, ehe sie die Freiheit in die Kette der Centralisation schmiedete, an die Vereinigten Staaten, r als noch die Männer des Befreiungskrieges ihre Ge­schicke lenkten, an England, seitdem die französische Re­volution die große Lehre gegeben, daß die beste und t fähigste Aristokratie sich nur durch Nachgiebigkeit gegen f die öffentliche Meinung erhalten könne, an die That- , fache, daß, wo der Despotisinns den Handel und den ! Wohlstand einer Stadt begünstigen wollte, er ihr s Freiheiten gab, an Holland, ehe es in das Laby- . rinth der Schifffahrts - Gesetze sich verirrte. Ueberall ' zeigt die Geschichte, daß der Wohlstand nur ; von Dauer war, wo die Freiheit, daß die f Freiheit nirgends möglich, wo nicht die Achtung vor dem Eigen thum, und daß [ keine Ächtung vor dem Eigenthum ohne Handelsfreiheit war. Was vermag gegen diese Thatsache alle Theorie von den Schutzzöllen, von der Erziehung der Fabriken Einzelner auf allgemeine^Un­kosten, was vermag die Verheißung künftigen Wohl- f standes durch die zollbeschützten Fabriken, während sie * jtzt nichts als Elend verbreiten, ähnlich der Pfaffen- . Herrschaft, die jenseits den Himmel versprach und inzwischen durch Ablaßgelder u. dergl., die den Armen einen Theil der Mittel nahm, welche denselben das Diesseits erleichtern könntenV Die weltliche und die geistliche, die militärische und die Beamten- Aristokratie haben sich nacheinander um die Herrschaft gestritten. Die Freiheit hatte bei keinem ihrer Siege ein : Interesse, und was man als Freiheitskampf gegen sie Alle bezeichnete, war jetzt nur der Kampf für eine neue Aristokratie, für die der Fabrikindustrie.

Alle Revolutionen sind bis jetzt zu dem Vortheil der

Letzteren ausgeschlagen. Man hat die Robote den Grund­herren genommen, und die Zehnten der Kirche abge­schafft oder beschnitten; man hat in den Armeen und Bureaukratie» das Prinzip des Verdienstes anerkannt, wenn auch selten befolgt, während man dies aber that, hat man ein neues Privilegium groß gezogen, welches jenen zwar feindlich, aber schlimmer als sie selbst ist, das Privilegium der Fabrikanten: das Volk zu zwin­gen, ihnen ihre Waaren über den Werth bezahlen zu müssen, was nicht nur Zehnten, sondern Fünftel und Viertel kostet. Die Grundherren vertheidigten ihr Pri­vilegium als eine Wohlthat für ihre Eigenen, die Pfaffen vertheidigten es als eine Wohlthat für die ganze Nation geltend. Schon die französische Revo­lution von 1789 schaffte jene Privilegien ab, befestigte aber dieses. Auf demselben Weg waren wir 1848 in Deutschland. Unter dem klingenden Namen:Schutz der Arbeit" beeilten sich die Fabrikanten den Strom der Bewegung gegen alles Andere und zu ihrem Vor­theil zu lenken. Sie hätten für den Preis von höhe­ren Schutzzöllen, für das Vorrecht, die Andern noch mehr ausbeuten zu dürfen, selbst der republikanischen Spitze als Schemel gedient, und hat doch ein Mini­ster der Reaktion von heute, damals Reden gehalten, welche in der Literatur der demokratischen Annalen glänzen könnten. Aber eben, weil solche unlautere Elemente sich der ehrlichen Ueberzeugung zur Sette stellten, eben darum war die Freiheit unmöglich, sie wäre mit jenen Elementen unmöglich gewesen, welche Partei auch ans Ruder gekommen wäre. Denn, fra­gen wir, wer kann sich, selbst bei der freisinnigsten Verfassung als frei betrachten, wenn er nicht ein­mal über fern Eigenthum, über die Frucht sei­ner Anstrengungen frei verfügen sann? Was war der Inhalt der Unfreiheit unter der Feudal­herrschaft? War es nicht vorzüglich der Zwang, einer bevorzugten Klasse, Eigenthum und Arbeit theilweise ohne Gegenleistung überlassen zu müssen? Was ist der Inhalt der Handelsbeschränkung anderes, als daß Eigenthum und Arbeit teilweise einer neuen privile- girten Kaste ohne Gegenleistung überlassen werden soll? Für eine entsprechende Gegenleistung wird Eigen­thum und Arbeit von Jedem freiwillig hingegeben, hierzu braucht es sein Gesetz, die Eristenz von Zoll- gesetzen beweist schon, daß es sich für das Volk um Opfer ohne Gegenleistung handelt. Der Zolltarif ist weiter nichts, als der Tarif dieser unfreiwilligen Op­fer. Diese Antheile zu erhöhe», war der einzige Zweck des Vereines zum Schutz der Arbeit, welcher im Jahre 1848 sogar die Volksversammlungen durch die Dekla­mationen von Ration und Nationalität zu dem Be­gehen zu veranlassen wußte, die Opfer vermehrt, den Wohlstand also noch mehr erschüttert zu sehe», welcher die Bedingung und die Coiisequen; der Freiheit der Individuen und der Völker ist. Wenn von einer Zu­kunft der Freiheit die 9ieee sein soll, so ist vor Allein nöthig, daß man sich klar werde, wie das Privilegium

der Fabrikanten so verwerflich, ja vielleicht noch mehr es ist, als irgend eines der anderen Klassen, gegen deren Bevorzugung die Demokratie im Namen der Gerechtigkeit im Felde steht. Man kann vielleicht Freihändler sein, ohne Demokrat zu sein, man kann aber niemals Demokrat sein, ohne Freihändler zu sein."

Ueberfchwemmungsnachrichte«

Frankfurt, 7. August. Seit gestern ist der Main bei hiesiger Stadt wieder um einen Fuß gefallen, so daß der Wafferstand heute Vormittag 11 Uhr nur noch 4 Fuß 5 Zoll rhein. betrug.

Mainz, 7. August. Seit gestern ist der Rhein an hiesiger Stadt 4 Zoll gewachsen. Seine Höhe beträgt 16 Fuß 7 Zoll. Die zwischen Großgeran und Kost­heim gelegenen Orte sind unter Wasser gesetzt; mehr oder minder ist dies auch mit ber Straße nach Darm­stadt der Fall. Unsere Rheinbrücke wird seit heute Morgen den durchzupassirenben Fahrzeugen nicht mehr geöffnet, so daß die von Mannheim ankommenden Dampfboote oberhalb der Rheinbrücke ihre Passagiere ans Land bringen und solche unterhalb der Brücke in die dort harrenden Bote wieder einschiffen müssen.

WormS, 6. August. Leider sind die Hoffnungen auf ein schnelleres Verlaufen der Ueberschwemnnmg ge­täuscht worden, indem statt dessen das fn-chtbarc Ele­ment immer noch im Wachsen begriffe» ist, und mit ihm die Noth der niedrig gelegenen Stadttheile höher und höher steigt. Dazu kommt noch der beklagens- werihe Umstand, daß diese Ueberfluthnng vor der Ernte eingetre-en ist, und die Subsistenzmittel vieler unbemit­telten Familien, welche sich mit Mühe, aber ehrenhaft und ohne die öffentliche Unterstützung zu beanspruchen, damit ernährten, gänzlich vernichtet hat.

Speier, 5. August. Hier hat das Wasser eine solche Höhe erreicht, daß die Communikation im Stadt- viertel Hasenpfuhl unterbrochen ist und durch Brücken hergestellt wird. Der tiefgelegte Holz- und Fischmarkt ist überschwemmt und vom Marrthor dringt das Ge­wässer gegen daS weiße Thor.

Mannheim, 6 August, 12 Uhr Mittag. $eute hier angelangte» Nachrichten zufolge soll der Rhein­damm bei Mundenheim heute Morgen durchbrochen worden sein.

Ulm, 5. August. Immer furchtbarer stellt sich der Schaden heraus, den die Ueberschwemmungen angerich- tet haben. Auch aus dem Badischen komme» die kläg­lichsten Jammerberichte herüber.

Stuttgart, 6. August. Nach den bis jetzt einge- gaugenen Nachrichten hat die Ueberschwemmung am Ende der vorigen Woche i:i Wârtemberg 11 Menschen, leben gekostet, nämlich 1 in Cannstatt, 1 in Ulm und 9 in Calw.

C Bilder aus der Wiesbader Kunst­ausstellung.

(Fortsetzung.)

4) Reineke fängt Raben, von K. Euler, in Kassel.

Es muß ein peinlich unbehaglicher Zustand für die Raubthiere sein, wenn im Winter alle Wege 11116 Stege mit Schnee bedeckt sind, wenn der entlaubte Wald ihre r' Nachstellungen erschwert, wenn ohnehin viele Thiere, i'. die ihnen zur Beute dienen sollen, sich entweder verkro­chen haben oder ganz weggezogen sind und die gewöhn­lichen Fangarten nicht mehr ausreichen. Daß in sol­chen Lagen der Hunger erfinderisch macht, lehrt die : j Erfahrung; wie sich dieser erfinrerische Sinn bei dem schlauesten unter den Thieren des Waldes, bei dem Fuchse, ausprägt, davon hat uns der Maler hier ein gar er­götzliches Bild entworfen.

t Das Bild ist eines der größeren auf der Ausstel­lung; die drei darauf besindlichen Thiere sind nur we­nig unter Lebensgröße. Meister Reinecke ist die Hauptfigur. Er liegt der Länge nach auf dem Rücken, mit der Schnauze nach dem Beschauer hin gewendet, und streckt in die Luft alle Viere von sich. Zu grö­ßerer Vorsicht hat er sich aber nicht auf den hartge­frornen Boden, sondern auf die glatte Eisdecke eines stehenden Wassers hingelegt, an dessen Rand der untere

Theil des Stammes eines entblätterten BuchbaumS sichtbar ist. Der rothe Schelm ist scheinbar maufetoctt; balo wer­den ihm die Vögel des Waldes gewahr und bereits haben sich zwei Raben eingefunden, die von dem frischen Braten gern ihren Antheil davon tragen möch­ten. Der eine Schwarzrock schont der Sache jedoch noch nicht so recht zu trauen; er schaukelt sich noch un­schlüssig auf einem dürren Wurzelzweig, der vom Baume aus über die Eisfläche hinüberragt und schreit aus Leibeskräften, indem er den Scheintobten dabei bedenk­lich auschaut. Kühner, vielleicht auch hungriger ist fein schwarzer Gefährte. Er kommt vom Boten her über die glatte Spiegelfläche gar sperrbeinig und unsicher herbeigegangen, er reckt schon den Kops, als wollte er dem Fuchs mit seinem spitzen Schnabel ein Stück aus der lang aus bemHalse heraushängenben Zunge abbeißen. Der Ausdruck cer heimtückischen Physiognomie des spitz- iiasigeil Schelmen in diesem entscheidenden Augenblick ist kostbar; das linke Auge, und der Rabe kommt von der Linken her angerutscht, hat er beinahe ganz zu, bas rechte aber ist nur zur Hälfte geschloffen und schielt mit dem Ausdruck der feinsten Verschmitztheit nach dem Dummen Vogel hinüber, den er beim nächsten Schritt, im nächsten Augenblick beim Kragen packen und in aller Gemüthsruhe verzehren wird. Das ganze Kunst­stück unseres Reincke ist so fein angelegt, die Hand­lung so spannend, zugleich die Darstellung des Künst­lers im Form und Farbe so naturgetreu, daß kein

Jäger, wie überhaupt kein Freund des Thierlebens, ohne die innigste Befriedigung bas Bild betrauten wirk, das auf eine so ansprechende und überze genoe Art die alte Wahrheit predigt, daß doch Schlauheit in der Welt über Alles geht. (Fortsetzung folgt.)

Kult«rgescbichtliches.

XIV.

(Fortsetzung.)

Versuchen wir den Unterschied, so wie er uns ent- gegengetrelen ist, mit dem'Cüarakter beider Völker in Verbindung zu bringen. Rückfichklich des Engländers ist das nicht schwer. Es ist seine Natur, zu sp-cialifiren und es ist kein Zufall, oaü gerade Adam Smith die Tl)evrie der ArbertSth. iluug entwickelte. Der S tin des Engländers ist auf das Concröte das Einzelne gerichtet; er treibt zu Einer Zeit nur Ein Ding. Er geht, wie er sich selbst ausbrückt, von Thatsachen zur Theorie; der cntgegengescye Weg ist ihm geradezu verhatzt. In dir Verfassung und Gesetzgebung, in der W ssenschast und den ganzen Kulturzuständeii ist dieser Charakterzug aus- gedruckt. Die englische Verfassung besteht, abgesehen von den wenigen uralten Grundzügen, aus einem unermeß­lichen Coiiglomerat von Entscheidungen einzelner Fragen, Bcseiiigiingcn einzelner Uebelstände. Nach der Vertrei­bung Der Stuarts stellte das Parlament ein möglichst